Kapitel 28

Kloster Fulda 21.Februar 1216

 

Der Abt bat alle zur Frühmesse und danach sollten sich alle zu einem frühen Mahl im Refektorium treffen. Selbst die Frauen und Lorentz durften teilnehmen. Man hatte ihnen etwas abseits einen Tisch und eine Bank mit Blick auf den Abt hingestellt, man hatte sie allerdings dazu verpflichtet zu schweigen, selbst die Gebete sollten sie nur murmeln, damit keiner der Klosterbrüder ihre Stimmen hören konnte.

Nach dem Mahl, das für diesen Tag außergewöhnlich üppig war, bat der Abt um Ruhe. Er verkündete, dass Engelbert von Berg zum neuen Erzbischof von Köln ernannt werden sollte. Der war während des Thron-Streites 1210 neutral geblieben, war weder dem Welfen noch dem Staufer zugetan. Was ihn für den Abt von Fulda zu einem unsicheren Mitstreiter für die Sache Christi machte. Zudem hatte er 1212 bereits mit einigen seiner Verwandten für sechzig Tage am Albigenserkreuzzug teilgenommen.

Der Abt machte keinen Hehl daraus, dass er die Katharer für üble Sektierer hielt und er war kein Freund wüster Gewaltausbrüche, die während des Kreuzzuges stattgefunden hatten. Das Verbrennen von Christen durch Christen war für ihn keine Lösung in der philosophischen Betrachtung der reinen Lehre. Er war ein Mann der Worte und davon überzeugt, dass das Wort Gottes nur richtig gepredigt werden sollte, damit die Macht der Kirche erhalten werden konnte. Er war ein Politiker, ein Geschäftsmann, aber auch ein Mann Gottes und in dieser Verbindung suchte er immer eine pragmatische Lösung. Er spürte, dass er seinem Schöpfer bald gegenübertreten würde und die Ängste vor einem Versagen als Mann Gottes, als Vorsteher eines Klosters, legte er beiseite. Ihm war wichtig, dass seine Mitbrüder und die Gäste begriffen, dass ein Gottesmann nicht zur Gewalt aufrufen sollte oder sich an Gewalttaten zu beteiligen hatte. Für ihn war der Herr von Berg, der kommende Erzbischof von Köln, ein Beispiel des Zwiespaltes zwischen weltlicher und geistlicher Macht, die die Führer der Kirche immer mehr versuchten, in sich zu vereinigen. Das war wohl nicht möglich. Es war ein kleines Eingeständnis von ihm, dass er es auch nicht geschafft hatte. Als er diese morgendliche Tafel aufhob, blieben viele Brüder zurück, die nun mehr Fragen stellen wollten, als man zu beantworten in der Lage war.

 

Otto von Kraz hatte sehr wohl verstanden, was der Abt meinte und in den vielen Gesprächen, die er geführt hatte, war ihm klar gemacht worden, dass es sehr gefährlich war, sich dieser Strömung in der Kirche zu widersetzen. Der Kampf der weltlichen Macht mit der kirchlichen hatte bereits begonnen. Wie es enden würde, war niemandem klar. Hatte sich die Kirche über Jahrhunderte von den weltlichen Mächten benutzen lassen und ebenso umgekehrt, so war aus diesem fleischlichem Werkzeug nun ein eigenständiger Machtfaktor mit eigenen Begehrlichkeiten geworden und diese Begehrlichkeiten wuchsen weiter und duldete keine Konkurrenz. 

 

Es wurde Zeit für die Reise nach Lorch. Die Schneeschmelze abzuwarten bedeute für alle, dass es mehr als nur beschwerlich war, mit Karren und Pferd zu reisen. Entweder man wartete ab, bis die Schneeschmelze vorbei war und die Wege einigermaßen trocken oder man reiste jetzt, solange die Wege noch gefroren waren. Die Kälte und der Hunger waren ihr größter Feind, aber sie hatten gelernt mit diesem Element umzugehen.

 

Am 22. Februar verließen sie das Kloster Fulda. Die Gesundheit von Constanze von Breitenbach war wieder hergestellt. Ihr nächstes Ziel war das Kloster Schlüchtern, das sie beabsichtigten in drei Tagen zu erreichen. Sie bekamen einen Geleitbrief des Abtes mit, der ihnen sichere Reise durch die Gebiete der Würzburger sichern sollte. 

 

 

 

Montag 22. Februar 1216 Blauzahnsiedlung

 

Es hatte in der Nacht wieder etwas geschneit und der Wind wurde immer frostiger. Das Leben vor den Hütten, Häusern und Mauern kam immer mehr zum Erliegen. Eigentlich hatte Lars und Peter geplant, in dieser Woche die Pferde und Kühe nach draußen zu bringen, damit sie etwas Bewegung hatten, aber bei diesem aufkommenden Sturm war es einfach unmöglich. Nicht nur die Bequemlichkeit und die Lust auf Wärme hinderte sie daran, sondern der Sturm, der inzwischen große eisige Brocken mit sich trug. Knorre hatte sich am Morgen verletzt, als er das hintere Tor öffnen wollte und der Wind ihm ein kleines Stück Eis ins Gesicht schlug. Die Wunde an der Wange war nicht tief, aber doch sehr schmerzhaft und Gerretius musste sie behandeln. Tapfer hielt Knorre den Schmerz aus und wurde von Melanie mit einem Bratapfel dafür entlohnt.

 

Johanna von Bernbach schlief immer noch zu wenig. Sie war immer noch sehr nervös und vor allem Alana aus dem Frauenhaus, die sich etwas mehr um sie kümmerte, war etwas verzweifelt, weil sie nicht mehr wusste, wie man der jungen Frau helfen sollte. Sie beriet sich an diesem Tage mit Gerretius und beide waren der Meinung, dass man Johanna nochmals untersuchen müsse. Weder Alana noch der Medicus der Siedlung waren der Meinung, dass es nur an den Seelenqualen liegen konnte, was Johanna so peinigte. Lars, Peter und Birgit stimmten dem Ansinnen er beiden zu.

 

Johanna wurde von Alana gefragt, ob sie sich von ihr und Gerretius untersuchen lasse wolle und erklärte ihr auch den Grund dafür. Ohne zu überlegen stimmte sie dem zu. Zuerst wurde ihr von dem Medicus einige Fragen gestellt, deren Antworten aber wenig nützlich waren. Die erste Frage von Alana brachte allerdings etwas zum Vorschein. Ob sie irgendwo in ihrem Körper manchmal einen heftigen Schmerz empfinde, der sie müde machte, oder auch böse oder dass sie spüren würde, dass sie sich etwas verändere. Johanna nickte und erzählte dann, dass man sie bei der Ankunft auf Gotland, es war tiefe Nacht, als sie das Schiff verlassen sollte, so gestoßen habe, dass sie auf der Schiffsplanke gestürzt sei und sich dabei am Hinterkopf und am Rücken verletzt habe. Seit dieser Zeit habe sie immer wieder heftige Schmerzen im Kopf und ihr Genick wurde regelrecht steif. Bevor das passierte, wurde sie immer so wütend, dass sie gerne auf etwas einschlagen wollte. Der Wunsch dazu war so groß, weil sie hoffte, diesen Schmerz an jemand anderen weitergeben zu können. Der Schmerz dauerte sehr lange und wenn er nachließ, wurde sie unsagbar müde. Diese Angst vor diesem Schmerz machte sie immer ängstlicher und auch wütender. Und jedes Mal wenn ihr jemand Schmerzen zufügen wollte, dann wurde diese Wut so groß, dass die Ängste und diese Erbitterung darüber sie in einen Hass führte, der ihr Kräfte verlieh, dass sie in der Lage war, auch zu töten. Wobei sie sich eingestehen musste, dass sie dieses Töten nie wirklich wahrgenommen hatte, es passierte einfach. Und dann kam die Müdigkeit, nur dieses eine Mal nicht so stark, weil sie fliehen wollte. Sie wusste nicht, wie lange sie neben dem Toten geruht hatte, aber lange konnte es nicht gewesen sein, denn als sie erwachte, blutete er noch. 

 

Gerretius und Alana schauten sich fragend an. Was sie da gehört hatten, hörte sich eher an, als ob sie besessen sei, aber so schnell wollte sie Johanne nicht den Mächten des Bösen überlassen. Alana und auch Gerretius neigten eher dazu, Körper und Seele genauer zu betrachten, als eine Krankheit oder ein merkwürdiges Verhalten einer anderen Macht zuzuschreiben. Dem Teufel oder auch den Untoten überließ man besser seine Feinde, aber nicht Johanna. Dass ihr Körper und ihre Seele Schaden genommen hatten, war beiden bewusst, aber wie sollte man diese Verletzungen heilen?

 

Alana und der Medicus beschlossen, zuerst einmal den Rücken der jungen Frau zu untersuchen, um, soweit das möglich war, nach Methoden zu suchen, diese Schmerzen zu lindern.

 

Johanna entblößte ihren Rücken. Eine blutunterlaufene Stelle auf der linken Schulter und am Hals fiel Alana sofort auf. Sie ganzen Muskeln waren hart und verspannt. Eine kleine, harte Beule war an der Wirbelsäule neben der blutunterlaufenen Stelle zu ertasten. "Das ist aber nicht alleine durch den Sturz auf der Schiffsplanke geschehen." Das war keine Frage, die Alana Johanne stellte, das war eine Feststellung. "Erzähle mir alles." Man merkte, dass Johanna nachdenken musste, als ob sie vergessen habe, wo sie sich diese Verletzungen alle zugezogen haben könnte, zudem zeichnete sich in ihrem Gesicht eine merkwürdige Maske ab. Es wurde starr, der Blick war nicht mehr auf das Hier und Jetzt gerichtet. Schnell nahm Gerretius ihren Kopf in seine Hände, richtet seinen Blick in ihre Augen und sprach beruhigend auf sie ein. Alana berührte sie weiterhin und spürte, wie sich alle Muskeln in ihr spannten und fest wurden. Die Stimme des Medicus beruhigten sie wieder und die Spannung wich aus ihr. Ihr Kopf sackte auf die Schulter von Gerretius, als er diesen los ließ, und ihr ganzer Körper wurde weich. Gerade noch konnte Alana und Gerretius sie auffangen, sonst wäre sie von dem Hocker gefallen, auf dem sie saß. Vorsichtig nahmen sie Johanna hoch und legten sie auf das Bett, das neben dem Hocker stand. Sie atmete unruhig,  bis sie in dieser Ohnmacht anfing zu weinen und zu schluchzen. Es dauerte lange, bis sie wieder erwachte. Die Zeit dieses tiefen Schlafes nutzen die beiden Heiler, um alle Verletzungen, die sie sehen und ertasten konnten, genauer zu untersuchen. Irgend ein Stück Knochen schien sich hier aus dem Rücken gelöst zu haben und musste ihr höllische Schmerzen bereiten.

 

Während Alana die noch immer leicht benommene Johanna in den Armen hielt, bereitete Gerretius ihr ein paar Umschläge mit heißem Wasser und einer kräftigen Kräutertinktur zu und diese wurden ihr dann auf die roten Stellen gepresst. Kurz bäumte sich die junge Frau auf, aber ohne weitere Gegenwehr konnte sie weiterbehandelt werden. Das wiederholten sie einige Male.

 

Dann war Johanna bereit, Weiteres zu berichten. "Auf dem Schiff der Entführer freundete ich mich mit einem Jungen an. Der zeigte mir, wie man mit einem Messer umging. Zustechen, werfen und einiges mehr. Als der Kapitän das bemerkte, verprügelte er den Jungen. Ich bekam nur mit einem Knüppel einen Schlag von hinten auf die Schulter. Der Schmerz war unsagbar und ich konnte nicht einmal schreien. Ich war nicht in der Lage, irgendetwas zu tun. Wie gefesselt ohne Stricke lag ich auf den nassen Planken des Schiffes. Es dauerte eine Nacht bis ich mich wieder bewegen konnte. Aber die schmerzende Stelle blieb erhalten. Jede Berührung dort fühlte ich im ganzen Körper. Dann kam der Sturz beim Gang über die Planke vom Schiff herunter. Und wieder war es die Stelle, die doch so schmerzte, auf die ich stürzte. Und der Wächter in Kaufmannshaus bemerkte schnell, dass es reichte, wenn der mich da grob anfasste, um mich gefügig zu machen. Und in der Nacht, als er mich zu seinem Herren bringen sollte, schlug er mich mit einem Knüppel dort hin, weil ich nicht schnell genug laufen wollte. Was dann geschah wisst ihr doch schon."

 

Es dauerte einige Wochen, bis es Johanna besser ging. Alana massierte sie mit heilenden Ölen, sie wurde gebadet und wieder massiert. Isabella bereitete einige heiße Kräutertränke für sie, die ihr halfen besser zu ruhen. Die Gespräche mit Birgit und Gregorius halfen ihr, die Seele zu heilen, aber am meisten half ihr die Freundschaf mit Cristina zu Bärental, die sich immer mehr und tiefer entwickelte. Beide liebten Hunde und Katzen und jede von ihnen adoptierte eines dieser Geschöpfe, die sich in der Siedlung befanden.

 

28. Februar 1216 Blauzahnsiedlung 

 

Es war noch immer frostig, aber es hatte aufgehört zu schneien und der Wind hatte nachgelassen. Bald würde die Schneeschmelze kommen, aber solange der Boden noch gefroren war, konnte man ausreiten oder wandern.

 

Am 2. März wurde eine Reitergruppe aus allen Siedlungen der Blauzahnleuten losgeschickt um die Gegend im Nord Osten der Insel zu erkunden. Von den Räuberbanden, aber auch aus Visby, hatte man seit Wochen nichts mehr gehört oder gesehen. Es war an der Zeit,l sich darauf vorzubereiten, was unausweichlich war. Der Kampf gegen die Piraten. Peter von und zu Bärental machte sich mit ein paar andern nach Visby auf, um sich dort nach den Vorbereitungen auf den Kampf gegen diese Bande zu erkunden. Jorg Jorgssen, Juris und Mathias begleiteten ihn, um dort auch ein wenig nach Informationen zu suchen. Wer war der ermordete Kaufmann, was wusste man von ihm, mit was hatten er denn offiziell gehandelt und vor allem, wie weit waren denn nun wirklich die Vorbereitungen für den Kampf gegen die Piraten gediehen? 

 

In Visby angekommen merkten sie, dass in der Stadt sehr viel los war. Viele Menschen standen auf den Straßen herum und redeten durcheinander. Als Jörg Jorgssen sich bei einem Fuhrmann erkundigen wollte, was denn geschehen sei, bekam er keine Antwort. Der Mann deutete nur in Richtung Marktplatz und fuhr weiter. Zweihundert Schritte vor dem Platz kamen sie nicht weiter, denn viel Volk stand vor ihnen und wollte nicht weichen. Sie stiegen von den Pferden ab, führten diese durch eine Seitenstraße zu einer Herberge, deren Wirt Peter gut kannte und stellten dort für ein paar Münzen ihre Pferde ab. Der Wirt der Herberge konnte ihnen wenig sagen, was in Visby für so viel Aufregung sorgte. Er meinte, dass am frühen Morgen ein Langboot mit einem Boten des Königs gekommen sei, der einige Anweisungen an den Bürgermeister habe überbringen wollen, der aber weigere sich, den Boten zu empfangen. Nun waren die Bewaffneten des Bootes vor der Kirche, wo der Bürgermeister sich aufhielt, aufmarschiert und warteten auf den Mann. Warum der Bürgermeister ihn nicht empfangen wollte, wusste nun wirklich keiner. Was war denn dabei, einen Boten zu empfangen?

 

Also drängten sich die Männer der Blauzahnsiedlung durch die Menge und bald standen sie bei dem königlichen Boten. Mathias kannte den Mann von seinem Aufenthalt im Königshof und es war doch sehr auffallend für alle auf dem Platz, die das sehen konnten, als die beiden sich herzlich begrüßten. Mathias stellte dem Boten seine Begleiter vor und man einigte sich darauf, dass man gemeinsam die Stufen der Kirche ersteigen wollte und der Bote ihnen dann dort den Grund seines Besuches mitteilen wollte. "Der König hat erfahren, dass es auf der Insel Schwierigkeiten mit Piraten und abtrünnigen Söldnern gibt. Er will wissen, warum der Bürgermeister und der Hauptmann der Wache noch nicht gegen diese Räuber vorgegangen sind. Aber der Herr hat sich in die Kirche geflüchtet und weigert sich, mich zu empfangen. Aber ohne dass ich mit ihm gesprochen habe, kann ich hier nichts ausrichten. Was soll ich tun? Hier eindringen geht nicht und so lange warten, bis er wieder rauskommt, mag ich nicht. Ich bin eine Bote des Königs und ich lasse mich auf diese Art nicht erniedrigen. Das ist ein Handlung gegen den König. Ich muss ihn dafür bestrafen, aber nicht hier. Hier habe ich keine Macht. Matias weißt du mir Rat?" Zuerst berichtete Mathias und Peter, was sie über die Piraten und Räuber wussten, dann berichteten sie von dem Sklavenhändler und seine Ermordung, ohne etwas über die geflohenen Sklaven zu erwähnen.

 

Der Bote nickte heftig und wurde ganz aufgeregt. "Es ist also schlimmer, als der König gedacht hat. Solche Gerüchte sind schon bis an den Hof gedrungen, aber wir wollten das alle nicht glauben. Ich wurde bei diesem Wetter ausgeschickt, um es zu klären. Stellt euch vor, eine solche Überfahrt im Winter. Aber was hat das mit dem Bürgermeister zu tun? Er sollte doch froh sein, wenn der König ihn unterstützen will." Das mit dem Unterstützen wollte ihm jetzt keiner glauben, aber der Bote hatte das gesagt, also war doch irgendetwas im Gange, was Visby oder ganz Gotland für den König so wichtig machte. Der Handel mit den anderen Staaten, Städten und Händlern in der Ostsee war wichtig für Schweden und vieles wurde über Gotland abgewickelt. Gab es eine Störung des Handels, dann störte das auch die Steuereinnahmen für den König. Zudem war der Handel mit Sklaven zwar nicht verboten, aber der Raub von Menschen schon und das durfte nicht zugelassen werden. Denn wenn davon die Händler und deren Knechte betroffen waren, dann war das auch eine Sache, die den Handel störte. Wenn es dabei nur um ein paar Fischer oder Bauern gegangen wäre, dann wäre das nicht so übel gewesen. Denn von denen gab es genug.  

 

Mathias wusste einen Rat. Er bot sich als Unterhändler zwischen dem Königsboten und dem Bürgermeister an. Er kannte eine Seitentür in das Gebäude, durch das er Einlass finden konnte.

 

Fortsetzung folgt