Kapitel 34

23. März 1216 Visby Kampf in der Stadt

 

Je näher sich die zwanzig Kämpfer den Stadttoren näherten, um so größer wurde der Widerstand in den Gassen, den sie erleiden mussten. Niemand stellte sich ihnen entgegen, dafür wurden sie mit den Inhalten aus Koteimern, mit Steinen, Fackeln und Fischöl bedacht. Zwei der Piraten kämpften gegen Flammen auf ihrer Kleidung. Der Kampfeslärm machte endlich auch die Männer am Tor und auf den Mauern auf die Kämpfer aufmerksam. Kurz bevor sie das Tor erreichten, wurden sie mit Pfeilen und Speeren beschossen. Nur drei der Piraten erreichten unverletzt die fünf Männer der Stadtwache am Tor und wurden niedergemacht. Die Verletzten wurden von den Bewohnern der Stadt niedergeknüppelt und keiner lebte mehr, als ein erneuter Angriff vor den Mauern stattfand.

 

Der Angriff stoppte dann allerdings, als die ersten Pfeilsalven auf die Angreifer vor den Mauern niedergingen und das Tor verschlossen blieb. Fluchend zogen sich die Piraten zurück und bezogen im Schutze eines Waldstückchens Position.

 

Auf dem Meer 

 

Peter von und zu Bärental steuerte die Knorr aufs offene Meer. Er musste sich darauf verlassen, dass die anderen ihm die beiden Drachenboote vom Halse halten würden. Sie würden bis weit nach Mitternacht bis zum Lager der Piraten benötigen. Seine Mannschaft war ausgeruhter als die Piraten, aber die Knorr war langsam. Der Wind stand gut für sie und so ließ er nicht rudern, sondern versuche nur mit dem Segel voranzukommen. Ein Drachenboot konnte sie jederzeit einholen, weil sie drei Mal so schnell waren.

 

Sein Auftrag lautete, das Lager zu zerstören und die Geiseln und Sklaven zu befreien. Besser geeignet wäre eines der Langboote dazu, aber die mussten die Piraten beschäftigen und von einer Verfolgung seiner Knorr abhalten.

 

Er war sich darüber bewusst, dass es verdammt gefährlich war, nachts in den Sund einzufahren, aber sie mussten es riskieren. Wenn sie die Bewacher des Lagers nicht überraschen konnten, dann würde ihre Mission schiefgehen.

 

Als es dunkel wurde, standen Jon und Melanie am Bug der Knorr. Beide hatten sehr gute Augen und Jon war zudem derjenige, der die Sterne gut kannte und den Kurs der Knorr gut zu bestimmen wusste. Ein paar Mal meinten sie im Mondlicht eine Drachenboot weit draußen auf dem Meer zu sehen, aber sicher waren sie nicht. Lange nach Mitternacht erreichten sie den Sund. Die Segel wurden geborgen und nun mussten sie rudern. Einige Zeit später sahen sie ein schwaches Licht an Backbord. Peter hieß seine Leute alle Ruder bis auf zwei einzuholen und leise und sacht weiterzurudern. Sie wollten im Morgengrauen angreifen. Etwas Sicht benötigten sie, da sie nicht wussten, wo sie an Land gehen konnten. Zudem war sich keiner sicher, ob sich das Lager mit der Beute und den Geiseln auf Gotland oder auf der anderen Seite des Sunds auf Farö befand. Die Küste war dort flach und man würde weit vor dem Strand auf Grund laufen.

 

Melanie entdeckte als Erste, wo das Feuer herkam. Auf Farö brannte ein großes Feuer und es beleuchtete dort eine kleine Siedlung aus Holzhütten und einem Steinhaus. Auf der anderen Seite war nichts zu sehen. Peter entschloss sich, etwas mehr als dreihundert Schritte vor diesem Feuer an Land zu gehen.

 

Die Knorr fuhr an den Kiesstrand und setzte knirschend auf. Leise glitten die Kämpfer ins eiskalte Wasser, das ihnen bis zu den Hüften ging. Peter hatte allen, die an Land gingen, befohlen, alte Leinenhosen für den Gang ins Wasser anzuziehen und ihre warmen Lederhosen mit den Schuhen an Land zu tragen. Kalte Glieder waren beim Kampf hinderlich und so waren die Männer und Frauen, die an Land gingen und sich dort umzogen, frohen Mutes. Vor allem weil es bei dem Umkleiden einige gab, die sich schamhaft versuchten, zu bedecken und es ihnen doch nicht gelang. Fünfundzwanzig Männer und Frauen waren an Land gegangen und zwanzig Kämpfer blieben auf der Knorr. Um in der Dämmerung die eigenen Kämpfer besser zu erkennen, hatten sich alle weiße Bänder um die Schwerthand und um ihre Hüften gelegt.

 

Da es kaum Deckung gab, liefen sie alle geduckt zuerst vom Strand weg etwas landeinwärts, um dann die Siedlung einzukreisen. Sie hatten alle schon den aufkommenden Nebel gesehen, aber der Wind trug den grauen Schleier nun schneller auf sie zu und als sie den Platz erreicht hatten, um die Hütten anzugreifen, sahen sie nur noch das Feuer schemenhaft vor sich.

 

Sie rückten langsam vor, Melanie stieß einen unterdrückten Schrei aus, als sie auf etwas trat, was sie offensichtlich erschreckte. Peter eilte zu ihr und sah, was Melanie erschreckt hatte. Sie war auf eine streifgefrorenes Neugeborenes getreten. Das Kind lag nackt und steif vor ihr auf dem Boden, drei Schritte weiter lag eine Frau. Das Blut, das sie verloren hatte, war schon geronnen und gefroren. Peter stellte fest, dass auch diese Frau tot war. Vom Feuer her erklang ein Ruf. Johannes, der hinter dem Bärentaler war, antwortete mit heißerer verstellter Stimme. Peter konnte nicht verstehen, was da gerufen wurde, aber der Mann am Feuer schien mit der Antwort zufrieden zu sein, denn er lachte laut auf. Und dann stand Johannes ganz nah bei Peter und Melanie. "Er hat gefragt wer da sei, ich habe ihm geantwortet, dass hier ein einsamer Pisser steht und dass ich mich beeilen muss, weil schon alles gefriert. Das war ein Litauer. Er ist aber schon etwas misstrauische geworden. Er wird jetzt erst mal nachdenken, wer da war, wir müssen uns beeilen." Peter nickte, um ihm zu zeigen, dass er verstanden hatte. "Melanie wir müssen vorrücken. Sind alle Armbrüste bereit? Zuerst müssen wir die Männer am Feuer ausschalten." Sechs der Bogen und Armbrustschützen rückten vor. Die Männer am Feuer waren gut zu erkennen und sie selbst konnten mit ihren Blicken den Nebel nicht durchdringen. Kaum hatten alle Angreifen ihre Position erreicht, flogen auch schon die ersten Bolzen und Pfeile und töteten alle am Feuer, leider nicht lautlos. Einer stöhnte noch heftig auf, bevor ihn das Leben verließ. Aus einer anderen Richtung kamen auf einmal aufgeregte Rufe. Und dann waren sie schon im Nahkampf mit etwas mehr als sechs Männern, die aus dem Steinhaus kamen. Die Sicht auf etwas mehr als zehn Schritte genügte, um Freund und Feind gut zu unterscheiden. Jorg Jorgssen stand in vorderster Front und streckte umgehend seinen ersten Feind mit einem gezielten Schlag gegen den Hals seines Gegner mit seinem Schwert nieder. Aber diese Männer, denen die Blauzahnkämpfer gegenüberstanden, waren erfahrene Krieger. Aber die Angreifer waren in diesem Moment in der Überzahl. Judit erledigte einen der Gegner mit einem Wurf ihres Messers und Melanie, die ihre Armbrust noch nicht abgeschlossen hatte, erledigte einen weiteren mit einen Bolzenschuss genau auf seine Stirn. Der Mann war ohne Helm in den Kampf gezogen. Nur Peter und Juris wurden bei diesem Kampf leicht verwundet, aber die Gegner mussten alle sterben. Inzwischen hatten sie etwas mehr als zwölf der Piraten erledigt und nun begannen sie gezielt nach den Geiseln zu suchen. Kaum hatten sie die leeren Holzhütten untersucht, hörten sie ein Horn, das geblasen wurde und weit über das Meer zu hören war. Peter und sechs seiner Mitkämpfer eilten zu dem Ort, wo sie meinten, das dort der Hornbläser gewesen sein könnte. Dort fanden sie drei junge Menschen, denen man gerade die Kehlen durchgeschnitten hatte, von dem Mörder oder Hornbläser war aber nichts zu sehen. Noch zuckten die jungen Körper, aber das Leben schwand aus ihnen. "Sie bringen ihre Geiseln und Sklaven um. Verdammt, wir können hier nichts sehen. Wo sind die hin?" Juris biss die Zähne zusammen, denn seine Wunde am Schenkel war zwar nicht tief, schien aber heftig zu schmerzen. Peter dagegen war wie gelähmt und schaute auf die drei Sterbenden. "Das ist so irrsinnig und sinnlos, was die hier tun." murmelte er vor sich hin. Melanie zog ihn weg von den dreien. "Komm zu dir, Peter. Wir müssen weiter. In Bewegung bleiben kann helfen. Dastehen und starren ist nicht gut." Und dann zogen sie weiter. Schreie waren zu hören, Pferde wieherten und ein paar Männer hörte man laut rufen. Es musste etwas landeinwärts sein. Die Armbrüste wurden gespannt und sie gingen leise weiter. Je weiter sie ins Landesinnere gingen, umso besser konnten sie sehen. Der Nebel war hier nicht so dicht wie am Ufer. Dann sahen sie es. Vor ihnen waren Palisaden und dahinter sah man ein Feuer. An einem Tor, das offen stand, waren Männer mit Speeren und Schwertern zu sehen. Noch hatten sie ihre Angreifer nicht entdeckt, als mindestens drei der Männer am Tor zusammenbrachen. Maria war mit ihren Bogenschützen auch auf dieses Lager vorgerückt und hatte die Piraten mit Pfeilen beschossen. Dann war es an Melanie, die weiteren Männer dort unschädlich zu machen, bevor das Tor geschlossen werden konnte. Sie konnte ebenfalls noch zwei weiter Männer dort niederstrecken und dann waren die Blauzahnleute am Tor. Was sich ihren Blicken hinter dem Tor bot, war nicht nur erschreckend, sondern machte alle sprachlos. An Pfosten, die sich in der Mitte des Palisadenverschlages befanden, waren Menschen angebunden. In einem Holzkäfig waren ebenfalls Menschen eingesperrt. Auf einem Wagen auf der anderen Seite arbeiteten ein paar Männer daran, Pferde anzuschirren und den Wagen zu beladen. Sie hatten noch nicht gemerkt, dass das Tor schon von ihren Angreifern besetzt war. Inzwischen hatten sich elf Blauzahnleute bei dem Lager eingefunden. Keiner sah von ihnen, was ein Pirat gerade machte, da es immer noch zu dunkel war, um alles zu erkennen. Man sah nur, was ein paar Fackeln oder ein Feuerkorb erleuchtete. Der Mann lehrte Fässer mit Öl und Pech aus und besprengte damit einen großen Haufen mit Reisig. Ein anderen öffnete auf der anderen Seite ein Tor und nun rollte der Wagen an. "Die wollen fliehen, hinterher." rief Melanie laut aus und stürmte los. Sie sah gerade noch wie eine Fackel geworfen wurde und dann stand alles um sie herum im Feuer.

 

Menschen kreischten auf, der Holzkäfig war schon in Rauch eingehüllt, als Peter losrannte und mit seinem Schwert den Käfig versuchte zu öffnen. Es gelang ihm und er zerrte sofort einen nach dem anderen heraus. Um die Blauzahnleute herum, die versuchten die Menschen vor dem Feuer zu retten, herrschte das Chaos. Schon brannten zwei der an die Pfosten gebundenen Gefangenen. Durch das Inferno hörte er die Stimme von Jorg. "Lasst die an den Pfosten hängen, die sind schon alle tot. Rettet die Leute aus dem Käfig und am hinteren Tor lagern auch noch ein paar in einem Erdloch."  Der Kampf gegen das Feuer und die Hitze wurde immer größer. Es stank nach verbranntem Fleisch und bald war es kaum noch möglich zu atmen. An eine Verfolgung der flüchtenden Piraten war nicht zu denken. Sie schafften es, sechs Kinder und drei junge Frauen vor dem Feuer zu retten. Dann brach alles in einem gigantischen Funkenregen zusammen. Niemand war ohne ein paar Brandwunden davongekommen, weder Retter noch Gerettete. Man sammelte sich fünfzig Schritte vom Brand entfernt auf ein paar Felsen. Eines der geretteten Kinder hatte auf einmal aufgehört zu husten. In Melanies Armen wurde es schlapp und sein Kopf kippte auf ihre Schulter. Dann war es ruhig und still, kein Atemzug mehr, kein Husten. Gerettet und doch tot.

 

Matra, die auf der Knorr zurückgeblieben war, kam angelaufen. "Auf der anderen Seite des Sunds machen sie ein Drachenboot bereit. Ich konnte nicht genau sehen, wie viele Männer dort sind, aber wenn sie ein so großes Boot bewegen müssen, sind das mindestens zehn bis fünfzehn Männer. Wir müssen auf die Knorr und dann verschwinden. Hier sind wir schutzlos."

 

Mit großer Mühe und teilweise mit unmenschlichen Anstrengungen schafften sie es, alle an Bord der Knorr zu bringen. Der Nebel hatte sich gelichtet und man sah, dass auf der anderen Seite ein Langboot ins Wasser geschoben wurde, das mit dem Bug im Kies lag. Auch die Knorr musste nun zurück ins Wasser und zehn Männer standen im kalten Wasser und drückten mit aller Kraft gegen den Bug der Knorr, während jedes Ruder doppelt besetzt war und jeder sich dagegen stemmte, um die Knorr frei zu bekommen. Sie lag gerade und nicht schräg auf dem Kies, was die Anstrengungen erleichterte.

 

Es gelang, die Knorr war frei und die Männer, die im Wasser standen, zogen sich an den Seilen, die man ihnen zuwarf, an Bord. Auf der anderen Seite war das Langboot auch im Wasser, aber die Ruder noch nicht bereit. Peter gab Befehle, die alle verwunderten. Er ließ Kurs auf das fremde Boot nehmen. Die beiden Balliste wurden geladen, der Feuertopf angefacht und Brandpfeile wurden bereit gemacht. Trotz der Trägheit der Knorr waren sie schneller mit ihren Kampfvorbereitungen und gerade als die Piraten ihre Ruder ins Wasser tauchten, traf sie die erste Salve von Pfeilen.

 

"Schießt in Richtung des Masten mit den Brandpfeilen." rief Peter seine Befehl an die Bogenschützen. Dann ging er zu dem Kleineren der beiden Balliste und band an die Spitze des großen Pfeils einen mit Öl getränkten dicken Lappen. Bevor der Pfeil abgeschossen wurde, zündete er ihn an und dann wurde er auf die Reise geschickt. Peter hatte den Balliste so einstellen lassen, dass der Pfeil nur knapp über der Wasserlinie ihren Gegner treffen sollte. Und so geschah es auch. Der Pfeil traf und da Feuer konnte sich nach oben verbreiten. Nicht schnell aber genau an dieser Stelle stellten die Ruderer ihre Arbeit ein und versuchten den Pfeil zu entfernen. Ungewollt drehte sich das Drachenboot von der Knorr weg, denn auf der anderen Seite ruderten die Männer weiter. Und bald hatten sie das Heck des Piratenbootes vor sich. Da die Knorr höher war als das Drachenboot, konnten die Bogenschützen nun ihre Pfeile auf das Boot schicken und einen nach dem anderen dort niedermachen. Noch brannte es noch nicht so stark, dass man es aufgeben musste, aber es waren zu wenig Männer übrig, um das Feuer zu bekämpfen, die Ruder zu betätigen und das Schiff zu steuern. Die Knorr glitt am Drachenboot vorbei, tiefer in den Sund in Richtung Südosten. Jetzt sahen sie auch, dass ein anderes Drachenboot in den Sund hinter ihnen eingefahren war. Die Piraten waren da, die anderen Blauzahnboote hatten es nicht verhindern können, dass die Drachenboote der Piraten nicht zu ihrem Stützpunkt zurückfuhren.

 

Aber das Piratenboot konnte nicht ohne Problem an dem nun stärker brennenden Boot vorbeifahren. Es lag nun quer in der Mitte des Sund und versperrte den Weg. Peter ließ die Segel setzen und langsam wurden sie schneller. Der Weg nach Visby war ihnen versperrt, sie mussten raus aus dem Sund und dann sich einen Weg suchen, wie sie ihren Hafen erreichen konnten. Nach Norden um Farö herum. Dort könnten die Piraten lauern. Oder nach Süden um Gotland herum. Eine Knorr mit verletzten Kindern, müden Kämpfern und mit zu wenig Nahrung und Wasser. In so einer Situation war kein Ankerplatz sicher. Und hinter sich irgendwann eine Piratenboot. Und wo waren seine Freunde? Wo waren die Blauzahndrachenboote? Er musste bald eine Entscheidung treffen. Aber welche? Und dann begann auch noch seine Verletzung zu schmerzen. Seine Schulter wurde unter dem Wams feucht, er blutete heftig.

 

Dann beriet er sich mit Melanie und Jorg Jorgssen. Er wollte eine Entscheidung treffen, bevor er vielleicht zu schwach und müde wurde.

 

Was würden die Feinde denken, welche Entscheidung sie treffen würden. Man würde ihnen zwei Wege zumuten. Eine Rund um Farö und eine an der Küste entlang Richtung Süden. Wenn beide Piratenboote entkommen waren, dann würde jedes dieser beiden einen Weg entlang segeln, in der Hoffnung, sie zu erwischen. Also würden sie, soweit sie es schafften und sich unbeobachtet fühlten, einfach weiter gerade aus dem Sund fahren und nicht die vermuteten Richtungen einschlagen.

 

Und genau das machten sie. Sie segelten raus auf die offene Ostsee.

 

Fortsetzung folgt