Kapitel 42

4. April 1216 am frühen Morgen auf dem Hof des Iffa

 

Die beiden Sergeanten des Ordens hatten die Vorhut gebildet und standen mitten im Trümmerfeld des abgebrannten Hofes als die anderen kamen. Sophia, Johanna, Simon und Sasha, Cristina, Malva und ihr Bruder Olovson, Peter und Andrei hatten vor den noch rauchenden Trümmern gewartet, bis ihnen einer der Sergeanten ein Zeichen gab, dass alles gesichert war und sich offensichtlich niemand mehr außer ihnen an diesem Ort befand. Sie durchsuchten alles, aber sie fanden keine Anzeichen dafür, dass sich hier irgendwo noch Lebewesen oder auch Tote befinden würden. Es gab auch keine Kampfspuren. Malva fand zur Küste hin Spuren von Hufen und auch offensichtliche Fußspuren von Menschen. Sie folgten alle diesen Spuren bis fast an den steinigen Strand, dort verloren sie dann die Abdrücke auf den Felsen und Steinen. Am Strand lag kein Boot und sie fanden auch keinen Hinweis dafür, dass hier welche in den letzten Tagen gelegen haben könnten. Simon meinte, dass die Leute also an Land weiter gegangen wären, aber wohin vermochte niemand festzustellen. Und wer waren die Leute? Waren es Iffa und die Bewohner des Hofes?

 

Sie teilten sich auf, die Sergeanten gingen - die Pferde an den Zügeln haltend - am Strand entlang und Peter mit den anderen etwas weiter oben auf den festen Dünen entlang Richtung Westen. Dort konnten sie auch leichter mit dem Wagen fahren. Sie waren immer in Sichtweite. Gegen die Mittagsstunde fanden sie einen verlassenen Lagerplatz. Dort waren noch weitere Spuren zu finden. Cristina schaute sich um und deutete ins Landesinnere. "Dort war der alte Lagerplatz der Piraten. Ich erkennen das gut. Hinter dem Felsen dort lagen ihre Langboote. Und hier war das Lager der Wachen, die das Meer beobachten mussten." Sie folgten der Bärentalerin zum verlassenen Lager. Die Palisaden und Hütten waren alle niedergebrannt. Man fand nur noch ein paar Tonscherben. Etwas weiter zeigte Cristina die Gräber der Ermordeten oder an Krankheiten verstorbenen. Daneben war die noch offene Grube, wo sich die Menschen erleichtern konnten. Sie war noch offen und tausende von Fliegen und Mücken bevölkerten die stinkende Grube. Peter schützte seinen Mund und die Nase mit einem Tuch und ging zum Rand der Grube. Erschrocken wich er zurück. "Dort drinnen liegen noch mindestens drei Leichen. Lasst uns die Grube mit Steinen und Geröll bedecken." Schnell sammelten alle Steine und alles was man zum bedecken einer solchen Grube nehmen konnte und warfen es aus einige Entfernung dort hinein. Das gefiel den widerlichen fliegenden Insekten wenig und sie attackierten alle, die der Grube näher als fünf Schritte kamen. Bald war auch diese Arbeit beendet und alle gingen zurück zu dem verlassenen Lager. Dann begannen sie die vergrabenen Schatullen des Bärentalers zu suchen. Cristina konnte sich nicht mehr richtig an den Platz erinnern, wo die Dokumente und auch eine wenig Schmuck vergraben wurde. Simon und seine Schwester Sasha fanden dann das Versteck. Alles war noch gut erhalten. Ein paar silberne und goldene Armreifen, ein Siegel mit dem Wachs und die Dokumente und Briefe. Die Briefe waren alle an Peter von und zu Bärental, ein Dokument an Otto von Kraz und eines an einen Heinrich von Olsen gerichtet. Peter öffnete den ersten Brief. Es war ein Brief des Vogtes der Stammburg der Bärentaler. Ein Mönch aus Lorch hatte ihn für den Vogt geschrieben. Er beschrieb den Zustand der Burg, der Dörfer und der Geschäfte. Offensichtlich hatten die Staufer den Bärentalern nochmals zwei Dörfer im Umland ihrer Burg zum Lehen gegeben. Der Vogt beschrieb nun, dass die Anzahl der hörigen Bauern auf dreißig gestiegen sei und auf über sechzig Unfreie. Frauen und Kinder erwähnte er in seinem Schreiben nicht. Die Zucht der Pferde für die Ritterschaft war gut verlaufen und derzeit hatten sie sechs der großen Rösser in der Ausbildung. Der Kaiserhof habe bereits für zwei der sechs Interesse bekundet. Zwei Knechte aus Göppingen waren nun ständig zu Gast, um die Pferde zu bewachen. In einem zweiten Brief wandte sich ein Sekretarius der Staufer an Peter mit der Bitte, die Dokumente für Otto von Kraz und für Heinrich von Olsen in Verwahr zu nehmen. Sobald er sie sehen würde, soll er ihnen diese übergeben. Das an Otto waren die Kopien der Besitzurkunden für sein Haus in Waiblingen und über einige Ländereien mit einem großen Gut vor der Stadt. Das andere an Heinrich war das Testament seines Vaters. Heinrich war der Alleinerbe aller den Olsens gehörenden Burgen und Ländereinen. Allerding enthielt ein Brief an Heinrich auch den Befehl seines Lehnsherrn Friedrich, seinem Halbbruder, der im Brief der wüste Bastard genannt wurde, ihn gefangen zu setzen, zu züchtigen und ihn dann der Gerichtsbarkeit der Staufer zu übergeben. Dies alles entnahm Peter den Briefen des Sekretarius. Ein letzter Brief an Peter stammte von einem seiner Cousins. Darin wurde er gebeten, sich um Cristina zu kümmern. Sie sei nicht die leibliche Tochter des Mannes, der sich als ihr Vater ausgab. Sein Cousin gestand in diesem Brief, dass er der Vater des Mädchens sei. Kurz nach ihrer Hochzeit habe er die verheiratete Frau verführt und mit ihr dieses Kind gezeugt. Sicher sei er, weil Cristinas Mutter nur einmal ihrem Gatten in ihrer Kemenate beigewohnt habe und er dann schon auf einen Kriegszug mit seinem Lehnsherrn gehen musste. Die Frau habe ein Mal wieder das Gleichgewicht ihrer Körpersäfte herstellen können und danach habe er sie zur Mutter machen können. Deshalb sei er sicher, dass sie sein Kind sei.

 

Was Peter doch sehr verwunderte, denn sein Cousin war doch eher dem männliche Geschlecht zugetan. Er wusste das, da sein Verwandter es ihm einmal gestanden hatte. Vielleicht war er von dieser Frau von seiner Krankheit geheilt worden? Wobei Peter sich eingestehen musste, dass es ihm egal war, was für ein Geschlecht er bevorzugte. Hauptsache man war glücklich. Und was war schon abartig oder dämonisch und krank? Es gab sicher Schlimmeres unter den Menschen als die Liebe, egal wen sie traf. Die Kirche war diejenige, die diese Krankheiten feststellte. Er reichte Sophia das Schreiben. Sie las es, wollte dann zu Peter etwas sagen, aber der bat sie, darüber Stillschweigen zu wahren. Aber den Inhalt dieses Brief für sich zu behalten würde ihm nicht gelingen und er wusste, dass er Sophia vertrauen konnte.

 

Peter verbrannte noch an diesem Tag den Brief seines Cousins und beschloss, das Mädchen zu adoptieren. Sie sollte nicht schutzlos dastehen und sie würde den Namen behalten, den sie schon hatte. Ihr Recht auf Schutz, vor dem Gesetz und innerhalb der Familie, ihre Chance einen guten Mann zu finden, war mit der Adoption um einiges besser wie die einer Waise.

 

Am späten Nachmittag erreichten sie noch Jorg Jorgssen und Juris mit drei hörigen Knechten. Sie überbrachten ihnen Warnungen, dass sich ein paar der Piraten hier aufhalten sollten. Ein großer Teil der Piraten war auf dem Weg in den Osten der Insel von den Kräften der Stadt Vilnius vernichtend am Stand geschlagen worden. Und dort hat man erfahren, dass einige sich zum alten Lager aufgemacht hatten. Entweder waren sie schon hier gewesen oder würden noch kommen.

 

Der Bärentaler entschied, dass man sich mindestens tausend Schritte weiter westlich auf einem der kleinen Hügel in einem Nachtlager verschanzen sollte.

 

Von ihrem Nachtlager konnten sie das Meer sehen, aber auch das ganze Umland war im Mondlicht noch zu erkennen. Gedeckt in einer kleinen Mulde und von dichtem Gebüsch, entzündeten sie ein Feuer. Die Pferde konnten sie alle zwischen ein paar Bäumen unterbringen und der Wagen wurde vor den Weg, der zu dem Hügel hoch führte, geschoben. Er wirkte hier wie ein Tor und sie waren alle der Meinung, dass man sie in diesem Lager nicht so leicht überraschen konnte. Trotzdem fiel es allen schwer zu schlafen.

 

Johanna und Olovson übernahmen die erste Wache. Johanna wachte über das Feuer und Olovson beobachtete den Weg nach oben. Als die Wache der beiden fast zu Ende war und Johanna schon einen der Sergeanten und einen Unfreien wecken wollte, entdeckten sie im Westen, an der Küste ein Feuer. Es war klein, sodass man annehmen konnte, dass es ein Lagerfeuer war. Sie hatten es nur entdeckt, weil sich eine Wolke vor den Mond geschoben hatte und nun das Feuer eher auffiel. Lange schauten sie sich das Feuer an. Es wurde nicht größer oder kleiner. Dann weckte Johanna die beiden, die nun die Nachtwache übernehmen sollten.

 

Kurz vor dem Morgengrauen wurde Peter von einem der Unfreien geweckt. Hatte man das Feuer bis zu diesem Zeitpunkt gut erkennen können, so waren es auf einmal mehrere Feuer die dort brannten, eines davon sogar sehr hoch auflodernd. "Solche üblen Zeichen kennen wir doch schon. Das bedeutet nichts Gutes. Wir sollten nicht warten, bis es ganz hell ist und  schicken einen Kundschafter aus. Wenn das eine größere Meute ist, haben wir im offenen Feld keine Chance gegen die. Hier sind wir vorläufig sicher." Peter klang nicht unbedingt besorgt, als er das sagte, aber alle wussten, dass er recht hatte. Auf offenem Feld waren sie gegen zehn oder fünfzehn Männer, die gut mit den Waffen umgehen konnten, nicht gut dran, auch wenn sie von der Anzahl der Köpfe stark waren.

 

Olovson und Jorg Jorgssen machten sich auf den Weg. Sie sollten auskundschaften, was dort los war. Inzwischen brach man das Lager ab. Der Wagen wurde beladen und man sammelte sich unterhalb des Hügels auf einem kleinen Weg. Alle, auch die Mädchen, wurden bewaffnet.

 

Sophia übernahm die Zügel der Pferde, die den Wagen zogen. Die Mädchen saßen schweigend neben ihr. Alle anderen führten zu Fuß gehend ihre Pferde an den Zügeln hinter sich her. Kaum waren sie losgezogen, kam ihnen Jorg Jorgssen schon entgegen. "Sie haben das Lager des Iffa überfallen. Die Wagen brennen noch etwas. Die Leute vom Hof des Händlers haben sich offensichtlich gut verteidigt. Von den Leuten vom Gut sind bis auf Iffa, den hat Olovson  erkannt, einem Knecht und drei Frauen wahrscheinlich alle tot. Die fünf hat man gebunden und sie liegen vor einem Wagen, der nicht brennt. Die Seeräuber haben auch ordentlich gelitten. Wir konnten nur noch acht sehen, die umherliefen und Waffen und andere Dinge einsammeln. Verletzte oder tote Seeräuber konnten wir nicht genau zählen, aber Olovson sagte, dass es mindestens fünf Tote sind und er konnte bisher drei Seeräuber ausmachen, die verwundet auf bei einem Felsen liegen. Aber die, die wir sammeln sahen, scheinen auch gelitten zu haben. Keiner von denen ist ohne Wunde. Iffa meint, dass der Anführer, Knut ist sein Name, ein wüster Mensch ohne Gnade sei. Iffa sagte mir, ich soll euch ausrichten, wenn wir Iffa und seine Leute retten wollten, dann müssten wir jetzt handeln. Bis zum Lager und zu den Gefangenen sind es von hier aus noch etwas mehr als sechshundert Schritte. Dort über den Hügel müssen wir gehen. Sie können uns nicht sehen, wenn wir uns anschleichen." Jorg Jorgssen deute auf einen Hügel in Richtung Strand. Peter überlegte kurz, schaute zu Sophia, die ihm zunickte. " Also greifen wir an. Wir können sie überraschen. Sophia, du bleibst mit den Frauen und Pferden hier bis wir angreifen, dann folgt ihr uns langsam." Johanna, Malva, Sasha und Cristina sammelten die Pferde ein und sie wurden hinter dem Wagen angebunden. Sophia und dann auch Sasha machten die Armbrüste bereit.

 

Peter sammelte seine kleine Armee um sich.  Conlin und Ulrich, die beiden Knechte gingen mit Peter voran. Johannes und Baltus, die Ordensmänner bildeten die Flanken, Simon, Andrei und Jorg Jorgssen blieben etwas zurück und hielten ihre Bogen bereit. Langsam gingen sie voran, bis sie Olovson erreichten.

 

Alle legten sich auf den Bauch und robbten bis zur Kante des Hügels und konnten so das Lager und das was dort gerade geschah gut überblicken.

 

Was alle dort sahen reichte. Es wurde Zeit, dass man diesen Mordbrennern Einhalt gebot. "Simon, Jorg und Andrei bleiben hier. Ihr schießt ein paar Pfeile ab bis wir unten angekommen sind, der Weg rechts von uns bietet uns lange genug Deckung bis wir nur noch dreißig Schritte vom Lager entfernt sind. Wenn wir unten in den Kampf verwickelt sind kommt ihr nach. Wir müssen schnell handeln, so wie es scheint wollen die zuerst die beiden Männer ermorden, was mit den Frauen geschehen soll weiß ich nicht. " Alle krochen zurück und dann begaben sich alle auf ihre Positionen. Schnellen Schrittes ging Peter voran, hinter ihm die beiden Knechte, die anderen folgten ihnen mit etwas Abstand. Peter fühlte keinen Schmerz mehr, seine Verletzungen schienen vergessen und nur Wut und Verzweiflung waren seine Energie, die ihn vorantrieb.

 

Kaum hatten sie den Hohlweg verlassen brüllte er laut. "Jetzt!" Im selben Moment flogen drei Pfeile auf die Piraten nieder. Nur einer davon traf, ausgerechnet denjenigen, der gerade auf den gefesselten Iffa einschlagen wollte. Der Pfeil blieb in der Schwerthand des Mannes stecken und der konnte nun das Beil nicht mehr halten. Es fiel neben Iffa nieder. Die anderen waren zuerst etwas irritiert und es dauerte ein paar Wimpernschläge lang, bis sie begriffen, dass sie angegriffen würden. Von den nun acht kampffähigen Männern kamen drei sofort auf die Blauzahnleute zu gelaufen. Die anderen fünf sammelten ein paar Schilde ein und bildeten dahinter einen Schildwall.

 

Peter bildete die Spitze der Angreifer. Er war gut gerüstet. Sein Kettenhemd war gut und sicher und reichte im weit über die Knie. Links hatte er ein ovales Schild, die beiden oberen Kanten waren mit Eisen beschlagenund so geschärft, dass sie wie ein Messer schneiden konnten. In der rechten Hand hatte er eine Kriegskeule. Dieser war nach seiner Idee von einem Schmied gemacht worden. Der Knauf war wie ein Kettenhemd mit Ringen überzogen und Peters Hand war unter diesen Ketten verborgen. Der Stiel war etwa so lang wie drei Hände, dann kam eine eiserne Kugel mit vielen kleinen Spitzen besetzt und am oberen Ende der Kugel ragte eine Klinge heraus. Spitz wie ein Speer und beide Seiten geschärft. Ein leichtes Kurzschwer und einen Dolch trug er noch im Gürtel. Links und rechts von ihm gingen die beiden Knechte. Auch sie waren gut gerüstet. Kurze und leichte Kettenhemden schützten ihre Oberkörper bis kurz vor den Knien. Sie hatten große, längliche Schilde, die aufgestellt ihnen bis zum Oberkörper reichten. Jeder hatte einen Speer und dazu hatten jeder noch ein Schwert umgeschnallt.

 

Die drei Seeräuber versuchten sich an ihren Gegnern, als sie aber merkten, dass das keine leichten Widersacher waren, zogen sie sich kämpfend zum Schildwall zurück.

 

Noch zwei Mal schossen die Blauzahnleute Pfeile auf ihre Gegner ab, trafen einen im Schildwall am Hals, dann legten sie die Bögen nieder und kamen mit gezogenen Schwertern ihren Freunden über den Hohlweg hinterher.

 

Peter ließ es nicht darauf ankommen, sich diesem Schildwall zu stellen und mit Hauen und Stechen hinter den Schildern auf die Gegner einzudringen. Keiner der Piraten hatte einen Speer und so blieb man auf Abstand und versuchte mit den langen Speeren der Knechte Lücken im Schuldwall zu finden und dort hinein zu stechen.

 

Als Peter einen der Piraten durch einen Speerstich verletzt schwanken sah, drang er mit seiner furchbaren Waffe in die Lücke ein. Mit der Keule schlug er auf den Mann rechts ein und mit dem Schild drückte er den Mann links von sich weg. So teilten sie den Schildwall und konnten nun Mann gegen Mann kämpfen.

 

Simon, Jorg und Andrei kamen gerade rechtzeitig, um mit in den Kampf einzuschreiten. Aber sie taten das nicht. Simon rief über den Lärm hinweg zu Peter. "Da kommen Reiter, acht an der Zahl. Wir sichern euch von hinten, aber wir müssen uns vom Schildwall lösen." Alle hörten es wohl, aber sich einem Kampf zu lösen, so leicht war das nicht.

 

Wie sollten sie nun gegen zusätzliche acht Kämpfer angehen? Wenn diese sie von hinten angreifen würden, waren sie im Nachteil und die Piraten würden garantiert ihre Vorteile ausnutzen.

 

Fortsetzung folgt