Kapitel 24

Sonntag 31. Januar 1216 in der Nähe von Sontra

 

Bis auf Constanze ging es allen wieder einigermaßen gut. Sie war noch schwach und fieberte immer noch leicht. Heinrich hatte am Vortage heimlich einen Hirschen erlegt und sie hatten fast den ganzen Samstag damit zugebracht, das Fleisch haltbar zu machen. Gekocht, angebraten und ein Teil davon geräuchert. Sie hofften, dass niemand den verräterischen Geruch wahrnehmen würde oder den Rauch ihres Feuers sehen konnte. Der leichte Schneefall und der starke Wind verhinderte wohl, dass jemand in ihrer Umgebung etwas sehen oder riechen konnte.

 

Der große schwarze Hund, Herr Graf, freute sich über die Knochen mit viel Fleisch daran und auch ihre neuen Begleiter waren über die Reste, die sie bekamen, mehr als nur glücklich. Die kleine Wolfsfamilie hielt sich in einem Abstand von etwas mehr als zweihundert Schritte von ihnen entfernt. Heinrich legte ein paar Knochen und Innereien abseits ihres Lagers aus und die hungrigen Wölfe genossen mit viele Knurren und Schmatzen das Geschenkte. Schädel und Geweih warf Heinrich tausend Schritte weiter in ein tiefes Tal. Niemand der sie versehentlich aufstöberte, sollte so leicht darauf kommen, dass er ein Wild geschossen hatte.

 

Gegen Mittag hörten sie weit entfernt eine Kirchenglocke läuten. Irgendwo musste wohl eine Ortschaft mit einer Kirche und einer Glocke sein. Heinrich schickte deshalb Lorentz in Richtung Süden los, um zu erkunden, ob dort eine Stadt oder ein Dorf war. Er kam kurz vor der Abenddämmerung zurück. "Etwas mehr als viertausend Schritte von hier gibt es eine kleine Stadt mit einer Kirche. Die Stadt ist mit einem Erdwall und Palisaden befestigt. Die haben sogar ein Tor und einen Turm. Gesehen habe ich vor dem Tor ein paar Leute mit einem Karren. Die brachten wohl Holz in diesen Ort. Sonst habe ich nichts gesehen. Keine Spuren von Pferden oder Menschen in der Nähe. Merkwürdig war nur eines. Rauch stieg nur aus zwei Hütten und beim Turm auf. In alle andern Häusern oder Hütten brannte wohl kein Feuer." Heinrich dachte nach, auch ihr Führer, der Staufermann versuchte sich daran zu erinnern, wie der Ort wohl heißen könnte. Beide wussten nun nicht, wo sie waren. Hatten sie sich verirrt? Waren sie von ihrem Weg abgekommen? Lange konnten sie ihren Überlegungen nicht nachgehen. Herr Graf begann zu knurren und die Wölfin heulte laut auf. Knurrte der Hund nur, weil die Wölfin heulte oder hatte er und seine neue wilde Freundin etwas gewittert?

 

31. Januar 1216 Blauzahnsiedlung

 

Gregorius hatte am Morgen eine kleine Messe gelesen. Selbst Dara und Cahyra, die Muslime waren, nahmen daran teil. Sie sangen und beteten mit. Beide hatten sich in den letzten Tagen sehr um die befreiten Sklaven gekümmert. Baltius war am Samstag in den Armen von Dara für immer eingeschlafen. Seine Verletzungen waren einfach zu groß und die Entbehrungen der letzten Tage oder Wochen hatten ihn zudem so geschwächt, dass er nicht mehr die Kraft aufbringen konnte, weiterzuleben. Es war nicht der erste Tote, den Dara sah oder berührte, aber es traf sie dieses Mal tief in ihrem Herzen, dass dieser Junge in ihren Armen sterben musste. Es fiel vor allem den alten Blauzahnsiedlern auf, dass sie selbst so betroffen waren und es sie sehr schmerzte, dass sie ihm nicht helfen konnten. Die, die dazu gekommen waren, Claus von Olsen, die Knechte und Mägde, trauert zwar, aber es traf sie nicht so tief wie die Freunde in der Blauzahnsiedlung. Selbst Johanna von Bernbach vergoss schuldbewusst ein paar Tränen, aber danach versuchte sie, sich anderweitig zu beschäftigen.

 

In Gesprächen hatte Lars, Melanie und Beatrice herausgefunden, warum Johanna so kaltblütig zwei Menschen erstechen konnte. Ihr Vater hatte von einer Reise ins Frankenreich aus Marseille einen jungen Muslim mitgebracht. Den hatten die Templer mitgebracht und dort als Sklaven verkauft. Es stellte sich heraus, dass der Junge sehr gut mit dem Messer umgehen konnte und bald war er ein ständiger Begleiter des Herrn von Bernbach. Nicht immer durfte er seinen Herrn begleiten, das galt vor allem für Reisen nach Köln oder nach Trier und Fulda. Überall, wo sich ein Bischoff oder eine starke katholische Verwaltung befand, missfiel es den Händlern, dass ein Sarazene den Handelsmann begleitete und er machte da keine guten Geschäfte. Also bewachte er zu der Zeit das Haus seines Herren und suchte sich auch weitere Beschäftigung. Und so wurde er Lehrer für Johanna. Er brachte ihr bei, wie man sich mit dem Messer verteidigte, wie man lautlos tötete und lehrte sie auch das Rechnen. Er lehrte sie auch etwas vom Islam, von seinen Gebräuchen und sie entwickelte eine sehr eigene Philosophie, was das Verhältnis Islam und Christen zu Frauen und Menschen im allgemeinen betraf. Sie begann sich immer selbstbewusster und selbstständiger zu verhalten. Und auf einem ihrer Ausflüge auf den Markt, die sie ohne zu fragen unternahm, wurde sie entführt. Fast fünf Monate war sie in den Händen ihrer Entführer. Dass sie nicht geschändet wurde, war selbst ihr ein Rätsel. Offensichtlich bekam man für eine blonde Jungfrau bei den Rus oder auch bei den Normannen doch noch sehr viel mehr Gold oder Silber wie für eine bereits gebrauchte Frau.

 

Nun hatte sie im tiefsten Winter und in einem fernen Land wieder die Freiheit erlangt. Freiheit bei fremden Menschen, weit von ihrem Vater entfernt. War das Freiheit?  Auf die Frage von Lars, ob man versuchen sollte, im Frühjahr mit ihrem Vater in Verbindung zu treten oder ob sie mit einem Händler mitreisen wollte, um in ihre Heimat zu kommen, konnte sie keine Antwort geben. Noch war sie von allem, was sie erlebt hatte, etwas mehr als nur überrascht. Sie hatte nicht erwartet, bei freundlichen Menschen zu landen. Das war neu für sie. Sie musste für Freundlichkeit nichts geben. Kein Gold, kein Silber, nichts von sich selbst. Sie durfte sich frei bewegen und sie musste nur die Regeln der Bewohner der Siedlung einhalten. Dann war alles gut.

 

Als Lars ihr dann noch versuchte zu erklären, dass mit der Aufnahme von ihr und den anderen Kindern sie sich alle hier in Gefahr gebracht hatten, dass man sie aber auf keinen Fall ausliefern würde, war sie einfach so überrascht, dass ihr bisheriges Weltbild ins Schwanken kam. Das hier auf Gotland in dieser Siedlung war alles anders wie sie es bisher kannte und kennen gelernt hatte. Diese Gemeinschaft stand fest zueinander, fast wie Klosterbrüder oder Ordensritter, aber sie lebten ehrlicher zusammen, als sie es jemals gehört oder auch erlebt hatte. Dann fiel es ihr auf, dass diese Männer größtenteils alles alte Männer waren. Aber sie waren anders als die Männer, die sie bisher kennengelernt hatte. Die hier hatten alle gesunde Zähne, stanken nicht nach Pisse oder hatten andere üble Gerüche an sich. Sie bewegten sich auch kräftiger und nicht so demütig oder auch arrogant wie die Männer, denen sie bisher begegnet war. Diese Männer aber auch die Frauen waren  grundverschieden zu denen, die sie bisher kennengelernt hatte. Nicht alle, denn ein paar Mägde und Knechte oder auch dieser Claus von Olsen waren wie die Menschen, denen sie bisher begegnet war. Aber wie anders? Warum, das konnte sie sich nicht erklären.

 

Der Rat der Siedlung beschloss, bis auf Johanna die drei anderen bei der Mecht und Jarl Gund unterzubringen, sofern sie dem zustimmten. Mecht und die Jarl hatten sich angefreundet und so entstand eine starke Gemeinschaft auf dem Gut. Zudem waren sich die Blauzahnleute im Klaren, dass sie nicht mehr Menschen aufnehmen konnten, denn ihre Nahrungsmittel würden für sie alle hoffentlich bis zum Frühjahr reichen, aber nicht länger und nicht für mehr Menschen. Sie würden etwas an Stockfisch und Getreide mitgeben müssen und  sie hofften, dass sie dort weit genug von Visby entfernt waren und man würde sie dort auch eher nicht vermuten. Johanna wollte man in der Siedlung behalten, bis man sich sicher war, was tatsächlich mit ihr war. Sie hatte sich sehr christlich verhalten, als sie die Kinder aus dem Kerker befreit hatte, aber ihre Entführung und die beiden kaltblütigen Morde warfen doch mehr Fragen auf. Erst wollte man sehen, wie sich Johanna weiter verhalten würde. Die drei Pferde würde man nach Visby bringen. Man konnte ja behaupten, dass man sie gefunden habe. Man konnte eventuell damit auch die Spur der Kinder verwischen. Wichtig war es, dass man die Vermutung, dass die Kinder bei den Blauzahnleuten waren, nicht aufkommen ließ.

 

Am 1. Februar 1216 nach dem Aufgang der Sonne, die um die Jahreszeit sich sehr rar machte, wurde der noch etwas schwache Brome auf einen Schlitten gepackt, auf einen anderen Schlitten wurden Sabrina und Sorbi gesetzt. Andrei, Alana und Petja begleiteten die drei auf ihrer Reise. Simon und Askold ritten voran, um bei der Jarl die Flüchtlinge anzukündigen. Sie und ihre Dorfmitglieder waren inzwischen alle im Hof der Mecht untergekommen, da ihre eigene Siedlung und ihre große Halle durch die Piraten zerstört worden war. Vor ein paar Tagen waren auch die Sergeanten des Claus von Olsen dort gewesen, um die die Stallungen und das Haupthaus mit Hilfe der Leute auf dem Gut für die vielen Menschen bewohnbar zu machen. Die beiden Sergeanten Johannes und Baltus trauerten noch sehr wegen dem in der Schlacht tödlich verwundeten Silas und brauchten Beschäftigung, um die Trauer etwas zu vergessen.

 

Mit Holzbalken verbanden sie die beiden Hütten der Knechte mit dem Haupthaus und machten die Stallungen für Menschen bewohnbar. Der Gutshof war nun mit einer hohen Palisade umgeben, in den man nur durch ein gut gesichertes Tor gelangen konnte.

 

Inzwischen hatte Claus von Olsen mit seinen Söldnern eine ständige Patrouille eingerichtet. Drei Reiter waren ständig zwischen seinem Turm am Meer, der Blauzahnsiedlung und dem Gutshof der Mecht unterwegs. Der Gutshof gehörte offiziell zur Blauzahnsiedlung und musste auch geschützt werden. Die schwangere Brenda hatte inzwischen Quartier im Zimmer der Sophia genommen. Sophia konnte sich immer noch nicht gut bewegen, denn die Wunde auf ihrer Schulter wollte nicht heilen und schmerzte offensichtlich immer noch sehr.

 

Die ersten Wehen kamen in der Nacht zum 2. Februar. Nach einem sehr anstrengen Tag für Brenda kam ein gesunder und etwas großer Junge nach einem sehr langen Gebet, das Gregorius sprach, in der Nacht zum 3. Februar 1216 zur Welt. Das erste Kind, das in der Siedlung geboren wurde. Trotz ihrer Probleme war Sophia die ganze Zeit bei Brenda gesessen. Sie meinte später, dass sie ebenfalls immer mitgepresst habe und auch irgendwann spürte sie auch Wehen in ihrem Unterleib. Auf jeden Fall waren beide Frauen am Morgen zum 3. Februar so müde, dass sie tief und fest schliefen. In der Siedlung gab es so viele helfende Hände, die sich um den kleinen Mann kümmerten, dass Brenda sich gut erholen konnte. Außer zu den Zeiten, wo der Junge nach seiner Mutter schrie, weil er Hunger hatte.

 

6. Februar 1216 am Fischweiher in der Nähe der Blauzahnsiedlung

 

Milly, Juris und Wolfkopf waren schon ganz früh an diesem Tag losgezogen. Sie wollten im alten Fischweiher ein Loch ins Eis schlagen. Fische waren dort eher selten, aber sie hofften, dass sie trotzdem ein paar fangen konnten. Der Weiher maß etwas mehr als dreißig Schritte in der Länge und war an der breitesten Stelle fünfundzwanzig Schritte breit. Er hatte die Form einer Mondsichel, deshalb nannte man ihn auch Halbmond. Er hatte einen kleinen Zufluss von der Inselmitte und einen Abfluss zu dem Bach, der den Graben der Blauzahnsiedlung mit Wasser speiste, sofern der nicht wie jetzt zugefroren war und das Wasser sehr spärlich floss.

 

Das Eis war dick genug sodass sich alle drei ohne Angst auf dem Eis bewegen konnten. Der Himmel war immer noch grau, aber es schneite nicht mehr und der eisige Wind hatte auch nachgelassen. Als Juris mit einem Beil versuchte, ein Loch in das Eis zu schlagen, tauchten drei Reiter am Ufer auf. Wolfskopf erkannte einen der Reiter. "Das sind die Patrouillenreiter des Herrn von Olsen. Aber warum winken die uns so aufgeregt zu. Warum rufen die uns nicht?"  Gerade wollte Wolfskopf ihnen etwas zurufen, da hielt ihm Milly die Hand vor seinen Mund. Sie hatte gerade rechtzeitig gesehen, dass man ihnen mit Handzeichen deutlich machen wollte, nicht zu rufen. Also packten sie ihre Sachen zusammen und gingen auf die Reiter zu.

 

"Hinten im Wald sammeln sich fremde Reiter, sie sind alle gut bewaffnet. Wir haben sie lange beobachtet und vermuten, dass sie auf dem Weg zum Gutshof der Maut sind. Wenn ihr hier Krach macht oder laut gerufen hättet, wären sie auf euch aufmerksam geworden. Es sind zehn Reiter und wie es mir scheint, kommen die aus Visby. Geht zurück zur Siedlung und warnt eure Leute, wir reiten weiter zum Gutshof." Ohne auf eine Antwort zu warten, ritten die drei weiter.

 

Juris schwang sich auf sein Pferd und ritt der Patrouille hinterher, während Wolfskopf und Milly ihr Zugpferd vor den Schlitten spannten und sich schnell in Richtung Blauzahnsiedlung aufmachten.

 

Dort angekommen berichteten sie von dem, was ihnen die Leute des Herrn von Olsen gesagt hatten. Erik entschied, sich umgehend mit zwei anderen dorthin auf den Weg zu machen. Sobald er und seine Reiter weg waren, wurden die Tore geschlossen und der Torturm mit drei Bewaffneten besetzt. Knorre war etwas wütend darüber, dass er seinen wichtigen und geliebten Posten verlassen musste, aber Lars und Peter konnten ihn davon überzeugen, dass er nun die mehr als nur verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen musste, innerhalb der Siedlung dafür zu sorgen, dass überall genügend Feuerholz vor den Kaminen bereit lag, denn es würde ein sehr kalter Tag und eine noch kältere Nacht geben. Leider hatten sie damit mehr als nur recht.

 

Gegen Mittag begann es wieder zu schneien und ein sehr kalter Wind kam auf. Aus dem Wind wurde ein Sturm und die Kälte drang durch alle Ritzen der Hütten und Häuser nach drinnen.

 

Auf dem Gutshof der Mecht

 

Gerade als Erik mit seinen Reitern eintraf, begann der Sturm. Das Tor wurde geschlossen und dann die Pferde sicher untergestellt. Es war nun sehr beengt auf dem Gut, aber jeder hatte es sicher und warm. Juris und Erik teilten sich die Wache und gingen gewissen zeitlichen Abstand draußen herum, schauten durch die Ritzen der Palisaden, ob sie etwas entdeckten. Begleitet wurden sie von zwei Hofhunden. Die großen Wolfshunde begleiteten die beiden dauernd und sorgten dafür, dass auch die kleinsten Abweichungen sofort bemerkt wurden.

 

Selbst in der Nacht, während der Sturm wütete, begleiteten die beiden die Wachen. Es passierte nichts. Niemand klopfte an das Tor, niemand wurde gesehen.

 

Wo waren die zehn Reiter abgeblieben? Hatte sich die Patrouille des Claus von Olsen geirrt? Hatten die zehn Reiter eine andere Richtung eingeschlagen und waren ganz woanders. Der Weg, den sie benützen konnten, führte etwas mehr als einhundert Schritte am Gut vorbei zu einer Weggabelung. Dann führte der Weg weiter an die Küste oder am Hof vorbei zur Blauzahnsiedlung. Erik beschloss, dass sie am nächsten Morgen zur Weggabelung reiten sollten. Vielleicht würden sie dort Spuren der Gruppe finden.  

 

Fortsetzung folgt