Kapitel 44

5. April 1216 am Meer

 

Unterhalb der Düne und des kleinen Felsplateaus ritten die acht Angreifer in den Rücken der Blauzahnleute. Man sah, dass das keine geübten Reiter waren und sicher nicht vom Pferderücken aus kämpfen würden. Kaum hatten sie ihre Pferde angehalten, flogen ihnen schon zwei Armbrustbolzen und zwei Pfeile entgegen. Beide Bolzen trafen jeweils einen der neuen Angreifer, die zu Boden stürzten und offensichtlich kampfunfähig waren. Einer der Pfeile traf ein Pferd, das sich vor Schmerz aufbäumt und seinen Reiter abwarf. Die Unruhe unter den Gäulen war so groß, dass sie ein geordnetes Absteigen und Aufstellen einer Kampfreihe verhinderten. Die Pferde rannten los und trampelten über die bereits am Boden Liegenden, ein weitere Reiter hatte sich in einem Seil, das als Halfter und Trense diente, mit seiner Hand verfangen und wurde von dem flüchtenden Pferd mitgeschleift. Die Überraschung für die Angreifer war so groß, dass die Blauzahnleute genügend Zeit hatten, sich neu zu formieren. Zudem mussten sich die Piraten von den vereinzelt abgeschossenen Pfeilen in Acht nehmen. Sophia und Sasha, die sich seit langem im Gebrauch der Armbrust und des Bogens geübt hatten, schossen Pfeil um Pfeil ab. Cristina und Malva hatten sich der Armbrüste bedient, nur Johanna stand oben auf der Düne und starrte gebannt in das Getümmel unter sich und rührte sich nicht.

 

Die Seeräuber im Schildwall wankten immer mehr. Das Durcheinander der neuangekommen Unterstützung dauerte zu lange. Zudem wurde nochmals einem der abgestiegenen Reiter das Schwert von einem Pferd aus der Hand geschlagen, als es sich wildgeworden an ihm vorbeidrückte. Simon, Jorg und Andrei waren bereit, die verbleibenden Angreifer gebührend zu empfangen.

 

Peter spürte, dass der Schildwall vor ihm schwankte. Er wollte seine Waffe zurückziehen und merkte gerade rechtzeitig, dass sein Gegenüber es mit der Hand zu greifen versuchte. Der Mann war fast einen Kopf größer als Peter von und zu Bärental. Peter konnte in sein Gesicht sehen, denn der Mann hatte seinen Helm verloren und er versuchte verzweifelt, seine Waffe frei zu bekommen. Sein Gegenüber drückte sie immer mehr nach oben und drehte den Stiel dabei noch.

 

Ein furchtbarer Schrei drang allen in die Ohren. Ein Kreischen, das dann in ein wildes Heulen überging. Johanna rutschte die Düne herunter und gab furchtbare Laute von sich. Sie schrie auf einmal. "Das ist er, das ist er." Und wieder heulte sie laut auf und kreischte dann wieder los. Unten angekommen rannte sie auf die Männer, die mit den Pferden gekommen waren los. Irritiert hielten sie kurz inne und wussten nicht, wer nun ihr Gegner war. Simon, Jorg Jorgssen sahen Johanna zwar, aber sie achteten eher auf ihr Gegner, die sich vor ihnen gesammelt hatten. Andrei blieb stehen und schaute Johanna in ihrem Lauf an. Er sah es als erster, wie sie zwei lange Messer  hochriss und auf den Mann in der Mitte der Angreifer zu rannte. Der Mann hob sein Schwert und setzte zum Schlag auf Johanna an, die sprang aber nicht den Mann mit dem Schwer an, sondern den Krieger neben ihm, der noch etwas unschlüssig dastand. Sollte er sich auf die Männer vor sich konzentrieren oder auf das laut plärrende Weib, das da gerade angerannt kam. Sie war einfach zu schnell. Eines der Messer stach Johanna dem Mann mitten ins Gesicht, das andere rammte sie ihm in den Hals. Dann traf sie das Schwert eines anderen von hinten und durchtrennte ihr das rechte Schulterblatt. Sie starb mit ihrem Gegner und ihr Blut mischte sich noch bevor beiden zu Boden stürzten. Dann starb auch ihr Mörder, der Mann mit dem Schwert. Ein Pfeil traf ihn noch, als er versuchte, sein Schwert aus dem Körper der Johanna frei zu bekommen. Sophia und Sasha waren Johanna gefolgt und standen keine zehn Schritte hinter den Piraten. Pfeil auf Pfeil schossen sie auf die Männer ab. Cristina und Malva standen mit Schwertern neben ihnen.

 

Peter war ganz und gar auf seinen Gegner konzentriert, auch wenn beide immer wieder kräftige Stöße von der Seite abbekamen, wichen sie nicht von einander. Dann brach alles zusammen. Einer der Knechte neben Peter knickte schreiend ein. Eine Lanze steckte in seinem Oberschenkel - neben ihm sprang einer der Sergeanten in die Reihen der Gegner hinein und brachte zwei von denen zu Fall. Eines der Schwerter der Gegner ragte aus seinem Rücken heraus. Der Riese Peter gegenüber wollte das nun beenden und löste eine Hand von Peters Kriegskeule und wollte nun mit der freien Hand seinem Gegner an den Hals. Nun war es der Bärentaler, der angreifen konnte. Mit letzter Kraft drückte er von unten die Spitze seiner Keule seinem Gegner in den Unterkiefer und hebelte dann die Waffe nach oben. Der Blutstrahl, der den Bärentaler entgegen spritzte, machte ihn blind. Er merkte nicht mehr, wie neben ihm einer der Reisigen, ohne einen Laut von sich zu geben, starb. Ein Messer hatte gerade seine Kehle durchdrungen. Seinem Gegner wurde dann sofort die Hand durch einen Schwertstreich von Andrei abgetrennt. Dessen Wut verlieh dem etwas kleiner untersetzten Mann eine gewaltige Kraft. Obwohl er nicht genügend Platz für einen weit ausholenden Schwertstreich hatte, setzte er so viel an Energie in diesen Schlag, dass die Schwertspitze beim Aufprall auf dem steinigen Boden absplitterte. Mit seiner freien linken Hand zog er den blinden Bärentaler von seinen Gegnern weg.

 

Verzweifelt riss sich Peter den Helm vom Kopf und die Handschuhe von beiden Händen. Er wollte seine Augen von dem klebrigen Rot befreien. Neben und hinter ihm waren Schreie und das Klirren von Eisen auf Eisen zu hören, was er vorher nicht gehört hatte. Blind wie er in diesem Augenblick war, waren seine Ohren die einzige Möglichkeit sich etwas zu orientieren. Irgendetwas rammte ihm gegen die Schulter und nun verlor er auch noch das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Jemand stolperte über ihn und dann bekam er einen Tritt in den Magen. Es dauerte einfach zu lange, bis er seine Augen etwas befreit hatte, das fremde Blut brannte in seinen Augen aber er konnte nun wieder sehen. Neben ihm, vielleicht zwei Handbreit von ihm entfernt, glotzten ihn zwei Augen an. Er kannte weder diese Augen oder das halbe Gesicht, das noch von dem Mann vorhanden war. Weder der Kopf noch die Augen bewegten sich, der Mann war tot.

 

Der Bärentaler brauchte lange bis er wieder stand. Etwas benommen schüttelte er den Kopf, in der Hoffnung nun besser sehen und auch hören zu können. Nur noch ein gellender Schrei, dann war Ruhe. Nur noch ein leises Wimmern war zu hören, der Wind der etwas rauer wurde, trug diesen Klagelaut weit weg.

 

Langsam, ganz langsam drangen andere Töne in sein Ohr. Sein eigenes schweres Atmen, das Scheppern eines Schwertes, das zu Boden fiel, jemand murmelte vor sich hin, ein Pferd wieherte irgendwo. Sein Verstand registrierte immer mehr Geräusche. Er schaute sich um. Jorg Jorgssen stand ein paar Schritte, gestützt auf sein Schwert, vor ihm. Sein Kopf war blutig, aber er konnte stehen. Olovson sah er neben sich, wie er gerade bei einem der Reisigen kniete und dessen linke Hand festhielt. Dann legte er sie sanft auf seinen Körper und gab sie frei. Peter konnte sehen, wie er dem Mann die Augen schloss. Juris kniete schwer atmend etwas weiter weg und starrte auf einen der Ordenssergeanten. Ein Speer steckte in dessen Brust und Blut pulsierte noch aus der Wunde, rann über das Kettenhemd und sammelte sich in einer roten Lache neben dem Mann.

 

Dann sah er Sasha und Simon, die sich in den Armen lagen. Sashas Körper bebte und der Bärentaler meinte zu hören, dass sie schluchzte.

 

Alles schien langsamer zu sein, Peter konnte nicht fassen, dass er hier stand und alles bewegte sich unendlich langsam um ihn herum. Immer wieder tauchten Farben vor seinen Augen auf und verschwanden wieder. Sein Körper war nicht der seine, er fühlte nicht mehr. Das was er hörte oder auch sah, waren nicht seine Sachen, das gehörte jemand anderem.

 

Er spürte nicht einmal als Sophia ihn kräftig an der Schulter packte und zur Düne führte, ihn dort an einen der Sandhügel sitzend lehnte. Cristina flößte ihm Wasser ein. Er schluckte nicht und alles lief ihm aus dem Mund auf seinen Bart und weiter auf das Kettenhemd. Wie betäubt saß er da. Eine kräftige Ohrfeige und ein langer Kuss Sophias vertrieben die Betäubung schlagartig.

 

"Wieder bei uns?" Ihre Frage beantwortete er mit einem kurzen Nicken. "Wir müssen dir das Kettenhemd ausziehen. Du bist voller Blut und ich kann nicht sehen, ob davon auch etwas von dir selbst ist. Hast du irgendwo Schmerzen oder weißt du, wo du verletzt bist?" Peter schüttelte den Kopf, er wusste gar nichts, alles tat ihm weh, sogar die paar Wassertropfen, die noch in seinem Bart hingen, waren eine unendliches Drangsal für seinen Körper. Ohne dass er einen Laut von sich gab, zerrten die beiden Frauen das Kettenhemd von ihm. Alles war nass, blutig und schmutzig. Schuhe, Lederwams und Hemd zogen sie ihm vorsichtig aus. Nur noch die Brouche bedeckte eine Blöße. Sophia tastete ihn vorsichtig ab, dann wuschen ihn die beiden Frauen mit Salzwasser aus dem Meer, da sie zu wenig Süßwasser hatten - das wurde dringend zu Trinken benötigt. Nur die offenen Wunden kamen mit dem salzigen Nass nicht richtig in Berührung.

 

"Du wirst einen kleinen Zehen verlieren, den hat dir jemand abtrennen wollen. Du hast einen üblen Schnitt unter deiner rechten Brust. Beides werde ich werde ich nähen müssen. Eine Rippe ist gebrochen und unzählige Prellungen hast du am ganzen Körper. Und in deinem Rücken stecken ein paar Glieder deines Kettenhemdes. Die hat dir wohl jemand herausgeschlagen und dann dort vergessen. Die hole ich zuerst raus, damit du auf dem Rücken liegen kannst." Dann schwieg sie und schaut dem Mann in die Augen. "Du willst mich was fragen? Kannst du nicht sprechen?" Aus dem Mund des Bärentalers kam nur Gekrächze. Vorsichtig schaute er in die Runde. Cristina verstand, was er fragen wollte. "Die drei Reisigen sind tot, so auch die beiden Sergeanten des Ordens. Jorg Jorgssen hat ein Ohr verloren und etliche Haare. Simon hat sich das rechte Armgelenk angebrochen oder es ist gar gebrochen. Olovson hat nur eine ordentliche Schramme am Hals. Andrei hat einen Backenzahn weniger und eine dicke Beule am Kopf. Zudem ist seine Lippe aufgesprungen und das Essen und Reden wird ihm einige Zeit schwer fallen. Juris ist grün und blau am ganzen Körper, gebrochen oder so scheint nichts zu sein. Was uns allen Sorgen macht ist, dass er uns nicht hören kann. Malva, Sophia und mir geht es gut. Und alle Seeräuber sind tot. Bei Zweien hat Olovson etwas nachhelfen müssen, die starben zu langsam. Retten hätte man sie nicht können. Du hast, wie es scheint, drei von denen auf die Reise zur Hölle schicken können." Peter schaute Cristina weiter in die Augen. Soweit war sein Verstand noch da, er merkte, dass da noch jemand in der Aufzählung fehlte.

 

Cristina drehte sich ab und begann zu weinen. Sophia setzte sich neben Peter und wollte ihn auf den Bauch drehen, aber er wehrte sich. "Also gut, wenn du es vorher wissen willst. Johanna ist tot. Von einem Schwert durchbohrt. Sie hat ihren Gegner mit Messern so zugerichtet, dass der mit ihr starb. Ich habe nur mitbekommen, dass sie offensichtlich jemanden erkannt hat, der ihr sehr weh getan hat. Sie rief immer wieder laut auf. Der ist es, der ist es. Dann stützte sie sich die Dünen hinunter kreischte wie irrsinnig und preschte wie eine Furie auf die Männer in eurem Rücken los. Mehr kann ich dir nicht sagen. Lass dich jetzt umdrehen, ich muss diese Eisendrähte aus deiner Haut herausholen, bevor die sich dort wohl fühlen."

 

Ein Schluck Wein und ein liebevoller Blick von Sophia sollten genügen, dass er die nun folgende schmerzhafte Tortur besser ertragen würde. Cristina hielt ihn fest, damit er sich nicht schnell bewegen konnte. Als Mann von Stand musste er sich nun gewaltig zurücknehmen, um sich vor der jungen Frau und Sophia nicht als weiches Knäblein zu zeigen. Das Entfernen der Drähte konnte er mit einigen Zuckungen seines Körpers ertragen.

 

Dann wurde sein Fuß nochmals in Augenschein genommen und mit einem kurzen Schnitt war das erste Glied seines Zehens weg. Es hing nur noch an einem Hautfezen. Mit einer Tinktur wurde die Wunde ausgewaschen und dann begann Sophia die Hautlappen zu ziehen und zusammen zu nähen. Christina saß auf seinem Bein, sodass der Bärentaler es nicht wegziehen konnte. Mit den Fäusten trommelte er vor Schmerzen auf den Boden und brummte fürchterlich vor sich hin, bis er es nicht mir aushielt und einen lauten furchtbaren Fluch herausschrie. Damit war auch diese Prozedur beendet. Diese kleine Wunde verursachte ihm schon höllische Schmerzen. Cristina zeigte nun, dass sie auch ein kleines Biest sein konnte. Sie streichelte ihm die Wangen, schaute ihm tief in die Augen. "Ach kommt großer, starker alter Mann. Sei doch froh, dass dieser Zeh weg ist. Musst nie wieder den Zehennagel schneiden, Hat doch auch was. Und die Frauen wollen sicher diese Verletzung sehen, die du dir furchtlos in einer wilden Schlacht zugezogen hast. Und das einfachste kommt nun zum Schluss. Die liebe, zärtliche Sophia wird dir nun dies kleine, unbedeutende Wunde nähen. Trink noch einen Schluck von dem Sud und erdulde das Unaufschiebbare." Dann verabreichte sie ihm etwas Mohnsaft mit Rotwein. Es dauerte nicht lange, bis der Bärenteiler hinweg dämmerte und die beiden Frauen ihr Werk beginnen konnten. Die Wunde war sehr groß, fast eine Hand lang und an der Seite auch sehr tief. Sophia fand keinen Schmutz oder Stofffetzen in der Wunde und wusch sie vorsichtig aus. Dann nähte sie die Wunde zu. Peter erwachte zwischendrin immer wieder, aber Cristina verstand es sehr gut, ihn wieder einschlafen zu lassen.

 

Dann verbanden sie nicht nur die Wunde, auch die gebrochene Rippe darunter musste noch versorgt werden. Vorsichtig bandagierten sie Peters Oberkörper. Er würde einige Tage ordentliche Schmerzen haben, aber das konnte man nicht ändern. Dann legten sie ihn auf den Wagen, den sie von oben geholt hatten und betteten ihn weich. Neben ihn hatte man bereits Juris gelegt, der sich kaum mehr rühren konnte. Irgendetwas an seinem Rücken bereitete ihm großen Schmerzen und er konnte sich kaum bewegen.

 

Den toten Seeräuber wurde alles abgenommen, was man noch gebrauchen konnte. Dann warf man sie ins seichte Wasser, in der Hoffnung, dass eine der nächsten großen Wellen sie zu den Fischen tragen würde.

 

Die Nacht brach herein und sie lagerten rund um ein Feuer, das sie aus dem Holz der halb verbrannten Wagen und Holz aus dem Meer entzünden konnten. Olovson hielt die ganze Nacht Wache, er hätte auch einschlafen können, das hätte keiner bemerkt. Es passierte auch nichts in dieser Nacht.

 

Am nächsten Morgen kümmerte man sich um die Toten vom Hof des Iffa. Keiner hatte den Kampf oder die spätere Tortur überlebt. Gräber konnte man hier keine ausheben, da der Boden zu hart oder nur aus Steinen und Fels bestand. Am Fuße des Weges nach oben auf die Düne legte man sie nieder und bedeckte sie mit allem was man fand.

Pferde hatte man nun genug und so legte man die toten Freunde auf die Pferderücken, band sie fest und um die Mittagszeit brachen sie auf. Sie wollten zurück zur Blauzahnsiedlung.

 

Fortsetzung folgt