Kapitel 26

12. Februar 1216 in der Ruine von Sontra

Seit zwei Tagen waren keine Händler oder auch Reiter mehr über den Pfad in der Nähe des Waldes gekommen. Heinrich und Otto hatten immer wieder die Umgebung abgesucht. Niemand war in der Nähe. Offensichtlich hatte der Wolf doch zu heftig geheult, sodass es nun bekannt war, dass ein Wolfsrudel hier hausen würde und man mied bei dieser Witterung die Umgebung. Hungrige Wölfe waren sehr gefährlich und wenn sie im Rudel angriffen, waren ihnen nur Bewaffnete gewachsen, das war aber auch nicht sicher. 

Im Morgengrauen zogen sie los. Marta und ihr Bruder Christian saßen auf dem Bock des zum Schlitten umgebauten Wagens. Constanze lag im Wagen, da sie immer noch schwach war und weder reiten noch lange aufrecht sitzen konnte. Frida ritt mit ihrem Führer vorne, Lorentz bildete die Nachhut, Otto war beim Wagen und Heinrich streifte etwas abseits, mal links mal recht von dem kleinen Zug umher und sicherte die Flanken. Begleitet wurde er vom Herrn Grafen, dessen schwarzes Fell sich leider gut vom Weiß des Schnees abhob. Hinter dem Zug kamen die Wölfe in einem Abstand von keinen hundert Schritten. Kamen sie etwas zu nahe, war der Graf sofort bei ihnen und drängte sie auf den von ihm akzeptierten Abstand zurück. Und die Wölfe gestatteten es ihm, ohne zu knurren oder auch nur den Ansatz von Ärger zu zeigen. 


Sie brauchten fast eine Stunde, um den Weg, der übers offene Gelände führte, hinter sich zu bringen. Immer wieder blieb der Schlitten hängen oder eines der Pferde scheute, wenn die Wölfe zu nahe kamen und warteten, bis der Graf die Situation bereinige. Marta und Christian waren offensichtlich überfordert, bei diesem Wetter den Schlitten mit den Pferden sicher zu führen. Frida übernahm dann die Zügel und schickte Christian zu ihrem Führer Gregor nach vorne. Gregor war ein ausgezeichneter Führer, er kannte offensichtlich jeden Weg, jede Art von Deckung, die sie benötigten. Er war ein Naturbursche, denn jede Spur, die sie sahen, wusste er zu deuten, jedes Gehölz kannte er mit seinem Namen. Nur eines war mehr als nur auffällig, er konnte sich keine Namen von Städten oder Menschen merken. Manchmal nannte er Christian Otto, aus Otto wurde Heinrich oder aus Frida Marta. Nur bei den Tieren schien er keine Gedächtniswirrungen zu haben. Herr Graf war immer Herr Graf und die Wolfsmutter war bei ihm Heulmama mit ihren Welpen Jaul und Jammer. 

Am späten Nachmittag mussten sie eine Rast einlegen, sie waren an den Ufern der Fulda angekommen. Sie suchten sich einen Lagerplatz, denn sie sahen keine Furt über den kleinen Fluss und wollten nicht im Dunklen den Weg über das Wasser nehmen. Der Hund und die Wölfe bekamen etwas Abfall vom Stockfisch, den Pferden machte man ein Stück auf einer sehr kleinen Lichtung vom Schnee frei und so konnten sie etwas Flechten und kleine Grastriebe fressen. Schutz vor dem aufkommenden Wind fanden sie in einer kleinen Erdmulde, wo sie auch Feuer machen konnten.

Gregor suchte das Gelände rund um ihren Lagerplatz ab und fand einige hundert Schritte flussaufwärts ein kleines Dorf mit ein paar Hütten. Dort konnte er ein wenig Tauschhandel betreiben. Die Leute in diesem kleinen Dorf fragten nicht viel, denn sie waren froh, dass dieser bewaffnete Mann ihnen nichts antat, sondern sie auch noch ein Fell und Nägel im Tausch für ein paar Fische bekamen. Sie boten ihm sogar an, bei ihnen in einer kleinen Hütte zu übernachten. Gregor lehnte ab, bekam aber zum Dank noch den Hinweis, wo sich eine Furt befand. Es war schon dunkel und der Mond versteckte sich immer wieder hinter ein paar Wolken, als er im Lager ankam. 

Am kommenden Morgen fanden sie die Furt bei Bebra und konnten die Fulda überschreiten. Am 13. Februar 1216 erreichten sie das Kloster Hersfeld. Dort fanden sie freundliche Aufnahme gegen ein kleines Entgelt und ein paar Informationen. Constanze von Breitenbach hatte wieder etwas Fieber und es war besser, wenn sie einige Tage in einer festen und wärmeren Behausung bleiben konnten. Die Heilkundigen des Klosters zogen eine Nonne zur Pflege hinzu, da es ihnen nicht gestattet war, eine Frau zu untersuchen oder gar bis auf Hände und Haupt zu berühren. 

14. Januar 1216 am frühen Morgen in der Blauzahnsiedlung

Erik hatte die halbe Nacht mit den Boten aus Visby gesprochen. Es war mehr oder weniger eine Verhör durch ihn, nur die Mengen an heißen Würzwein milderten die anstrengenden Gespräche etwas ab. Gegen Mitternacht waren die beiden Boten sturzbetrunken vor dem Kamin eingeschlafen. Erik hatte aber genug erfahren, um den anderen einen umfassenden Bericht geben zu können, warum zehn Reiter gesucht wurden und warum es jemand so wichtig war, die entflohenen Sklaven wieder zu finden. Es ging dabei nicht um den Mord an dem Händler und seinem Haus- und Hofknecht, hier ging es um etwas, was eine oder einer der jungen Entflohenen gesehen haben könnte.

Noch etwas schlaftrunken berichtete Erik nun Birgit, Melanie, Peter, Lars und Sasha, die ihren Bruder im Rat vertrat, was er von den Boten gehört hatte. 

"Diese Boten waren nicht nur Boten der Bürgerschaft oder besser gesagt des Bürgermeisters von Visby, sie sind auch so etwas wie Kundschafter. Sie sammeln allerlei Wissen und Gerüchte auf der Insel ein und übermitteln das Gesehene und Gehörte dem Bürgermeister. Ein paar Silberstücke verdienten sie sich dazu, indem sie ihr Wissen auch ein paar Kaufleuten schenkten. Und nun kommt doch etwas sehr Erstaunliches. Ein paar der Kaufleute und der Bürgermeister wussten schon länger über das Treiben der Piratensöldner Bescheid. Sie machten Geschäfte mit ihnen. Sie kauften ihnen Sklaven und auch Beutestücke ab und so wurden aus dem Diebesgut legale Ware. Unsere jungen Sklaven, die geflohen sind, waren Beutegut der Piraten und der Händler in Visby war der Verbindungsmann  der Stadt zu den Räubern. Dass Sorbi und Johanna lesen und schreiben konnten und zudem auch etwas von der Sprache der Normannen verstanden, wussten die Entführer nicht. So hat man immer wieder schriftliche Nachrichten sorglos herumliegen lassen und die beiden konnten hi und da mal etwas lesen oder auch hören, was sie besser nicht lesen oder hören sollten. Der Kaufmann in Visby, den Johanna getötet hat, war offensichtlich ein übler Kinderschänder. Er hat sich an kleinen Knaben vergangen und an jungen Frauen. Johanna hatte offensichtlich gesehen, wie sich dieses Untier mit Baltus vergnügte und ihn dabei so quälte, dass der nur noch kriechen konnte und das Laufen verlernte. Das hat sie offensichtlich am Tattag so in Rage gebracht, dass sie das Messer auch mit einer solchen Wut gebrauchte, dass der Kaufmann und sein Knecht daran glauben mussten. Das wussten sie so genau, weil dieser Kaufmann ihr eigentlicher Herr war und sie sich beim Bürgermeister als Knechte verdingten, um diesen ebenfalls auszuspionieren." Erik wurde langsam atemlos, weil er so schnell redete. Er hatte immer wieder mit Ängsten in sich zu kämpfen, weil er glaubte, etwas Wichtiges zu vergessen, wenn er nicht schnell genug alles berichtete. Als er wieder zu Luft kam, erzählte er weiter. "Die geraubten Menschen, die man zu Sklaven machte, wurden meist an reiche Fürsten, Kirchenobere oder Handelsherren verkauft. Er handelte, so erzählten mir die beiden, nur mit schönen Menschen, die die Gelüste der neuen Besitzer auch anzustacheln verstanden. Ich schenke dieser Aussage Glauben, denn wenn wir uns die jungen Frauen vor Augen führen, dann muss auch ich eingestehen, dass alle drei eine besondere Anmut besitzen. Auch die beiden Knaben waren keine tumben hässliche Burschen." Angewidert wollte sich Melanie umdrehen und gehen, blieb aber mitten in der Drehung stehen und fragte Erik. "Warum haben dir diese beiden das erzählt? Die waren es doch sicher gewohnt, viel Wein zu trinken ohne zu plaudern. Zudem halte ich die nicht für dumme Menschen. Was hat die bewogen, dir das zu erzählen?" Man sah, dass es Erik nicht zum Lachen zu Mute war. Er krümmte sich förmlich, als ob ihm das Antwort geben Schmerzen bereiten könnte. "Manchmal muss man sich eine andere Haut überstülpen, um jemand ganz anderes zu sein. Es spricht sich leichter, wenn ein Lump mit einem anderen spricht. Ich habe mir die Haut eines Lüstlings angezogen. Wie ich darauf kam? Ganz einfach war das nicht, aber als einer der beiden Johanna als Hure bezeichnete, dachte ich mir, dass da etwas anderes als nur Raub und Sklaverei im Spiele sein könnte. Also fragte ich, wo man denn solche Huren herbekommen würde und ich behauptete ganz gewisse Wünsche zu haben. Und so kamen wir ins vertrauliche Gespräch. Zudem wollte ich ihnen einige unserer hübschen Frauen zum Kauf anbieten und da war nun alles möglich." Sasha schaute Erik voller Verachtung an. Das hatte sie von Erik nicht erwartet, dass er Frauen aus ihrer Gemeinschaft an einen Sklavenhändler verkaufen würde, damit sie an Bestien weitergereicht werden würden. "Sasha ich habe eine Maske getragen, ich habe gelogen, um das zu erfahren, was wir wissen sollten. Nie und nimmer würde ich einen aus unserer Gemeinschaft dafür preisgeben. Ich habe mich heute morgen vor mir selbst geekelt und zur Buße hat mich Gregorius mit Eiswasser übergossen und gereinigt. Ich habe Worte gebraucht, für die ich mich jetzt noch schäme und nur der Würzwein konnte diesen bitteren Geschmack überdecken, der sich in meine Mund breit machte. Ich werde heute noch zum Christengott und zu Odin beten und alle anderen Götter, die es gibt und um Verzeihung bitten.  Egal wie ihr über mich denkt, das was da geschieht ist widerwärtig. Aber ich brauche nun euren Rat. Was machen wir mit den Boten? Ich will sie nicht so einfach wieder ziehen lassen. Sie haben zu viel hier gesehen und sie sind Werkzeuge abscheulicher Menschen. Was soll ich tun. Noch schlafen sie, denn der letzte Schluck Wein, den sie bekommen haben war etwas Schlafkraut beigegeben."    

Lars und Melanie schauten sich an und wollten beide zur gleichen Zeit anfangen zu sprechen. Lars überließ es dann Melanie zu sprechen. "Immer wieder dasselbe. Mächtigen und Reichen ist es egal, was mit Menschen passiert, Hauptsache ist es, dass sie zufrieden sind. Ihre Gier und Gelüste müssen befriedigt werden und es gibt zu viele, die ihnen willfähig dienen wollen. Ja es gibt die Sklaverei, wir werden das nicht ändern, aber für uns sind das trotzdem Menschen, die unseres Schutzes bedürfen und für uns arbeiten und dafür ihr Brot verdienen. Aber sie sind kein Handelsgut und schon gar nicht das Fleisch, das unsere Gelüste zu befriedigen hat. Trotz des Christentums, der zehn Gebote haben wir es nicht geschafft, diese niedrige Form der menschlichen Gedanken zu beseitigen und sie auszumerzen. Leider war es schon immer so und wird wahrscheinlich immer so bleiben. Es aber deshalb gut zu heißen kann ich nicht. Für mich ist das eines der verdammenswertesten Dinge, die um uns herum geschehen. Und jeder Christenmensch sollte das auch so sehen. Auch du mein Odinfreund solltest das so sehen. Oder ist das in deinem Glauben anders? Erik schüttelte den Kopf. "Nein meine liebe Melanie, ich verdamme das genauso und deshalb stelle ich auch die Frage, was wir mit den beiden tun sollen? Sie sind die Arme, die diese üblen Dinge mit betreiben und die hilfreichen Hände für diese Widerlinge." 

Lars nickte nur und musste lange überlegen. Hilfesuchend schaute er zu Peter von und zu Bärental. Der antwortete sehr ungern auf die gestellte Frage, denn er war sich selbst nicht sicher, wie man hier handeln sollte und auch durfte. "Wir haben nicht das Recht über die beiden zu urteilen. Die Gerichtsbarkeit liegt hier beim Bürgermeister und beim Vertreter des Königs. Leider wissen wir alle, dass in diesem Falle sehr wahrscheinlich kein Recht gesprochen wird. Hier werden Silber und Gold gegen Recht und Gerechtigkeit abgewogen und was wiegt denn schwerer? Wiegt das Leben von ein paar Knaben oder Mädchen schwer genug, dass sich die Waage der Gerechtigkeit dorthin bewegt, wo Gottes Gesetze Gültigkeit erlangen können? Lieber leiern diese Missetäter ein paar Busgebete herunter, als dass sie sich ein einträgliches Geschäft verderben lassen. Es ist doch wie das giftige Kraut auf den Feldern. Wenn du es rausreißt, dann musst du es mit der Wurzel tun, sonst kommt es wieder, wenn du es umhackst, dann rettest du eine Ernte wenigstens für ein Jahr. Ich bin der Meinung, wir müssen Zeit gewinnen. Zeit für diese armen Menschen. Wir haben ihnen Schutz gegeben, den wir ihnen nicht wieder wegnehmen dürfen, aber wir sind auch dem allgemeinen Recht verpflichtet. Fragt doch noch Gregorius dazu, vielleicht weiß er Rat und wir sollten Mathias ebenfalls dazu befragen, wie die Gesetze dazu lauten." 

Für Gregorius war es sehr schwer zu antworten. Nein man durfte nicht einfach zwei Männer töten, weil sie dem Bösen dienten und schon gar nicht ohne die Gerichtsbarkeit in Anspruch zu nehmen. 

Also mussten die beiden noch für einen Tag oder mehr in der Siedlung gehalten werden. Erik schlüpfte wieder in die Haut des Lüstlings und ging mit den Boten durch die Häuser, Ställe und zeigten ihnen alles, was er meinte, ihnen zeigen zu können. Dabei machte er sie auf die eine oder andere Schönheit der Siedlung aufmerksam und nannte dafür ihren Preis. Und dann floss wieder Wein in Strömen und irgendwann bekamen die beide wieder die Schlafkräuter.  

Mathias kam am nächsten Tag mit seiner Frau Merit von Mecht´s Hof um die junge Mutter Brenda zu besuchen. Sofort wurde er um Rat gefragt . Er war auch nicht sicher, denn bei den beiden handelte es sich um Bürger von Visby und sie hatten in der Siedlung keine eigene Gerichtsbarkeit. Und welchen Verbrechens konnte man sie denn bezichtigen? Sklavenhandel war kein Verbrechen, Menschenraub schon, aber wie sollte man das beweisen? Und dass man sie in Verbindung mit den Piratensöldnern bringen konnte, war nicht sehr einfach. Zudem würde die Gerichtsbarkeit in Visby so eine Klage denn entgegen nehmen? 

Als Mathias seiner Frau davon berichtete, hatte dieser sofort eine Idee. Sie war Jarl des Königreiches Schweden und auch Gund war Jarl und sie hatte auf ihrem Grund eine eigene Gerichtsbarkeit. Wenn Verbrechen auf ihrem Gebiet verübt worden war und man ihr gestattete, hier in der Siedlung Recht zu sprechen, weil die Täter hier dingfest gemacht worden waren, dann war alles rechtens und niemand konnte ihnen einen Vorwurf machen, wenn sie einen Gerichtstag abhielt. 

Am 18. Februar 1216 traf Jarl Gund in der Blauzahnsiedlung ein. Die beiden Boten hatte man inzwischen in Ketten gelegt und sie offiziell angeklagt. Die Verhandlung sollte am Freitag dem 19. Februar 1216 stattfinden und man machte den großen Saal dazu bereit. Die Jarl und auch Mathias bereiteten sich auf diesen Gerichtstag vor. Wie sollte man den beiden die Verbindung zu der Bande, die ihre Siedlung und Bauern überfallen hatten, nachweisen? Und da half ihnen Johanna von Bernbach mit einer kleinen Anmerkung, die sie Melanie gegenüber machte.   


Fortsetzung folgt