Kapitel 40

29. März 1216 im Tal der Gefangenen auf Gotland

 

Simon, Peter, Sasha und der Bürgermeister von Visby nahmen die Verhöre vor. Aber keiner der bisher Verhörten war in der Lage, ihnen sehr viel mehr zu berichten als sie schon wussten. Peter wollte unbedingt erfahren, wer die Kinder Cristina und Jakob von Bärental gefangen genommen und wer ihren Vater ermordet hatte. Er hatte schon am frühen Morgen nach den beiden geschickt. Er wollte unbedingt, dass die Kinder ihm ihre Entführer nannten, sofern die noch lebten oder nicht geflohen waren oder sie erkannt werden konnten.

 

Ihnen kam der Bartholomäus, ein fanatischer irischer Mönch, immer wieder in die Quere. Er wollte unbedingt bei den Verhören dabei sein und forderte dabei die sofortige Entfernung von Weibern bei diesen heiligen Geschäften. Sasha und die anderen „liederlichen Weiber und Dirnen“ aus der Blauzahnsiedlung waren ihm schon immer ein Dorn im Auge. Immer wieder hatte er gegen die Freiheit der Frauen gepredigt und dabei schon einige Herren gegen die weiblichen Bewohner aus der Siedlung aufgebracht. Dass sie teilweise Waffen trugen und dazu auch noch Männerkleidung war in seinen Augen ein Affront gegen die von Gott gewollte Ordnung der Männerwelt. Aber hier auf dem Schlachtfeld drohte nun das Ganze zu eskalieren. Frauen, die für sich in Anspruch nehmen konnten, mit am Sieg dieses Kampfes beteiligt zu sein, das wollte keiner der Herren Zuhörer des Bartholomäus zulassen. Für ihn waren das Hexen. Peter verlor langsam die Geduld mit diesem Hexenjäger. Also musste er für Ruhe sorgen.

 

Bartholomäus hatte sich ein Zelt auf einem kleinen Hügel aufgestellt. Symbolhaft, denn er wollte als Gottesmann über allem stehen. Davor brannte ein Feuer, das er Tag und Nacht pflegte und nicht ausgehen ließ. Am Morgen des 30. März war er nicht zur Morgenmesse im Lager erschienen und der Bürgermeister schickte nach ihm. Der Mann, der ihn holen sollte, kam erschrocken zurück und rief laut, bevor er den Bürgermeister erreichte, dass der Mönch tot in seinem Zelt liegen würde. Alle rannten aufgeregt dort hin, auch Peter und Simon waren bei der Gruppe. Das grauweiße Tuch war mit roten Spritzern verunreinigt. Der Bürgermeister, seiner Wichtigkeit in solchen Momenten bewusst, blieb vor dem Zelt stehen, forderte lautstark um Ruhe und bat Peter, ihn in das Zelt zu begleiten. Da lag der Mönch auf dem Bauch, nackt auf einem Fell und rührte sich nicht. Rote Flecken waren überall zu sehen, aber keine Wunde am Rücken, nur seine Pobacken waren knallrot. Peter drehte den Mann mit einem Stiefeltritt um. Missbilligend sah der Bürgermeister ihn an. Auf seiner rasierten Brust war etwas mit einer roten Farbe oder auch Blut geschrieben. Peter las es dem Bürgermeister vor. "Sodomie. Ihr wisst, Herr Bürgermeister, was damit gemeint ist?" Der Herr nickte leicht mit dem Kopf und betrachtete den nackten Körper des Mönches. Peter bückte sich und fühlte am Hals nach dem Puls. "Der Mann lebt. Er scheint nur sehr tief zu schlafen. Seht ihr wie sich seine Brust leicht hebt und senkt? Er ist nicht tot. Aber riechen kann man es. Er ist betrunken und wenn wir seinen Hintern betrachten, hatte er wohl etwas unnatürlichen Spaß, der ihm nicht so gut bekommen ist. Was machen wir mit ihm?" Die Verantwortung gab Peter gerne an den Bürgermeister ab. Würde er es öffentlich machen, was hier geschehen war, würde der Mann das nicht überleben. Was also sollte er tun? "Holt einen anderen Priester hierher!" rief er laut aus dem Zelt nach draußen. An Peter gewandt. "Soll doch die heilige Mutter Kirche sich dieser Sache annehmen. Unglücklich bin ich nicht, wenn wir diesen Pfaffen damit das Maul stopfen können. Das wird bei den Mönchlein und Pfaffen für etwas Unruhe sorgen. Wir müssen nur dafür sorgen, dass es keine Wiederauferstehung ist, sondern ein Erwachen aus dem Vollrausch. Mehr sollten wir im Lager nicht verbreiten, der Rest ist Angelegenheit der Kirche. Und holt Simon und meinen Diener Johannes rein. Vier Zeugen sind besser als nur zwei und wir können schweigen, wenn es drauf ankommt oder reden, wenn es sein muss." Damit hatten sie erreicht, was sie wollten. Die heilige Mutter Kirche musste mit einem üblen         Skandal leben und war nun einige Zeit damit beschäftigt und würde sich nicht mit anderen Dingen beschäftigen.

 

An diesem Morgen war ein Schiff aus Visby mit Futter für die Pferde und getrocknetem Fisch und anderen Nahrungsmitteln in der Bucht angekommen.

 

Peter hatte sein Lager in der Nähe des Gefangenenlagers aufgeschlagen. Cristina von Bärental, Johanna von Bernbach, Sophia und zwei der Sergeanten der Ordensritter als Begleitung kamen am 31. März am späten Nachmittag zu seinem Lagerplatz. Sie hatten einen Wagen mit Nahrungsmitteln dabei und sie führten fünf Reitpferden zusätzlich mit.

 

Am Freitag dem 1. April weit nach Sonnenaufgang gingen zehn Leute durch das Lager der Gefangenen. Es war nicht kalt, aber drei der Personen waren vermummt, sodass die Vermummung nur die Augen frei ließ. Zwei Mal sprachen die Vermummten mit Peter und schienen ihm etwas zu erklären. Da man allen etwas zu essen und trinken gegeben hatte, blieben die Gefangenen alle friedlich und belästigten die Besucher nicht.

 

Als sie das Lager wieder verließen, erkannte Cristina einen der Wächter vor dem Lager wieder. Sie hatte den Mann oft bei den Piraten gesehen. Immer wieder war er mit einem Pferd gekommen und hatte sich mit dem Piraten Jarl lange unterhalten. Auch Johanna meinte ihn wiederzuerkennen. Er sei oft bei dem Kaufmann gewesen, der sie gefangen gehalten hatte. Es war der selbsternannte Hauptmann der Wachen aus Visby. Peter und auch Simon verstanden sofort, warum dieser Mann einige der Gefangen getötet hatte oder noch töten wollte. Wenn sie verhört worden wären und gestanden hätten, dann wären sie eventuell auf ihn als Mitglied oder auch Spion der Piraten gekommen. Es war erschreckend, wie das Geflecht zwischen Piraten und einigen Bürgern mit der Stadt schon geflochten war. Wem konnte man da noch trauen? Sie konnten den Mann nicht einfach gefangen nehmen und verhören.

 

Also mussten sie einen Entwurf entwickeln, wie sie, ohne beobachtet zu werden, diesen Mann in ihre Gewalt bekommen konnten und dann sollte ein intensives Gespräch mit ihm geführt werden. Das mit dem intensiven Gespräch war Simons Idee, der offensichtlich immer bestürzter und wütender wurde. Intrigen, Machthunger, Goldgier und die Befriedigung der Gelüste waren Alltag bei vielen Menschen, aber die Ehrlichen und Demütigen, die Armen und Hungrigen mussten immer mehr unter diesen ruchlosen, frevlerischen und gemeinen Menschen leiden. Oft hatte er schon um Gottes Schutz gebeten, aber weder der Christengott noch die alten Götter kümmerten sich darum, also dachte er, müsse er das wohl tun. Und mit dem Gedanken war er nicht alleine in der Blauzahnsiedlung. Und er hatte eine Idee, wie man sich dieses Menschen bemächtigen könne.

 

Am nächsten Tag machten sich die Blauzahnleute auf, nach den Dokumenten des Herrn von Bärental, Cristinas Vater zu suchen. Sophia, die beiden Sergeanten der Ordensritter, Johanna, Simon und Sasha, Cristina, Malva und ihr Bruder Olovson, Peter und Andrei waren schon früh auf den Beinen. Sie meldeten sich beim Bürgermeister ab und als Grund für ihre Abreise gaben sie an, das Dorf der Jarl Gund besuchen zu wollen. Man wolle sicher gehen, dass dort alles in Ordnung sei. Niemand in Visby konnte wissen, dass der Ort zerstört worden war und die Jarl mit ihren Leuten in der Blauzahnsiedlung und dem Hof von Mecht untergekommen waren.

 

Die beiden Ordensleute bildeten die Vorhut, dann kam der Wagen mit Sophia, Cristina und Johanna, alle anderen folgten auf Pferden dem Wagen. Es wurde auch Zeit, dass das Lager sich leerte, man wollte so schnell wie möglich wieder zum Alltag zurückkehren und in Visby und auf der See seinen Geschäften nachgehen. Die Entscheidung bezüglich der Gefangenen war gefallen. Man schickte Boten zum König, der sollte für die Bestrafung die Verantwortung übernehmen. Es würde zwar einige Wochen dauern, bis man eine Nachricht vom König erhalten sollte, aber bis dahin würde man diese Missetäter und Frevler arbeiten lassen. Die Straßen mussten gemacht werden und ein Teil des Hafens musste ausgebessert werden. Zudem waren auch ein paar Lumpen dabei, für deren Freilassung man sicher Lösegeld erhalten würde. Denn der Krieg hatte viel Gold gekostet und das wollte man wieder haben. Und alle die gingen, würden an den Lösegeldzahlungen sicher keinen Anteil erhalten.

 

Nachdem man etwas mehr als dreitausend Schritte vom Lager entfernt war, kümmerte Peter sich um den neuen Reisebegleiter, der gefesselt und geknebelt auf dem Karren lag. Arman, so nannte sich der selbsternannte Hauptmann, hatte man mit Brennesel und Birkenrinde, deren Sud Sophia in sein Bier gemischt hatte, gezwungen, so oft nachts sein Zelt verlassen, dass es auch nicht auffiel, als er auf einmal nicht mehr zurückkam. Olovson und Andrei hatten ihn auf einem letzten Gang zur Grube nachts einfach niedergeschlagen und mitgenommen. Nun lag er unter etwas Stroh und ein paar Tüchern verdeckt auf dem Wagen. Leider hatte sein Harndrang während der erzwungenen Schlafphase nicht nachgelassen und so stank der Kerl nicht sehr angenehm, als man ihn aufdeckte. Also hielt man an und er musste sich die benetzen Kleidungsstücke ausziehen, um sich den Unterleib dann mit ein paar alten Lappen neu zu umwickeln. Die nassen stinkenden Kleidungsstücke wurden zerschnitten und unter ein paar Steinen versteckt. Sollte sie jemand finden, so sollte kein Hinweis auf den ehemaligen Träger zu finden sein.

 

Gefesselt saß er nun auf dem Karren, als sie weiterzogen. Alle nannten ihn nur noch den Bepissten, das sollte ihn weiter demütigen und für die folgenden Verhöre weich machen. Leider fing der Bepisste nun an, laut zu rufen und herumzugrölen. Peter gab ihm den Befehl, seinen Mund zu halten, aber er spukte nur in Richtung Peter. Jetzt war genug, Peter verlor ganz und gar die Fassung. Er stieg von seinem Pferd auf den Wagen und trat dem Bepissten mit einem Stiefel ins Gesicht.  Der Mann schwieg sofort, aber Peter brüllte laut auf. Seine Verletzung schmerzte noch immer und diese ungewohnte Streckbewegung spürte er nun ordentlich. Aber er hatte sein Missvergnügen über den Mann etwas beruhigen können, obwohl die Schmerzen ihm eine Energie verliehen, die er gerne dem Manne zu Gute kommen lassen würde. Er setzte sich auf den Wagen neben dem nun klagenden Mann und nach einige Zeit wurde ihm bewusst, wie sehr er sich hatte gehen lassen. War er doch diesem Manne schon einmal an den Hals gegangen und nun das. Er, der Bärentalen, der Gewalt nur als Mittel zur Selbstverteidigung betrachtete, hatte einen Kampfunfähigen brutal getreten. Er biss nun die Zähne zusammen und stieg wieder auf sein Pferd und ritt tief in sich gekehrt neben dem Wagen weiter. Außer Sophia begriff wohl keiner, warum Peter nun so böse mit sich selbst war.

 

Als der Mann wieder anfing herumzugrölen, zwar etwas leiser als vorher, knebelte ihn Sophia und versetzte ihm danach auch einen Schlag mit der Faust auf eine seiner Schulter. "Noch einmal und ich schneide dir den Hals durch." sagte sie zu ihm in einem freundlichen Ton, den der Mann nicht einzuschätzen wusste. Peter, der neben dem Wagen ritt, verstand das sehr wohl. Sophia wurde immer etwas überhöflich, wenn sie gerade dabei war, ihren Emotionen freien Lauf lassen zu wollen. Es war nun wirklich besser, Peter und Sophia nahmen Abstand von dem Bepissten. Simon wechselte auf den Wagen und überließ Sophia sein Pferd. Sie und Peter ritten nun am Ende der Gruppe.

 

Bis kurz vor Sonnenuntergang ritten sie weiter, eine kleine Rast unterbrach die Reise auf die andere Seite der Insel, zum ersten Lager der Piraten, das sie verlassen zurückgelassen haben sollen.

 

Die Nacht verlief ruhig, der Gefangene hatte seine Lektion gelernt und schwieg. Als Belohnung dafür bekam er etwas zu essen, durfte trinken und durfte sich mit ans Feuer setzten. Sophia hatte einen der Hunde mitgenommen, der nun jeweils mit demjenigen, der eingeteilt wurde, Wache hielt. An Mitternacht war einer der beiden Sergeanten zur Wache eingeteilt. Die beiden Ordensleute sprachen nicht viel, aber jeder merkte, dass sie ständig aufmerksam waren. Ihnen entging nichts, auch nicht ein Feuer, das einige hundert Schritte von ihnen entfernt brannte. Als das Feuer immer größer wurde, war klar, dass es sich hierbei um kein kontrolliertes Feuer handelte. Als der wachhabende Sergeant Peter weckte, wurde auch Sophia, die neben ihm lag, wach. Sie gingen auf einen nahen Hügel, um etwas bessere Sicht in dieser mondhellen Nacht in die Ferne zu haben. "Das muss an der Küste sein. Ich nehme an, etwas mehr als tausend Schritte von hier entfernt. Man kann hier schon das Meerwasser riechen und nun ist es mit Qualm gewürzt. Was kann wohl so ein großes Feuer entfacht haben?" Sophias Stimme klang besorgt. Der Sergeant meinte, dass sie am kommenden Morgen mit Beginn der Dämmerung sich vorsichtig diesem Feuer nähern sollten. Es waren immer noch ein paar Dutzend Piraten unterwegs und niemand wusste, wo sie sich befanden. Es war immerhin möglich, dass sie dort ein Dorf überfallen hatten und das Dorf nun brannte. Olovson gesellte sich zu ihnen. "Dort gibt es kein Dorf, nur den Hof eines Bauern. Er war der Bruder eines Hauptmanns des alten Königs, den die Piraten vor ein paar Monaten getötet haben. Ich glaube der Mann heißt Iffa. Iffa und sein Bruder, der Hauptmann, haben lange Zeit mit ein paar Seehändlern gute Geschäfte gemacht. Der Hauptmann war ein guter Händler und kannte viele wichtige Leute. Die Geschäfte liefen gut, bis sie gemerkt haben, dass sie mit Piraten Handel getrieben hatten. Iffas Bruder bekam es dann mit der Angst zu tun, denn wenn man das in Visby hören würde, dann würden ihm das die Bürger und Händler sehr übel nehmen und mit ihm keine Geschäfte mehr machen wollen oder ihn gar anklagen. Als er sich weigerte, weiterhin Geschäfte mit ihnen zu machen, erschlugen sie ihn und seine Männer. Aus Angst, das gleiche Schicksal wie sein Bruder erleiden zu müssen, übernahm Iffa dann die Geschäfte." Peter schaute Olovson an. In dieser Nacht konnte er sein Gesicht nicht richtig sehen, aber er meinte, so etwas wie Schmerzen in seinen Augen und in seiner Stimme zu erkennen. "Du kanntest den Hauptmann und seinen Bruder?" fragte er ihn. "Ja ich kannte beide gut. Ehrliche Leute, der Hof war reich, weil alle Knechte und die beiden Herren fleißig waren. Sie machten aus Kalk und Holzkohle und ein paar Pflanzen Farbe. Das Pulver füllten sie in Säcke.  Der Hauptmann hatte eine gute Knorr und fuhr immer wieder an die Küste drüben bei den Letten und verkaufte dort das Pulver oder tauschte es gegen Eisen ein. Sie hatten auch viele Schafe und die Wolle konnten sie dort auch verkaufen. Das Eisen verkaufte er dann an diese Piraten, bis er merkte, zu was die das Eisen verwendeten. Die machten Pfeilspitzen und Schwerter daraus. Ich weiß das, weil ich die Schmiede im Lager gesehen habe. Die waren verdammt gut im Schmieden. Die Piraten wussten sehr wohl, dass sie nicht alles nur rauben konnten. Und es war ihnen manchmal zu gefährlich, selbst Handel zu treiben. Sie fürchteten immer, dass sie erkannt würden. Also mussten sie andere für ihren Handel einsetzten. So wie den Händler in Visby und seine Kumpanen. Einen seiner Helfer haben wir ja nun bei uns."

 

Peter dachte nach. Wenn diese Piraten so ein gutes Netzwerk an Kumpanen, Spionen und Händlern hatten, wem konnte er denn noch trauen. Denn wer außer den Piraten selbst kannte denn die Namen und Gesichter ihrer Unterstützer? Sophia schien seine Gedanken lesen zu können, denn sie sagte ganz leise zu ihm. "Wem können wir noch trauen? Wo ist der ehrliche Handel und wo beginnt der Diebstahl, der Raub und die Piraterie? Brauchen die ehrlichen Händler die Lumpen und darum die Beutelschneider die Händler? Und nun ist man der Piraten überdrüssig und versucht ihnen allen den Kopf abzuschneiden."