Kapitel 19

14. Januar 1216 später Nachmittag in Brendas Dorf

 

Cristina holte tief Luft und versuchte sich zu fassen. Namenlos nahm sie an der Hand und führte sie zu einer Bank nahe dem kalten Kamin und setzte sie dort hin. Peter drehte sich dorthin um und wartete, dass das Mädchen endlich zu sprechen begann.

"Ich bin sechzehn Jahre alt, oder besser, das werde ich in fünf Tagen. Geboren wurde ich bei Lorch in einem der großen Lagerhäuser des Klosters. Mein Vater und meine Mutter waren vor meiner Geburt gezwungen dort zu bleiben, denn der Winter war sehr kalt und mein Vater wollte nicht, dass meine Mutter auf dem beschwerlichen Weg ins Bärental die Wehen bekommen sollte. Mein Vater hatte mir erzählt, dass er zum Hofe der Staufer gerufen worden war, um neue Aufträge seines Herrn entgegen zu nehmen. Und meine Mutter war mit ihm gezogen, da ihre Schwester in der Nähe einen Ritter geheiratet hatte und dort auf einer Burg, den Namen habe ich vergessen, lebte. Die Gespräche mit den Staufern und meinem Vater dauerten sehr lange und so mussten sie dort lange verweilen. In einem der Lagerhäuser, die man als Herbergen umgebaut hatte, wurde ich geboren und natürlich auch mein Bruder. Das Bärental liegt am Neckar in einem der Seitentäler nahe dem Stutengarten, das dem Markgrafen von Baden gehört. Das Bärental gehört zum Staufischen Gebiet. Es gibt dort zwei Linien der Bärentaler. Die eine, also die meines Vaters, sind die von Bärentaler und die anderen die von und zu Bärental. Das „zu“ haben die sich gegeben, damit sie von den anderen Bärentalern unterschieden werden konnten und weil sie alle Wegerechte im Bärental und bis zum Neckartal besitzen. Es gibt dort keine Bären, aber zwei Felsen, die aussehen wie stehende Bären und weil einer der Vorfahren stark wie ein Bär gewesen sein soll. Vater übernahm immer wieder Dienste und wurde dafür immer reichlich belohnt. Er bekam Weinberge und ein Dorf, das genau an der Grenze zu den Badenern liegt. Das durfte er befestigen und hat dort auch eine kleine Burg angelegt. Unser bescheidener Reichtum kam von den Erträgen der Weinberge, der Fischerei im Neckar und vom Holz der Wälder. Und Vater hat sich auch gut mit den Deutschen Rittern des Ordens verstanden. Immer wieder kamen Ritter des Ordens zu uns und in einem der Lagerräume hinterließen sie Truhen, die dann von anderen Rittern des Ordens geholt wurden. Die beiden Bärental Familien lebten in Eintracht miteinander und zwei der Söhne des von und zu Bärentalers gingen zu den Ordensrittern.

Als unserer Mutter starb, wollte mein Vater uns in die Obhut des Hugo von und zu Bärental geben, aber wir wollten nicht und so nahm er uns auf diese Reise mit. Es sollte eine ungefährliche Reise sein, denn Vater sollte nur ein Botschaft zu dem König von Schweden bringen. Er sollte sich den Mann anschauen und dann sollte er über Gotland zurück nach Lorch reisen. Hier auf der Insel sollte er zu einer Siedlung bei Visby gehen und gemeinsam mit einem Otto von Kraz nach Lorch zurückreisen. Aber nachdem wir auf der anderen Seite der Insel gestrandet sind, konnte Vater den Auftrag nicht mehr erfüllen und das Schicksal meines Bruders und meines nahm einen anderen Verlauf, wie es unser Vater sich für uns gewünscht hatte."  Mit jeden Satz, den Cristina sprach wurde ihre Stimme fester. Peter schaute das Mädchen sehr eindringlich an, er konnte sich nicht an das Bärental oder diese Familiengeschichte erinnern. Diese Erinnerung fehlte ihm gänzlich. Er hatte seine Gedächtnislücken nur auf Grund der Dokumente, die er bei sich trug und gelesen hatte, schließen können. Aber wenn das stimmte, was dieses Mädchen berichtete, dann war das eine Verwandte von ihm. Und nun musste er sich wohl dazu bekennen. "Nun liebe Cristina, bei allem Unglück, das dir und deiner Familie wiederfahren ist möchte ich dir ein klein wenig Trost geben. Ich bin Peter von und zu Bärental und dein Onkel. Du bist nicht alleine hier und ohne Schutz." Dann stand er auf und nahm das Mädchen in seine Arme. Namenlos starrte die beiden erst verwundert an und ging dann wortlos nach draußen.

 

Es war schon am späten Nachmittag, als Jarl Gund mit einem Mann und zwei  Kindern ankam. Sie waren überfallen worden, alle Männer bis auf Gerd und die beiden Kinder waren ermordet worden. Junge Frauen wurden gefangen, die älteren alle erschlagen. Sie konnte nur fliehen, weil sie sich mit den Pferden und Gerd am anderen Ende des Tales befunden hatte. In der Nacht waren sie dann mit Gerd und den Pferden durch die Siedlung und die anderen Gehöfte gezogen. In einem der Gehöfte fand sie die beiden Kinder in einem Erdloch versteckt. Ihre tote Mutter lag über dem Erdloch und hatte damit den Kindern ein Versteck geboten. Namenlos und eine andere Frau aus dem Dorf nahm sich der Kinder an. Gund hatte nicht gemerkt, dass eines der Kinder schon tot war und das andere, ein Junge - vielleicht ein Jahr alt - auch nicht überleben würde. Als das Gund hörte, brach sie weinend zusammen. Peter und Askold trugen sie in die Hütte, die sie für sich beansprucht hatten und legten sie auf eine der Liegen neben der verletzten Sophia. Askold berichtete ihr von dem, was er gerade gehört hatte. Nun wurde allen klar, dass sie hier nicht mehr lange sicher waren. Wenn diese Krieger immer weiter in den Süden und Westen vordrangen, dann würden sie hier bald auftauchen.

 

In dieser Nacht stellten sie Wachen auf. Am nächsten Morgen würden sie alles zusammenpacken, was die Bewohner benötigten und sich auf die Blauzahnsiedlung zurückziehen. Hier waren sie einer größeren Gruppe von Bewaffneten schutzlos ausgeliefert.

 

15. Januar 1216 am frühen Morgen in Brendas Dorf

 

Hektisch packten die Menschen des Dorfes alles zusammen. Die Pferde wurden nicht mehr zum Reiten fertiggemacht, sie sollten die wichtigsten Dinge der Bewohner tragen. Sophia wurde auf den Schlitten gepackt und bald nach Sonnenaufgang machten sich alle bis auf Askold auf den Weg. Er blieb gut bewaffnet mit einem Pferd zurück. Seinen Vorschlag, den er Peter in der Nacht gemacht hatte, stimmte der Bärentaler sehr zögerlich zu. Aber um den Rückzug zu schützen, musste das wohl sein, was Askold vor hatte.

 

Der Zug war weit außer Sichtweite, als Askold begann, das zu tun, was er mit Peter besprochen hatte. Die Gefangenen wurden an die Türpfosten der Hütten gebunden, die Toten legte Askold in die Mitte des Dorfes und rammte ihnen jeweils einen Holzpflock in die Brust. Das war eine sehr schwierige Aufgabe, denn die Toten waren bereits steif gefroren, aber es gelang ihm dann doch. Die Gebundenen sahen das und begannen sehr aufgeregt und schreiend an ihren Fesseln zu zerren. Askold war sicher, dass die Gefesselten sich nicht befreien konnten. Er wollte eine sichtbares Zeichen setzen, was den Kriegern passieren konnte, wenn man sie fassen würde und wer würde in der Aufregung schon merken, dass er diese Holzpflöcke ein paar Toten eingerammt hatte. Dann begann er vor den Gefangenen etwas Holz aufzuschichten und das Holz mit Öl zu befeuchten. Nun begannen die Gefesselten zu merken, was Askold vor hatte. Einer begann zu brüllen, aber ihr Wächter brachte ihn sehr schnell zum Schweigen. Mit einem Stich ins Herz tötete er jeden der Gefangenen, bevor er die Hütten und die Holzstapel anzündete. Als alles brannte, stieg er auf sein Pferd und zog einen kleinen Stapel Holz hinter sich her, das er mit einem Seil an seinem Sattel befestigt hatte. Kaum war er losgeritten, begann es auch zu schneien. Gut so, dachte er bei sich. Er wollte für die Krieger, die vielleicht bald kommen würden, eine falsche, sichtbare Spur in eine andere Richtung legen.

 

Es dauerte sehr lange bis Askold die Flammen und den Rauch nicht mehr sehen konnte. Er ritt bis zum späten Nachmittag und befreite das Pferd dann von der Last des Holzes und suchte im Unterholz eines Waldes Schutz. Als er sicher war, dass man ihm nicht gefolgt war suchte er sich im fahlen Mondlicht seinen Weg, weg von der Stelle, wo er gewartet hatte.

 

 

 

16. Januar 1216 auf dem Wege zur Blauzahnsiedlung

 

Da die Flüchtlingen mit den vielen Menschen und Gepäck nicht schnell voran kamen, hatten sie sich in einem Waldstück, weit ab von der verschneiten Straße zu ihrem Ziel, ein Lager eingerichtet. Alle hatten frierend die Nacht überstanden, alle waren soweit es ging ohne großen Schaden bis hierhergekommen. Namenlos unternahm im Morgengrauen eine Erkundungstour in die Umgebung, offensichtlich waren sie nicht verfolgt worden, denn sie hatte keine Spur von Menschen, Pferden oder andere Anzeichen von Verfolgern gefunden. Dann suchte sie einen Weg, den sie etwas verdeckt weiterreisen konnten. 

 

Sie mussten weiter nordwestlich ziehen, denn auf direktem Wege waren sie durch das offene Gelände weithin sichtbar. Es hatte aufgehört zu schneien und die Sonne schien etwas. Sie kamen sehr langsam voran. Cristina kümmerte sich um die fiebernde Sophia, aber sie konnte ihr wenig helfen. Die Wunde hatte sich entzündet und musste dringend behandelt werden. Aber auf dem schwankenden Schlitten war das nicht möglich und einfach stehen zu bleiben und eine längere Behandlung vorzunehmen, würde alle in Gefahr bringen. Sie mussten weiterziehen. Gegen Mittag stieß Askold zu ihnen. Er nickte Peter nur zu, der wusste nun, dass er alles erledigt hatte. Aber er brachte auch schlechte Nachrichten mit. Die Krieger waren zwar seiner Spur gefolgt, aber als sie seine verloren hatten, kamen sie auf die Idee, dem Weg nach Visby und damit auch dem zur Blauzahnsiedlung zu folgen. Es waren etwas mehr als fünfzehn Männer, er hatte genau beobachtet, dass alle gut bewaffnet waren und die Pferde brutal antrieben. Sie waren etwas mehr als einen halben Tagesritt von ihnen entfernt, aber sie entfernten sich von ihnen, weil sie dem Weg nach Visby und der Blauzahnsiedlung folgten. Sie mussten also die Richtung Nordosten genau beobachten und wenn möglich noch etwas weiter westlich ziehen.

 

Askold, der Bärentaler, den manche nun immer öfters nur noch Pet nannten, Colja, Namenlos und auch Gund, die sich wieder stark genug fühlte, übernahmen abwechselnd die Sicherung zur gefährdeten Seite hin. Sie kamen nicht schnell genug voran und würden auch an diesem Tag die Blauzahnsiedlung nicht erreichen. Die Magd, die sie aus der Blauzahnsiedlung mitgenommen hatten, kannte die Gegend gut und führte sie in ein kleines Tal noch weiter abseits von allen Siedlungen. Ein paar Felsen und dichter Wald bot ihnen Schutz genug. Namenlos prüfte von einigen hundert Schritt Entfernung, ob man die Flammen des Feuers, das sie entfacht hatten, sehen konnte. Man sah und hörte selbst in einer Entfernung von dreißig Schritten nichts. Also konnten sie nun alle an ein paar kleineren Holzfeuern, die entfacht worden waren, wärmen. Wegen der Gefahr, dass man riechen konnte, wenn sie sich etwas an warmer Nahrung zubereiten würden, machten sie sich nur heißes Wasser, das sie mit etwas Wein verdünnten. Aber es half doch, die Glieder und die Köpfe zu erwärmen. Cristina, die sich etwas auf Wundversorgung verstand, behandelte nun die Wunde von Sophia. Sie musste ausgebrannt werden. Namenlos brachte die Klinge eines Dolches rotglühend und ließ sich von Cristina anweisen, was sie tun sollte. Peter gab ihr genug an Wein, damit sie etwas benommen war. Dann nahm er sie fest in den Arm, steckte ihr ein Stück Holz in den Mund und als die Glut näher kam, drückte er ihr kurz noch einen Lappen auf den Mund, damit kein Schrei zu hören war. Keine vier Wimpernschläge lang drückte Namenlos die Klinge auf die Wunde, dann kühlte Cristina die Wunde mit Schnee, den sie in einen frischen Stofffetzen gepackt hatte. Sophia drückte Pet heftig die Hand weg von ihrem Mund. Stöhnend giftete sie ihn an. "Du sollst mich festhalten und nicht ersticken. Männer, brutal und dumm. Ich habe dich genau beobachtet. Dir hat es wohl Spaß gemacht zu sehen, wie man mir das Eisen auf die Wunde drückt." Dann wurde es dunkel um sie herum. Sie war ohnmächtig geworden.

 

17. Januar 1216 auf dem Weg zur Blauzahnsiedlung

 

Namenlos und Colja hatten im Umfeld von fünfhundert Schritten alles abgesucht. Keine Spur ihrer Verfolger. Sie zogen weiter, die noch leicht fiebernde Sophia lag immer noch schläfrig auf dem Schlitten. Es ging nun besser voran, denn der Wald war nicht mehr so dicht und der Schnee war nicht mehr so tief. Pet und Askold ritten etwas mehr als sechs - bis siebenhundert Schritte weit weg und sicherten nach Nordosten ab. Gegen Mittag sah Askold einen Reiter, der auf dem bekannten Weg nach Süden ritt. Als der Reiter Askold sah, ritt er auf ihn zu. Der machte sich auf einen Kampf bereit, sah aber dann, als der Unbekannte nahe genug war, dass es Oleg war, sein Freund aus der Blauzahnsiedlung. Sie begrüßten sich freudig und Askold berichtete kurz, was geschehen war. Als Peter das sah, ritt er zu den beiden. Oleg kannte von einigen Jagdausflügen die Gegend gut und bot sich an, die Flüchtlinge auf dem schnellsten Wege zur Blauzahnsiedlung zu führen. Und tatsächlich weit vor Sonnenuntergang trafen alle wohlbehalten dort ein.

 

Noch am Abend musste Peter allen berichten, was geschehen war und Gund konnte viele wichtige Fragen, die ihre Gegner betrafen, beantworten. Noch vor Mitternacht kam der zweite Mann, Conlin zurück. Er hatte sich auf Schleichwegen zurückkämpfen müssen. Keinen halben Tagesritt von ihnen entfernt lagerte an der Weggabelung nach Visby ein Reitertrupp von fast dreißig Kriegern. Sie hatten einen der Bauernhöfe, die am Wegesrand lagen, überfallen, alle Bewohner gefangen genommen und sich dort niedergelassen. Er hatte dort auch Packpferde gesehen, die Vorräte und Kriegsmaterial tragen mussten. Sie waren eindeutig auf Kriegs- oder Beutezug.

 

Erik, Peter, Lars, Melanie und Birgit saßen noch in der großen Halle vor einem der Kaminfeuer zusammen und berieten, was man tun sollte. Gund kam zu ihnen und bat, an der Beratung teilnehmen zu dürfen. Man sah ihr an, dass sie sehr erschöpft war, aber sie wollte unbedingt ihren Beitrag leisten, wenn es darum ging, diese Krieger zu vertreiben. Diese Mörderbande hatten ihre ganzes Leben auf das grausamste verändert. Was alle umtrieb war die Tatsache, dass sie im tiefsten Winter solch einen Kriegszug unternahmen. Melanie saß lange Zeit schweigend da. Aber als sie aufblickte und ihre Hand hob, wurden alle anderen sofort ruhig. "Die wollen hierbleiben. Sie sammeln alles, was man für eine Siedlung, die Bestand haben soll, braucht. Männer brauchen Frauen, sie brauchen Nahrungsmittel, sie brauchen Werkzeug. Die wollen hier ein Reich aufbauen. Die wollen hier sesshaft werden und für immer bleiben. Bevor man sie angreift, vernichten sie alles, was man gegen sie verwenden kann. Männer in den Dörfern, Lebensmittel, Pferde. Sie sammeln Waffen ein und vor allem sie verbreiten Angst und Schrecken, damit man sie nicht einfach angreift. Peters Verwandte, das Mädchen Cristina weiß, wo sie sind und wo sie ihr Lager haben. Sie meint es sind um die dreihundert Krieger, vielleicht auch etwas mehr und dreißig männliche, meist jüngere Rudersklaven haben sie auch schon. Und wenn sie richtig berichtet hat, kamen sie ohne Frauen hierher und nun sollen es schon mehr als fünfzig oder mehr sein. Warum sie Rudersklaven erwähnte, weiß ich nicht, das ist für diese Langboote doch nicht üblich oder?" Alle stimmt Melanie zu und sie hatte recht mit der Frage, warum sie Rudersklaven hatten. Und vor allem, was sie auch wunderte, warum sie einige jüngere Männer in ihre Reihen aufnahmen und sie zum Krieger ausbildeten, so wie bei dem Bruder von Cristina.

Lars stand auf und schaute sich in der Runde um. "Die zu besiegen wird nicht leicht. Die haben nichts zu verlieren, nur zu gewinnen. Also werden sie kämpfen ohne Gnade und ohne die auch zu erwarten, wenn sie sich ergeben würden. Was das bedeutet wissen wir alle."        

 

Fortsetzung folgt