Kapitel 35

20. März 1216 in Michelstadt

Richard begann etwas geheimnisvoll leise zu sprechen. Heinrich und Otto mussten sich sehr konzentrieren, um zu verstehen, was Richard ihnen zu berichten hatte. "Mein lieber Heinrich, dein Halbbruder und seine Bastardenfamilie haben sich mit den Braunschweigern verbündet. Wir haben beobachtet, dass schon ein paar Mal Boten aus dem Norden auf der Burg zu Besuch waren. Und was sehr auffällig war, dass mehrere Wagen im Herbst zur Burg unterwegs waren. Von einem der Leute, die deinem Vater noch treu ergeben waren, haben wir erfahren, dass dort Waffen und Nahrung für über dreihundert Kämpfer angesammelt wurden. Was treibt einen Mann, dem es gut geht und der die Sicherheit der Staufer genießen darf dazu, sich mit dem Braunschweiger zu verbünden?" Heinrich musste nicht lange überlegen. "Die Krankheit der Macht. Wer ein klein wenig Macht hat und diese nur halten kann, wenn er sie vergrößert, der muss sich Verbündete suchen, die ihm helfen. Mein Stiefbruder ist schwach, so wurde mir berichtet. Er ist grausam zu den Seinen und eifert einem Vorbild nach, dem er nicht gewachsen ist. Er ist eitel und hat die falschen Ratgeber, er ist sicher nicht dumm, aber man muss schon ein aufrichtiger und kluger Mensch sein, um die Geschäfte von einer Burg und einigen Dörfern richtig zu führen. Mein Vater war eine starker, kluger Ritter. Er machte aus dem Stück Erde, das er hatte, ein kleines Paradies. Niemand musste hungern, die Worte „Gerecht“ und „Gottesfürchtig“ waren an den Toren der Burg mit eisernen Buchstaben angeschlagen. So handelte er auch. Deshalb wurde er auch immer reicher und die seinen damit auch. Der Staufer belohnte ihn mit Land im Osten. Er führte keinen sinnlosen Kriege oder Fehden gegen Nachbarn. Ich weiß von vielen seiner Hörigen, dass sie ihm gerne dienten. Er hatte nur eine Leidenschaft und das waren schöne Frauen.

Er konnte keinem jungen Schoß widerstehen, dabei liebte er meine Mutter sehr. Phillip der Schwabe meinte einmal zu ihm, dass er eines Tages ein eigens Königreich errichten könne und das nur mit seinen eigenen Nachkommen, so zahlreich seien sie. Meine Brüder und ich sind ins Heilige Land gezogen und die Burg ging dann an einen meiner Stiefgeschwister. Ich kann mich noch an den letzten Brief meines Vaters erinnern, der mich lange nach seinem Tode erreichte. Dort beschreibt er sein neues Weib als heißblütig aber dumm, machthungrig aber schön. Er könne ihr nicht widerstehen und er meinte, sie habe ihn behext. Er wünschte sich, dass ich zurückkommen solle. Er schrieb mir auch, dass er ein Testament gemacht habe, das besagte, dass nur ich erben könne und wenn ich nicht mehr aus dem Land der Sarazenen zurückkommen würde, solle alles Land an die Staufer übereignet werden. Leider weiß ich nicht, wo das Testament ist. Sicher ist nur eines, mein Stiefbruder wird das kleine Paradies zu Grunde richten. Die Verbrüderung mit dem Braunschweiger ist eine Gefahr für die Staufer und die Burg mit allen Menschen, die dazu gehören."

 

Richard nickte. "Ja diese Krankheit des Hungers nach Macht hat schon vieles zerstört. Reiche gingen unter und immer mussten die einfachen Menschen darunter leiden. Und das alles unter dem Blicken und dem Augenmerk der heiligen Kirche. Auch hier herrscht diese Krankheit, sie ist unter den Mächtigen unheilbar. Selbst wir im Orden kämpfen jeden Tag gegen diese Versuchung an - und manchmal gewinnen wir und manchmal verlieren wir. Wir predigen die Liebe Gottes zu den Menschen und dann erschlagen wir sie. Die Liebe und die Menschen. Ich bin noch im Orden, weil ich hoffe, dass mein Tun etwas Linderung in das Bild der Krankheit bringen kann. Genug der Dispute mein Freund. Es geht um deine Burg."

 

Heinrich musste schwer schlucken, denn nun tauchten viele traurige und gute Erinnerungen vor seinen Augen auf, die er schon lange verloren glaubte. Richard tippte Heinrich mit seinen Fingern an, um ihn aus seinen Träumen zu befreien. "Höre genau zu. Der Orden hat eine Vereinbarung mit den Staufern bezüglich solcher Umstände, die es leider im Reiche zuhauf gibt. Ich soll und darf dich bei deinem Kampf um die Burg unterstützen. Der Orden hat beschlossen, für die neuen Ritter und Kämpfer solche Angelegenheiten als Übungskampf zu bezeichnen, damit wir unserem Eid und den Gesetzen nicht widersprechen. Dass es dabei zu Unfällen kommen kann, nimmt man in Kauf. Diese Unfälle sind vor allem diese, dass alle Führenden bei dieser Übung auf der gegnerischen Seite nicht überleben dürfen. Das bedeutet, dass dein Stiefbruder und dein Stiefschwestern sowie die Bastarde, die wir finden, getötet werden müssen. Zudem musst du den Angriff leiten. Der Lohn für den Orden ist, dass unsere Leute an lebenden Rittern und Kämpfern üben dürfen, du musst sie auch versorgen und ein Stück Land im Osten, das wir zu erobern gedenken, bekommen wir auch dafür. Gebrauche nicht das Wort Söldner für unsere Kämpfer, das macht mich sonst wütend. Du musst damit auch einverstanden sein, dass so gehandelt wird."  

 

Otto schaute Richard etwas verwundert an. Was er da gerade zu hören bekommen hatte, ließ ihn erschaudern. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Um was ging es bei diesem Gespräch eigentlich? Um den Erbanspruch von Heinrich, um einen Ritter, der mit einem König sympathisierte. Das war doch sein gutes Recht, oder war es das nicht? Und wenn man von Macht spricht, so muss man sich fragen, wer oder was rechtfertigt einen Machtanspruch eigentlich? Die Kirche, das Gesetz, die Anzahl der Krieger und Waffen, die Zeit oder was? Die Natur hatte ihre eigenen Regeln? Der Mensch baute sich neue auf. Macht über andere zu haben, schien etwas außergewöhnlich Erstrebenswertes zu sein. Ging es früher um die besten Jagdgründe oder Frauen, warme Schlafplätze, die besten Ackerböden, um was ging es heute denn? Jede Gemeinschaft brauchte einen Anführer, einen der alle antrieb, die Gemeinschaft zusammenhielt, was waren das aber heute für Menschen, die sich über andere erheben, nach Geburtsrecht oder auch mit dem Recht des Glaubens. Es wurde eine gottgewollte Ordnung auserkoren, die alles rechtfertigte, was die Lenker und Anführer taten. Und nun befand er sich in einem Zwiespalt, einem Konflikt seines Gewissens. War das rechtens, was die beiden da vorhatten? Otto wusste es nicht. Was ihm blieb war einfach - er entschied sich für die Freundschaft zu Heinrich. "Wie lange brauchen wir zur Burg? Und wie viele Männer stehen uns zur Verfügung?" Heinrich und Richard schauten Otto an, denn solche Fragen hatten sie nicht von ihm erwartet. Verhindern konnte Otto diese Fehde nicht, das war ihm klar, also musste er bei der Planung dabei sein, um Schlimmeres für seinen Freund und seine Reisebegleiter zu vermeiden, wenn das möglich war. 

 

22. März 1216 Michelstadt 

 

Eine kleine Wagenkolonne stand am frühen Morgen schon vor der Herberge bereit. Lorentz hatte die Pferde von Ottos Reisegesellschaft schon bereit gemacht und zwei der kräftigen Zugpferde vor ihren Wagen gespannt. Frau von Breitenbach saß mit ihren beiden Kindern auf dem Wagen und sie war es auch, die die Zügel fest in den Händen hatte. Ein zweiter Wagen war besorgt worden und hier hatte die Zügel Frieda von Blau fest in den Händen, neben ihr saß Gregor, der etwas müde aussah. Offensichtlich waren die Nächte in der Nähe von Frida sehr anstrengend für ihn. Die beiden Wagen waren mit allem beladen, was eine Reisegruppe für eine lange Reise benötigte. Nicht nur haltbare Nahrungsmittel und Mehl, Mühlsteinen und Pfannen, es waren auch einige Waffen und Baumaterial aus Holz verladen worden. Auf dem dritten Wagen saßen Bertold mit den vier Kindern und den beiden Frauen. Ihre wenigen Habseligkeiten hatten auf dem Wagen Platz gefunden und die beiden Ochsen, die bisher den Wagen gezogen hatten, waren durch Pferde ersetzt worden. Dann kamen noch drei Wagen der Ordensleute mit Proviant und Waffen dazu. Proviant für zwanzig Ritter und vierzig Sergeanten und zwei Kundschaftern waren verladen worden. Die Burg der Olsens wollten sie in drei Tagen erreichen. Hier zählte der Überraschungsmoment, die Burgbesatzung sollte keine Möglichkeit bekommen, in kurzer Zeit noch mehr Kämpfer anzuwerben. Heinrich und Gregor übernahmen die Spitze des Zuges, dann kamen Otto und Lorentz, ihnen folgten alle Wagen. Die Wagen wurden von je zwanzig Sergeanten flankiert und die zwanzig Ordensritter folgten dem Zug in einem Abstand von fünfzig Schritten. Die zwei Kundschafter ritten einige hundert Schritte voraus. Der Herr Graf lief unerschrocken mit seinem Wolfsrudel neben dem Wagen der Constanze. Immer darauf bedacht, auch alle zu seinem Rudel gehörenden Menschen im Blick zu haben. Heulmama ordnete sich wie ihre beiden Welpen ihm ganz und gar unter.

 

Bis sie zum Ort Mainhardt kamen, brauchte der Zug schon vier Tage, da alle Weg noch schwer zu begehen waren und der schlammige Boden ein schnelles Reiten und Fahren nicht erlaubte. Am 27. März 1216 erreichten sie das Tal vor der Olsenburg. Das ganze Land rund um die Burg war verkommen, Äcker die seit Jahren offensichtlich nicht mehr bearbeitet wurden, verfallene Gehöfte und Wege, die diesen Namen nicht verdienten, waren zu sehen. An einem Weinberg, der ebenfalls mit alten Reben bepflanz war, schlugen sie ihr Lager auf. Dort hatte der alte Olsen eine Höhle in den Stein treiben lassen und vor dem Eingang einen kleinen Turm erbaut. Die Höhle war groß genug, um dort mindestens zwanzig Männer zu verbergen, im Turm, der im Durchmesser zehn Schritte und die Höhe von zwei Männern maß, konnte man gut ein Feuer entfachen und war vor dem Unwillen der Natur gut geschützt. Über eine Leiter im Turm, die recht brauchbar war, konnte man auf ein kleines Felsplateau über der Höhle und dem Turm steigen. Von dort hatte man einen guten Blick auf den Weg zur Burg und das Burgtor, das fast dreihundert Schritte weit entfernt war.  Mit den Wagen und einigen Bäumen bauten die Krieger und die Freunde, die Olsen begleitet hatten, ein Gatter für die Pferde neben dem Turm. Zwei Seiten des Gatters waren durch steile Felswände gesichert. Damit war das Lager sogar für einen längeren Aufenthalt geeignet. Natürlich hatte die Besatzung der Burg die Ankommenden schon entdeckt. Die Leute auf den Zinnen der Burg beobachteten das Treiben beim alten Turm.

 

Richard hatte für die letzten Stunden ihres Weges zur Burg den Befehl gegeben, dass seine Männer alle Zeichen des Ordens ablegen mussten. Sie würden als einfache Söldner ankommen. Er wollte nicht, dass die Burgbesatzung sofort erkennen würde, dass sie es mit Ordensrittern zu tun hatten.

 

Die Nacht verlief ruhig, man sah nur die Feuer vor dem Lager und auch einige Feuer auf den Zinnen.

 

Am nächsten Morgen wurde einer der Ordensritter als Bote bereit gemacht. Das Pferd wurde mit einer kräftigen ledernen Schabracke ausgestattet, Brust und Kopf bekamen den einzigen Kettenpanzer für ein Pferd, das sie mitführten. Der Reiter musste sich mit einem offenen Helm begnügen, da er seine Stimme gegen die Mauern erheben musste. Ein Schild ohne Wappen und eine langes Kettenhemd sollten ihn vor heimtückischen Angriffen schützen. So eine Mission war nicht ungefährlich, da man nie wusste, wie die Gegner auf einen Parlamentär reagierten. Ein weißes Tuch wurde an einer Lanze befestigt und der Mann ritt auf die Burg zu. Etwas mehr als dreißig Schritte blieb er vor den Mauern am Tor stehen. "Ich bin im Auftrag von Heinrich von Olsen und Olsenberg hier und möchte mit dem Vogt der Burg sprechen." rief der Mann laut und deutlich. Eine Stimme von den Zinnen rief zurück. "Verschwinde von hier, sonst müssen wir dich mit Eisen schwer machen. Und sag Heinrich, dass es hier nichts für ihn zu holen gibt. Sein Vater hat ihn verstoßen und wenn die Krone erfährt, dass er hier mit einer Streitmacht auftaucht und eine Fehde beginnt, dann wir man ihn hart bestrafen." "Ich kann nicht gehen. Ich habe den Befehl, mit dem Vogt zu sprechen und ihn aufzufordern, das Tor zu öffnen." Die Antwort die er bekam war sehr unfreundlich. Ein Stein wurde nach ihm geworfen und jemand rief nochmals, dass er jetzt verschwinden solle. Vollkommen ruhig blieb der Parlamentär auf seinen Pferd sitzen. Er machte keine Anstalten sich zurückzuziehen. Seitlich im Gebüsch hörte er zwar ein paar Geräusche, aber er rührte sich nicht. Wusste er doch, dass sich dort ein paar Bogenschützen versteckt hielten, die ihm, wenn es sein musste, den Rückzug sichern sollten. Dann flog der erste Pfeil von den Zinnen zu ihm hinab. Zu weit, um Schaden an zu richten. Der nächste war schon näher und der dritte folgte sofort und traf die lederne Schabracke des Pferdes. Das war das Zeichen, sich zurückzuziehen. Die zehn Bogenschützen richteten ihre Pfeile auf die Zinnen der Burg und der Parlamentär konnte sein Pferd unbeschadet wenden und zurückreiten. Das aber nicht, ohne seinen Mantel auf dem Rücken auszubreiten und damit sichtbar das Zeichen der Ordensritter zu zeigen, das nun die Männer auf den Zinnen deutlich sehen konnten. Jetzt war es an Richard mit seinem vollen Ornat und zehn Rittern als Begleitung vor das Tor der Burg zu reiten. Gedeckt durch Schilde und die Bogenschützen rief er laut zum Torturm hinauf. "Ihr wagt es einen Parlamentär der Ordensritter, der friedlich zu euch kam, mit Pfeilen zu beschießen. Wollt ihr Krieg mit dem Orden? Ihr habt bis zum nächsten Morgen Zeit, das Tor zu öffnen und euch mit Heinrich zu versöhnen. Tut ihr das nicht, gilt das als Angriff auf den König, in dessen Auftrag ich hier stehe und es gilt auch als Angriff auf den Orden!" Nun hatte Richard den Grund, den er brauchte, um die Burg zu belagern und anzugreifen. Dass er nicht gesagt hatte, um welchen König es sich handelte, wer ihm den Auftrag gegeben hatte, wurde den Burginsassen nicht bewusst. Er hatte das auf jeden Fall so laut gerufen, dass man ihn auf den Mauern wohl hatte verstehen müssen.

 

In dieser Nacht erschienen bei Heinrich und seinen Leuten die ersten sechs Überläufer. Sie hatten ihre Waffen in Seile gebunden und überreichten den Wachen das Bündel. Sie hatten durch ein Ausfalltor fliehen können. Es waren zwei alte Gefährten seines Vaters und deren Söhne. "Wir wollten nicht für ihn kämpfen, aber wo sollten wir hingehen. Jetzt seid ihr da, Herr Heinrich und so wissen wir wieder, für wen wir kämpfen müssen. Unsere Frauen sind vor ein paar Monaten schon weg, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben. Unser Herr meinte nur, dass es gut sei, dass diese unnötigen Fresser weg seien." Heinrich nahm diese Männer bei sich auf. Er kannte sie aus seinen Jugendtagen gut und er vertraute auch seinem Bauchgefühl -diese Männer würden für ihn kämpfen.

 

Heinrich und Richard wollten aber noch mehr von diesen Männern wissen und so wurden sie ans Feuer in den Turm geführt und Heinrich begann damit, seine Fragen zu stellen. "Wie viele Männer sind nun in der Burg? Und vor allem woher kommen diese Kämpfer?" Kuno, der Sprecher der Geflohenen, begann zu erzählen. "Vor etwas mehr als einem Jahr, als wir hörten, dass sich ein Zug von Rittern aus dem Heiligen Land zurück in die Heimat befand und dass ihr dabei sein könntet, wurde euer Stiefbruder sehr nervös. Er begann die Burg, alle Gemächer eures Vaters und die des Vogtes zu durchstöbern. Er schreckte auch nicht davor zurück, Schränke und Truhen zu zertrümmern. Wir erfuhren von seiner Metze, einer dummen und geschwätzigen Magd, dass er das Testament eures Vaters suchte. Die Abschrift, die sich im Kloster Lorch befand, hatte er sich durch einen falschen Pater besorgen lassen und vernichtet. Aber das Original hatte er nicht. Und dann kam eines Tages ein Mann aus Braunschweig. Er war mit einem Karren und drei Knechten gekommen. Alles sollte aussehen, als ob er ein Händler wäre, der teures Tuche anbieten wolle. Jeder der die Augen offen hatte, konnte sehen, dass das kein Händler war und die Knechte keine Knechte. Sie trugen alle versteckt Waffen mit sich. Wir wissen alle nicht, was euer Stiefbruder mit dem Händler besprach, aber dann kamen immer mehr Krieger, Söldner aus dem Norden. Immer wieder kamen Söldner und neue Händler mit Waffen und Vorräten auf die Burg. Wie es schien, war auch ein Händler dabei, der Gold mitbrachte, damit die Söldner bezahlt werden können. Unsere Weiber waren vor diesen Kerlen nicht sicher und so haben wir alle auf den Hof von Benediktus, einem alten Freund eures Vaters geschickt. Er nahm sie alle bei sich auf. Millius und sein Bruder, die beiden alten Kämmerer eures Vaters, lagen dann vor einer Woche tot im Pferdestall. Man behauptete die Pferde hätten die Alten totgetreten. Dass Pferde mit Messern umgehen können und alten Männern die Kehlen durchzuschneiden, wusste ich nicht, aber was sollte ich tun. Nun wussten wir, dass auch wir nicht mehr sicher waren. Euer Stiefbruder besaß nun eine Armee von über fünfzig Kämpfern und es sollen nochmals zwanzig auf dem Wege hierher sein. Die sollten auch weitere Waffen und Vorräte auf Karren mitbringen. Fliehen war fast nicht mehr möglich, wir wurden Tag und Nacht überwacht. Nur heute Nacht nicht mehr. Alle Männer waren im Hof versammelt oder waren auf den Zinnen. Den Mann, der das Ausfalltor bewachte, haben wir niedergeschlagen. So konnten wir fliehen." Kuno war außer Atem, als er mit seinem Bericht endete. Alle schwiegen und schauten betreten vor sich hin. Die Burg war also gut bemannt, wie sollte man die aus der Burg locken? Erstürmen war nicht möglich, belagern dauerte zu lange.

 

Kuno schaute nochmal hoch. "Mir ist noch was eingefallen. Die Söldner und die Händler kamen alle über die Straße von Milsberg durch den Wald. Die müssen alle hier vor dem Turm vorbeikommen. Und aus der Burg kommt man nur noch durch das Haupttor und die kleine Ausfalltüre. Das hintere Tor ist nicht mehr zu gebrauchen, ein Erdrutsch hat den Weg und die Zugbrücke weggerissen. Da ist ein tiefer Graben entstanden. Den kann niemand überwinden, auf jeden Fall niemand mit einem Pferd."

 

Sie mussten also nur den Weg zur Burg, das Haupttor und die kleine Ausfalltüre beobachten, das erleichterte ihre Aufgabe sehr. Und wenn sie noch den Ersatz abfangen konnten, bevor die von der Burg das sahen, hatten sie einen großen Vorteil errungen.

 

Alle schienen froh über diese Entwicklung zu sein, außer Otto. Alles deutete auf einen Kampf hin und das besagte, dass es Tote und Verletzte geben würde. Musste das sein?

 

Fortsetzung folgt