Kapitel 32

6. März 1216 Blauzahnsiedlung

Ein Reiter war am Morgen aus Visby gekommen. Man habe inzwischen fast dreihundertdreißig Kämpfer sammeln können. Aber man hoffte, dass es noch ein paar mehr werden, da die Bauern und Fischer aus dem Süden der Insel noch keine Nachrichten gesendet hatten. Von den Seeleuten, von den Bauern, aus der Stadt und bei den Königlichen sowie der Stadtwache wurden schon die Waffen bereitgemacht. Man richtete den Blauzahnleuten aus, dass man sich am 20. März sammeln wolle. Ein Priester würde auch da sein und alle segnen, wer das wolle. Verpflegung und Waffen musste jeder selbst mitbringen. Man habe inzwischen über einige Kundschafter herausgefunden, dass die Seeräuber einen Angriff über See und an Land auf Visby planen würden. Drei Langboote würden über See kommen und die Landstreitmacht solle aus über vierhundert Kämpfern bestehen. 

Lars war schockiert, als er das hörte und berief den Rat der Siedlung ein. Erik, Lars, Birgit, Peter, Claus von Olsen, Melanie und Simon saßen am Abend in der Küche des großen Hauses zusammen. Sie wollten unter sich sein und die große Halle war immer noch belegt mit ein paar Verletzten und Heimatlosen. Sie zählten ihre Kämpfer zusammen und kamen auf fast einhundertdreißig Männer und Frauen. Simon wollte, dass sie den Kampf auf See übernehmen sollten. Sie stimmten ab und bis auf Peter stimmten alle für die See. Das kleine Langboot, das Simon befehligte, sollte als Kampf- und Kurierboot eingesetzt werden. Die Knorr und eines der Langboote sollten sich den Piraten entgegenstellen. Die Knorr war zwar nicht sehr wendig, dafür konnte man mindesten vier Balliste montieren und mit den Armbrüsten war es auch leichter zu zielen, denn die Knorr konnte man auch einige Wimpernschläge ruhig halten, was bei einem Langboot nicht so gut möglich war. Zudem wollte man das Deck so verändern, dass die Kämpfer besser geschützt waren. 

Allen war klar, dass sie es mit erfahrenen Kriegern zu tun hatten und sie keine Gnade erwarten durften, sowie sie auch keine gewähren konnten. Peter hatte vor, mit den verbleibenden Menschen in den drei Siedlungen eine Verteidigung aufzubauen. Man wusste nie, was dies Mörderbande alles plante. Sophia sollte den Befehl über diese Leute in der Blauzahnsiedlung übernehmen. Alte und junge Menschen, Verwundete und alle, die am Feldzug nicht teilnehmen konnten, würden sich an den Kampf mit Waffen gewöhnen müssen. 

Am 7. März reiste Peter mit zwei Knechten zum Hof der Mecht und erklärte ihr, was sie zu tun hatte. Alle Jugendlichen, die einen Knüppel oder ein Speer tragen konnten, mussten sich einem harten Training unterwerfen, das Merit leitete, denn kampferprobte Männer waren keine auf dem Hof. Und der Hof musste befestigt werden - Tag und Nacht musste jemand Wache stehen. Am nächsten Tag ging es weiter zum Turm an der Küste. Die Fischer waren schon durch Claus auf alles vorbereitet worden und so konnte Peter wieder zur Siedlung zurück.    

Am 20. März trafen sich alle Hauptleute des bevorstehenden Feldzuges in Visby. Der Königliche Bote übernahm den Befehl über die Streitkräfte in Visby. So wie die Kundschafter es berichteten, würden die Söldner am 23. März vor den Toren der Stadt sein. Die Langboote waren noch nicht losgesegelt. 

Peter hatte die Vorbereitungen mit den Schiffen getroffen. Die Knorr würde vor dem Hafen liegen, das schnelle Drachenschiff mit Simon etwas weiter draußen auf See, in Sichtweite der Knorr und Lars lag mit dem großen Langboot weiter westwärts hinter einer Landzunge verborgen. Zwei Händler hatten ihre Knorr jeweils bemannt im Hafen liegen, bereit in den Kampf einzugreifen.

Der Königsbote sollte seine Streiter vor den Stadttoren aufstellen und den Angriff von der Seite erwarten. Nur etwas mehr als zweihundert sollten für die Seeräuber sichtbar sich in Gruppen von je zwanzig  Kämpfern aufstellen. Alle anderen waren hinter den Mauern versteckt. Bewaffnet mit Armbrüsten, Pfeilen und Bögen, Speeren, Steinschleudern und auch zwei große Balliste sollten zur Überraschung der Angreifer dienen. Die Balliste hatten eine besondere Aufgabe.

22. März 1216 vor Visby 

Die Schneeschmelze hatte begonnen. Zu aller Überraschung regnete es sogar und der Wege, Felder, Wiesen wurden weich und es war alles wie mit Öl begossen glatt und glitschig. 

Der Bote ließ seine Leute drei Mal hintereinander die Aufstellung und die vermeintliche Flucht durchs Tor üben. Die Schützen verborgen, hinter den Mauern und Palisaden, probten das gemeinsame Abschießen ihrer Geschosse. Das schnelle Anzünden der Brandpfeile für die Pfeile und die Balliste wurde auch trainiert. Einige Schützen waren noch etwas ungeschickt und so gab es die eine oder andere Brandblase.

Überall stellte man Bottiche und Kübel mit Wasser bereit, um eventuelle Brände schnell löschen zu können. Alle Tiere in der Stadt wurden so eingesperrt, dass sie niemanden verletzten konnten, wenn sie in Panik geraten würden. Was man aber bemerken musste, war, dass es wenig ängstliche Gesichter gab. Die Kampfvorbereitungen hatten sogar etwas von einer Jahrmarktsstimmung.

23. März 1216 am frühen Morgen

Der Himmel hatte seine Regenpforten verschlossen. Die Felder und Wiesen vor der Stadt waren teilweise noch mit feuchtem Schnee bedeckt. Der Königsboote hatte noch am Vortage eine etwas mehr als hundert auf dreißig Schritt große Fläche vor dem Tor mit kleinen Steinen, Stroh und Holz befestigen lassen, sonst wären auch sie im Morast stecken geblieben.  

Peters Knorr lag bereits am Abend quer vor der Bucht von Visby. Fest verbunden über zwei dicke Taue am Ufer. Jeweils zehn kräftige Rösser standen bereit, an die Taue geschirrt zu werden. 

Die besten Bogenschützen und auch die Armbrustschützen standen auf der Knorr verdeckt bereit, den Kampf auf See auszutragen.

Als die ersten, noch etwas zarten Sonnenstrahlen durch eines Wolkenlöcher hindurch schienen, tauchten keine vierhundert Schritte vor dem Tor die ersten fremden Kämpfer auf. Der Bote ließ seine Männer Aufstellung nehmen und sie bildeten mit allem, was ihnen Schutz bieten konnte, einen Schildwall. Auch der Gegner nahm Aufstellung. Zur Verwunderung aller waren das aber nicht mehr als zweihundertfünfzig Männer. Allerdings sah jeder, dass diese Männer erfahren waren und bestens bewaffnet. 

Sie versuchten nun über den sehr schmalen Weg, der befestigt war, vorzurücken. Dabei mussten sie ihre Linie auflösen, denn mehr als sechs Männer konnten hier nicht nebeneinander gehen. 

Dann sah man den Rest der Männer - etwas mehr als einhundert Bogenschützen tauchten auf und bildeten eine sehr breite Linie, dann schossen sie auf die Schilderburg. Da die Pfeile auf diese Entfernung wenig Wirkung hatten, flogen sie meist in das Gelände vor den Visby Kämpfern in den Morast, nur zwei trafen ihr Ziel und einer davon verletzte den Mann, der dem Tor am nächsten stand und sein Schild zu weit oben hielt. Er wurde leicht am Bein verletzt.  Die Männer mit den Bögen mussten vorrücken und blieben bei einhundertfünfzig  Schritten im Morast stecken. Sie mussten also auch den Weg der Fußkämpfer gehen und ihnen über den Weg folgen. Vereinzelt wurden Pfeile abgeschossen, aber die Wirkung war nicht sichtbar. 

Dann wurde das Tor geöffnet und dahinter standen zwei Balliste mit großen Pfeilen beladen. Flach und mit einer brutalen Gewalt wurden die beiden Pfeile auf die anrückenden Männer abgeschossen. Die brachte mindesten zwei duzend Männer der Angreifer zu Fall. Dies war der Moment, dass alles, was sich hinter den Palisaden und Mauern versteckt hatte, sich erhob und seine Geschosse auf die verwirrten Angreifer abschoss. Das brachte den Angriff zum Stocken und die ersten Einheiten der Verteidiger vor dem Tor eilten hinein. Die beiden Balliste wurden wieder geladen. Die Angreifer waren in einem Dilemma, von hinten drängte man nach vorne und vorne sah man der tödlichen Maschine direkt entgegen und wollte ausweichen. Wich man aus, steckte man im Morast fest oder kam nur sehr langsam und mit viel Kraft weiter.

Von den Verteidigern standen nun nur noch vierzig Männer neben dem Tor. Das waren die besten mit Kampfausbildung. Sie sollten so etwas wie Lockvögel spielen. Sie erfüllten ihre Rolle bestens, denn solange die Angreifer noch Männer vor den Mauern sahen, wollten sie auf diese losstürmen. Der zweite Schuss der beiden Balliste stiftete weitere Verwirrung, denn nun waren die Kämpfer nicht mehr geordnet, sondern versuchten über ihre gestützten Kameraden hinwegzusteigen. Das behinderte alle nachfolgenden und es dauerte zu lange, bis sie weiterlaufen konnten. Immer wieder rutschten von dem schmalen Weg welche ab und blieben im Morast stecken. Nach dem zweiten Schuss eilten die letzten Männer der Verteidigen durch das Tor in die Stadt und das Tor wurde fest verschlossen. Der erste Angriff der Piraten von Land war gescheitert und man eilte über den festen Weg zurück. Die, die im Morast zu langsam waren, wurden mit Pfeilen, Steinschleudern oder auch mit den Armbrüsten erledigt. So wie der Bürgermeister sehen konnte, lagen etwas mehr als zwanzig Angreifer tot oder sterbend vor der Stadt. 

Kampf vor dem Hafen

Kaum hatte der Kampf vor den Toren begonnen, tauchten auch schon die Drachenboote auf. Es waren nicht wie berichtet drei Boote, es waren vier sehr große Langschiffe. Gut bemannt und es wurde gerudert. Peter hielt allerdings an seinem Plan fest, denn in die schmale Einfahrt konnten nicht mehr als ein Langboot gerudert einfahren und ein anderer Fleck am Ufer, wo sie landen konnten, war mit Holzgerüsten und Eisenspitzen so gesichert, dass man mindestens zwanzig bis dreißig Meter durchs Wasser ans Ufer waten musste, um an Land zu kommen. Und es gab dazwischen immer wieder unter Wasser tiefe Spalten, wo ein Mann mit Waffen und Rüstung leicht ertrinken konnte. Also wurden die Angreifer gezwungen, an Peter vorbei in den Hafen und die Liegeplatze vorzudringen.

Das erste Langboot kam schnell, fast zu schnell angerudert. Mit kleinen Fahnen wurden ans Ufer Zeichen gegeben. Seile wurden hochgehoben und die Pferde am Ufer spürten die Spannung. Als dieses Boot nahe genug war, wurden zuerst Pfeile abgeschossen und dann kamen die Armbrüste zum Einsatz. Dann wieder Pfeile, allerdings Brandpfeile und die trafen gut. Die Männer an Deck des Drachenschiffes versuchten die Brandpfeile herauszuziehen oder zu löschen. Nur noch ein Teil der Mannschaft ruderte und da wurde der erste Balliste abgeschossen und der große Pfeil blieb vorne, etwas unterhalb der Drachenfigur im Holz stecken. Alle die es auf dem angreifenden Boot sehen konnten, freuten sich. Dieser Pfeil hatte keinen Schaden angerichtet. Bis zu dem Moment, als sie sahen, dass dieser Pfeil mit einen Seil verbunden war. Und das andere Ende des Seiles war nicht an Deck der Knorr vor dem Hafen. Es endete an einer Rolle am Pier und lief dort weiter zu zehn Pferden, die nun an diesem Seil zogen. Das Drachenboot bekam sehr schnell eine andere Richtung und rauschte durch die eigene Geschwindigkeit und den erzwungenen Richtungswechsel auf eine kleine Felsengruppe am Ufer entgegen und krachte dagegen. Es bedurfte keiner großen Kraftanstrengung durch die Pferde, denn sie mussten nur die Richtung des Angreifers erzwingen, was ihnen gelungen war. Die Männer auf dem zweiten angreifende Drachenboot, das knapp hinter dem ersten heran gerauscht kam, waren irritier, denn sie konnten nicht sehen, warum das erste Boot so abrupt die Richtung gewechselt hatte. Dann wurden auch sie mit Pfeilen, Brandpfeilen und Bolzen überschüttet. Allerdings musste sich nun die Knorr so schnell wie möglich aus der Fahrtrichtung des zweiten Drachenbootes entfernen, das trotz eines Brandes weiter fuhr. Die Männer mit anderen Pferden hatten bereits die Nachricht mit einem Wimpel erhalten und nun zogen die Pferde auf der anderen Seite des Ufers an einem Tau. Diese Tau war am Heck der Knorr befestigt und zog es leicht in den Hafen hinein und nun war es parallel zum Kurs des Angreifers. Aus nächster Nähe bekamen die nochmals Holz und Eisen ab und viele verloren beim Vorbeifahren an der Knorr  ihrer Ruder. 

Das Tau auf der Knorr wurde gekappt und jetzt mussten sie aus dem Hafen rudern. Die beiden anderen Drachenboote, die noch etwas außerhalb des Hafen waren, sahen, dass da etwas nicht so gelungen war, wie man geplant hatte und ruderten nun langsamer in Richtung des Hafens, bis sie sahen, dass sie von hinten Besuch bekamen. Das große Langboot der Blauzahnleute ruderte auf sie zu und etwas abseits kam nochmals eine kleineres auf sie zu. 

Die Angreifer auf den beiden Drachenbooten, die sich nun im Hafenbecken befanden, kämpften um ihr Leben. Eines der Boote war am Sinken und nur wenigen gelang es, sich an das Ufer zu retten und das andere war nun zwischen zwei gut bemannten Knorr im Hafen eingekeilt und die Leute warfen Steine und Speere auf sie. Und dann begann der Kampf Mann gegen Mann. Visby´s Männer waren zwar in der Überzahl, aber die Piraten waren kampferfahrener und mehr als nur wütend, sie wussten, dass sie ums nackte Leben kämpfen mussten. Sie vergaßen das Beute machen und wollten nur durch die Mauer aus Schwertern, Knüppel und Speeren hindurch, weg aus diesem Chaos. Und sie hatten ein neues Ziel, das Tor zur Landseite.

Die beiden Piratenschiffe änderten ihre Richtung und gingen auf Kurs Süd-West, sie mussten zwischen dem großen Langboot der Blauzahnsiedler und der Landzunge hindurch. Dort konnten sie sich dann eher ihren Gegnern stellen, denn von drei Seiten bedrängt zu werden, war in so einem Kampf nicht sinnvoll. Alle Kräfte wurden mobilisiert und tatsächlich gelang es ihnen, ihren Angreifern zu entkommen. Die Knorr war einfach zu behäbig, um ihnen zu folgen. Simon war noch zu weit weg, um diese Flucht zu verhindern und das große Boot hatte nicht rechtzeitig genug den Kurswechsel eingeleitet, sondern musste eine umständliche Drehung kurz vor dem Hafen vollführen und verlor wertvolle Zeit dabei. 

Währenddessen hatten sich im Hafen etwas mehr als zwanzig Piraten freigekämpft und drangen in die Stadt ein. Hauend und stechend rannten sie quer durch die Stadt zum Tor hin. Unten am Tore waren nur fünf Kämpfer der Stadtwache, alle anderen standen hinter den Palisaden oder auf der Mauer.