Kapitel 43

30. März 1216 am späten Abend in der großen Halle der Olsenburg

 

Otto schaute seine vermeintliche Verwandte Agnes von Senfthain an. Dass sie auf seine Frage nach den toten Ordensbrüdern, dem Steinhaus und dem Blut so erschrocken reagierte, machte ihn misstrauischer, als er schon war.

 

Frau von Blau zwang Agnes, auf der Bank gegenüber Otto sitzen zu bleiben. Sie schaute auf den Tisch vor sich, als ob sie dort etwas sehen konnte, das ihr die Antwort gab, die Otto erwartete. Otto ließ ihr Zeit. Er wollte eine Antwort und die sollte einfach stimmen. Sich Lügen oder Ausflüchte anzuhören war er nicht bereit. Zu viel war geschehen, es gab Tote, Verletzte und viel Not der Seelen um ihn herum.

 

"Ich bin eine Tochter des Hauses Kraz, mein Mann Linhardt und unser Sohn waren auf dem Weg nach Hause. Wir waren auf der Flucht. Wir hatten in Würzburg etwas entwendet, ein Dokument. Dieses Dokument besagte, dass ein Teil des geerbten Landes der Familie meines Gatten  in einer Schenkungsurkunde an das Fürstbistum in Würzburg gehen sollte. Auf dem Dokument soll mein Gatte und sein Vater unterschreiben haben. Auch die Siegel der Familie waren auf dem Dokument. So sagte man uns. In Würzburg baten wir um Einsicht in das Dokument. Dies wurde uns verweigert. Wir müssten schon dem Fürstbischof und seinen Magistralen glauben und weil es Männer der Kirche waren, die Gottes Wort verkündigten, müsste ihr Wort genügen. Wir wurden auf das Übelste beschimpft und man wollte uns davonjagen. Nur der Titel meines Gatten schütze uns vor weiterer Schmach. Mein Gatte wollte das alles nicht glauben. Er war sich sicher, kein solches Dokument unterschrieben und gesiegelt zu haben. Und sein Vater war schon lange tot, also konnte der das Dokument auch nicht aufgesetzt oder unterschrieben haben. Ich möchte nun nicht unseren Plan bekanntgeben, der dazu führte, dass wir das Dokument an uns bringen konnten. Es kostete viel Silber und um Silber ging es auch. Denn auf dem Teil des Gebiet des Hauses Senfthain, das wir der Kirche geschenkt haben sollten, befand sich eine Silbermine. Also hatten wir das Dokument und mussten nun mit diesem an den Hof der Staufer. Wir wollten, dass wir unser Recht erhalten und das konnte uns nur der großer Staufer geben. Auf dem Weg zurück mieden wir die Wege, die alle Händler und Ritter gehen. Wir mussten durch versteckte Wege ziehen. Unterwegs erfuhren wir, dass auf uns ein Kopfgeld ausgesetzt war und der Kirchenbann über uns gesprochen wurde. Und so landeten wir hier vor dieser Burg. Bevor wir hier um Unterkunft baten, haben wir die Dokumente unter den Trümmern beim Bach versteckt. Hier in der Burg wurden wir zuerst freundlich empfangen, aber dann, als ihr vor der Burg erschienen seid, hat man uns in eine Kammer eingesperrt. Unsere beiden Knechte hat man nicht festgenommen, aber sie sind verschwunden. Sie sind nicht unter den Gefangenen und nicht unter den Toten. Wir könnten  sie nicht mehr finden." Sie schaute traurig vor sich hin, trank einen Schluck Wein aus einem Becher, den ihr Otto reichte, dann erzählte sie weiter. "Als wir in dieser Nacht flohen und nach unten ins Tal kletterten, war es noch sehr ruhig. Wir hörten den Angriff und wollten uns verstecken. Wir sahen oben auf den Zinnen zwei der Ordensleute, die nach unten schauten, sehen konnten sie uns nicht. Wir sahen aber, wie sie nach unten stürzten. Wir haben nicht gesehen, ob sie gestoßen wurden. Sie müssen sofort tot gewesen sein, denn als wir an ihnen vorbeigeeilt sind, hat sich keiner mehr gerührt. Mein Gatte Schlich sich zu ihnen und hatte sie genauer gesehen. Dann flogen von oben herunter Pfeile. Sie trafen die Toten und einer traf auch Linhardt am Kopf. Er schaffte es noch, mit uns bis zu der Ruine zu fliehen. Er hob ein paar Steine an, um an das Versteck der Dokumente zu kommen. Sie waren weg und er stürzte auch noch nieder und schlug sich nochmals den Kopf an. Und dann habt ihr uns gefunden. Wir dachten zuerst, dass uns die Burgbesatzung und die Söldner verfolgten, aber dann...den Rest kennt ihr ja." Sie trank noch einmal einen Schluck Wein. "Nun sind wir geächtete, ohne Schutz, die wichtigen Dokumente sind weg und wir haben nichts mehr, womit wir unsere Weiterreise bezahlen können. Ich hoffe nur, wenn wir es bis nach Waiblingen schaffen, dass wir dort meinen Cousin Otto treffen. Ich habe ihn noch nie gesehen, aber man hat mir berichtet, dass er nach Lorch unterwegs sein soll und in Waiblingen hat er ein Haus. Nach Lorch wollen wir nicht wegen dem Kirchenbann, aber vielleicht kann man uns in Waiblingen helfen." 

 

Betrübt schaute sie wieder auf den Tisch. Diese Frau war verzweifelt. Ihr Mann schwer verletzt, der Sohn war noch immer etwas lädiert und sie litt offensichtlich gerade Höllenqualen.

 

Otto überlegte lange. Schaute die Frau immer wieder an, dann hob er seinen Kopf und schaute Frida in die Augen, die immer noch hinter Agnes stand. Frida nickte nur freundlich und forderte ihn damit auf, sich der Verzweifelten zu offenbaren.

 

"Ich denke, ihr solltet zum Kloster Lorch reisen. Wenn euer Gatte reisebereit ist und wir hier alles erledigt haben, dann könnt ihr mich gerne zu Kloster begleiten." Otto hatte das leise und eindringlich gesagt. Agnes starrte ihn erschrocken an. "Wollt ihr uns der Kirche ausliefern?" rief sie laut aus. Da wurde es Otto bewusst, dass sie noch immer nicht wusste, dass er ihr Cousin war und dass er sie beschützen konnte. "Nein ich werde euch nicht der Kirche ausliefern. Ich werde versuchen, dass euch Gerechtigkeit widerfahren wird. Ihr könnt mir vertrauen. Ich bin Otto von Kraz und stehe in Diensten der Staufer. Ihr müsst euch keine Sorgen machen, ihr werdet sicheres Geleit erhalten. Und nun geht zu eurem Gemahl und berichtet ihm, dass er, euer Sohn und ihr, liebe Agnes, in Sicherheit seid." Otto war mal wieder sehr freundlich und doch so furchtbar sachlich gewesen, als er das sagte.

 

Frida schaute Otto fragend an, setzte sich auf den nun frei gewordenen Platz, wo vorher Agnes gesessen hatte und fragte dann Otto. "Bist du dir wirklich sicher, dass du sie schützen kannst? Die Staufer sind zwar noch mächtig, aber der Braunschweiger paktiert mit der Kirche, dass er jeden Anlass gerne zum Anlass nimmt, um den Staufern zu schaden. Und du bist ein Mann der Staufer, auch wenn dich das Kloster Lorch gerufen hat. Die Kirche und der Brauschweiger brauchen das Silber und wer weiß schon, wer das Dokument gefälscht hat? Es wäre nicht das erste Pergament, das dem Zweck des Betruges dient. Und wer will sich schon mit einem Bischoff oder dem Kaiser anlegen? Und zu allem Unglück ist das Dokument auch noch verschwunden. Du willst einen Mann und eine Frau, die geächtet sind und deren Unschuld nur ein verschwundenes Stück Geschriebenes bezeugen kann, helfen. Hast du so viel Macht? Bitte sei vorsichtig mit dem, was du versprichst."

 

Heinrich, der schweigend neben Otto saß, nickte zustimmend. "Ja sie hat wohl recht. Das mit dem Recht und der Gerechtigkeit ist so eine Sache. Auch wenn es Gesetze gibt, hat doch der recht, der die Macht hat. Wir leben in einer gottgewollten Ordnung, so sagt man uns. Die Kirchenmänner herrschen über die Seelen, die Hölle und den Himmel und die Fürsten über unsere Körper, unser Leben und unser Gut. Es gibt unterschiedliche Gesetze, die erlassen werden, niedergeschrieben und angewandt. Wer kennt sie alle? Wir alle leben in einer festgefügten Gemeinschaft, wo jeder seinen Platz hat und ihn behalten muss. Und wenn einer seinen Platz verlässt, den man ihm zugewiesen hat, dann schaut man zuerst, wem das nützt? Wenn es denen, die uns nach Gottes Willen leiten, nicht gefällt und nichts nützt, dann bestraft man denjenigen, der abweicht. Für die Fürsten und die Kirchenmänner gelten andere Gesetzte, denn auch hier muss Ordnung herrschen. Die bezieht sich aber meist nur auf den Erhalt der gottgewollten Ordnung und hat sicher nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Die zehn Gebote gelten eigentlich nur für den Bauern, die Magd, den Handwerker, also für Menschen von niedrigem Stand. Je höher der Stand, je größer die Macht, umso weniger gelten die ordnenden Gesetze. Das war immer so und wird sich nie ändern. Stürzt ein Fürst, folgt ihm ein anderer nach. Seine Ungerechtigkeit verschwindet und neue entsteht. Recht und Gerechtigkeit sind so unterschiedlich wie der Tag zur Nacht. Licht und Dunkelheit. Denn unser Herr Jesus Christus hat uns gezeigt, was es bedeutet, auf Macht zu verzichten und in Liebe zu den Menschen zu leben. Er hat sich geopfert, damit wir verstehen, was Liebe  bedeutet. Wir haben es alle vergessen." Heinrich schüttelt sich abrupt und schwieg dann. In seinem Gesicht zeigte sich deutlich, dass er voller bitterer Enttäuschung und Wut war. "Ich rede zu viel, entschuldigt bitte." Dann stand er auf und ging weg. Otto und Frida saßen sich noch eine Weile gegenüber. Keiner sprach noch ein Wort miteinander und doch dachten beide das Gleiche. Es gab keine Gerechtigkeit.

 

Mit großen Schritten kam Heinrich dann wieder zurück an den Tisch, beugte sich zwischen die beiden nieder und sprach mit traurig bitterer Stimme. "Ich war im Heiligen Land, habe die Gegner unseres Gottes, diese Ungläubigen erschlagen, die Worte unserer Prediger hörte ich mit jedem Schwerstreich. Gott wollte es und doch schien es nicht sein Wille gewesen zu sein, sonst wären seine Gegner nicht so erfolgreich gewesen. Die vielen Toten unseres Ordens sehe ich jede Nacht vor meinen Augen. Und höre die Stimmen sagen, wir waren nicht fest genug in unserem Glauben, sonst hätten wir gesiegt. Wir waren alle der Meinung, dass wir einer gerechten Sache dienen und dafür unser Leben geben müssen. Muss Gerechtigkeit so enden? Ich bin mir nicht mehr sicher, ob wir Gott mit unserem Handeln wirklich gedient haben. Ich bin mir nur über eines sicher, dass es keine Gerechtigkeit gibt." Dann verschwand er wieder.

 

"Ist er dem Wahnsinn verfallen? Wenn das jemand gehört hat, dann wird er vor ein Gericht gestellt und wegen gotteslästerlichen Reden bestraft werden. Otto geh zu ihm, beruhige ihn. Bringe ihn dazu, seine Seele nicht mehr zu öffnen. Nicht mehr so." Frida wollte, dass Otto zu seinem Freund ging, denn sie fürchtete um sein Leben. Menschen wurden schon für weit weniger Reden bestraft und nicht selten mit dem Tode.

 

Otto überlegte lange bevor er aufstand und schweigend auf die Suche nach Heinrich ging. Eine der Mägde, die er fragte, sagte ihm, dass er in seine Kammer gegangen sei. "Bring uns Wein, aber den besten, den du finden kannst und etwas Käse in seine Kammer und auch frisches Wasser." Otto wusste, wie man solche Gespräche am besten führte. Etwas Wein, Schweigen und dann ein Stück Käse. Der Wein konnte böse Gedanken vertreiben, das Schweigen forderte das Reden heraus und der Käse verschaffte die notwendigen Pausen für das Reden. Manchmal brauchte man eine kleine Pause zu Nachdenken.

 

Die Kammer Heinrichs war nicht verschlossen. Otto fragte ob er zum ihm treten dürfte und der nickte nur. Da saßen sie nun, Heinrich auf einer Kommode und Otto ihm gegenüber im Stuhl des alten Burgherrn. Heinrich grübelte mit einer verdrossenen Mine vor sich hin. Otto störte ihn nicht. Als dann die Magd von draußen rief, dass sie das Gewünschte hatte, stand Otto auf, ließ sich den Krug Wein von ihr geben und nahm ihr den Korb mit zwei Krügen und dem Käse ab. "Das Wasser musst du nicht bringen, wir trinken nur den Wein." Als Otto die Kammertür schließen wollte, drängte sich der Herr Graf herein.

 

"Lass ihn da. Wir sind inzwischen befreundet. Kann man mit einem Hund befreundet sein?" Die Frage an Otto konnte nicht ernst sein. "Egal, trinken wir, das ist besser als dumme Fragen zu stellen." Otto reichte seinem Freund den Becher und sie tranken sich zu. Otto merkte sehr schnell, dass Heinrich einfach nur sehr müde war und ihn wohl irgendwelche Dämonen nicht schlafen lassen wollten.

 

"Ich ahne, warum du da bist. Ich sollte besser meinen Mund halten, sonst bringen ich uns alle noch in Gefahr. Aber das ist einfach alles ein wenig zu viel. Dieses ewige Streiten, Töten, Aufpassen, dieses immer nur wachsam sein. Wenn ich mit unseren Freunden zusammen bin, dann kann ich leichter ruhen und das Wachbleiben fällt mir nicht so schwer. Es ist gerade so, als ob jetzt große Steine auf meinen Schultern lasten und mich drohen zu erdrücken, weil ich weiß, dass unsere Wege sich bald trennen. Ich habe meine Aufgabe erfüllt, mein Ziel erreicht. Ich sollte euch sicher ins Stauferland bringen und nun sind wir auf meiner Burg. Was kommt nun? Neue, andere Menschen treten in unser Leben und die bringen die gleichen Sorgen mit, die wir gerade für uns beseitigt haben. Hört das denn nie auf?"

 

"Nein es wird nie aufhören, aber es wird irgendwann leichter werden, es zu ertragen. Aber mein lieber Freund Heinrich, das ist doch nicht alles was dich bedrückt? Denn der Kampf war immer dein Leben. Der Tod war immer dein Begleiter. Neu für dich ist, dass du nun zu Hause bist und dass nun eine sehr lange Reise zu Ende gegangen ist. Und du bist einsam, trotz der vielen Menschen um dich herum. Dir fehlt etwas? Hast du daran gedacht?" Heinrich nickte, denn er musste seinem Freund Otto recht geben. Die Angst vor dem Morgen war groß. Es gab vieles zu tun, aber das wusste er, würde nicht das erfüllen, was er für sich erträumte. Das wovon er träumte war ein neuer Traum. Es war keine neue Schlacht, die es zu schlagen gab, sondern das Gegenteil. Es war der Wunsch nach Frieden und dieser Frieden hatte einen Namen: Constanze. Woher wusste Otto von seinen Sehnsüchten? War ihm das anzusehen? Er war immer so vorsichtig und wollte, dass niemand es merken sollte. Er, der seine Gefühle kontrollieren musste, der den Gelüsten des Körpers abgeschworen hatte. Und nun das. "Du warst immer vorsichtig Heinrich, aber es gibt Blicke, Worte, Gesten, die einem Vieles über den Zustand eines Menschen sagen. Sprich mit ihr, bevor es zu spät ist. Sie will mit mir nach Lorch reisen, das sollte sie nicht tun. Dort erwartet sie niemand." Otto schenkte seinem Freund noch einmal den Becher mit Wein voll, schnitt ein Stück Käse ab und reichte es Heinrich. Die Zeit zum Schweigen und Nachdenken war gekommen.

 

Die Zeit wurde ihnen aber nicht gegönnt. Es klopfte jemand heftig an die Tür und riss sie auf. Richard stand im Türrahmen und hinter ihm Bertold. "Ich habe nun den Grund gefunden, warum ich hier in den Kampf eintreten musste. Ihr wisst, was ich meine? Den Grund, den ich meinem Oberen nennen kann. Nicht nur, dass wir vor der Burg angegriffen wurden, wir wurden von Sarazenen angegriffen."

 

Was redet Richard da für ein wirres Zeug. Sarazenen hier in der Burg? „Niemals“ dachten Heinrich und Otto. Wo sollten die herkommen? Hier im Stauferland sollen sich Sarazenen befinden und dann noch auf der Olsenburg?

 

"Trink einen Schluck Wein und wenn du dann immer noch Ungläubige siehst, dann zeige sie uns !" Heinrich musste trotz alle der düsteren Gedanken lächeln. Sarazenen hier in der Mitte eines christlichsten Landes? Niemals.

 

Richard nahm den dargebotenen Becher mit Wein, trank ihn auf einen Zug leer. "Die Sarazenen sind immer noch da und der Wein ist gut. Folgt mir und schaut euch das an, was ich entdeckt habe."   

 

Fortsetzung folgt