Kapitel 25

7. Februar 1216 in der Ruine bei Sontra

 

Immer wieder beobachtete Heinrich, wie kleinere Söldnertruppen oder Händler etwas mehr als sechshundert Schritte von ihrem Lagerplatz entfernt vorbeizogen. Seit drei Tagen waren etwas mehr als dreißig Reiter und drei Händlerwagen diesen Weg entlang gekommen. Sie kamen offensichtlich aus dem Norden und wollten nach Südosten und kreuzten damit genau ihren Weg in den Süden. Einige der Bewaffneten hatten auf ihren Schilden oder auf ihren Umhängen ein Kreuz. Also vermutete Otto, dass es sich um Kreuzfahrer handeln könnte.  Bisher waren sie unentdeckt geblieben, aber sie konnten nicht weiterziehen, denn mit diesen lockeren Gruppen an Bewaffneten war nicht zu spaßen. Im Namen Christi oder Gottes unterwegs zu sein bedeutete nicht sofort, dass da nur guten Menschen sich auf den Weg gemacht hatten. Hunger und Gier waren immer schon schlechte Reisebegleiter gewesen und Heinrich kannte die Moral der Kreuzfahrer. Zudem waren diese Bewaffneten nicht ohne Grund im Winter unterwegs. Wahrscheinlich gab es dort, wo sie herkamen, nicht mehr viel zu essen. Deshalb mahnten sie sich zur Vorsicht. Sobald sie den Wald verlassen würden, konnte man sie sehr weit sehen. Dieses Risiko wollten sie nicht eingehen. Ihre Nahrungsmittel würden noch für etwas mehr als sechs Tage ausreichen. Otto und Heinrich beschlossen also, dass man den Weg noch drei Tage lang beobachten sollte und sie spätestens am 10. Februar um Morgengrauen aufbrechen sollten.

 

Die Wölfe kamen nun immer näher heran. Bis auf dreißig Schritte waren sie schon nahe herangekommen und nachts lagerten sie im Schutz der Außenmauer. Die Wölfin hatte sich inzwischen von ihren Verletzungen erholt und konnte inzwischen wieder den einen oder anderen kleinen Nager erbeuten. Das reichte gerade zum Überleben für die kleine Wolfsfamilie, den Rest steuerten die Menschen bei, denn das, was der Herr Graf nicht verspeisen wollte, das bekamen die Wölfe. Aber es gab auch Grenzen und die besetzte der Graf. Das Eingangstor und das war die Grenze für die Wölfe, die sie nicht überschreiten durften. Diese Koexistenz zwischen Wildtieren, dem großen schwarzen Hund und den Menschen sollte sich einige Zeit später als sehr nützlich erweisen. 

 

7. Februar 1216 Gutshof der Mecht

 

Die ganze Nacht hatte der Sturm gewütet. Niemand konnte bei diesem Wetter - ohne Schaden zu nehmen - nach draußen gehen. Erst gegen Mittag wurde der Wind etwas schwächer und der Schneefall ließ ganz nach, bis auf ein paar Flocken, die sich noch aus den Wolken auf die Reise zur Erde machten. Erik war als erster draußen vor der Palisade und schaute sich um. Nichts war zu sehen, kein menschliches Wesen irgendwo. Wo waren diese Reiter abgeblieben? Er wagte sich nicht weiter als einmal rund um den Gutshof zu gehen. Der Sturm konnte sich wieder aufmachen, an den Häusern und Hütten zu rütteln und man erfror bei diesen Temperaturen mit diesem Wind schneller, als man den Gedanken an ein wärmendes Feuer zu Ende denken konnte.

 

Erst gegen Abend war sicher, dass der Sturm mit seinem Wüten aufhören würde.

 

7. Februar 1216 abends in der Blauzahnsiedlung 

 

Hier in der Siedlung war es sicherer und wärmer wie in manchen Hütten auf dem Land oder auf den Gutshöfen. Und trotzdem musste das Feuer in den Kaminen und Feuerkörben gut gefüttert werden, damit etwas Wärme erzeugt werden konnte. Lars war mit Peter und Marcus die halbe Nacht unterwegs gewesen, um sicher zu stellen, dass alles in der Siedlung in Ordnung war. Vor allem in den Ställen mussten sie immer wieder bei den nervösen Tieren für Ruhe sorgen. Jan, Mathias und Alberto wurden in die Ställe geschickt und sollten dort ständig bleiben, damit hier keine Panik ausbrach und sich eines der Tiere verletzen konnte.

 

Im Haus war es bis auf das eine oder andere Mal, wenn das Kind der Brenda anfing zu weinen, ganz entspannt. Sofia und, Brenda lagen eng aneinander gedrückt im Bett. Brenda hatte das Kind aus dem Korb genommen und es neben sich gelegt. So musste sie nicht aufstehen, wenn es anfing, seinen Hunger lautstark zu verkünden und gestillt werden wollte. Manchmal fasste Sophia vorsichtig über den Körper von Brenda hinweg das Kind vorsichtig an. Etwas neidisch war sie schon. Ein Kind zu bekommen war eines ihrer größten Wünsche, den sie hatte. Eine eigene Familie, mit einem Mann, der für sie da war und Kinder, die sie behüten durfte.

 

Bis zum späten Nachmittag stürmte es und erst gegen Abend beruhigte sich das Wetter. Um diese Zeit stieg Knorre auf seinen Turm und schaute nach draußen. Nichts war zu sehen - außer dem Grau des Himmels und dem Weiß des Schnees.  

 

In den Ställen wurde es auch wieder ruhiger. Jan, Mathias und Alberto konnten in die große Halle zurückkehren. Mathias wollte zu seiner Frau Merit. Sie war mit ihm vor zwei Tagen vom Hof der Mecht in die Blauzahnsiedlung gekommen, um Tran und Wachs zu holen. Sie hatten kein Öl mehr für ihre Lampen und das Wachs benötigten sie, um Kerzen zu machen. Sie hatten ein paar Schafe geschlachtet und brachten die Felle mit, die man in der Siedlung benötigte. Nun saßen sie hier fest, weil der Sturm zum Reisen zu heftig war und sie mit Erik nicht mitreiten wollten, der sich nun schon auf dem Gutshof befand. Sie hofften, dass sie sich am nächsten Morgen wieder auf den Weg machen konnten. Auch die Nachricht über die unbekannten Reiter hatte sie beunruhigt.

 

Am nächsten Morgen waren die Wolken verschwunden. Die Sonne schien auf die kalte und mit viel Schnee bedeckte Erde. Mathias, Merit und einer der Knechte machten die Schlitten bereit, sie wollten schnell zum Hof zurück, bevor es wieder zu stürmen anfangen würde. Mandy meinte, die Anzeichen dafür seien da. Sol, eine der Asen, die in der Sonne ihren Wohnsitz hatte, wollte nur kurz auf die Erde schauen, um zu sehen was Uller, der Ase, der den Winter machte, angerichtet hatte. Sie sollte recht behalten, denn am Abend wurde es wieder stürmisch. Da hatten aber Mathias, Merit und der Knecht den Hof mit dem Schlitten schon erreicht.

 

Erik hatte seinen Ausritt noch einmal verschoben, denn auch er traute Uller nicht. Also blieben die unbekannten Reiter weiterhin verschwunden, weil keiner sie suchte oder auch sehen konnte.

 

Uller war müde und schon nach Mitternacht legte er sich schlafen und es wurde still auf der Erde, denn die Kälte reichte aus, alles Leben still zu halten. So wie die verschollenen Reiter, die erfroren keine tausend Schritte vom Turm des Claus von Olsen im Schnee lagen. Drei ihrer Pferde hatten mit letzter Kraft den Weg zum Turm gefunden und wurden dort von den Söldnern eingefangen und im wärmenden Stall versorgt.

 

Erst am 10. Februar 1216 fand eine andere Patrouille durch Zufall die Reiter und die Pferde. Sie waren in eine kleine Schlucht gestürzt und ein Teil war ihren Verletzungen erlegen - ein anderer Teil einfach erfroren. Offensichtlich hatten drei Reiter vor dem Abgrund anhalten können. Sie waren, so schien es, von ihren Pferden abgestiegen, um ihren Kameraden zu helfen. Dabei müssen auch sie in den Abgrund gestürzt sein. Die herrenlosen Pferde konnten sich aus den leichten Fesseln befreien und ihr Instinkt hatte sie dann zum Turm geführt.

 

12. Februar 1216 Turm des Claus von Olsen

 

Das Wetter wurde besser, der Wind hatte vollkommen nachgelassen, die Sonne erhellte für ein paar Stunden die Erde. Claus von Olsen machte sich mit zwei seiner Leute auf den Weg über den Gutshof von Mecht zur Blauzahnsiedlung. Es war Zeit, die Wege zu kontrollieren um zu schauen, ob außer den drei Pferden noch andere Tier oder Menschen sich verirrt hatten und Hilfe benötigten. Und er fand zehn tote Menschen und sieben Pferde, die seiner Ansicht nach durch einen Sturz von den Klippen ums Leben gekommen waren. Ob die Menschen auch durch den Sturz umgekommen waren, konnte er nicht feststellen. Manche Anzeichen sprachen dafür und manche dagegen, denn alle waren sie steif gefroren und so konnte er nicht feststellen, was die wirkliche Todesursache war. Er konnte nichts mehr für die Leute tun. Er und seine Begleiter sammelten die Toten ein und legten sie zusammen hin. Sie bedeckten die Toten mit den Decken, die sie bei den Pferden fanden und beschwerten alles mit etwas Geäst und den Sätteln von den Pferden. Eine kleine Flagge und ein Siegel, das sie in einer der Satteltaschen gefunden hatten, nahmen sie mit. Alles andere ließen er liegen.

 

Da er bei den zehn Leichen spontan keinerlei Dokumente fand, nahm er an, dass sie aus Visby gekommen waren und sich im Schneesturm verirrt hatten.

 

Es war schon spät geworden und so ritten sie nur noch bis zum Hof der Mecht. Dort berichteten sie von ihrem Fund.

 

Es wurde eng auf dem Hof, aber auch die drei Reiter fanden für diese Nacht ein Quartier.

 

Am nächsten Morgen ritten sie nun zu siebt zu der Unglücksstelle. Erik nahm noch einen Schlitten und drei der Knechte vom Hof der Mecht mit und Claus von Olsen begleitete sie mit den Seinen. Sie hatten vor zwei Schlitten kräftige Zugpferde gespannt. Vielleicht mussten sie die Toten mitnehmen und beerdigen.

 

Da kein Schnee gefallen war und der Wind nur noch sehr seicht die Wolken bewegte, fanden sie die Stelle schnell, wo Claus die Leichen abgelegt hatte.

 

Nichts hatte sich verändert. Kein Wildtier hatte an den Körpern oder Kadavern genagt. Jetzt, wo sie alle Zeit hatten, um sich das Unfassbare anzusehen, wurde Claus und seinen Begleitern bald klar, was da geschehen war. Sie waren mit den Pferden bis an den Rand des Abgrundes geritten, dann war offensichtlich der Untergrund unter ihnen abgerutscht und hatte sie nach unten stürzen lassen. Drei Reiter wurden dabei nicht mit nach unten gerissen. Diese banden Ihre Pferde an einen Ast nicht weit von der Unglücksstelle und gingen zu Fuß an den Rand des Abgrundes. Und dabei muss ein weiterer Teil des Randes abgebrochen sein und hat die drei dann ebenfalls nach unten gerissen. Diese zweite Lawine an Eis, Schnee und Steinen muss allen, die noch eventuell gelebt hatten, den Todesstoß versetzt haben. Es gab keinen der Reiter, der nicht schlimmste Verletzungen aufwies. Eins der Pferde muss noch schwer verletzt gelebt haben und in seiner Panik mit den Hufen so um sich geschlagen haben, dass zwei Reiter Spuren an ihren Körpern von Huftreffern aufwiesen. Ob sie diese noch lebend oder tot abbekommen hatten, konnte niemand sagen.

 

Sie sammelten alles Wertvolle  ein. Schwerter, Sättel, einige Kettenhemden, Helme, Lanzen, und sie fanden in den Satteltaschen Lebensmittel und Wein. Im wertvollsten Sattel war versteckt ein kleiner Holzkasten eingearbeitet, dort fanden sie versiegelte Briefe. Das Siegel stammte vom Braunschweiger, aber wer der Empfänger war, stand nicht auf den Dokumenten. Einer der Reiter hatte noch einen goldenen Ring am Finger mit einem Wappen. Dieses Wappen war aber niemand bekannt. Claus beschloss nun alles auf die Schlitten zu packen und die Leichen mit den Steinen und mit kleinerem Geröll zu bedecken. Mehr konnten sie nicht tun. Sie würdig in einem Erdloch zu beerdigen war nicht möglich und trockenes Holz für eine Feuerbestattung war hier nicht genug vorhanden.

 

Kurz vor der Dämmerung waren sie fertig, nichts würde mehr an diesen Unglück erinnern, nur die Geröllhafen deuteten darauf hin, dass hier eine Stein- und Erdlawine in den Abgrund gestürzt war. Reich mit neuen Waffen, und mit Helmen und Sätteln machten sie sich auf den Weg zu Mecht´s Hof.

 

Gefahr bestand offensichtlich nicht und am nächsten Morgen ritten Claus zusammen mit seinen Leuten und Erik mit den Seinen in Richtung Blauzahnsiedlung. Dort würden sie die Dokumente öffnen, um sich hier Klarheit über den Schreiber und den Empfänger der Briefe zu verschaffen.

 

Es schneite nicht mehr und der Wind hatte vollkommen aufgehört zu blasen.  Sie kamen schnell und ohne Verzögerung am späten Nachmittag in der Siedlung an.

 

Dort erwartete sie bereits eine Überraschung. Zwei Boten aus Visby waren dort hin gekommen. Man vermisste eine Abordnung des Braunschweigers, der schon etwas länger in Visby gelagert hatte und sich in den letzten Wochen einige Söldner gekauft hatte. Er wollte die Mörder und Diebesbande ausfindig machen und war vor einigen Tagen in Richtung Osten aufgebrochen. Seitdem fehlte jede Spur von ihm und seinen Leuten. Man wisse zwar, dass sie nicht auf dem Weg von Visby in den Ostteil der Insel lagen, aber vielleicht hatte jemand aus der Blauzahnsiedlung diese zehn Reiter gesehen.

 

Sollten sie nun sofort die Wahrheit sagen oder über ihren Fund berichten. Noch waren Erik und Claus diesen Boten in der Siedlung nicht begegnet. Sie berieten sich mit Lars, Birgit und Peter. Sie waren alle der Meinung, dass man das nicht verschweigen konnte. Zu viele wussten darüber Bescheid und man konnte nicht allen hier in der Siedlung den Mund verbieten oder auf Mechts Hof. Dass sie mit jemanden aus dem Turm in Kontakt kommen würden, war eher unwahrscheinlich, denn Claus von Olsen hatte die Seinen in guter Zucht. Also einigte man sich auf eine Version, die ihnen nicht schaden würde und die sie auch glaubwürdig berichten konnten.

 

Erik und Claus trafen die Boten in der großen Halle vor einem der Feuer. "Ihr Herren aus Visby. Ihr sucht ein paar Reiter? Wir haben welche gefunden." Erik trat sehr selbstbewusst gegenüber diesen Boten auf. Er baute sich in voller Größe vor ihnen auf. "Zehn Reiten, sieben tote Pferde und ein wenig Gepäck. Sie sind ein kleine Schlucht auf dem Wege zur Küste abgestürzt. Dort hatte sich wohl eine Lawine aus Eis, Stein und Erde gelöst und sie mit in die Tiefe gerissen. Wir haben sie beerdigt. Den ganzen Tag haben wir Steine und Geröll eingesammelt und ihre Körper damit bedeckt. Und der Meister Claus von Olsen hat ein paar gute Gebete gesprochen.  Ihre Seelen werden mit diesen Worten in den Himmel finden. Ein paar Waffen und Sättel konnten wir bergen. Nichts Wertvolles dabei. Die werden wir behalten, als Belohnung für unsere Mühen. Wenn jemand Anspruch darauf anmeldet, muss er zu uns kommen. Kennt ihr die Leute? Wir haben kein Wappen gefunden, auch nichts, was uns anzeigen würde, wer diese Männer waren. Wir wissen nur, dass sie alle tot sind." Die beiden Boten schauten Erik an und wollten noch ein paar Fragen stellen, aber als Erik etwas ungeduldig einen Schritt auf sie zu machte, wollten sie nichts mehr fragen.

 

"Und was habt ihr mir zu sagen? Wisst ihr, wer die Leute waren? Gibt es jemand, den man vom Tode dieser Männer verständigen muss?" Erik verstand es sehr gut, Leute einzuschüchtern und die Boten waren inzwischen aufgestanden und hielten etwas Abstand zu Erik. Erik wartete. "Was habt ihr mir zu sagen?"

 

Die beiden standen inzwischen etwas zu nahe am offenen Feuer, konnten aber Erik nicht ausweichen. Beide begannen heftig zu schwitzen. Dem Älteren der beiden Boten war das alles etwas zu heiß und zu eng. Er begann zu reden, in der Hoffnung, diesem Riesen vor sich und dem Feuer hinter sich schnell zu entgehen.  "Der Bürgermeister schickte uns auf die Suche nach den Reitern und wir sollten auch nach eine Bande von Mördern Ausschau halten, die einen Händler und einen seiner Knechte ermordet haben. Es waren ein paar Sklaven, die haben Pferde und Lebensmittel gestohlen und sind nach der blutigen Tat geflohen. Junge Menschen ohne Moral. Sklaven halt. Wenn ihr sie seht, solltet ihr sie festhalten und nach Visby bringen. Es soll eine hohe Belohnung für die Fünf geben. Zwei Knaben und drei Mädchen oder besser gesagt junge Frauen. Die eine davon ist eine Hure aus Hamburg." Erik tat interessiert und bat die beiden, sich wieder zu setzen. Dabei schob er die Bank, wo die beiden Platz nehmen sollten, noch etwas näher ans Feuer. Dann winkte er Knorre zu sich und ließ sich einen Krug Wein mit drei Bechern kommen. "Hier ihr beiden, bei der Kälte sollte ihr etwas Wein trinken. Erzählt mir mehr, von den Morden und den fünf Entflohenen." 

 

Fortsetzung folgt