Kapitel 16

5. Januar 1216 in einer Ruine bei Gandersheim

 

Sie hatten alle gut geschlafen. Die Glieder waren wohl etwas steif, aber immerhin hatte keiner irgendwelchen Schaden davon getragen, obwohl sie im Freien übernachtet hatten. Die vielen Umgänge, Pferdedecken und Felle, die sie bei den Söldnern erbeutet hatten, waren sehr nützlich gewesen. Lorentz war gemeinsam mit Heinrich der Erste der aufgestanden war. Er suchte Feuerholz zusammen, während Heinrich sich umschaute, ob irgendwelche Menschen oder Behausungen in der Nähe waren. Er fand nichts und er sah auch ihre Spuren, die sie hinterlassen hatten, nicht. Das war gut so. Trotzdem alles Holz leicht feucht war, konnte Lorentz ein ordentliches Feuer entfachen und als Heinrich von seinem Rundgang zurückkam, saßen alle um das Feuer herum und wärmten sich.

 

Alle kauten an etwas Dörrobst oder einem harten Kanten Brot herum. Keiner wollte von dem getrockneten Fleisch oder von dem geräucherten Schinken essen. Der 5. Januar war zwar ein Dienstag, aber keiner hatte Lust auf Fleisch, es lag wahrscheinlich daran, dass der kalte Leichnam des Herrn von Blau keine sechs Schritte von ihnen in einer Ecke lag. Man hatte ihn mit der Decke seines Rosses bedeckt, das auch sein Wappen trug.

 

"Hundert Schritte von hier ist eine verfallene Kapelle oder so etwas. Nur noch ein paar Steine sind da aufeinander und ein Turm, vielleicht noch ein Mann hoch oder etwas mehr, aber im Innenraum gibt es ein paar Bodenplatten, die ein paar Gräber bedecken. Ich habe eine etwas angehoben. Da ist nichts mehr drin. Dort könnten wir den Herrn von Blau hineinlegen. Um ganz sicher zu gehen, legen wir dann noch ein paar Steine drauf. Ich finde, das ist würdig für ihn. Auf der Bodenplatte, die das Grab bedeckt, ist ein einfaches Kreuz- kein Name oder so etwas ist eingemeißelt." Heinrich hatte das sehr langsam gesagt. Offensichtlich wollte er der Situation damit etwas Würde verleihen. "Zeig es mir bitte, Heinrich." Frieda stand auf und ließ sich von Heinrich dorthin führen, wo sie ihren Mann beerdigen sollte.

 

Die Ruine war sehr klein. Vielleicht fünfzehn Schritte in der Länge und nicht mehr als zehn in der Breite. Der ehemalige Altarraum wurde von einem Turm oder besser von dessen steinerner Andeutung bedeckt. Keine Steine lagen im Inneren, alles war ordentlich, als ob jemand die Würde der fünf Gräber, die sich im Inneren befanden, erhalten wolle. Das sechste Grab war geöffnet. Heinrich hatte die Platte ein paar Handbreit zur Seite schieben können. Frieda schaute sich die anderen Gräber an. "Das ist die Grabeskapelle derer von Grandern. Sie waren mit meinem Gatten verwandt. Vor ein paar Jahren hat man die Familie bei einer Fehde ausgelöscht. Ich wusste nicht, dass sie hier beerdigt sind. Mutter, Vater und drei der Söhne. Die Grabstelle der Tochter Freyja ist leer. Sie konnte noch vor der Fehde zu uns fliehen. Zog aber schon ein paar Tage, nachdem sie bei uns war, weiter. Ich weiß nicht wohin. Sie war damals sechzehn Jahre alt und war in Begleitung von zwei Knappen der Grandern. Ja, das ist eine würdige Grabstelle für meinen Gatten. Lass uns das schnell zu Ende bringen. Ich bin froh, dass ihr das gefunden habt, Herr Heinrich. Lasst uns seinen Körper holen und hier in die Erde hinab senken. Gebt mir etwas Zeit, um dann noch ein Gebet für ihn zu sprechen. Ich weiß, dass wir weiter müssen."

 

Es dauerte nicht lange, bis der Herr von Blau in diesem Grab seine letzte Ruhestädte fand. Ein paar große Steine wurden noch über seinen Körper gelegt, da man ihn in keinen Sarg legen konnte. Frau von Blau bat darum, am Grab noch eine Weile alleine stehen zu dürfen, dann könnten sie weiterziehen. Heinrich und die anderen beteten erst vor der Kapelle und gingen dann weiter. Als Frau von Blau kam, hatten man alles zur Abreise bereit gemacht und sie konnten sofort weiterziehen. Bei Anbruch der Abenddämmerung erreichten sie Gandersheim. Auch dieser Ort war sehr bevölkert, aber etwas außerhalb fanden sie eine Scheune, die ihnen ein Bauer für etwas Silber als Lager anbot. Nebenan war eine alte Schmiede, die ebenfalls leer stand. Denn die Schmiede war nun in der Nähe des Stifts angesiedelt, wo der Schmid schneller und bessere Aufträge für sein Gewerbe erhielt. In den zwei Gebäuden, die noch gut erhalten waren und dem Bauern in guten Jahren für das Lagern seiner Vorräte diente, konnten sie alle Pferde unterstellen und für sich selbst wenigstens ein trockenes Nachtlager herrichten. Peter und Heinrich gingen noch zum Stift und meldeten dort ihre Ankunft. Der Vogt dankte für die schnelle Meldung und erhielt auch von Otto eine Silbermünze. Manchmal muss man sich Wohlwollen erkaufen.

 

Vom Bauern erstanden sie für einen horrenden Betrag Heu für die Pferde. Hafer hatten sie noch etwas und so waren die Pferde versorgt. Im alten Schmiedeofen hatte Lorentz ein Feuer gemacht und sie konnten sich eine Grütze kochen. Mit ein paar Trockenfrüchten und etwas Honig schmeckte die wässrige Grütze passabel und Otto hatte noch einen Schlauch gefüllt mit Rotwein. Bis auf die drei Kinder nahm jeder einen großen Schluck daraus. Seele und Körper brauchten etwas mehr Wärme. 

 

Die Nacht verlief ruhig und alle waren am nächsten Morgen sehr entspannt. Lorentz kümmerte sich um die Pferde, das Geschwisterpaar versuchten sich als Grützenköche. Heinrich und Otto gingen in den Ort. Heinrich wollte etwas Pergament, Tinte und eine paar Federkiele erstehen. Sie mussten sich um ihre Dokumente kümmern. Ein Weiterreisen war ohne die richtigen Dokumente nicht möglich. Ein Geleitbrief des Kaisers wäre da sehr hilfreich. Für Otto und Heinrich hatte sie diesen, aber die andern mussten auch in irgendeiner Form ein paar Dokumente bekommen. Dokumente beeindruckte die des Lesens Unkundigen immer und wenn man dann noch ein paar Siegel an den Dokumente hafteten, dann war das schon etwas Besonderes.

 

Während die beiden durch Gandersheim gingen, um diese Utensilien zu besorgen, bastelte Lorentz ein Brandeisen für die Pferde. Es hatte viel Ähnlichkeit mit dem Wappen von Otto von Kraz, zwei Schwingen und eine Kralle. Es war einfach, damit die alten Brandzeichen zu verändern. Kraz war klar, bedeutete es etwas krallen oder kratzen und Otto war nun mal der Begriff für Besitzen. Warum waren aber auf seinem Wappen zwei Schwingen? Lorentz nahm sich vor, das zu fragen und machte weiter. Bald gehörten die Pferde nach dem Brandzeichen alle Otto von Kraz. Lorentz war zufrieden mit sich.

 

Obwohl es kalt war, versuchten die Frauen die Wäsche zu ordnen und auch etwas zu waschen. Und Christian reparierte die beschädigte Deichsel ihres Karrens.

 

Zur Mittagszeit kamen Heinrich und Otto zurück. Gebrauchtes Pergament und Tinte hatten sie bei einem Schreiber gefunden. Siegelwachs und auch Wachs hatten sie bei einem Rechtsgelehrten bekommen. Blei konnten sie bei einem Glasschneider kaufen. Nun hatten sie soweit wie möglich alles zusammen, was sie für die Erstellung ihrer Uhrkunden benötigten.

 

Zuerst bereinigten sie das das gebrauchte Pergament. Kratzten die alten Schriftzeichen herunter und beschrieben es neu. Frau Constanze von Breitenbach wurde mit ihren Kindern Marta und Christian zu offiziellen Begleitern von Otto von Kraz. Sie bekam den Titel Freifrau von Breitenbach und war für seine persönlichen häuslichen Angelegenheiten zuständig. Da es im Reich mindestens zehn Breitenbachs gab und nicht jeder Pfalzverwalter und Kirchenvogt wissen konnte, wer oder was nun Breitenbach sei, war sie hier sehr sicher mit diesem Dokument. Frida von Blau wurde dann zur Hofdame der Familie Breitenbach ernannt und war damit eine offizielle Begleiterin von Constanze. Eine Frau mit zwei Herren konnte gar nicht ohne zusätzliche weibliche Begleitung reisen. Mit dieser Kombination war man gegen sittliche Anschuldigungen gut gefeit. Lorentz wurde zum Junker und ein Neffe von Heinrich von Olsen. Das passte gut, dann würde man auch eine gewisse familiäre Nähe, die man auf Grund ihrer Reiseumstände manches Mal hatte, besser erklären können. Mit dem Bienenwachs wurde ein Abdruck des Siegels, das dem Reisedokument für Otto und Heinrich anhaftete, gemacht. Und dann mussten sie dieses Bienenwachssiegel noch auf einen Lehmbatzen pressen. Dieser wurde dann mit einer dünnen Schicht aus Siegelwachs überzogen, der Sand abgekratzt und die untere Hälfte, die man auf die gleiche Weise hergestellt hatte, gepresst. Aber vorher wurde ein rotes Band eingelegt und mit dem Dokument verbunden. Heinrich und Otto wussten, dass auf das Fälschen von kaiserlichen Dokumenten die Todesstrafe stand, aber dieses Risiko war geringer, als von einem Landvogt oder Grafen in Gewahrsam genommen zu werden und in einem Kerker zu verhungern. Und der Kaiser war derzeit irgendwo bei Braunschweig und getraute sich nicht weit weg von der Stadt. Wichtig war es, so schnell wie möglich ins Staufergebiet zu kommen, dann waren sie in Sicherheit.

 

Als sie damit fertig waren vernichteten sie alles, was man für Fälscherwerkzeug halten könnte und begannen, die neuen Dokumente so herzurichten, als ob sie bereits durch viele Hände gegangen waren.

 

Am Abend dieses Tages gingen dann Heinrich und Otto zum Vogt und legten dort ihre Dokumente vor. Alles war in Ordnung und sie durften mit der Erlaubnis des Vogts noch bis zum 10. Januar nach dem Kirchgang bleiben. Wollten sie noch länger in der Scheune verweilen, dann mussten sie sich nochmals bei Vogt melden. Wären sie nur Händler oder einfache Reisende, dann würde es genügen, sich beim Hauptmann der Wachen zu melden, aber da Otto nach seinen Dokumenten ein Rat der Staufer war und damit zum Adel gehörte, war das anders. Der Titel und ein paar Silbermünzen waren da schon hilfreich, um von unliebsamen Machenschaften der Obrigkeit in Ruhe gelassen zu werden.

 

Am nächsten Morgen wurde Lorentz ausgeschickt. um bei den Händlern und Marktleuten vielleicht Neuigkeiten, die sie betreffen konnten, zu erfahren. Natürlich musste er auch ein paar Besorgungen machen. Sie brauchten Hafer für die Pferde und Brot, Fleisch und Eier für sich selbst. Gerne begleitete ihn Marta und Christian. Sie brachten alles, was sie besorgen sollten, aber keine Neuigkeiten. Das wiederholten sie jeden Tag mit wechselnden Personen und so konnten sie ihre Vorräte auffüllen und eventuelle Neuigkeiten erfahren, ohne dass das jemand auffiel.

 

Am Sonntag gingen sie zur Messe in der Kirche. Lorentz musste als Wache zurückbleiben. Danach besuchte Heinrich den Vogt und sagte ihm, dass sie am kommenden Tag abreisen würden. Dort erfuhr er, dass man auf dem Weger hierher zwei Pferdkadaver gefunden habe. Allerdings ohne Sättel und die Wölfe hätten schon einiges an Fleisch von den Tieren gezupft. Von den Reitern würde jede Spur fehlen. Heinrich meinte nur, dass er vermutete, dass diese Tiere irgendwo entlaufen und dann aber vor Erschöpfung verendet seien. Der Vogt war für diese Erklärung dankbar, denn seine Phantasie reichte nicht so weit, so eine Erklärung seinem Herrn zu geben.

 

Als Heinrich zu den anderen zurückkam, berichtete er von dem, was ihm der Vogt erzählt hatte. "Es wird wirklich Zeit, dass wir weiterziehen. Nicht dass jemand kommt und von dem Scheiterhaufen erzählt. Wir sind hier zwar schon auf stauferfreundlichem Gebiet, aber ganz sicher sind wir nicht vor dem Welfen." Am 11. Januar 1216 bei Sonnenaufgang zogen sie weiter. Petrus meinte es gut mit ihnen, es war zwar immer noch sehr frostig, aber es schneite nicht und die Sonne war immer wieder durch das Grau des Himmels zu sehen. Lorentz war ein geschickter Kerl, er hatte Kufen für den Wagen gemacht, sie konnten die Räder blockieren und darunter die Kufen anbringen. Und das war mehr als nur nützlich. Der Schnee war zu hoch für die Räder und mit den Kufen konnten sie schneller weitereisen. Sie erreichten Kalefeld am späten Nachmittag und konnten ihr Lager auf dem Hof eines Bauern aufschlagen. Dort erstanden sie zwei Hühner, die sie noch am Abend verspeisten. Schon früh am Folgetag reisten sie weiter nach Northeim. Sie durften in die Stadt einreisen, ohne dass man ihre Dokumente einer Prüfung unterzog.

 

12. Januar 1216 Northeim am späten Nachmittag

 

Sie fanden Unterkunft beim Stadtvogt, der nebenbei eine Herberge betrieb. Lorentz und Christian sollten im Stall bei den Pferden übernachten, da sich in der Stadt einige herrenlose Söldner herumtrieben und der Vogt sie vor Diebstahl warnte. Otto und Heinrich fragten sich, warum der Vogt sie vor Diebstahl warnte, wenn das Haus und der Stall doch durch das große Tor zum Hof gesichert werden konnte. Der Vogt meinte dazu, dass Diebe über Mauern stiegen und durch Fenster in Häuser und Höfe eindrangen. Noch konnte die Stadtwache die Ordnung einigermaßen aufrecht erhalten, aber wie lange noch. Man habe bereits einen Boten nach Goslar geschickt, um einige Mannen aus der Kaiserpfalz zur Verstärkung zu bekommen, aber leider war der Bote nun schon seit fünf Tagen weg und sie hatten keine Nachricht aus Goslar. Jetzt verstanden auch die beiden, warum der Vogt sie gewarnt hatte.

 

Constanze, Marta und Frieda hatten einen Raum für sich, Heinrich und Peter schliefen im Amtszimmer auf dem Boden. Als sich Lorentz und Christian nach dem Abendmahl im Stall ihr Lager herrichteten, gesellte sich ein großer schwarzer Hund zu ihnen. Er legte sich zu Füßen von den beiden Jungen und vertreiben wollten ihn die Buben nicht. 

 

Gegen Mitternacht bemerkte Lorentz, dass der Hund aufstand und anfing, leise zu knurren. Er konnte nichts sehen oder hören, was die Aufmerksamkeit des Hundes erregt hatte. Als der Hund immer lauter knurrte, weckte Lorenz Christian vorsichtig. Er flüsterte ihm ins Ohr, was er bemerkt hatte. Beide griffen sich ihre Dolche, die neben ihnen lagen und verharrten dann wieder regungslos auf ihrem Strohbett. Dann begann der Hund laut zu bellen und das klang sehr wütend und aggressiv. "Halts Maul, du blöder Köter!" hörten Lorentz und Christin jemand sagen. Dann sahen sie im Schatten des Mondlichtes ein paar Gestalten in den Stall kommen. Es waren mindestens fünf Gestalten die sie sahen. Immer noch bellte der Hund und dann sah Lorentz etwas aufblitzen. "Nein." schrie er laut auf. 

 

Fortsetzung folgt