Kapitel 39

28. März 1216 in der Olsenburg

 

Heinrich und Richard hatten nicht erwartet, dass sich die ganze Burgbesatzung auf sie stürzen würde, aber da kamen sie, angeritten, gelaufen und alle schreien aus Leibeskräften. Sie waren auf den kleinen Schildwall so konzentriert, dass sie nicht sahen, dass sich eine Pferdelänge vor ihnen auf einmal ein Seil spannte. Fast zwei Mann hoch zog es sich über den Weg von der Burg ins Tal. Die Pferde konnten gerade noch darunter durch, aber die Reiter erwischte es. Heinrichs Konstruktion hielt, was er sich davon versprochen hatte. Die ersten Reiter wurden aus den Sätteln geworfen, die Pferde rannten weiter, sie suchten sich die Lücke am Schildwall und fanden die Freiheit. Die Nachfolgenden Reiter trampelten ihre eigene Leute, die am Boden lagen oder die Pferde wurden von den stürzenden Reitern getroffen. Ein Chaos entstand, das noch durch die zweite Falle Heinrichs vergrößert wurde. Das Seil über den Weg war nicht fest an Bäumen festgebunden, sondern hing in Astgabeln fest und die Enden der Seile waren an Balken festgemacht, die lose auf dem Boden lagen. Die Gewalt, mit der die Reiter gegen die Seile geritten waren, riss die Balken nach oben. Sie flogen den nachfolgenden Reitern und den Söldnern, die zu Fuß folgten, von der Seite in den Weg. Und wieder wurden Pferde, Reiter und Männer zu Fuß zu Boden gerissen. Der Angriff kam ins Stocken. Nun wurden die Angreifer mit Speeren, Pfeilen und Bolzen überschüttet. Kaum war der letzte Pfeil niedergefahren, wurden die Männer von den Ordensleuten angegriffen. Schilde, Schwerter und Beile begannen ihr Werk. Die schon am Boden Liegenden bekamen die Schilde von oben herab zu spüren, die anderen wurden mit den Schlagwaffen attackiert. Es dauerte lange, bis sich die Burgbesatzung gefangen hatte und sich erneut formieren konnte, aber mit dem Mut der Verzweiflung wehrten sie sich. Die Lautstärke einer Schlacht ist gewaltig. Eisen auf Eisen, Schmerzensschreie und Wutgebrüll, wiehernde Pferde und manchmal konnte man sogar einen Befehl hören.

 

Sechs Männer des Ordens und zwei der Männer, die Heinrich treu ergebenen waren, waren bereits in die Burg eingedrungen. Dort stellten sich ihnen vier Männer entgegen, die wurden aber schnell niedergemacht und entwaffnet und so konnten sie das Tor sichern und eventuell Zurückkommende der Burgbesatzung abwehren.

 

Was nun geschah war unfassbar. Beide Seiten kämpften sich in einen Rausch der Gewalt. Richard konnte seinen Männer nichts mehr befehlen. Er musste zusehen, wie bereits schwer Verletzte oder auch tote Männer am Boden liegend mit den Schwertern zerstückelt wurden. Männer, die sich ergeben wollten und die Waffen wegwarfen, wurden mit gezielten Hieben die erhobenen Hände abgetrennt. Als Richard versuchte, einen seiner Ordensbrüder daran zu hindern, einen Knieenden zu erschlagen, griff ihn dieser sogar an. Mit einem gewaltigen Hieb seines Streitkolbens schlug er den Mann nieder. Heinrich hatte sich inzwischen einen Eichenknüppel geholt und schlug damit auf die Kämpfenden ein, riss Männer aus den Kämpfen heraus, brüllte sie an. Die Burgbesatzung war längst besiegt, aber einige kamen aus ihrem Rausch nicht heraus. Zwei von Richards Sergeanten begleiteten ihren Anführer und begannen sogar eigene Leute mit Seilen zu binden, um sie zu beruhigen.

 

Einige Leute der Burgbesatzung waren fast bis zum Turm durchgebrochen. Dort wurden sie mit gezielten Pfeil und Armbrustbolzen empfangen. Frida, Constanze und ihre beiden Kinder konnten gut mit diesen Kriegsgeräten umgehen und so war auch dort kein Durchkommen für die Flüchtenden. Gregor stand mit den Söhnen der geflohenen Olsenburgknechte vor dem Turm und und machten sich auf einen Nahkampf bereit, aber der letzte Flüchtende, der unverletzt blieb, warf die Waffen weg und sank auf die Knie. Die anderen fünf waren verletzt und konnten nicht mehr weiter, auch sie hatten schon die Waffen niedergelegt und hockten auf dem Boden.

 

Die Schrei des Kampfes ebbte langsam ab, man hörte meist nur noch Schmerzensschreie, Befehle die gerufen wurden und manchmal noch das Wiehern eines Pferdes. Der Kampf war offensichtlich zu Ende. Otto stand mit dem Bogen in den Händen wie erstarrt da und schaute vom Turm herunter auf den Kampfplatz. Er war totenbleich und wirkte wie gelähmt. Constanze ging zu ihm und musste ihn kräftig schütteln, bis er endlich aus seiner Erstarrung erwachte. Sie führte ihn nach unten und übergab ihm einen Holzbottich mit Wasser. "Geh und bring den Leuten Wasser. Ich fülle noch zwei Krüge mit Wasser und komme hinter dir her." Otto marschierte los, offensichtlich hatte er sich gefangen und eilte bis zum Kampfplatz vor der Burg. Je näher er dem Platz kam, um so mehr ekelte es ihm. Es stank nach Blut, Erbrochenem, Exkrementen, Pisse, Schweiß, der Weg war mit allem, was man nicht sehen wollte, bedeckt. Abgehackte Hände, ein Kopf, schreiende menschliche Körper lagen da, erschöpfte, wimmernde Männer saßen zusammengesackt. An ihm vorbei wurden Pferde mit furchtbaren Verletzungen geführt, Männer mit gebundenen Händen und mit Seilen um den Hals folgten den Pferden. Heinrich stand in der Mitte des Chaos und schrie Befehle, packte den einen oder anderen kräftig an und schubste ihn. Als er Otto sah, eilte er auf ihn zu und umarmte den Freund kurz und dann hielt er ihn an seinen Händen fest. "Wir leben Otto, wir leben. Das ist das wichtigste von allem!" Dann deutete er auf einen Baumstamm am Rande des Weges hin, wo Richard saß. Vor ihm lag ein lebloser Körper. "Ein Freund aus seiner Kindheit. Er hat ihn selbst mit seinem Streitkolben erschlagen. Er konnte ihn unter dem Helm nicht erkennen. Ich habe versucht, ihn zu trösten, es war ja im Kampf, aber es gelingt mir nicht. Und nun muss ich hier für Ordnung sorgen. Ich lasse die Verletzten in den Burghof bringen. Vier der Ordensleute haben das Heilen gelernt, aber ich hoffe, dass Frau von Breitenbach bald kommt, sie ist etwas geschickter darin, denn die vier sind noch vom Kampf ganz erregt und ich fürchte, dass sie mehr Schaden anrichten als zu heilen." Otto nahm seinen Eimer wieder auf und ging zu Richard. Der reagierte nicht auf Otto, da nahm der den Eimer hoch und übergoss den Anführer der Ordensleute mit dem kalten Wasser. "Richard, du bist der Anführer der Ordensleute, du bist ihr Hauptmann. Es ist deine Aufgabe, hier für Ordnung zu sorgen. Für Wut und Trauer haben wir später Zeit. Jetzt ist es Zeit, für die Überlebenden zu sorgen." Ottos Wasserattacke hatte seine Wirkung, Richard stand auf und beachtete den toten Körper seines ehemaligen Freundes nicht mehr. Er eilte auf Heinrich zu und rief für alle hörbar laut. "Heinrich von Olsen, gehe in deine Burg, nimm sie in Besitz." Dann sorgte er weiter für Ordnung.

 

Heinrich und Otto gingen zur Burg. Dort hatten sich seine Leute, die vorher schon zu ihm übergelaufen waren und die Familie des Aschaffenburgers versammelt. Constanze war schon bei den Verwundeten, um sie zu versorgen und Wasser zu verteilen. Frau von Blau und Gregor waren dabei, die Burg mit dreien der Ordensleute zu besichtigen. Sie suchten nach versteckten Männern, die ihnen gefährlich werden könnten. Lorentz brachte den Herrn Grafen und Heulmama mit den Welpen mit. Er führte sie fest an sich mit Stricken zur Burg hinein. Sie sollten kein Blut lecken oder sich an Toten gütlich tun.

 

Am Palas der Burg fand er ein paar Eisenringe, die wohl dazu gedient hatten, hier Pferde fest zu machen und band die Seile der Vierbeiner dort fest.

 

Sobald Gregor oder die anderen, die die Burg durchsuchten, jemanden fanden, schickten sie diese Leute in den Burghof, nicht ohne es Heinrich zuzurufen, der in der Mitte des Hofes beim Brunnen stand. Drei Mägde und vier Frauen, deren Aufgaben ihnen ins Gesicht geschrieben war, wurden zu Heinrich geschickt. Heinrich befragte die Mägde sogleich, nach Verstecken oder anderen Besonderheiten, die ihm und den Seinen zum Verhängnis werden könnten. Es gab keine weiteren Kämpfer mehr in der Burg, nur im Verlies sollten noch ein paar Leute eingesperrt sein, aber man wisse nicht, ob sie noch leben würden, denn seit einer Woche gebe es kaum noch Nahrung in der Burg. Nun war es Heinrich auch klar, warum sie so schnell angegriffen worden waren. Der Burgbesatzung war die Nahrung ausgegangen und einer Belagerung hätten sie nicht lange genug widerstehen können.

 

Heinrich und Richard zogen los, um nachzuschauen, wer da im Verlies gefangen gehalten wurde. Der Herr von Olsen kannte den Weg gut, denn gleich neben dem Verlies, das eher eine kleine Kellerkammer war, befand sich der Weinkeller. Schon auf den Stufen nach unten nahmen sie den Geruch von Verwesung wahr. Die Tür zu der Kammer war mit einem Eisenhaken gesichert. Sie hatten Fackeln mitgebracht und Richard wollte den Haken wegdrücken, als ihn Heinrich daran hinderte. "Hörst du das? Das Fipsen da drin." Dann klopfte er heftig an die Tür und fragte, ob hier jemand sei. Ein Vielfaches an Fipsen war die Antwort. "Ratten, Massen an Ratten. Da lebt niemand mehr." Richard hatte das gehört, aber es war ihm schwergefallen, das auszusprechen. "Wir können die Tür nicht aufsperren, die Ratten rennen raus und verteilen sich in der Burg. Wir müssen das Nest hier ausräuchern. Aber wie?" Die Frage, ob da drin noch jemand leben könnte, stellte er sich besser nicht.

 

Otto hatte eine Lösung. Heinrich hatte ihm das Verlies beschrieben, ein Luftschacht führte nach draußen und endete dort mitten in der Felswand unterhalb des großen Burgfried. Von dort mussten die Ratten ihren Weg in die Kammer gefunden haben. Die Tür zum Verlies ging nach innen auf, also konnte man vor der Türe eine Feuerwand aufbauen. Stroh und Holz wurden vor der Türe niedergelegt. Zwei Krüge mit Öl stellte man vor der Türe bereit, Richard entzündete das das Feuer und schob dann die Tür auf. Die Ratten wollten nicht durch das Feuer flüchten und blieben im Raum. Dann warf er die Krüge mit dem Öl hinein und Fackeln hinterher. Der Raum wurde durch das Feuer erhellt. Brennende Ratten rannten hin und her und die, die noch konnten, versuchten die Wand nach oben zu dem Luftschacht zu kommen und zu fliehen. Wenigen gelang das. Durch das Feuer sah man Lumpen, Körper und Holz brennen, es stank furchtbar. Das Verließ war in den Fels gehauen und außer der Türe und einer Bank war alles aus Stein oder Felsen. Mit ein paar eisernen Haken schob man das vor der Tür entzündete Holz und Stroh in den Raum. Man ließ das Feuer einige Zeit in dem Kellerloch wüten, bis man die Türe mit Wasser übergoss. Sie sollte kein Raub der Flammen werden. 

 

Inzwischen war es dunkel geworden und überall brannten Feuer, Fackeln waren entzündet worden und es wurde merklich kühler. Alle Verwundeten waren noch nicht versorgt, aber die mit den schwersten Verletzungen waren, soweit es ging, behandelt worden. Die Ordensleute waren sehr geschickt darin und Frau von Breitenbach konnte in den wenigen Stunden sehr viel von diesen Männern lernen. Die drei Mägde hatten sich schnell mit den neuen Machtverhältnissen abgefunden und gingen zuerst Constanze hilfreich zur Hand. Die vier Frauen, deren Gewerbe man in der Situation nicht benötigte, wurden mit den leicht oder auch unverletzten ehemaligen Burgbesatzern zusammengebunden und mussten im Burghof auf dem Boden Platz nehmen.

 

Berthold und seine Frau kümmerten sich in der Küche darum, dass genügend heißes Wasser vorhanden war und seine Schwägerin suchte alles an Nahrungsmittel oder wenigstens Essbarem zusammen um die vielen hungrigen Mäuler zu stopfen. Die drei Mägde,  Evlina, Carollina und Berta kannten sich in der Burg gut aus und so war bald für jeden wenigstens eine Handvoll Essbares bereit.

 

Trotz der Dunkelheit und obwohl alle sehr erschöpft, waren kehrte keine Ruhe ein. Die vielen Verletzten stöhnten, manchmal schrie auch einer - es ließ keinen Schlaf zu. Es war zu laut in der Burg. Otto und Lorentz schlugen noch einmal ihr Nachtlager im Turm auf. Irgendwann in der Nacht kamen noch Gregor und Frida dazu. Frida war so aufgewühlt, dass sie sich viel warmes Wasser machte , sich die Kleider vom Leibe riss und wusch. Ohne nachzudenken, hatte sie alle Kleider derart zerrissen, dass sie danach keines der Gewänder anziehen konnte. Otto gab ihr etwas von seinen Kleidungsstücken, denn sie waren gleich groß und von der Statur her sehr ähnlich, außer dass Frida eine etwas breitere Hüfte hatte als er. Weit nach Mitternacht kehrte im Turm dann endlich Ruhe ein.

 

29. März 1216 beim Turm vor der Olsenburg     

 

Schon früh wurden die Wagen mit Verpflegung und den Ochsen auf die Burg gebracht. Heinrich wollte so schnell wie möglich die Burg bewohnbar machen und wichtig war die Versorgung der Menschen.

 

Schon sehr früh war der Herr Richard mit fünf seiner Sergeanten und drei Rittern losgezogen, um das Schlachtfeld nochmals zu besichtigen. Sieben Gefangene mussten sie begleiten, die hatten die Aufgabe, alle Toten zusammenzutragen und nebeneinander zu legen. Erst jetzt stellte Richard fest, dass er zwölf seiner Männer verloren hatte und in der Burg lagen nochmals zwölf seiner Leute verletzt. Wobei er bald feststellen musste, dass zwei seiner Ritter fehlten. Sie waren weder bei den Toten noch unter den Verletzten oder sonst irgendwo zu finden. Die ehemalige Burgbesatzung hatte zwanzig Männer verloren, sechzehn lagen schwer verletzt in der Burg, der Rest von ihnen war mehr oder weniger auch verletzt. Unter den Toten befand sich auch der Halbbruder von Heinrich und was man mit Erschrecken feststellte, es waren unter den Toten auch drei Frauen, die sich als Männer verkleidet hatten und sich am Kampf beteiligten. 

 

Otto besichtigte das Umfeld der Burg mit Lorentz, Gregor und Frida. Auf drei Seiten war die Burg auf steile Felsen gestellt und nur auf der Torseite führte ein Weg nach oben. Ein Bach floss auf der Tor abgewandten Seite der Burg unterhalb des Felsens vorbei. Die vier brauchten sehr lange, bis sie auf dieser Seite ankamen. Sie folgten dem Pfad einige Zeit, bis sie zu einem kleiner hölzerner Steg kamen, der über den Bach angelegt war. Der Pfad auf der anderen Seite war genau auf der Talsohle, recht von ihnen war der Bach, und dann waren da die hohen Felsen bis zur Burg. Links stieg das Gelände an und war felsig mit sehr viel Gebüsch dazwischen. Otto erkannte gleich, dass dieser Pfad sehr oft benutzt worden war, denn es gab dort viele frische Fußspuren und der Weg war nicht mit Gestrüpp überwuchert.

 

Otto fragte seine Begleiter, ob sie diesen strengen und fauligen Geruch auch wahrnehmen könnten. Alle drei nickten und dann sahen sie schon, woher der Gestank kam. Sie waren jetzt unterhalb des Bergfrieds angekommen, vor ihnen sahen sie einen Berg aus Müll, Abfällen und dort bewegte sich etwas. Als sie näher kamen sahen sie, dass dort Ratten und Mäuse über die Anhäufung aus Unrat rannten. Noch blieb der Unrat an den Felsen und dem Gebüsch liegen und war noch nicht ins Wasser des Baches abgerutscht. Alle bedeckten ihre Nasen und die Münder mit Tüchern und wollten an der Stelle vorbeilaufen. Fast hatten sie die Stelle hinter sich gelassen, als sie sahen, dass dort auch weiße Tücher lagen. Lorentz wollte schon über den Bach springen, um diesem weißen Etwas näher zu kommen, als ihn Otto am Arm festhielt. "Bleib da. Das sind keine weißen Tücher, da liegen Menschen. Siehst du die Hand dort und die Stiefel? Das könnten die verschwunden Ordensritter sein. Bitte laufe schnell zu Richard und hole ihn." Dann sahen es alle, als sie den Müll etwas genauer anschauten. In den weißen Gewändern steckten Pfeile.

 

Fortsetzung folgt