Kapitel 30

2. März 1216 Visby

Mathias klopfte an die Seitentür der Kirche und nach wenigen Augenblicken wurde die Tür geöffnet. Er trat ein und hinter ihm wurde die Tür wieder verschlossen. Sverin, einer der Kirchdiener, hatte ihm geöffnet. Er wusste sofort, warum Mathias hier war und führte ihn wortlos hinter den Altar, wo der Bürgermeister auf den Knien saß und vor sich hin starrte. Mathias sprach in an, bekam aber keine Antwort. Erst als er ihn an der Schulter berührte, schrak der Mann zusammen und blickte ihn an. "Was soll ich tun. Nun ist alles vorbei und zu Ende. Meine Kinder werden sterben, weil ich sie nicht beschützen konnte. Ich bin ein mutiger Mann, aber das konnte ich nicht mit meiner Kraft, Reichtum oder Klugheit regeln. Sie haben meine Kinder. Ich darf nicht mit dem Boten des Königs reden. Wenn die mich mit ihm sehen, werden sie mein Kinder ...!"

Dann bracht der Redefluss ab und er sackte in sich zusammen. Mit etwas Phantasie, die Mathias besaß, konnte er sich ein Bild malen, was da wohl geschehen war. "Sie haben deine Kinder entführt und dich gezwungen, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen! Du musst nicht mit dem Boten reden. Keiner hat gesehen, dass ich bei dir bin. Ich werde alles tun, damit wir deine Kinder retten können. Wer ist der Mann, mit dem du gesprochen hat, mit wem solltest du die Geheimnisse teilen, damit die Seeräuber wissen, was sie tun mussten?" Der Bürgermeister schrak zusammen. "Ihr wisst schon sehr viel. Woher?" Dann stand der Bürgermeister auf, musste sich aber am Stein des Altars festhalten. "Es gab hier einen Kaufmann, mit dem hatte ich immer wieder Gespräche geführt. Er gehörte, so sagte er, nicht zu den Seeräubern, aber man habe ihn dafür gekauft. Ich musste einen seiner Männer bei mir aufnehmen, als Bote. Nun ist der Kaufmann und einer seiner Leute tot. Man behauptet von einem Freudenmädchen ermordet. Ich schickte den Boten los, um das Mädchen und die entlaufenen Sklaven zu suchen. Er kam nicht zurück. Und nun ist ein Königsbote hier und will mit mir sprechen. Wenn die davon erfahren, dass ich mit ihm gesprochen habe, werden die denken, das ich nun nicht mehr mit ihnen zusammenarbeiten will und meine beiden Kinder ermorden. Ich kann nicht mit dem Mann reden. Nicht im Geheimen, ich darf es nicht tun. Die beobachten mich." Mathias schüttelte den Kopf, denn dass der Arm der Söldner und Seeräuber soweit reichen würde, konnte er sich nicht vorstellen. "Wer beobachtet dich? Kennst du die Person, die so was tut?" Der Bürgermeister wusste, dass es für ihn kein Zurück mehr gab. Er brauchte Verbündete und die Leute aus der Blauzahnsiedlungen waren gute Verbündete. "Ich bin mir nicht sicher, aber ich habe den Kaufmann und meinen Boten ein paar Mal gesehen, wie sie mit einer Frau gesprochen haben, die mit einem Schmied verheiratet ist. Es hat mich gewundert, das der Schmied, ein alter mürrischer Geselle mit so einer jungen Frau verheiratet ist. Sie ist hübsch und kann lesen und schreiben. Das hat alle gewundert, die den Schmied kannten, denn der brauchte doch ein kräftiges Weib, das zupacken kann und keine Frau, die halb so alt ist wie er und auch noch lesen und schreiben kann. Er hat seine Schmiede beim Haus der Deutschen, gleich neben dem Brunnen mit der Stange beim Hafen. Und er hat ein Pferd, das nur sie reiten kann, er kann so was nicht. Er war Waffenschmied, heute macht er Nägel, Haken und andere Dinge für Schiffe. Sie könnte der Mensch sein, der sich mit jemandem von den Burschen trifft. Sie darf nicht sehen, dass ich mit euch spreche." Mathias begriff, worum es jetzt ging. Das war die große Möglichkeit, das Netz, das die Bande in der Stadt hatte, zu zerreißen. "Bleibt hier drin. Ich werde euch Essen und Trinken und eine Decke schicken. Ich werde dafür sorgen, dass niemand in die Kirche kommt und dass der Bote und seine Männer wieder von hier verschwinden."

 

Mathias schlich sich davon, durch die Sakristei gelangte er wieder nach draußen. Ungesehen gelangte er zu einer Ecke, wo er Jorg Jorgssen ein Zeichen machen konnte, zu ihm zu kommen. Er erklärte Jorg alles und der ging zu Peter und Juris zurück. Als die beiden über alles Bescheid wussten, sprachen sie mit dem königlichen Boten. Der überlegte nicht lange, sondern zog mit seinen Männern zum Hafen ab. Vorher hatten sie aber das Gerücht verbreitet, das der Bürgermeister wohl sehr krank sei und er in der Kirche seine letzten Stunden verbringen wolle. Er habe einen schrägen Mund und könne nicht mehr richtig laufen oder gar stehen und Reden war ihm nicht mehr möglich. Schaum rinne ihm aus den Mundwinkeln. Wichtig war ihnen beim Verbreiten des Gerüchtes, dass jeder glaube, der Bürgermeister könne nicht mehr reden. Solch ein Schlag Gottes, deren Ursache meist bei einer dämonischen Kraft gesucht wurde, war nicht unbekannt und meist endete es doch tödlich. Oft auch nur, weil die Betroffenen mit übelsten Torturen behandelt wurden.

 

Jorg und Mathias beobachteten das Haus des Schmiedes. Keine zwanzig Schritte bei einer der Hütten, die den Blauzahnleuten gehörte, warteten Peter, Juris und der königliche Bote mit Pferden auf eine Nachricht. Der Bote hatte sich inzwischen mit einer grauen Tunika gekleidet und so sah er aus, wie viele andere, die sich hier in der Stadt an diesem Tage als Händler, Handwerker oder auch einfach Müßiggänger auf der Straße befanden. Kurz bevor die Stadttore geschlossen wurden, ritt die Frau des Schmieds los. Die fünf folgten ihr und schafften es gerade noch, die Stadt zu verlassen, bevor die Tore sich ganz geschlossen hatten. Unbemerkt konnten sie der Frau folgen. Der Mond erhellte den Weg gerade so gut, dass sie den Weg sehen konnten. Irgendwann verloren sie auch den Blick zu der Reiterin. Sie folgten einfach der verschneiten Straße in der Hoffnung, sie irgendwie wiederfinden zu können. Sie ritten gerade so lange, wie jemand brauchte, bis dreitausend zu zählen, als sie vor sich an Rande des Weges Lichter sahen. Juris kannte die Stelle, es war eine der Behausungen von einigen Holzfällern und Fuhrleuten. Sie ritten etwas abseits des Weges zu einem Gebüsch, das man gerade noch als solches erkennen konnte. Peter blieb mit den Pferden zurück. Mathias schlich sich zum Weg zurück, um den zu beobachten und Juris, Jorg und der Bote gingen leicht gebeugt zu den Hütten. Vor einer der Hütten zeichnete sich im Mondlicht die Umrisse eines Pferdes ab. Das war also ihr Ziel, wo sie sich hinschleichen mussten. Die Hütte stand ganz am Ende der kleinen Siedlung und aus dem Inneren war etwas Licht zu erkennen.

 

Juris presse sein Ohr ganz fest an eines der mit Fellen abgedichteten Fenster. Drinnen stritten sich eine Frau und ein Mann sehr laut. Juris verstand sehr schnell, um was es da ging. Der Mann war wütend, weil sie, ohne dass es vereinbart war, ihn nachts besuchte. Als er aber hörte, was sie ihm zu berichten hatte, wurde er friedlicher. "Nein, Steen der spricht nichts mehr. Ich hörte, dass sein Zunge gelähmt ist und er in die Kirche gegangen, ist um zu sterben. Vielleicht wollte der alte Sünder noch ein wenig beten, aber er kann nicht mehr. Gottes Schlag hat ihn getroffen. Und unser Bote ist verschwunden. Im Schneesturm umgekommen. Erfroren und der kann auch nicht mehr reden. Der Bürgermeister hat alles dafür getan, dass uns keine Armee angreift. Er hat allen viel versprochen und nichts getan. Es gibt nicht genügend Schwertarme, um uns zu besiegen. Sobald die ersten Schiffe wieder mit Fellen, Edelsteinen, Bier und Wein lossegeln, holen wir uns diese und wir werden bald die einzigen sein, die dann Handel betreiben. Dass der dumme Kaufmann auch noch anfing, mit jungen Weibern Handel zu betreiben, war dumm. Natürlich sind unsere Schiffe dann besser mit Waren versorgt und der Profit steigt noch etwas, aber hätte er nicht warten können, bis wir den Handel in unseren Händen halten. Den Fürsten und den hochheiligen Pfaffen ihr menschliches Spielzeug zu verschaffen, sollte nicht vordringlich unser Geschäft sein." Steen lachte laut auf. "Nein Svanhild das sollte wirklich nicht unser Geschäft sein. Aber du hättest nicht einfach so zu mir kommen sollen. Es fällt doch auf, wenn du durch die Stadttore um diese Uhrzeit reitest. Und es fällt doch erst recht auf, wenn du erst morgen in der Frühe, wenn sie wieder geöffnet werden, wieder nach Hause reitest. Du solltest das Bild einer freien, aber doch ehrbaren Gattin unbedingt erhalten. Ein wenig verrückt ist gut, aber eine achtbare Frau solltest du schon sein." Steen hatte das sehr ernst gesagt. Offensichtlich war er um ihre Tarnung besorgt. "Steen mache dir darüber keine Gedanken. Ich reite jetzt zurück. Es ist hell genug, der Mond scheint und ich habe meine Armbrust und einen langen Dolch dabei. Ich verstehe mich zu schützen. Durch das Stadttor gelange ich. Dem hässlichen Brumme gebe ich eine Münze, er darf mich ein wenig anfassen und ich fasse ihn da an, wo er sehr glücklich wird und er wird schweigen und mich durch das kleine Pferdetor rein lassen. Mache dir darüber keine Sorgen. Überbringen diese Neuigkeiten unserem Jarl."

 

Der Königsbote, Jorg und Juris schlichen zu ihren Pferden zurück und alle ritten gemeinsam so schnell es ging nach Visby zurück. Etwas abseits des besagten Tores versteckten sie sich und warten auf Svanhild. Sie mussten lange warten bis sie kam. Keine zweihundert Schritte vor dem Tor stieg sie ab und führte ihr Pferd an den Zügeln leise an der Mauer entlang. Dann klopfte sie leise ans Tor. Bald wurde es geöffnet und ein großer Schatten erschien unter dem Torbogen. "Erst meine Belohnung, dann lasse ich dich ein." hörten sie ein Stimme sagen, dann stöhnte der Mann auf und es dauerte etwas, bis das Stöhnen wieder aufhörte. Noch etwas außer Atem sagte die Stimme. "Jetzt noch die Münze und du darfst rein. Und noch was. Du solltest unbedingt öfters nachts ausreiten." Dann packte jemand Svanhild von hinten, eine Hand hielt ihr den Mund zu und zerrte sie weg, dann bekam der Kopf des Schattens einen Knüppel auf den Kopf und Juris fing ihn auf. Svanhild zappelt heftig, aber der Bote stopfte ihr eine Tuch in den Mund und dann wurde sie gefesselt. Leise schlichen sie durch das geöffnete Tor nach innen.

 

"Peter nimm die Pferde und schleiche dich zur Kirche, an der Sakristei wartest du auf uns. Versuche nicht gehört oder gesehen zu werden. Mathias du schaust, dass uns niemand beobachtet. " Juris und Jorg hatten offensichtlich einen Plan und Peter sowie Juris sollten besser nicht bei der Ausführung dabei sein. Der Bote wusste wohl, was sie nun tun würden. Erst band Juris das Pferd der Svanhild vor die Wächterstube, dann kam er zurück, während Jorg in der Wächterstube wartete. Das Frauenzimmer lag nun still da, sie konnte sich nicht vorstellen, was nun geschehen würde. Als der königliche Bote ihr mit einem Dolch das Obergewand aufschnitt dachte sie, dass die beiden nur ihren Spaß mit ihr haben wollten. Dann aber stach ihr Juris mit seinem Dolch in den Hals und alles Leben wich sofort aus ihr. Sie rissen ihr den Knebel aus dem Mund, lösten die Fessel, beschmierten den Dolch des Wachmanns mit Blut und warfen ihn dann mit aller Kraft mit dem Kopf gegen die Tormauer. Im schwachen Licht sah es so aus, als ob der Wachmann sich an ihr vergangen habe und sie dann ermordete, im letzten Aufbäumen des Todeskampfes muss die Sterbende ihn so abgewehrt haben, dass er mit dem Kopf gegen die Wand stieß und das Bewusstsein verlor. Die, die die beiden fanden, würden das so sehen, denn das Beinkleid das Mannes war noch offen und die Frau hatte an der linken Hand verräterische Spuren kleben.

 

"Der Mann wäre sowieso hingerichtet worden. Beim Tode ist es verboten, die Tore nachts zu öffnen, nur wenn er den Befehl dazu bekommen hätte, hätte er sie öffnen dürfen. Die Frau, was hätten wir anderen tun können? Hätten wir sie in den Kerker geworfen, hätte sich das herumgesprochen. Und so ist es doch ein Unglück, das passieren kann. Lass uns verschwinden." Jorg kam hinzu. "Schade, was für eine Verschwendung an Menschenleben. Aber wenn man sich einmal mit dem Teufel eingelassen hat, dann kann es nur im Fegefeuer enden." Er schüttelte sich ein paar Mal und folgte den anderen.

 

Bald trafen sie sich dann bei der Kirche. Mathias klopfte und sie wurden eingelassen. Nüchtern und ohne seine Gefühle zu zeigen berichtete er von dem, was geschehen war. Peter und Mathias waren mehr als nur erschrocken darüber, was ihr Freund da getan hatte. Aber es würde sie schützen. Niemand würde erfahren, was sie alles wussten. Nur die Rolle des Schmieds musste noch geklärt werden. Das konnte aber der Bürgermeister tun, der sich nun wieder frei bewegen konnte.

 

Am Morgen wurden alle durch laute Rufe auf etwas aufmerksam, was sich offensichtlich am Nordosttor zugetragen hatte. Der Bürgermeister, wieder ganz der Mann, der er sein sollte, traf sofort, nachdem er davon Kenntnis erhielt, dort ein. Sein Verstand sagte ihm, dass es hier um ein Verbrechen handelt und der Wächter die unschuldige Frau entehrt habe. Der Mann, der immer noch nicht auf den eigenen Beinen stehen konnte, wurde in den Kerker geworfen. Dort starb er einen Tag später, nicht durch fremde Hand.

 

Der Bürgermeister musste nun dafür sorgen, dass sie bald genügend Bewaffnete sammelten, um den Kampf gegen die Seeräuber aufzunehmen. Ihm war bewusst, dass er nur durch einen Kampf seine Kinder befreien konnte und nicht durch Stillhalten.

 

Der königliche Bote blieb mit zwölf seiner Bewaffneten in der Stadt zurück. Ihr Langboot wurde mit Nachrichten an den König zurückgeschickt. Sie suchten sich ein Quartier, wo sie nicht auffielen oder von allzu vielen bemerkt wurden.

 

Peter, Mathias, Jorg und Juris kehrten zur Blauzahnsiedlung zurück. Dort berichteten sie von dem, was sie erlebt hatten. Juris ließ nichts aus und bat danach Gregorius um seine Zeit und sein Ohr. Seine Tat lastete doch schwer auf ihm. Er hatte etwas Unausweichliches getan, aber es schmerzte ihn sehr.

 

Jorg, Peter und Mathias saßen auch noch zusammen. Auch ihr Gewissen klopfte an ihre Herzen. Sie hatten schon in Kämpfen Menschen verletzt oder gar getötet, aber das, was sie hier getan hatten... war das nicht ein feiger Mord? Auch wenn Juris den Dolche geführt hatte, so waren sie mit schuldig. Nur Jorg schien das weniger auszumachen. Er litt nicht so wie die beiden anderen oder so wie Juris, der jetzt mit sich kämpfte. Er hatte eine Frau getötet. Und einem Unschuldigen die Tat in die Schuhe geschoben. Das war nicht ehrenvoll, das war heimtückisch und gemein. Er beichtete und Gregorius sprach ihn frei. Nicht nur als sein Beichtvater, auch als Freund und Mitbewohner. Wäre das alles besser geworden, wenn der Scharfrichter es getan hätte.  Sie wäre sicher einer üblen Befragung unterzogen worden. Durch den schnellen Tod hatte er ihr unnötiges Leiden erspart und sie alle vor einer Heimtücke, die diese Frau mit heraufbeschworen hatte, bewahrt. Warum war es schlimmer, eine Frau zu töten als einen Mann? Diese Frage stellte er Gregorius zum Abschluss und Gregorius konnte sie nicht beantworten. Nur eines  konnte er ihm sagen. Frauen standen schon immer unter den Männern, das bedeutete aber nicht, dass es deshalb leichter war, sie zu töten. Sie waren der Ort, an dem das Leben, das man ihnen gab, heranwuchs. Ohne Frau keine Leben. Vielleicht war es das. Tötete man eine Frau, so tötete man auch eine Mutter. Tötete man einen Mann, dann starb ein Mann und nicht mehr.

 

Heimlich hatte Birgit gelauscht, was Gregorius mit Juris gesprochen hatten. Für sie war es der Ansporn, darüber nach zu denken und so etwas nochmals mit Juris zu besprechen. Wie war es, einen Menschen so zu töten und wie fühlte sich sein Gewissen an? Sie wollte das wissen. 

 

Fortsetzung folgt