Kapitel 15

14. Januar 1216 Blauzahnsiedlung

 

Peter von und zu Bärental war nun schon einige Zeit weg und soweit es möglich war, wareen alle Neuankömmlinge gut versorgt verteilt worden. Da Mathias von seiner Reise mehr als genug neue Vorräte mitgebracht hatte, war keiner vom Hunger bedroht. Was allen Sorge bereitete, war der Frost, der nun zunahm. Das Wasser im Bach und im Brunnen war gefroren und man musste das Eis mit Beilen aus dem Bachbett schlagen und auftauen. Da sie immer noch nicht genug Brennholz hatten, wurden die Bottiche mit dem Eis in die große Halle gestellt und man wartete, dass das Eis schmolz. Die große Halle war der Ort, der beheizt wurde, alle anderen Räume mussten ohne Feuerkelche oder Kaminfeuer auskommen.

 

Lars und Erik beschlossen, dass man doch noch einige Bäume im nahen Uferwald schlagen sollte, damit genügend Feuerholz vorhanden war. Mit vier Zugpferden, einem Schlitten und fünf Männern marschierte Erik los, um ein paar Stämme zu schlagen und zur Siedlung bringen zu lassen.

 

Der Weg, der auch zur Fischersiedlung und zur Bucht führte, war einigermaßen frei und so kamen sie schnell voran. Erika fand etwas abseits vom Weg ein paar Birken und auch Fichten, die sich zum Feuerholz eigneten und diese wurden gefällt. Laut hörte man die Axtschläge durch den Wald und auch die warnenden Rufe der Männer, wenn ein Baum fiel, waren weit zu hören. Andrei und Petja waren geschickt im Bäume fällen, die anderen hackten Äste und Zweige von den gefällten Bäumen und sammelten diese auf einem der Schlitten. So kamen sechs Bäume zu Fall. Andrei schlenderte zu Erik, der dabei war, mit den drei anderen die Äste kleiner zu kacken, damit sie diese auf den Schlitten laden konnten. "Wir werden beobachtet. Etwas mehr als fünfzig Schritte von hier Richtung Meer haben sich drei oder auch vier Männer versteckt. Sie beobachten uns schon einige Zeit. Ich glaube, dass sie Armbrüste dabei haben. Sie bemühen sich auf jeden Fall sehr, dass wir sie nicht sehen können. Es ist ihnen aber nicht gelungen. Zwei von ihnen haben unter den grauen Umhängen rote Jacken an und die kann man leicht entdecken, wenn sie weiter an uns heranschleichen. Was wollen wir tun?" Erik schaute nicht in die Richtung, wo Andrei sie vermutete. "Gehe zu unseren Leuten und sage ihnen, dass keiner die Axt oder seinen Dolch beiseitelegen soll. Und nun gehe zuerst ein paar Schritte in die Richtung, wo die Schleicher sind, damit ich dir ohne deren Argwohn zu erregen nachschauen kann. Wir sollten uns hinter dem Schlitten treffen. Rufe laut aus, dass es jetzt erst mal ein Bier gibt. Die glauben dann, dass wir dort etwas trinken und essen wollen. Unter der Decke, vorne auf dem Schlitten sind ein Bogen und eine Armbrust, hole die unbemerkt runter. Macht euch bereit auf einen Kampf. Ich werde als letzter zu euch kommen. Das lenkt ihre Aufmerksamkeit vom Schlitten etwas ab."

 

Andrei tat, was man ihm gesagt hatte. Und Erik entdeckte hinter einem Strauch ein Gesicht und tatsächlich auch einen kleinen roten Streifen. Er hackte weiter an einem Ast herum, bis er die Stimme von Andrei hörte. "Komme jetzt endlich Erik, sonst gefriert uns noch das Bier." Erik nahm die Axt hoch und schlenderte zum Schlitten. Kurz bevor er diesen erreichte, hörte er das Sirren eines Pfeiles. Er konnte sich gerade noch zu Boden werfen, sodass das Geschoss nur seinen Umhang traf. Erik brüllte aus, als ob er getroffen worden sei. Gekonnt gab er Andrei ein Zeichen, dass es ihm gut gehen würde und dass die anderen sich ruhig verhalten sollten. Petja rief laut in die Richtung, wo Erik lag. "Bist du schon betrunken, bevor du das Bier trinkst. Bleib liegen, dann haben wir alle etwas mehr." Gekonnt spielten sie die Ahnungslosen. Hermon, Tomen und Willin, die drei anderen waren sicher kräftige Kerle, aber mit Pfeile und Bogen oder mit der Armbrust konnten sie nicht umgehen, das überließen sie Andrei und Petja. Durch einen Spalt im Holzstapel beobachtete Petja, wie sich drei Männer mit gespannten Armbrüsten auf der Seite, wo Erik lag, dem Schlitten näherten. Ein vierter Mann stand an einem Baum gelehnt mit einem Schwert in der Hand da und gab mit Handzeichen Anweisungen an die drei. Andrei kroch auf der anderen Seite vorsichtig weg und schlich sich in die Nähe des vierten Mannes, ohne dass der das bemerkte, denn er war zu sehr mit dem Beobachten seiner Männer und des Schlittens beschäftigt oder er war sich seiner Sache einfach zu sicher, dass er besser war als die Menschen, die er offensichtlich überfallen wollte. Die drei Angreifer warteten darauf, dass sich jemand zeigte und warteten. Andrei war noch etwas mehr als fünf Schritte entfernt von dem Mann, als er hinter ihm aufstand und ihm zurief. "Sag deinen Leuten, dass sie ihre Armbrüste wegwerfen sollen, oder du bekommst einen Bolzen in den Hals geschossen." Erschrocken drehte er sich um und sah die Armbrust genau auf sich gerichtet. Er konnte weger nach links noch nach rechts ausweichen, denn er stand genau zwischen zwei Bäumen. Flucht war also nur nach vorne oder zurück nach hinten möglich. Das war keine gute Position, um zu flüchten oder anzugreifen. Wenn der Mann vor ihm schießen würde, dann würde der Bolzen ihn auch treffen. Zuerst ließ er sein Schwert aus den Hand gleiten, dann rief er seinen Leuten zu, dass sie zurückkommen sollten. "Nein, sie sollen dort stehen bleiben wo sie sind und die Armbrüste in den Schnee fallen lassen." Nach kurzem Zögern wiederholte er den Befehl von Andrei laut, damit ihn seine Leute hören konnten. Nach ein paar Wimpernschlägen taten sie, was man ihnen gesagt hatte. Sie wunderten sich darüber, dass ihr Anführer sich von ihnen weggedreht hatte und ihnen so die Befehle zurief, sie konnten Andrei nicht sehen. Kaum waren die Armbrüste im Schnee, stand auch schon Erik neben dem Mann, der ihm am nächsten gestanden hatte. Er packte ihn warf ihn zu Boden und packte die Armbrust. Die beiden anderen beobachteten das alles, mit Verzögerung wollten sie sich bücken und die Armbrüste wieder aufnehmen, da waren aber die anderen schon zu nahe und so mussten sie die Armbrüste einfach liegen lassen und sich ergeben. Schnell waren die drei mit ein paar Lederbändern gebunden und an einen Baum gefesselt.

 

Erik hatte es nicht eilig zu dem Anführer zu kommen, er wusste, dass sie gewonnen hatten und das ohne Blut zu vergießen. Er packte den Mann, hob ihn hoch und warf ihn zu Boden. Dann schaute er ihn von oben herab an und fragte ihn. "Wer bist du und warum wolltet ihr uns überfallen?" Der Mann versuchte mit einer gewissen Arroganz zu antworten. "Ich erkläre dir das, wenn ich aufgestanden bin. Im Liegen ist es mir zu kalt." Erik lächelte freundlich und reichte dem Mann eine Hand, um ihm auf zu helfen. Kaum war er wieder auf den Beinen, rammte ihm Erik seine Stirn aufs Nasenbein, dass der Mann sofort unter Stöhnen wieder zu Boden ging. "Jetzt solltest du deine Nase besser mit Schnee und Eis kühlen, damit es nicht ganz so übel anschwillt. Und beschwere dich besser nicht, dass dir jetzt zu kalt ist." Dann bekam der Mann noch einen ordentlichen Fußtritt in die Rippen. Erik drehte sich um. "Dann frage ich halt jemand anderen, was ihr hier macht." Das Schwert des Anführers in der Hand marschierte Erik auf den Baum zu, wo die drei gefesselt und gebunden lagen. "Wer von euch kann mir meine Fragen beantworten. Einer reicht mir. Und nur einer spricht mit mir. Einigt euch, wer mit mir spricht. Jetzt." Das letzte Wort hatte er gebrüllt, dass selbst seine eigenen Leute zusammenzuckten. Der Älteste der drei Männer hob den Kopf, reckte das Kinn etwas trotzig nach vorne und begann zu reden. "Wir sind von der Stadtwache von Visby und waren auf der Suche nach ein paar Pferdedieben und Pferden, die sie in Visby gestohlen hatten. Es waren Zugpferde so wie die hier. Wir wollten uns so gut es ging euch nähern, damit ihr nicht flüchten könnt, wenn wir euch gestellt hätten." Erik bückte sich etwas und gab dem Mann eine Maulschelle, dass ihm sogar etwas Blut aus der Nase tropfte. "Lügner. Ich schießt auf mich, ohne zu wissen, ob ich ein Pferdedieb bin. Macht man das so in Visby? Für wie blöde haltet ihr mich eigentlich.?" Erik drehte sich um ging zu dem Anführer der leise fluchend auf dem Boden saß. "Ihr tut mir so leid, Mann von der Stadtwache. Ihr habt leider ein paar Esel mitgenommen anstatt richtige Kerle mit Verstand. Der hier in der Mitte erzählt mir nur Kuhscheiße und meint sogar, dass er klug dabei sei. Jetzt zu euch. Überlegt genau, was ihr mir hier für eine Geschichte auftischen wollt. Wer seid ihr und warum seid ihr hier?" Mit dem Handrücken wische sich der Mann den Rotz und das Blut von der Nase. "Wir sind wirklich von der Stadtwache und wir suchen wirklich ein paar Pferdediebe. Die Pferde wurden einem Lübecker Händler gestohlen. Und der hat uns einiges Silber versprochen, wenn wir die Pferde zurückbringen. Leider haben wir die Spur der Diebe verloren, aber wir dachten, als wir euch entdeckten, wenn wir ihm drei Zugpferde zurückbringen, bekommen wir trotzdem das Silber. Und der Bolzen ist sicher nicht mit Absicht auf euch zugeflogen. Das solltet ihr uns glauben. Scheiße Mann, du hast mir die Nase gebrochen, das tut höllisch weh." Dann nahm er eine  Hand voll Schnee und kühlte sich den Nasenrücken. 

 

Jetzt mussten alle aus der Blauzahnsiedlung lachen. So einen tollen Märchenerzähler könnten sie in der Siedlung gut gebrauchen. Ein Bolzen, der zufällig auf Erik zufliegt, weil man sich ein paar Pferde holen will.

 

Erike drehte sich um und dann wieder zurück zu dem Anführer der Stadtwache. "Ich glaube euch, ganz sicher. Aber ihr solltet wissen, dass ihr auf dem Gebiet der Blauzahnsiedlung seid und hier kein Recht ausüben dürft. Aber ich darf das. Und ich bestrafe euch wegen Dummheit - das ist bei uns ein strafwürdiges Vergehen." Was hatte Erik vor? Andrei und die anderen schauten ihn verwundert an. "Zieht ihnen die Stiefel und die Hosen aus. Ihre Hemden und Wämse dürfen sie behalten. Und nehmt ihnen alle Waffen ab. Ihr könnt das in ein paar Tagen bei uns abholen. Außer den Hosen, die behalten wir. Da machen wir für unseren Abtritt eine Fahne draus, dass jeder weiß, dass man da die Hosen runter lassen kann, wenn man sich nicht in die reinscheißen will. Also runter mit den Sachen und dann verschwindet von hier. Ich  nehme an, dass ihr eure Pferde irgendwo versteckt habt. Dann könnt ihr euren, na ihr wisst schon, beim Heimreiten warm reiten." Hermon löste die Fesseln und die drei Männer legten die Schuhe und ihre Hosen ab. "Vergesst nicht die Leibbinde abzulegen. Ihr reitet heute mit nackten Schenkeln und was da sonst noch darüber ist in Visby ein. Und beeilt euch, sonst bekommt ihr oben und unten vielleicht einen Schnupfen." Selbst der Anführer beeilte sich, seine Kleidung abzulegen, dann rannten die vier los in die Richtung, wo Erik ihre Pferde vermutete.

 

Als sie weg waren lachten bis auf Erik alle lauthals. Erik schaute aber grimmig den vieren hinterher. Es war schon dreist von den Wachen aus Visby auf ihrem Land Menschen zu jagen und vor allem auf ihn zu schießen. Dazu hatten sie keine Erlaubnis. Das musste geklärt werden. Die Demütigung der Vier war nicht so schlimm, das würde Visby verschmerzen, die Vier nicht. Es würde aber niemanden töten, denn ihre Hemden und Wämse waren lang und warm. Erik ärgerte sich über die verlogene Dreistigkeit des Anführers. Das musste er mit den anderen besprechen.

 

Sie kamen mit dem Schlitten und den Stämmen am späten Nachmittag in der Siedlung an. Knorre kümmerte sich um die Pferde, während Erik zu Lars eilte und ihm von dem Vorfall berichtete. Er war genauso besorgt wie Erik. Diese Dreistigkeit bedeutete, dass der Bürgermeister oder auch andere aus Visby sie nicht respektierten. Kein Respekt bedeutete aber auch, dass sie in Gefahr waren. Weil es schon dunkel wurde, konnten sie keine Boten zur Bucht und zum Gutshof schicken, um die Leute dort zu warnen. Peters Delegation war weit weg, denen würde nichts geschehen.

 

14. Januar 1216 in Brendas Dorf

 

Sie konnten nicht weiterreisen, weil Sophia noch zu schwach war und Peter sie nicht alleine lassen wollte. Namenlos hatte angeboten, bei ihr zu bleiben, aber das erschien allen anderen als zu riskant. Es war noch nicht klar, wer diese Reiter waren, die das Dorf überfallen hatten. Der Junge, der nun doch eine junge Frau war, schwieg beharrlich. Immer wieder hatte Namenlos versucht, mit ihr zu reden.

 

"Ich schätze sie auf vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Sie hat einen guten Körperbau, hat aber so wie sie sich bewegt und gibt, nie körperlich gearbeitet. Sie hat zarte Hände und wie mir scheint ist sie noch unberührt. Gestern bekam sie ihre Blutung und war nicht verwundert darüber, als kenne sie den Zustand. Sie muss uns erzählen, wer diese Leute wirklich sind und wer sie ist." Namenlos konnte Peter von und zu Bärental nichts neues berichten. Er nickte nur und schaute sich in der Hütte der Brenda um. Diese hatten sie bezogen, nachdem sie beschlossen hatten, zu bleiben. Sie hatten Glück gehabt, dass die Reiter einiges an Proviant dabei hatten, damit konnten sie sich gut selbst versorgen und fielen den Dorfbewohnern nicht zur Last. "Wir müssen sie zum Reden bringen. Ich suche Afra. Sie ist ein kluges Mädchen. Sie hat gut unseren Schlitten und die Pferde im Wald bewacht und ich glaube, dass man mit ihr etwas erreichen kann."  Peter fand Afra bei Sophia und bat sie ihn zu begleiten. Lange besprach er mit ihr seinen Plan, wie er das Mädchen zum sprechen bekommen würde. Namenlos hörte ihm zu und musste dabei lächeln selbst Afra musste beim zuhören immer wieder das Lachen unterdrücken. Es war ein verrückter Plan. Afra und Namenlos gingen aus der Hütte, nachdem ihnen alles erklärt wurde und suchten die Gegenstände, die Peter für seinen Plan brauchte.

 

Askold bekam von Peter eine unangenehme Aufgabe. Die toten Söldner lagen etwas außerhalb des Dorfes, es war zu kalt und der Boden gefroren, deshalb konnte man sie noch nicht begraben. Als Askold seine Sache erledigt hatte und das Gewünschte in einem Tuch eingewickelt zu Peter gebracht hatte, ging er in den Stall, wo die überlebenden Söldner gefesselt lagen. Einen von ihnen packte er und brachte ihn zu Peter in die Hütte. Auf dem Weg dorthin, schubste und stieß er den Mann sehr heftig, sodass der immer wieder laut aufschrie und man das im ganzen Dorf hörte. Namenlos holte inzwischen das Mädchen und führe die vor die Hütte. Afra ging vor den Augen der beiden hinein. In den Händen hatte sie ein paar saubere Tücher.

 

Und dann wurde es laut in der Hütte. Peter von und zu Bärental brüllte herum und der Gefangene  stöhnte immer wieder auf und der eine und andere Schrei war auch noch zu hören. "Rede endlich oder ich hacke dich in Stücke." brüllte von Bärental. Und wieder schrie der Gefangene laut auf. Zitternd stand das Mädchen gemeinsam mit Namenlos vor der Hütte. Namenlos zeigte blankes Entsetzten. "Wenn der Herr Bärental so wütend ist, dann wird es schlimm. Ich dachte der will den Mann nur ärgern, aber der wird ihn totschlagen. Das wäre nicht das erste Mal, dass er das in seiner Raserei macht. Jetzt kann ich dich nicht mehr schützen." "Vor was?" fragte das Mädchen mit zitternder Stimme. Dann hörte man aus der Hütte einen furchtbaren Schrei und danach war Ruhe.

 

Fortsetzung folgt