Kapitel 37

27. März 1216 im Turm vor der Olsenburg

 

Kurz vor dem Mittag hatten die Späher sie entdeckt. Drei Reiter, zwei Wagen von Ochsen gezogen und zehn Männer zu Fuß. Alle gut bewaffnet, selbst die Treiber und Lenker der Ochsenwagen waren bewaffnet. Heinrich und Richard stellten ihr Männer zusammen. Sie hatten lange geplant und auch das Gelände erkundet. Der Angriff musste so erfolgen, dass die Männer in der Burg sie nicht sehen konnten. Wenn sie im Kampf mit der Verstärkung waren, konnten sie sich nicht auf die Burg konzentrieren. Also schlichen sie über das Plateau hinter dem Turm in Richtung Westen zu dem Hohlweg, den sie für den Angriff herausgesucht hatten. Rechts von dem Weg durch den Wald erhob sich ein kleiner Hügel, den man von dem Weg aus nicht besteigen konnte. Dort wurden die Bogenschützen postiert. Etwas mehr als zweihundert Schritte in Richtung Burg und Turm bildeten die Ordensleute mit Schildern und zwei Holzstämmen, die man über den Weg gelegt hatte, ein Barriere. Niemand durfte die Burg erreichen. Auf der Olsenburg sollten alle daran glauben, dass sie noch Verstärkung bekommen würden.

 

Otto war mit sechs Männern und den Frauen und Kindern beim Turm geblieben. Seine Aufgabe war es, sich so zu verhalten, als ob alle noch beim oder im Turm waren. Zudem musste er das Burgtor beobachten. Niemand sollte die Burg ungesehen verlassen dürfen. Gregor, Lorentz und Frida hatten sich ein Versteck auf Schussweite vor dem Burgtor gesucht. Jeder der die Burg verlassen wollte, musste daran gehindert werden.

 

Der dichte Wald und die Lage des Weges sollte verhindern, dass der Kampflärm zur Burg dringen sollte.

 

Die sechs Mann beim Turm und die Kinder marschierten immer wieder vor dem Turm hin und her. Wechselten die Umhänge - so sollte das Bild von vielen unterschiedlichen Menschen beim Turm entstehen. Dann holte man immer wieder Pferde aus der Koppel und führte sie ein Stück des Weges zur Burg entlang und wieder zurück.

 

Die Wachen auf den Türmen der Burg beobachteten das Treiben zwar argwöhnisch, aber niemand kam auf den Gedanken, dass das alles nur ihrer Ablenkung diente. 

 

Kaum hatte die Kolonne mit den Reitern, Wagen und den Kriegern zu Fuß den Hügel am Hohlweg erreicht, wurden sie ohne Vorwarnung beschossen. Die Knechte bei den Wagen waren die ersten, die fielen. Absichtlich wurde einer der jeweils vier Ochsen vor dem ersten Wagen verletzt. Voller Wut, Schmerz und Zorn zog der nun mit einer Gewalt an den Seilen und Lederbändern, die ihn mit dem Wagen und den anderen Ochsen verband, dass er die beiden Söldner vor ihm niederriss und den Wagen zum Kippen brachte. Die drei anderen Ochsen waren nun so verwirrt, dass zwei versuchten nach hinten zu drängen und den Wagen so wegzogen, dass er quer zum Weg zu liegen kam. Der Wagen dahinter blieb stehen, weil die Ochsen in eine lähmende stoische Ruhe verfielen und sich nicht mehr rührten. Die Söldner konnten ihre Kampfkraft nicht entfalten und versuchten einzeln, dem Chaos zu entkommen. Am Ende des Weges wurden die drei Reiter bereits erwartet und von ihren Pferden gerissen, ohne dass sie sich wehren konnten.

 

Als die unverletzten Söldner sahen, dass es für sie kein Entkommen gab und sie den Kampf nicht gewinnen konnten, legten sie die Waffen nieder und ergaben sich. Die vier Wagenknechte waren alle tot und drei der Söldner ebenfalls. Die Reiter waren verletzt sowie zwei der Bewaffneten. Alle Überlebenden ließ Heinrich binden und einen Knebel in den Mund schieben. Er wollte vermeiden, dass einer zu schreien begann und die Burgbesatzung darauf aufmerksam wurde, was da gerade geschehen war.

 

Die Toten wurden bis auf ein Leibtuch alle entkleidet und hinter ein paar Baumstümpfen unter dem Laub versteckt. Um sie zu beerdigen war keine Zeit. Man würde das später machen müssen.

 

Der verwundete Ochse brüllte nicht mehr, nachdem ihm der Pfeil aus seiner Flanke gezogen worden und die Blutung gestillt war. Bis an den Waldrand wurden die Gefangenen gebracht. Man würde sie erst in der Dunkelheit zum Turm bringen. Niemand aus der Burg sollte sehen, dass die erwartete Verstärkung nicht kommen würde. Heinrichs und Richards Plan war es, sich als Verstärkung auszugeben und sobald das Burgtor geöffnet war, die Burg zu erstürmen.

 

Es war schon später Nachmittag, als die Gefangenen aufgefordert wurden, sich zu erheben. Einzeln mussten sie sich entkleiden. Sobald sie bis auf ein Tuch und ein Hemd entkleidet waren, wurden sie wieder gefesselt. Einzeln und sehr vorsichtig ging man mit den Gefangene um. Niemand in der Burg sollte etwas hören und sehen. Der letzte, dessen Fesseln man löste, war der Hauptmann. Ein mittelgroßer, aber sehr kräftiger Mann, etwas kleiner als Heinrich. Heinrich sollte dessen Wams und Helm am kommenden Tag tragen und so war er dabei, als der Mann entkleidet wurde. Auf keinen Fall sollte der Wams mit den Farben der Braunschweiger beschädigt werden. Der Mann zog sich den Wams über den Kopf und sein Kettenhemd wurde gelöst. Als er nur noch mit einer Hose bekleidet und sein Oberkörper mit einer wattierten Jacke bedeckt war, begann der Mann heftig zu werden. Er riss sich aus Verzweiflung den Knebel aus dem Mund. Heinrich ließ ihn gewähren, denn ersticken sollte der Mann nicht, vielleicht konnte man aus ihm noch einige Informationen herauspressen. Dann geschah etwas, womit man eigentlich nicht gerechnet hatte. Der Mann riss einem seiner Wächter einen Dolch aus der Scheide und erstach ihn. Alle waren kurz erstaunt über die Tat und der Hauptmann nutzte diese paar Wimpernschläge der allgemeinen Erstarrung und rannte den Weg zur Burg hin los. Er brüllte laut und für alle hörbar. "Verrat. Die Verstärkung ist überfallen worden. Öffnet mir das Tor. Verrat." Natürlich wurden alle auf der Burgmauer aufmerksam, auch wenn man dort nicht alles verstand, was der Mann da schrie. Noch einhundertfünfzig Schritt bis zum Tor. Niemand sah den schnellen Schatten im Dämmerlicht, der dem Mann folgten. Bis er aus den Halbschatten der Bäume und Büsche herausrannte und zu Boden gerissen wurde. Der Herr Graf hatte erkannt, dass da etwas nicht nach dem Willen seiner Herren vorging. Gefolgt von der Wölfin und den inzwischen große gewordenen Welpen brachte erst der große schwarze Hund den Mann zu Fall und dann waren die Wölfe bei ihm. Die Schrei des Mannes, die zu hören waren, gingen selbst den härtesten Männern durch Markt und Bein. Lorentz und Otto, die den Tieren gefolgt waren, konnten sie nicht dazu bringen, von dem Hauptmann abzulassen. Erst als es Otto gelang, den Herrn Grafen wegzuziehen, beruhigten sich auch die Wölfe und folgten ihrem Leittier zurück zum Turm.

 

Constanze machte Otto bittere Vorwürfe wegen seines leichtsinnigen Verhaltens. "Du kannst doch nicht eine Bestie, die im Blutrauch ist, einfach wegziehen. Wenn diese Tiere sich im Kampf befinden, lassen die sich nicht einfach beruhigen. Du hast dich sinnlos in Gefahr gebracht." Dann umarmte sie ihn kurz, sehr kurz und wandte sich mit Tränen in den Augen ab. Otto war sich seines Leichtsinns nicht bewusst.

 

Die Leiche wurde geborgen und ebenfalls zum Turm gebracht. Gregor und Richard schauten sich den geschundenen Körper an. Die Hände, Arme und die Beine zeigten tiefe Bisswunden, aber keine davon konnte tödlich gewesen sein. Woran war dieser Mann gestorben. Geknebelt und gefesselt wie ihre Gefangenen waren, wurden sie an dem Leichnam vorbeigeführt und in die Höhle hinter dem Turm gebracht.

 

"Unser Plan mit der Verkleidung und dem offenen Burgtor müssen wir nun begraben. Da werden wir uns etwas anderes einfallen lassen müssen. Was machen wir mit den Gefangenen. Wir können sie nicht hier behalten. Wir sind zu wenige, um sie ständig zu bewachen. Ich wüsste auch nicht, wohin wir sie bringen sollten? Ich habe auch keine Lust sie zu füttern." Richard hatte recht, dachte sich Heinrich, als er das von ihm hörte. Er hatte auch keine Idee, was man mit den Gefangenen machen sollte. Lösegeld bekam man für diese Männer auch nicht. In Freundschaft in ihren Reihen aufnehmen würde auch nicht funktionieren. Sie hatten keine Zeit, sie dazu kennen zu lernen. Es waren Braunschweiger, eingeschworene Feinde der Staufer und damit auch seine.

 

Die Gefangenen wurden mit Wasser versorgt, mehr bekamen sie nicht.  Müde, hungrige und gedemütigte Gefangenen waren besser zu beaufsichtigen, dachte sich Heinrich und stellte zur Bewachung die alten Gefolgsleute seines Vater ab. Der Herr Graf legte sich mit seinem Rudel am Eingang zur Höhle nieder. Der Anblick der Bestien reichte wahrscheinlich schon aus, um jeglichen Gedanken an Aufstand und Flucht sterben zu lassen. 

 

Die Nacht verlief ruhig. Die Gefangenen baten immer wieder darum, ihre Notdurft verrichten zu dürfen und Richard gewährte ihnen die Bitte. Die Rechte auf Würde waren wohl trotz aller Kämpfe in seinem Kopf erhalten geblieben. Und so wurden sie einzeln nach draußen gebracht, wo sie etwas abseits ihre Notdurft verrichten konnten.

 

Die ganze Nacht über wurde das Burgtor von den Ordensrittern beobachtet. Nichts tat sich bis zum Morgengrauen, wo die bereits bekannte Ausfalltür aufging und sich dort zwei Männer heraus drängten. Sie warfen ihre Waffen hin und legten die Hände hinter ihre Hinterköpfe und gingen hintereinander den Weg im Dunkeln zum Turm hin. Kurz bevor sie zum ersten Feuerkorb kamen, wo sich sichtbar zwei Wachposten befanden, griff einer der beiden Söldner der Burg unter sein Gewandt und holte einen langen Gegenstand hervor. Das war ofensichtlich ein Zeichen für die Wachposten und die Männer, die sich links und rechts des Weges versteckt hatten, zu den Waffen zu greifen und die beiden niederzumachen. Sie kamen nicht dazu, etwas zu sagen oder Gegenwehr zu leisten. Im Licht der Fackeln stellte man fest, dass beide unter ihren Gewändern Messer und Morgensterne versteckt hatten. Dieser Angriff von nur zwei Männern war mehr als nur ungeschickt und dumm. Was bezweckte man mit dieser Tat, die vorhersehbar zwei Männern das Leben gekostet hätte? Bei der Burg hörte man, dass die Zugbrücke heruntergelassen wurde. Das Rasseln der Kette war zu laut, um überhört zu werden. Sofort gingen alle Wachen wieder auf Position und man sah im Licht der Morgendämmerung, dass man die Brücke nur zur Hälfte heruntergelassen hatte und nicht weiter. Dann wurde sie wieder hochgezogen.

 

Richard meinte, als er bei seinen Männern ankam und die beiden Leichen sah. "Die wurden herausgeschickt, um unsere Wachen abzulenken und einen Angriff aus der Burg vorzubereiten. Leider haben die wohl vergessen, dass so eine Zugbrücke sehr laut sein kann, wenn man sie herunterlässt. Wenn die dort auf den Türmen gute Augen haben, wissen die nun, dass wir uns links und rechts des Weges versteckt halten. Nun wissen die von uns , wo wir sind und dass wir kampfbereit sind. Legen wir die Toten auf den Weg zur Burg. Soweit  wir das - ohne von Pfeilen durchbohrt zu werden - tun können. Sie sollen ruhig sehen, was wir mit ihnen machen, wenn sie uns angreifen."

 

Als es hell war, sah Heinrich, dass Richard etwas aus seinem Gepäck holte. Einen breiten, sichtbar stumpfen Meissel aus Eisen und einen Hammer. Diese beiden Gegenstände legte er auf den Tisch im Turm, bedeckte sie mit einem Tuch und ging in die Höhle. Die Gefangenen waren nicht mehr geknebelt, aber alle gut gefesselt. Er löste jedem die Fesseln der Hände, die ihnen allen auf den Rücken gebunden waren und band sie vor ihrem Bauch wieder zusammen. Dann forderte er jeden auf, die Hände zu falten und mit ihm gemeinsam zu beten. Niemand störte ihn, aber Otto und Heinrich wunderten sich, was da vor sich ging. Als Richard aus der Höhle in den Turm kam, fragte ihn Heinrich, was er vorhatte und was sich da unter dem Tuch befand. "Unter dem Tuch mein Freund befindet sich der Erlöser. So nennen wir dieses Werkzeug. Ein Meissel aus Messing und ein Hammer aus Holz. Wir benutzen das für die schwer Verwundeten, denen niemand mehr helfen kann, um sie von ihren Leiden zu erlösen. Jeder kennt es und keiner will es sehen. Es ist meine Pflicht, die Leidenden zu erlösen. Eine schwere Pflicht und eine Sünde vor dem Herren. Jeder, den ich erlösen muss, hat das Recht, mit mir zu beten und wenn er will, auch zu beichten. Einer seiner Brüder muss ihm dann die Hände reichen und ihm helfen, damit er mit wenig Schmerzen den Weg ins Himmelreich antreten kann. Ich setze den Meissel demjenigen, der gehen muss, ans Genick an und breche mit einem Schlag den Wirbel durch. Das geht schnell und niemand muss lange leiden. Ich bete zu Gott, dass es mir dieses Mal wieder gut gelingt." Heinrich und auch Otto hatten ihm gut zugehört. Otto fragte ihn ängstlich. "Wer leidet denn hier und wen musst du erlösen?" Der Blick, den Richard Otto zuwarf, war kalt und er schien durch ihn durch zu gehen. "Ich gehe mit unseren Gefangenen vor die Burg und werde sie dort von ihrer Gefangenschaft befreien. Wir sind die Last der Bewachung los und zeigen der Burgmannschaft, dass wir konsequent handeln. Jeder, der sich uns nun widersetzt, kennt sein Schicksal. Ich will keine Menschenleben unnötig vergeuden. Wenn wir mit dem Tod dieser Männer erreichen, dass sich die Mannschaft dort ergibt, verschonen wir viele  Menschenleben bei uns. Diese Männer sind auf den Tod vorbereiten, wer ein Schwert trägt, muss damit rechnen, auch getötet zu werden. Ich will dies ohne Qual tun." Die Ordensleute wussten nun schon, was sie zu tun hatten.

 

Gefesselt und die Köpfe mit Tüchern bedeckt wurden die Gefangenen hinausgeführt. Otto wurde aufgetragen, wenn alle den Turm verlassen hatten, das Tor fest von innen zu verschließen. Nur Frida, Gregor, Frau von Breitenbach mit ihren Kindern, Lorentz und die Getreuen des alten Herrn von Olsen blieben mit Otto im Turm. Auch der Herr Graf mit seinem Rudel wurden eingesperrt. Oben vom Turm aus beobachtete Otto von Kratz was geschah. "Was mich wundert ist, dass ich nicht alle Ordensleute sehen kann. Wo sind die? Nur zwölf Deutsche Ritter mit fünf Sergeanten, den Gefangenen und den Herrn Heinrich und den Hauptmann Richard sehe ich. Und was haben die mit dem Holzblock vor, den die drei Knechte dort tragen vor?" Otto von Kraz sah drei Knechte hinter den Rittern und den Gefangenen mit einem großen Holzblock herlaufen. Dann wurden die großen Schilde der Ritter aufgestellt, quer über den Weg wie eine Barriere mit einem kleinen Durchgang in der Mitte. Genau dort wurde dann der Holzblock hingestellt.

 

Dann wurde es ruhig. Jeder meinte, den Herzschlag des anderen zu hören. Kein Vogel sang ein Lied, kein Wind bewegte die noch kahlen Äste. Nichts war zu hören. Dann wurde der erste Gefangene zum Holzblock gezerrt.  Davor musste er niederknien und den Kopf auf den Block legen. Mit einem Tuch wurde sein Genick bedeckt, dann setzte Richard den Meissel an und schlug zu. Der Mann musste sofort tot gewesen sein, denn die Sergeanten legten den leblosen Körper vor den Block auf den Weg zur Burg ab. Dann wurde der Nächste geholt und das Ganze wiederholte sich. Wieder und wieder tötete Richard die Männer lautlos und unerbittlich. Bis er zum letzten Mann kam. Da wurde die Zugbrücke mit einem rasselnden Laut schnell herabgelassen. Richard drehte sich um und sah das. Nur noch ein Mann stand oben auf einem Turm und schaute herunter zu ihm. Kaum hatte die Zugbrücke den Boden berührt, wurde das Burgtor aufgerissen und er sah Pferde auf die Zugbrücke zu laufen.

 

Das was er erreichen wollte, war nun geschehen. Die Burgbesatzung griff ihn an. Sie stürmten aus der Burg heraus. Er schüttelte nur den Kopf, denn sie verließen die Sicherheit der hohen Mauern.

 

Fortsetzung folgt