Kapitel 41

29. März 1216 im Tal hinter der Olsenburg

 

Es dauerte lange, bis Heinrich und Richard kamen. Zwei Ordensleute begleiteten sie. Richard watete über den Bach und befreite die leblosen Körper vom Unrat. "Ja das sind die beiden Männer, die uns gefehlt haben. Beide sind tot. Einer hat zwei Pfeile in der Brust, der andere wurde von einem Armbrustbolzen am Hals getroffen. So wie diese Körper aussehen, sind sie von dort oben heruntergestürzt. Ich wundere mich nur darüber, dass die Pfeile nicht abgebrochen sind. Bei so einem Sturz bleibt kein Knochen ohne Schaden und ein dünner Holzpfeil erst recht nicht. Wir müssen sie bergen und untersuchen." Er gab seinen beiden Mitbrüdern ein paar Anweisungen, kam über den Bach zurück und ging dann schweigend weiter. Otto und die anderen folgten ihm. Als sie das enge Tal verlassen wollten, kamen sie an eine Weggabelung. Ein Pfad ging steil nach oben zu einem kleinen Tor in der Burgmauer. Ein Teil des Weges war zerstört und man konnte nur noch kletternd das Tor erreichen. Der andere Weg ging weg von der Burg in Richtung des Turms. Heinrich kannte alle Wege noch aus seiner Jungend, aber dieser Weg zum Turm war ihm neu. Stand doch hier früher ein kleines Steinhaus, das einem Stollen in den Burgberg verbarg. Der Stollen diente der Wasserversorgung der Burg. Man konnte den Bach umleiten und das Wasser in eine Zisterne weiter unterhalb der Burg in den Berg leiten. Jetzt war das kleine Steinhaus nur noch ein Trümmerhaufen, aber offensichtlich sickerte immer noch Wasser in die Zisterne ein, denn die Wassermengen, die an den Steintrümmern vorbeiliefen, waren weniger  als vor dem Steinhaufen.

 

Dann sah Heinrich etwas, was ihn besorgt machte. "Schaut mal hier auf dem Weg. Spuren, die sind frisch. Hier sind ein paar Leute mit nassen Schuhen gegangen. Die waren kräftig und schwer oder sie hatten gewichtige Dinge bei sich, denn die Spuren sind tief in den Boden eingegraben und noch nass." Richard schaute sich auch um. "Hier bei den Steintrümmern sind frische Spuren. Die Steine sind alle mit Moos bewachsen, aber ein paar davon nicht mehr und man sieht, dass sie vor kurzem bewegt wurden. Otto schaute sich das alles genauer an. Nahm einen Stock und wie es aussah nahm er Maß bei einigen Steinen, bewegte den einen oder anderen Stein, rollte ein paar davon zur Seite, bis er die anderen zu sich rief. "Die hatten hier etwas versteckt. Diese Steine standen bis vor kurzem noch aufeinander. Hier war noch eine kleine Mauer, die haben sie umgeworfen und dahinter war ein kleiner Hohlraum. Seht ihr das Holz da drinnen. Trocken und wie es aussieht wurde darüber etwas geschleift. Hier sind frische Spuren. Hier hatten sie vielleicht etwas versteckt und haben es gesucht. Die Spuren davor können wir nun nicht mehr genau betrachten, weil wir darüber getrampelt sind, aber so tiefe Spuren wie die, die nun weiter führen, gab es vorher nicht." Otto hatte recht. Hier war etwas verborgen gewesen, aber wie waren die so nahe am Turm vorbeigeschlichen und hatten sich noch mit schwerer Last abgegeben? Vorsichtig gingen sie weiter. Kurz bevor sie den durch viel Dickicht und Bäume verborgenen Weg verlassen konnten und den Turm schon sahen, führte ein weiterer Weg sie weg vom Turm. Die kleine Abzweigung war durch viel Gebüsch verborgen, nur ihre Spuren verrieten, dass sie den Weg nicht weiter gingen, sondern diesem verborgenen Pfad folgten. Heinrich fand eine kleine blutige Pfütze, teilweise war das Blut schon getrocknet und an anderen Stellen hatte es sich mit dem Wasser vermischt. "Da blutet einer kräftig. Ich vermute, die tragen einen, deshalb sind die Spuren tiefer. Mehr als zwei sind das nicht, die einen Dritten tragen. Seht ihr hier, das sieht doch aus, als ob sie jemanden schleifen." Alle sahen es, das waren Schleifspuren. Otto stellte sich das Szenario genau vor. Zwei Männer hatten einen Dritten in der Mitte. Der konnte kaum oder gar nicht mehr gehen und seine Füße schleiften auf dem Boden. Und er blutete stark. Blätter und Zweige waren mit Blutstropfen besudelt, das Blut war frisch, nicht getrocknet. Heinrich und Richard beschleunigten ihre Schritte. Sie eilten immer schneller den versteckten Pfad entlang. Und dann sahen sie die Drei. Eine Frau, ein großer Jungen und ein Mann. Sie saßen erschöpft auf dem Boden. Der Mann war verletzt, sein Kopf lag im Schoß der Frau. Als sie Heinrich und Richard kommen sahen, sprang der Junge auf und packte ein Schwert, das auf dem Boden lag und rannte die paar Schritte auf die beiden Ritter zu. Mit erhobener Klinge stürze er auf Heinrich zu, der als erster kam. Geschickt wich er dem Angreifer aus, rammte ihm die Faust in den Magen und ergriff mit der anderen Hand die Waffe. Mehr musste er nicht tun, der Junge ging zu Boden und rang um Luft. Richard und Heinrich schauten aus den paar Schritten entfernt, wo sie gerade standen, auf die Frau und den Mann. Der Mann hatte ein schlimme Kopfverletzung, die sehr stark blutete. Man sah, dass seine Kleidung nicht gerade die eines einfachen Bauern oder Söldners war. Aber alles war schmutzig und blutig. Auch die Frau trug nicht die Kleidung einer Magd. Alles wirkte etwas bizarr, selbst der Junge, der etwas betäubt vor ihnen lag, wirkte nicht ärmlich. "Wer seid ihr? Warum habt ihr uns angegriffen?" Richards Stimme klang etwas belegt, nicht barsch und doch bestimmt. "Zuerst Herr Ritter stellt sich der Herr der Dame vor oder tragt ihr nur diese ritterliche Kleidung und seid wie die Männer auf der Burg Betrüger und Lumpen. Auch ihr seid mit Blut besudelt und euer Wams ist mehr als nur unordentlich." "Entschuldigt meine Dame, ich bin Richard von Hochfelden, ein Ritter des Deutschen Ordens und das hier ist Heinrich von Olsen, Herr der Olsenburg. Man nennt ihn auch Heinrich von Olsenburg. Und nun dürfen wir euren Namen erfahren!" Das war keine Bitte, die Richard da aussprach. Die Frau schaute auf den Jungen, der langsam wieder zu sich kam, bevor sie antwortete. "Dies hier ist mein Gatte, Linhardt von Senfthain, dort vor euren Füßen liegt mein Sohn Albrecht und mein Name ist Agnes von Senfthain. Ich stamme aus dem Hause von Kraz. Wir wurden auf unserer Reise von Würzburg nach Senfthein überfallen und wir waren hier auf der Burg drei Tage lang gefangen. Heute Morgen konnten wir fliehen." Heinrich hob die Hand. "Genug geredet, wir müssen dem Herrn von Senfthain helfen. Und dieser junge Mann benötigt dringend Unterricht im Angriff und Verteidigung. Mutig ist er ja." Heinrich und Richard schleppten den ohnmächtigen Herrn von Senfthain bis zu der Weggabelung. Dort wartete Otto, Frau von Blau und Gregor. Gemeinsam trugen sie den Verletzten zur Burg.

 

30. März 1216 auf der Olsenburg  

 

Der Herr von Senfthain war versorgt worden und offensichtlich war die Verletzung am Kopf nicht ganz so schwer, wie sie zuerst ausgesehen hatte. Er konnte bereits wieder etwas essen und den Kopf dabei heben. Albrecht hatte noch etwas Bauchschmerzen, aber sonst war der Junge wieder in Ordnung, seine Mutter Agnes kümmerte sich bestens um ihre beiden Männer, wie sie sich auszudrückten pflegte. Aus den Berichten der Agnes wussten nun Richard, Otto und Heinrich, was mit dieser Familie geschehen war. Otto hatte bisher verschwiegen, dass er offensichtlich mit Agnes verwandt war oder sein könnte. Er wollte Genaueres über Agnes erfahren, bevor er ihr eröffnete, dass er denselben Stammbaumnamen trug wie sie. Er kannte keine Agnes von Kraz, aber das musste nichts bedeuten. Wenn er sich die Familie Olsen vor Augen führte, dann wusste man da ja offensichtlich nicht, ob man bei einem Kampf nicht gerade einen seiner Brüder erschlug. Denn der Vater von Heinrich war einer der Ritter, der sein Volk mit dem eigenen Samen züchtete und mit eigenen Kindern sein Lehen bevölkerte.

 

Das Haus Kraz und seine Mitglieder waren Gefolgsleute der Staufer, Ministrale, Kämpfer, Chronisten sowie Männer und auch Frauen, die Wissen sammelten und es den Nachfahren erhalten wollten. Immer waren die Wichtigsten des Hauses von Kraz in der Nähe ihrer Staufer. Kämpften für sie, starben für sie, verwalteten für sie, schrieben für sie. Sie waren den Künsten, der Musik zugetan, gute Baumeister und der neuen Kunst der Zahlen war vor allem Otto zugetan. Aber er wurde nun als Chronist berufen und was das Haus Staufen ihm auftrug, das nahm er als Aufgabe an. Otto verstand es gut, die ihm übertragenen Aufgaben mit seinen Sehnsüchten und Wünschen zu verweben. War Agnes eine von diesen Wissbegierden aus dem Hause Kraz? Frauen waren in seiner Familie immer diejenigen, die ihre Männer unterstützten, aber trotzdem sehr viel an Selbständigkeit einforderten. Vielleicht lag es daran, dass sie alle die christlichen Religion, vor allem die Kirchenfürsten mit Skepsis betrachteten und sich damit insgeheim der Freiheit des Denkens verschrieben hatten, sich nicht durch die Zwänge des allein selig machenden Glaubens inspirieren lassen wollten. Sie verstanden es sehr gut, dass man sich der Kirche gegenüber immer etwas bedeckt halten musste, um zu überleben. Entweder Christ sein oder brennen. Also, Christ sein ja, an einen Gott glauben ja, aber so wie sie es für richtig befanden. Wie verhielt sich aber mit dieser Agnes von Senfthain? Das musste Otto erst prüfen, bevor er ihr seine wahre Identität  eröffnen wollte. Wem konnte man trauen? Manche alten Freunde verschwanden, neue kamen hinzu und jedes Mal musste man aufs Neue prüfen und erkunden, ob man jemandem vertrauen konnte. Otto schob diese Gedanken beiseite. Noch immer war nicht klar, was dieser Linhardt von Senfthaim an der Ruine des Steinhauses gesucht hatte. Das und der Tod der Ordensritter, deren Leichen sie auf dem Abfall gefunden hatten, musste noch geklärt werden. Heinrich hatte ihn gebeten, ihn bei den Befragungen der Gefangenen und der Untersuchung der Toten zu helfen.

 

Richard musste bald weiterziehen, auch wenn einige seiner Leute noch nicht reisebereit sein konnten, weil ihre Verletzungen nicht so schnell heilten und deshalb mussten diese Ordensleute noch in der Olsenburg bleiben. Es würde Richard schwer genug fallen, seinem Oberen der Kommende in Aichach zu erklären, warum er so viele seiner Sergeanten und Ritter verloren hatte. Ihm fehlte noch ein zusätzliches Argument, um diesen Kampf und deren Verluste zu rechtfertigen.

 

30. März 1216 in der großen Halle in der Olsenburg zur Mittagszeit

 

Otto und Heinrich saßen in der großen Halle zusammen mit einigen der Bewohner der Burg und Ordensleuten. Constanze hatte mit den drei Mägden Evlina, Carollina und Berta und der Frau von Senfthain aus den Vorräten, die sie gefunden hatten, eine Mahlzeit bereitet, die die vielen Mäuler stopfen mussten. Brot war gebacken worden und aus etwas Wurzelgemüse hatte sie eine Brühe bereitete. Der geschlachtete Ochse war noch nicht soweit zubereitet, dass man einen Braten machen konnte. Aber das Bier, das man gefunden hatte, schmeckte soweit ganz gut, weil es noch nicht sauer war.

 

Otto bat die Frau von Senfthain zu sich an den Tisch. Schüchtern schaute sie sich um, denn es war eine große Ehre, egal wie der Stand ihres Namens auch sein möchte, am Tisch des Burgherrn zu sitzen. Otto war beim Essen immer etwas sparsam, eine kleine Scheibe Brot, etwas Brühe und Gemüse, das reichte ihm vollkommen. Was er liebte war dazu ein kleiner Schluck Wein. Nun war aber kein Wein mehr in der Burg vorhanden und das Bier war kein Ersatz für sein Verlangen, also musste er sich mit einem heißen Aufguss aus Kräutern und getrockneten Blüten begnügen.

 

Agnes beobachtet Otto, wie er mit Bedacht speiste. "Fast wie mein Cousin Ludwich von Kraz. Der speiste auch immer mit Bedacht, so wie Ihr, Herr Otto der Reisende. So nennt man euch unter all euren Begleitern." Otto schaute Agnes an. Ludwich von Kraz, der Legat des Domherrn zu Speyer, Otto kannte ihn. Er war nicht nur Legat des Domherrn, sondern auch Hauptmann der Domwachen. Ludwich war ein Machtmensch, einer der aus dem Hause Kraz, die sich wenig um die schönen Künste bemühten, sondern um schöne Frauen, Macht und Gold. Auch Otto kannte den Cousin der Agnes. Ludwich war sein Großcousin, hatte keine Erbberechtigung auf die Burgen des Hauses Kraz. Aber das machte Ludwich nichts aus, er hatte schon genug an Gold und Macht angesammelt. Trotzdem wollte er seinen Ruf als genügsamer Mensch, als Mann der Kirche durch Zurückhaltung beim Speisen und bei seinen öffentlichen Auftritten bewahren. Jeder kannte seine Neigungen, aber es genügte offensichtlich, den Schein zu wahren. 

 

"Ja es gibt viele Menschen, die beim Essen vorsichtig sind. Essen mit Genügsamkeit und dein Körper wird dir dafür danken, indem er lange seine Gesundheit bewahrt. Ich habe einiges aus den Lehren der Hildegard von Biengen auch für mein Leben übernommen." Mit gesenktem Kopf hatte Otto das gesagt, denn er wusste, dass das eher eine Lüge war. Er versuchte, gesund zu leben, aber es gab auch viele Abweichungen von diesen Lehren, die Otto gerne zelebrierte. Wein, zu wenig Schlaf, auch einmal ganz fettes Essen und die Fastenzeit verkürzte er auch gerne, das war sein Leben. Und manches Mal dann wieder, so wie an diesem Tag, die Askese beim Essen.

 

"Nun aber zu euch, Frau Agnes. Wir versuchen gerade alles an Wichtigem und Wissenswertem zu sammeln, was die Eroberung der Burg betrifft. Ihr habt uns erzählt, wie ihr hier festgesetzt wurdet und wir wissen, warum ihr auf Reisen gewesen seid. Aber eure Flucht ist uns noch ein Rätsel. Wie konntet ihr entkommen?" Agnes schaute Otto an. Offensichtlich hatte sie schon erwartet, dass am sie das fragen würde. "Nun Herr Otto der Reisende, das war fast zu einfach. Einen Tag, bevor ihr die Burg erobert habt, haben sich alle Reisigen und auch die Söldner ihre Aufmerksamkeit ganz dem gewidmet, was vor der Burg geschah. Mein Sohn und mein Gatte waren in einer Kammer im Turm eingesperrt und ich musste in der Küche helfen. Mir schenkte man wenig Beachtung. In der Nacht konnte ich die Kammer öffnen, wo mein Mann und mein Sohn waren und wir schlichen uns zum hinteren Tor, das nicht bewacht wurde. Unterwegs fanden wir ein Schwert und einen Streithammer. Bewaffnet wie wir waren schlichen wir bis zu einer kleinen Seitentür, durch die wir vor die Mauer gelangten. Da die Brücke und der Weg ins Tal zerstört waren, mussten wir warten, bis es etwas heller wurde. Als wir dann den Lärm der Schlacht hörten, kletterten wir nach unten. Der Herr Linhardt stürzte leider von einem mannshohen Felsen auf den Weg beim Bach ab und verletzte sich am Haupt. Er konnte noch eine Weile laufen, bis wir ihn dann stützen mussten. Wir schafften das nur wenige Schritte und dann habt ihr uns schon gefunden." Zufrieden nickte Otto und auch Frau Agnes schien glücklich darüber zu sein, dass sie nun endlich über ihre Flucht berichten konnte.

Heinrich und Otto schauten sich zufrieden an. Das erschien ihnen doch alles plausibel zu sein. Bis Otto ein langgezogenes „Hmmmm“ von sich gab. "Aber Frau Agnes, was ich nicht verstehe. Ihr hättet doch die beiden Ordensleute sehen müssen, die auf der anderen Seite des Baches lagen oder gar stürzen sehen, wie sie von der Mauer gefallen sind. Und bitte berichtet uns noch, was ihr bei dem zerstörten Steinhaus gesucht habt. Ich muss doch annehmen, dass nur ihr dort etwas gesucht habt. Die Spuren waren zu frisch, als dass hier jemand anderes gewesen sein konnte. Das Blut war noch etwas feucht und wir fanden nur euren Gatten, der stark blutete. Von wem sollte denn das Blut sonst stammen?" Erschrocken schaute Agnes auf. Sofort erkannten Otto und auch Heinrich an den Augen der Frau, dass diese Frage sie sehr erschreckte. "Helft uns doch, das zu begreifen, was hier geschehen ist. Wisst ihr vielleicht auch, warum das kleine Steinhaus zerstört wurde?" Agnes wollte aufspringen, aber Frau von Blau stand hinter ihr und legte ihr Hände auf ihre Schultern, sodass sie nicht  aufspringen und davon laufen konnte.

 

Fortsetzung folgt