Kapitel 21

großer 18. Januar 1216 in der Nähe von Göttingen, am frühen Morgen

 

Otto hatte mit seinen Begleitern zum ersten Mal seit langem sehr komfortabel nächtigen können. Der Raum, den ihnen der Gutsherr zur Verfügung gestellt hatte, war groß genug und sehr gut ausgestattet, dass alle in ihm auf Betten schlafen konnten. Keiner störte sich daran, dass Männer, Frauen und Kinder in einem Raum nächtigten. Als Heinrich und Otto bei Morgengrauen aufwachten, schliefen alle anderen noch tief und fest. Leise schlichen sie sich aus dem Raum hinaus, zogen sich ihre Wämse vor der Tür an und gingen in das Pferdegehege hinunter, das teilweise überdacht war. Alle Pferde waren bestens versorgt, jemand hatte sogar ihre Hufen gereinigt und ein paar wunde Stellen, die durch die Sättel verursacht wurden, waren auch schon behandelt worden. Ihr Wagen stand etwas abseits, gut geschützt vor den Blicken von Fremden, sollten welche in den Hof des Gutes kommen.

"Riechst du das auch? Es duftet herrlich nach frischem Brot und heißen Würzwein."

Heinrich hob seine Nase wie ein Wolf in die Höhe und sog den Duft in sich ein. Beide drehten sich in die Richtung um, wo sie die Ursache des Duftes vermuteten. An der Türe zum Haupthaus stand ein Mann, mit einem grauen Bart, dem Waffenrock eines Ritters und mit dem Wappen auf seiner Brust, das ihn als Staufer kennzeichnete. Er winkte den beiden. Als sie nahe bei ihm waren, erkannten sie, dass dieser Mann zwar einen grauen Bart hatte, aber seine Augen waren hellblau, wach und sahen eher sehr jung aus. Auch seine Bewegungen wirkten nicht so, wie man es bei einem älteren Menschen vermutete. Gemeinsam traten sie ins Haus ein und da nahm der Unbekannte seine Mütze ab und wallende, feste und graue Haare fielen ihm auf den Nacken. "Ich bin Gernot von Breitenbach, ein Onkel von Constanze von Breitenbach. Habt keine Bedenken, ich will ihr und den Kindern nichts Böses. Ich war in Göttingen, als ich hörte, was in Hildesheim geschehen ist. Der Vogt von Nordheim hat Boten ins Land  geschickt, damit ihr sichere Reise habt, sofern das überhaupt in diesen Zeiten geht. Leider ist einer davon in Göttingen von Löwenanhängern fast gefangen genommen worden. Und ich konnte trotzdem von ihm erfahren, welche Route ihr nehmen würdet. Nun der Bote ist, sagen wir mal einfach, entkommen." Gernot lachte laut. "In Göttingen sucht man einen kleinen Mann mit einer Narbe an der rechten Wange. Den gibt es nicht mehr, es gibt nur noch eine hübsche jungen Frau, die mit ihrem Onkel, also mir auf Reisen ist. Ich bin als Bote des Klosters Lorch unterwegs. Und nun bin ich wieder ein Stauferbote. Verwandlung ist alles. Ja der Braunsbacher, ein Ritter der Staufer, hat so seine Ideen, wenn es darum geht, ungesehen durch die Lande zu reisen. Wie ich höre, hat der Herr von Bärental euch nicht erreicht. Ihr wisst nicht wo er ist. Es ist sehr wichtig für uns zu wissen, ob er auf Gotland angekommen ist. Er hat wichtige Dokumente bei sich, die wir benötigen." Dann hörte er auf zu reden, schaut die beiden erstaunt an bis er dann weiterredete. "Entschuldigt, es sprudelte einfach so aus mit heraus. Ihr seid jetzt sicher hungrig und würdet gerne dem Duft von frischem Brot folgen und sehen wollen, ob es das wirklich gibt. Folgt mir, die anderen aus eurer Reisegruppe sind sicher schon wach und warten auf euch." Sie folgten Gernot, der voraus ging, in einen Saal. Dort saßen schon viele Menschen. Der Hausherr mit all seinen Familienmitgliedern und seinen Leuten und auch Constanze, Marta und Christian, Frida, Lorentz und ihr Führer, der sie hierher begleitet hatte.

 

Als Constanze Gernot sah, wurde sie zuerst etwas nachdenklich und dann wirkte sie sogar ängstlich. Gernot schaute sich um und als der Constanze entdeckte, hob er beide Hände hoch. "Frau von Breitenbach, ich komme als Freund und Beschützer. Ihr müsst keine Angst vor mir haben. Ich habe nichts mit eurem Vater zu tun und auch nichts mit seinem Cousin, meinem Vater oder seinem Bruder. Ich bin vor ihnen wie ihr geflohen. Bitte lasst mich euch die Hände reichen." Vorsichtig machte er ein paar Schritte auf sie zu und blieb dann stehen. Otto und Heinrich spürten deutlich, dass es Gernot sehr wichtig war, Constanze friedlich und vorsichtig zu begegnen. Er wollte ihr keine Angst machen und durch sein vorsichtiges Auftreten ihr Vertrauen gewinnen. Sie stand auf und ging langsam auf ihn zu, sie musste wirklich keine Angst haben, denn sie war von Freunden umgeben, die ihr jederzeit beistehen würden. Aber es war trotzdem eine Überraschung, einen Verwandten hier weit weg von Burg Breitenbach zu sehen. Stumm und erstaunt schauten sie sich an, bis sie langsam aufeinander zugingen und sich dann in die Arme nahmen. Fest drückte Gernot Constanze an sich. Es dauerte fast ein wenig zu lange bis er sie wieder freigab, denn so eine Umarmung zwischen Mann und Frau, auch unter Verwandten, war nicht sehr schicklich. Alle im Saale schauten nur auf die beiden. Es war leise geworden, nur das Feuer im Kamin war zu hören, sonst nichts. "Wo ist dein Gatte Constanze? Ich sehe nur dort zwei junge Menschen, die neben dir saßen. Sind das deine Kinder?" Nur Constanze konnte verstehen, was Gernot sie gerade fragte, so leise sprach er. Sie deutete auf Marta und Christian und gab ihm zu verstehen, dass das ihre Kinder wären. "Mein Gatte ist tot, Gernot. Ein Unglück in Hildesheim nahm uns den Vater und Gatten. Wir reisen unter dem Schutz der Herrn von Kraz und Heinrich von Olsen, Frida von Blau und dem jungen Lorentz. Ich möchte es auch nicht versäumen, unseren vierbeinigen Beschützer vorzustellen, der Graf von Hund." Dabei deutete sie auf ihren neuen Begleiter, den großen schwarzen Hund, den die Kinder den Namen Graf von Hund gegeben hatten. Die Sache mit dem Hund brach den Bann der ängstlichen Spannung. Gernot nahm ohne Scheu nochmals Constanze in den Arm und eilte dann auf die Kinder zu. Da hatte er aber offensichtlich vergessen, dass der Graf von Hund, das nicht so ohne weiteres zuließ. Keine drei Schritte vor den Kindern wurde er durch den Schwarzen gestoppt. Knurrend und zähnefletschend stellte sich das Fellknäul vor Gernot und versperrte ihm den Weg zu den Kindern. Marta stand auf, legte beruhigend eine Hand auf den Kopf des Tieres und nahm mit der anderen eine Hand von Gernot und führte diese zu seiner Schnauze. "Das ist ein Freund Herr Graf, der darf zu uns." Dann reichte sie Gernot ihre andere Hand und verbeugte sich dann schicklich vor ihm. "Herrn von Breitenbach. Es freut uns ihre Bekanntschaft zu machen. Darf ich euch zu uns an den Tisch bitten, zu meinem Bruder und zu ..." Dann stockte sie und konnte nicht mehr weitersprechen. Irritiert schaute sie ihren Onkel an, seine tiefblauen Augen waren feucht und eine Träne lief ihm über die Wange und versank in seinem Bart. Ein Ritter, ein Mann der weinte und sich dessen nicht einmal schämte oder sich verstecken wollte. Marta war nicht klein und Gernot musste sich deshalb nicht tief beugen, um ihr einen Kuss auf die Stirn zu geben. Händchen haltend gingen sie die paar Schritte zum Tisch, wo sich Christian schon erhoben hatte. Schweigend begrüßten sich die beiden, Gernot legte seine Hände auf die Schultern des Jungen. Dann drückte er ihn zurück auf die Bank und setzte sich zwischen Marta und Constanze. Ein weiterer Bruch er Sitten, an dem sich aber keiner störte, denn alle waren einfach überrascht und bewegt, welche Gefühle sie da gerade sehen und spüren durften. Der Herr Graf legte sich unter den Tisch und das allgemeine Schweigen löste sich wieder auf.  

 

Eigentlich war dieser Montag ein Arbeitstag wie jeder andere, aber auf diesem Gutshof wurde er zum Feiertag. Außer dem Versorgen der Tiere und ein paar Arbeiten an den Stalldächern war wenig zu tun. Das Wetter gestattete es nicht, dass man draußen tätig sein konnte, denn es schneite sehr stark und so blieb man redend und ein wenig feiernd lange an der Tafel sitzen.

 

18. Januar 1216 Gotland, auf dem Schlachtfeld

 

Bei den Reitern waren John, Erik und Lars schwer verletzt, Silas und Willis tot. Bei den Bogenschützen waren drei Tote zu beklagen. Die beiden Begleiterinnen von Namenlos waren erschlagen worden und zwei der Bauern, die sich ihr angeschlossen hatten, in ihrer Reihen zu kämpfen, auch. Keiner von den anderen Schützen war unverletzt geblieben. Der Bärentaler hatte drei seiner Leute verloren, darunter den Riesen, der mit Merit, Mathias Frau mitgekommen war und zwei Männer aus dem Fischerdorf.

 

Der Bärentaler hatte einen üblen Streich auf die linke Schulter erhalten, er konnte den Arm nicht mehr bewegen. Namenlos blutete am Kopf, weil einer der Kämpfer, der sich schon ergeben hatte, sie heimtückisch mit einem Pfeil angegriffen und sie an der linken Schläfe verletzte, bevor sie ihn mit einem Dolch niederstrecken konnte.

 

Schlimm stand es auch um einige Pferde, acht der Tiere waren tot oder mussten von ihren Schmerzen durch das Schwert befreit werden. Vier waren verletzt, konnten aber noch gehen und ihre Wunden waren nicht so schwer, als dass man sie nicht behandeln konnte.

 

Bei den Gegnern der Blauzahnleute sah es anders aus. Bis auf neun Verletzte und zwei Unverletzte hatte keiner überlebt. Von den neun Verletzten würden wahrscheinlich zwei das Abendrot nicht mehr sehen.

 

Was Peter, Juris und Jorg wunderte, als sie die toten und verletzten Gegner anschauten, war, dass die in der ersten Linie des Schildwalls mit denen in der zweiten Reihe durch kurze Stangen aneinander gebunden waren. Als ob man die erste Linie dadurch zum Gehen zwingen wollte. Diese erste Line hatte ausnahmslos aus sehr jungen Männern bestanden. Juris befragte einen der unverletzten Söldner nach dem Grund für diese Stangen. Seine Antwort war etwas merkwürdig. "Die sind neu zu uns gekommen und hatten noch keine lange Ausbildung an den Waffen. Damit sie nicht umdrehen und davonlaufen können, haben wir uns das ausgedacht. Sie mussten kämpfen und konnten sich auch nicht ergeben. Hätten sie das versucht, wären sie von hinten erschlagen worden. Fünf haben wir ganz aus der Reihe herausgenommen, die waren einfach zu dumm, zu erkennen, dass sie nun zu kämpfen hatten, die wollten wir nach der Schlacht aufhängen, nun aber sind sie verbrannt." Dabei schaute er zum brennenden Gehöft hinunter. "Da sind oder waren noch Menschen in diesen Gebäuden?" fragte Juris. "Ja, die fünf und noch ein paar Frauen, mit denen wir noch nach dem Gemetzel an euch unseren Spaß haben wollten. Der Bauer und die Knechte sind schon hinüber." Voller Wut knallte ihm Juris den Knauf seines Schwertea an den Schädel und der Mann brach ohnmächtig zusammen. Dann rannte er und Peter los und beide riefen laut. "Da sind noch Menschen in den brennenden Gebäuden. Kommt schnell, wir müssen sie befreien." Das Feuer war noch nicht auf alle Gebäude übergesprungen. Als sie näher an das Feuer kamen, hörten sie auch Schreie. Schreie von Menschen in Todesangst. Sie kamen tatsächlich aus dem Stall, der noch nicht brannte. Juris und Peter, der nur seine rechte Hand benutzen konnte, versuchten die verbarrikadierte Tür aufzubrechen. Erst als noch drei Männer hinzukamen, gelang es ihnen, den nun brennenden Stall zu öffnen. Was sie sahen, war selbst für die durch die Schlacht abgestumpften Augen furchtbar anzusehen. Fünf nackte, gefesselte  Frauenkörper lagen auf dem Boden und fünf junge Männer, ebenfalls nackt, waren mit den Händen nach oben an einem Balken aufgehängt, die Füße eine Handbreit vom Boden entfernt. Der Stall füllte sich schnell mit den Rauchschwaden und die Helfer mussten sich beeilen. Peter der durch seine verletzte Hand nichts tragen konnte, durchtrennte die Seile mit dem Schwert. Die Gepeinigten schlugen auf den mit Heu bedeckten Boden auf und wurden dann nach draußen getragen. Kaum hatten sie alle ins Freie gebracht, brannte die Scheune lichterloh. Sie hatten vier tote Frauen und drei tote junge Männer geborgen. Erstickt oder durch die Folter und Qualen elendiglich zu Tode gekommen,  die anderen waren dem Tode sehr nahe.

 

Gregorius, Gerretius, Isabella, Sasha, Cristina  und einige Mägde waren inzwischen auch auf dem Schlachtfeld angekommen und kümmerten sich um die Verletzten.

 

Isabelle eilte gemeinsam mit Cristina von Bärental zu den Verletzten beim brennenden Hof. Schreiend rannte Cristina auf einen der beiden noch lebenden jungen Männer zu, kniete sich nieder und nahm ihn in die Arme. "Das ist mein Bruder, bitte helft ihm, bitte!" Mehr konnte sie nicht sagen. Der Junge hatte seine Augen aufgemacht und sie waren auf seine Schwester gerichtet. Sie sah nicht, dass sein gesamter Körper von dunkelroten Flecken bedeckt war. Offensichtlich hatte man ihn mit Knüppeln malträtiert. Zwei, drei Mal hustete er, dann brachen seine Augen und sein Blick wurde stumpf. Er war tot, im selben Moment gestorben wie der andere Junge, den man lebendig aus dem Inferno geborgen hatte. Isabelle konnte nur dem Mädchen helfen. Sie hatte nur ein blaues Auge und einen wunden Rücken und  ihr Sitzfleisch war ebenfalls mit roten Striemen überzogen. Offensichtlich hatte man sie ausgepeitscht, denn sie wollte niemanden zu Willen sein und hatte sich heftig gewehrt, so berichtete sie auf jeden Fall. Isabella wickelte sie in ein paar Felle ein und gab Anweisung sie auf einen Wagen zu packen. Hier mussten diese Wunden nicht versorgt werden und die anderen Wunden, die man nicht sah, konnte man an diesem Ort schon gar nicht heilen oder behandeln.

 

Man stellte ein paar Wachen auf, die den Ort des Geschehens absichern sollten und dann wurden alle Verwundeten entweder auf Pferde gesetzt oder auf Wagen gepackt. Einige konnten auch noch gehen und man setzte sich in Richtung Blauzahnsiedlung ab. Die drei verletzten Söldner, die zum Schluss noch am Leben waren, nahm man mit, ebenso den toten Bruder von Cristina.

 

Nur die Wächter des Schlachtfeldes und die toten Söldner sowie die toten Bewohner des Gutshofes blieben da liegen, wo sie gestorben oder niedergelegt worden waren.  

 

Es war bereits dunkel, als die Karawane mit den siegreichen Kriegern und Verletzten in der Siedlung ankam. Alles war auf das Versorgen der Verletzten eingerichtet und Verletzt waren alle, die an diesem Tage eine Waffe in der Hand gehalten hatten. Dass es aber so viele Verwundete gab, das hatte niemand gedacht.

 

Selbst die verletzten Tiere wurden mit großer Sorgfalt behandelt. Viele blutige Tücher wurden in dieser Nacht verbrannt oder gewaschen. Niemand konnte oder wollte schlafen. Immer wieder waren Schreie von Verletzten zu hören, wenn die Schmerzen sie zu sehr quälten.

 

In der kleinen Kapelle hatte man die Toten aufgebart. Peter kniete mit Cristina neben dem Leichnam ihres Bruders. Gregorius stand am Altar und sprach Gebete für alle. So ergriffen und geschockt hatte man ihn schon lange nicht mehr erlebt. Es quälte ihn sehr, denn für ihn wie auch für viele andere in der Blauzahnsiedlung war jeder Verletzte oder  gar Getötete einer solchen Auseinandersetzung eine Verschwendung an Leben und Gesundheit. Sinnloses Sterben, sinnloses Streiten und sinnloses Vernichten, immer wieder sprach er es aus und betete zu seinem Gott, dass er es nicht zulassen solle. Der Bärentaler hatte einmal zu ihm gesagt, wenn man die Kräfte, die man für Schlachten und Kriege aufwenden würde, dazu benützte, Felder zu bestellen, Tiere zu hüten und Häuser zu bauen, müsste niemand frieren oder hungern. Aber es gab offensichtlich niemand, der die Menschen dazu brachte, darüber nachzudenken und es anzupacken.

 

Dem Bärentaler war es bald sehr unangenehm, als sich die junge, trauernde Frau an ihn klammerte, weil sie hoffte, bei ihm Trost und Schutz zu finden. Er war doch selbst verzweifelt, er hatte getötet und Menschen durch sein Anleiten in den Tod geschickt. Er musste mit jemanden darüber reden, er konnte jetzt keinen Trost spenden. Er löste sich vorsichtig von Cristina und schlich sich aus der kleinen Kapelle. Cristina folgte ihm, wie in Trance lief sie hinter ihm her. Peter ließ es zu.  

 

Fortsetzung folgt