Kapitel 23

26. Januar 1216 vor Eschwege in einem Wald

 

Otto und seine vielen Begleiter kamen nur langsam voran. Es schneite seit einem Tag nach ihrer Abreise vom Gutshof heftig und sie mussten in einem dichten Waldstück eine längere Rast einlegen. Sie hatten einen geschützten Platz gefunden, dort waren Menschen und Tiere weitgehend geschützt vor dem dichten Schnee und dem eisigen Wind. Aber bis auf Heinrich und Lorentz bekamen alle eine Erkältung. Husten, Schnupfen und auch leichtes Fieber machten sich breit. Vor allem Constanze fieberte heftig und man legte sie in Decken eingepackt neben das Feuer, das man seit Stunden nicht ausgehen ließ. Heinrich kümmerte sie liebevoll um die Fiebernde. Er hatte genug Erfahrung auf seinen langen und beschwerlichen Reisen gesammelt und wusste mit Fiebernden umzugehen. Allerdings hatte Heinrich bisher nur männliche Kameraden behandelt und so bat er Frida, ihn zu unterstützen. Das konnte sie aber nicht allzu lange, weil auch bei ihr das Fieber immer heftiger wurde.

 

Heinrich schickte Lorentz los. Er sollte nach einer festen Bleibe suchen. Hier im Wald, auch wenn ihr Lagerplatz gut geschützt war, wollte er nicht lange mit den Fiebernden ausharren.  Lorentz war nicht allzu lange weggeblieben. Als er zurückkam berichtete er Heinrich von einem verfallenen Mauerstück und einem Turm. Feste Mauern und ein Dach, das weder Regen noch Schnee durchlassen würde, wäre sehr komfortabel. Unter Mühen wurde der Wagen gepackt, die Kranken mussten alle sitzen, sonst hätte man sie nicht transportieren können. Die Waffen und ihr Gepäck mussten sie zurücklassen. Otto war kräftig genug, um alleine mit diesen Dingen in ihrem Waldversteck zurückzubleiben, bis man ihn zusammen mit dem Gepäck abholen würde.

 

Lorentz hatte das Gelände und die Ruine schon gut ausgekundschaftet und sie mussten nur ein paar Bretter und etwas Geröll zur Seite schaffen, sodass sie bald einen Raum von acht auf zehn Schritte hatten. Nur ein kleines Loch in der steinernen Decke des Turms war offen und darunter legten sie ihre Feuerstelle an. Die Pferde konnten sie alle in einem kleinen Hof hinter dem Turm unterbringen. Der war allerdings von einer Mauer umgeben und sie mussten die Pferde durch den Turm hindurchführen, um dort die Pferde einstellen zu können. Ein altes Holzdach bot den Tieren genügend Schutz vor dem Wetter. Heinrich und Lorentz benötigten für den Aufbau des Lagers länger als sie dachten und erst kurz vor der Dämmerung konnte der Herr von Olsen losziehen, um Otto und die Waffen zu holen.

 

Otto fütterte die Flammen des kleinen Lagerfeuers ständig, aber das Holz, das er zum Nachlegen fand, war sehr feucht und brannte nicht mehr sehr gut. Die Feuchtigkeit bildete einen dicken Nebel in der Kuhle, wo Otto saß und bald musste er immer heftiger husten. Er war durch das Husten, den rauchigen Nebel so abgelenkt, dass er nicht merkte, dass er beobachtet wurde. Zuerst waren es zwei hellgelbe Augen die ihre Blicke auf ihn richteten. Dann waren es sechs Paare, die ihn versuchten zu beobachten. Auch diese Augen wurden durch die Rauchschwaden an einem guten Sehen gehindert. Otto wurde erst durch ein auffälliges Niesen auf die Beobachter aufmerksam. Einer der Beobachter musste unentwegt niesen, die beiden anderen standen etwas weiter abseits. Dann entdeckte Otto die drei Observierer. Etwa zehn Meter entfernt sah Otto den ersten Wolf, genau in den Rauchschwaben niesend stehen, die beiden anderen standen weiter rechts von ihm auch etwas mehr als zehn Schritte von ihm entfernt und beobachteten ihn einfach neugierig. Gegen drei Wölfe war Otto machtlos, das war ihm sofort klar. Also musst er dafür sorgen, dass mindestens zwei sich davon machten. Er bewarf die beiden rechts von ihm mit ein paar rauchenden und glimmenden Stücken aus seinem Feuer. Die beiden sprangen zur Seite und wichen des Geschossen geschickt aus. Sie vergrößerten ihren Abstand zu Otto um einige Schritte, machten sich aber nicht davon. Der Wolf mit dem Niesanfall hatte sich inzwischen hingelegt und versuchte seinen tränenden Augen mit den Pfoten zu säubern. Otto verstand nicht, dass dieser Wolf nicht einfach vor den Rauchschwaden davonlief. Er nahm ein Schwert und ging langsam aber laut schreiend auf diesen Wolf zu. Der reagiert nicht auf ihn, sondern musste weiter niesen und rieb sich die Augen. Als Otto nur noch drei Schritte von diesem Wolf entfernt war sah er, dass eines der Hinterbeine stark blutete und so etwas wie ein Draht oder eine Schlinge an diesem Bein hing. Das Ende dieser Schlinge hatte sich an einem Ast verfangen und der Wolf konnte sich kaum wegbewegen. Dieses Untier würde ihm nicht gefährlich werden können. Die beiden anderen Wölfe warteten in einem Abstand von gut zehn Schritten immer noch darauf, dass etwas geschehen würde. Die beiden waren wesentlich kleiner als der der Nieser. Das ist eine Mutter mit ihren Welpen, dachte Otto bei sich.

 

Dann schaute sich Otto um. Wenn der gefangene Wolf noch weiter so strampelte, würde er sich die Pfote noch abschneiden oder sich so verletzen, dass er nie wieder gehen konnte. Soll ich ihn töten und die beiden Welpen würden dann wohl des Hungers sterben oder jemand anderes erlöste sie vorher vor dem Hungertod. Otto konnte sich nicht entscheiden. Es wäre ein Leichtes gewesen dem Wolf, der sich nicht richtig wehren konnte, mit dem Schwert zu erschlagen. Aber wollte er das? Der Wolf jaulte voller Schmerzen auf und die beiden Welpen näherten sich der Mutter.

 

Dann wurde ihre Aufmerksamkeit von etwas abgelenkt, das Otto voller Erleichterung einen freudigen Seufzer entströmen ließ. "Heinrich, ich bin froh, dass du kommst. Hier ist eine Wölfin, leider in einer Schlinge gefangen und verletzt und dort drüben sind ihre Welpen. Was soll ich tun?"

 

Heinrich sprang vom Wagen und kam auf Otto und den Wolf zu. Er schaute sich die Wölfin aus einem sicheren Abstand an. "Normalerweise würde ich den Wolf erschlagen, aber ich kann nicht eine Mutter erschlagen, wenn die Welpen da sind. Ich hole eine Decke und ein Paar Sticke. Wir werden den Wolf fesseln und ihn dann von der Schlinge befreien. Den Rest überlassen wir der Natur." Heinrich war so geschickt mit der Decke und den Seilen, dass er schnell den Wolf soweit fesselte, dass er niemanden verletzten konnte. Dann befreite er die Hinterpfote von der Schlinge. Regungslos ließ der Wolf alles über sich ergehen. Er zerrte nicht an den Seilen, versuchte nicht die Decke von seinem Kopf wegzuziehen, fast regungslos lag er da. Heinrich eilte in die Kuhle und holte von dort einen großen Lederbeutel. Eine Nadel aus einer Fischgräte und einen dünnen Wollfaden hatte er schnell zur Hand und nähte die Wunde zu. Nur einmal zuckte die Wölfin vor Schmerzen zusammen, brummte böse unter der Decke hervor, war aber sofort wieder ruhig, als Heinrich sie beruhigend ansprach und sie vorsichtig durch die Decke streichelte. Dann musste Otto den letzten brennenden Knüppel von der Feuerstelle holen. Heinrich löste vorsichtig die Fesseln, nahm die Fackel und stellte sich an den Kopf des Wolfes. Dann zog er die Decke weg und hielt zwei Handbreit entfernt von den Augen des Tieren die Fackel hin. Das Feuer vor Augen sprang das Tier auf und rannte hinkend ein paar Schritte weg. Das Tier merkte schnell, dass er frei war und suchte sofort die Welpen. Die rannten jaulend auf ihre Mutter zu. " So mein lieber Otto, vor denen haben wir garantiert Ruhe. Die Mutter muss sich erst mal ein oder auch zwei Tage lang erholen, vorher wird sie keine Jagd auf uns machen. Also packen wir unsere Sachen auf den Wagen. Es ist bald dunkel und wir haben noch einige hundert Schritte bis zu unserem neuen Lager."

 

Es war schon dunkel, als die beiden im neuen Lager ankamen. Lorentz hatte schon Feuer gemacht und die Kranken und Fiebernden lagen in einem Kreis rund um das wärmende Feuer. Constanze redete im Fieber leise und rief immer wieder nach ihren Kindern und ihrem verstorbenen Mann.

 

Heinrich flößte ihr einen Becher mit gewürztem heißen Wein ein. Das zeigte bald Wirkung und sie schlief dann traumlos weiter.

 

Otto fand einen Platz in einer Lücke im wärmenden Kreis. Im Halbschlaf erzählte er das Abenteuer mit der Wölfin und den beiden Welpen. Es dauerte nicht lange, bis auch er einschlief.

 

Keiner musste Wache halten, denn der schwarze Hund, der Herr Graf, legte sich an den Eingang und es würde niemand wagen, die Schlafenden zu überraschen. Der Herr Graf war in der Nacht derjenige, der über alle wachte.

 

Ein paarmal schreckte der große schwarze Hund auf, knurrte etwas und legte sich wieder nieder.

 

In dieser Nacht schneite es sehr heftig und am nächsten Morgen waren keine Spuren mehr zu sehen. Alles war mit mindestens fünf Fuß hohem Schnee bedeckt.

 

im Morgengrauen, das nicht enden wollte, schmolzen Heinrich und Lorentz Schnee und bemühten sich, heißes Wasser zu machen. Sie wollten aus ein paar Kräutern und Honig einen Sud zum Trinken für alle machen. Es dauerte sehr lange, bis sie das schafften und jeder bekam einen Becher davon ab. Essen wollte außer Lorentz und dem Herrn Graf niemand etwas.

 

"Wir werden hier wohl einige Tagen warten müssen bis wir weiterreisen können. Ich werde später auf die Jagd gehen. Vielleicht kann ich was Frisches zum Essen jagen. Ich hoffe nicht, dass sich ein Adliger oder einer seiner Aufseher hier herumtreibt. Ich weiß wirklich nicht, wem das Stück Land hier gehört? Hier wechseln doch die Grassoden schneller ihre Besitzer wie das Gerstenkorn wachsen kann." Heinrich sagte das zu Lorentz während er seinen Bogen und die Pfeile in Augenschein nahm. "Wenn wir im Stauferland sind, dann kann uns unser Führer ja verteidigen. Er ist im Auftrage von denen mit uns unterwegs. Wenn es aber zum Braunschweiger gehört, dann sterben wir nicht am Fieber, sondern durch den Strick." Lorentz kannte sich inzwischen gut aus, was die Politik und die Eigenheiten des Adels anging. Er hörte jeden Tag Heinrich gut zu oder bat Otto des Öfteren, ihm das eine oder andere zu erklären. Er war ein sehr gelehriger Schüler.

 

27. Januar 1216 Blauzahnsiedlung

 

Die zwei Knaben und die drei jungen Frauen hatte man mit Mühe dem nahenden Tod entreißen können. Nur bei einem der Knaben, sein Name war Baltius, war Gerretius noch nicht sicher, ob er es überleben würde. Der elfjährige Knabe war Sohn eines unfreien Bauers auf einem großen Gut bei Stettin. Nachdem sein Vater bei einem Unfall ums Leben kam, verkaufte sein Herr ihn an einen Händler aus Stettin. Der nahm ihn als Schiffsjungen mit auf seine Seereisen in der Ostsee. Der Kaufmann machte schlechte Geschäfte und verkaufte den Jungen an einen Händler in Visby. Dort wurde er von seinem neuen Herrn oft misshandelt und landete dort zum Schluss im Keller. Ähnlich erging es Brome, der als elternloser Knabe ins Haus des Kaufmanns in Visby kam und dort für niedrigste Dienste missbraucht wurde. Oft wurde er willkürlich geschlagen und kam zum Schluss so wie Baltius in den Keller. Offensichtlich was das der Ort, wo unliebsame, unverkäufliche menschliche Ware sterben sollte. Sabrina war eine vierzehnjährige Venezianerin, die bei einem Raubzug in Italien von Normannen oder anderen Seeräubern entführt wurde und auf einem der Menschenmärkte der Rus an einen Kaufmann ging. So ging es auch der fünfzehnjährigen Sorbi aus Lübeck. Bei einer Schiffsreise mit ihrem Vater geriet sie in Gefangenschaft von Seeräubern und wurde an den gleichen Rus verkauft wie Sabrina. Der musste sie als Pfand einem Kaufmann aus Visby überlassen, als der seine Schulden bei diesem nicht bezahlen konnte. Weil sie diesem nicht freiwillig zu Willen waren, wurden sie in den Keller gesteckt, wo die beiden Knaben auf den Tod warteten.

 

Das Schicksal der Ältesten bewegte alle genauso wie das der anderen vier. Es war anders, aber ebenfalls grausam. Johanne von Bernbach, war siebzehn Jahre alt. Sie hatte an dem Tag Geburtstag, als sie in die Blauzahnsiedlung kam. Sie war die Tochter eines reichen Hamburger Seehändlers. Sie wurde auf einem Marktgang in Hamburg, den sie mit einer Zofe machte, entführt. Die Zofe wurde geschändet und dann mit einem Schnitt durch die Kehle getötet. Johanna wurde auf ein Schiff gebracht, das zu einer Siedlung bei Leer fuhr. Ihr Vater sollte durch einen Boten eine Nachricht erhalten, dass er seine Tochter gegen eine Zahlung von zehn Pfund Silber wieder bekommen könne. Der Bote ertrank auf seiner Reise nach Hamburg und Johanne musste mit ihren Entführern nun eine beschwerliche Reise nach Visby antreten. Dort sollte sie an jemanden verkauft werden. Der Kaufmann, der bereits die beiden Buben und die Mädchen in seinem Keller hatte, lagerte Johanna auch dort noch mit ein. Als er allerdings erfuhr, wer Johanne war, konnte er nicht mehr sicher sein, dass es gut für ihn war, Johanne zu verkaufen oder das Risiko einzugehen, dass der Vater sie fand und sie ihm dann erzählte, wer sie verkauft hatte. Sein Freund, der Bürgermeister von Visby, riet ihm einfach, sich mit ihr zu vergnügen und dann für immer verschwinden zu lassen. Und so fanden die fünf sich in diesem Keller zusammen. Johanne von Bernbach war eine intelligente junge Frau, die auch körperlich nicht nur vorzügliche weibliche Reize besaß, sie konnte sehr gut mit einem Messer oder mit einem Kurzschwert umgehen. Der Kerkermeister des Kaufmanns holte sie eines Abends aus dem Keller, weil der Kaufmann durch viel Wein seiner Gelüste auf ein frisches Ding nicht mehr beherrschen konnte. Johanne machte dem Kerkermeister, dessen bescheidener Verstand und körperliche Leistung ebenfalls durch sehr viele Wein außerordentlich eingeschränkt war, auf dem Weg zum Gemach des Kaufmanns schöne Augen. Als er sie anfassen wollte, entwand sie dem Arglosen den langen Dolch und rammte ihm diesen in den Hals. Er starb ohne einen Laut von sich geben zu können, polterte aber laut, als er zu Boden fiel. Als der Kaufmann erbost seine Kammertüre öffnete, wurde er ebenfalls durch einen schnellen Stich ins Herz zu seinem Schöpfer und später nach der Prüfung durch Petrus sehr wahrscheinlich in die Hölle geschickt. Da alle Bediensteten in einem andern Haus waren, konnte Johanne die vier anderen befreien. Sie stahlen vier Pferde und konnte unbemerkt entweichen. Unterwegs stürzte eines der Pferde mit den beiden Buben die sich dabei noch mehr verletzten. Das Pferd starb nach dem Sturz. Die fünf schlugen sich bis zu dem Wald durch. Die Pferde wurden durch etwas aufgeschreckt und versuchten immer wieder wegzulaufen. Das war offensichtlich die Szenerie die Knorre von seinem Turm aus gesehen hatte.

 

Lars, Peter von und zu Bärental, Claus von Olsen und Erik berieten lange, was sie tun sollten. Eigentlich müssten sie nach geltendem Recht die fünf nach Visby ausliefern. Denn dort war ein Kaufmann ermordet worden. Baltius, Brome, Sabrina und Sorbi waren rechtlos. Sie waren flüchtige Sklaven, würden ein paar Peitschenhieb bekommen und dann verkauft werden. Das würden die Knaben sehr wahrscheinlich nicht überleben. Johanna von Bernbach würde man hinrichten. Es war vollkommen egal, wie sie ins Haus des Kaufmann gekommen war. Sie war eine Mörderin. Wer Mörder und entlaufenen Sklaven Unterschlupf gewährte, machte sich als Mitwisser schuldig. Das konnte sehr teuer werden, wenn man ihnen das nachweisen würde.

 

Was sollten sie tun? Ihre ganze Kraft benötigten sie für den Kampf gegen die Piraten und die Mörderbande. Einen Streit mit den Bürgern von Visby konnten sie sich eigentlich nicht erlauben.  

 

Was Lars noch mehr beschäftigte war die Geschichte der Johanne. Eine junge Frau, gerade siebzehn Jahre alt geworden, verteidigte sich so kaltblütig gegen einen Waffenknecht, betrunken hin oder her, aber der Mann konnte doch nicht so betrunken gewesen sein, dass er sich entwaffnen ließ und dann noch mit der eignen Waffe getötet werden konnte Und der Kaufmann, wurde mit einem gezielten Stich ins Herz getötet. Das war doch sehr ungewöhnlich. Er teilte den anderen seine Gedanken mit und sie beschlossen, sich in Visby umzuhören. Vielleicht erfuhren sie dort mehr über die Ereignisse, die man ihnen berichtet hatte. 

 

Fortsetzung folgt