Kapitel 14

4. Januar 1216 in der Nähe von Gandersheim

 

Herr von Blau war tot. Ein Dolchstich hatte ihn so schwer am Hals getroffen, dass er, während er noch kämpfte, so viel Blut verlor, dass er schnell schwach wurde und dann niederstürzte. Heinrich war ein harter Mann, übersät mit vielen Wunden an Geist und Körper. Er war es gewohnt, dass neben ihm Freunde, Kameraden oder auch Unbekannte starben. Aber jetzt, hier und heute an diesem Ort war es, als ob er selbst eine tödliche Verletzung bekommen hätte. Dieser Mann war ihnen selbstlos zu Hilfe geeilt und hatte ihm geholfen, die Feinde zu schlagen. Tiefe Trauer überkam ihn. Zugleich stieg die Wut in ihm über diesen sinnlosen Angriff. Was waren das für Männer, die ein paar Reisende im Namen eines Bischoffs oder auch des Bürgermeisters von Hildesheim nach dem Leben trachteten?

 

Otto und auch Frau Constanze zerrten und schleppten die Toten und Verletzten zum Wagen. Die beiden Reiter vor dem Wald ließen sie noch liegen, da sie zu schwer waren, um sie die einhundert Schritte zum Wagen zu zerren.

 

Ungeachtet der Trauer über den Tod des Herrn von Blau wollte Heinrich die Sache nun beenden. "Wir könne keinen am Leben lassen. Irgendwann findet die Nachricht über diesen Kampf seinen Weg nach Hildesheim und dann müssten wir uns vor dem bischöflichen oder vor einem kaiserlichen Gericht verantworten müssen. Es darf keine lebenden Zeugen geben. Egal wie ihr alle darüber denken mögt, wir waren im Recht, aber man wird uns nicht glauben. Man wird behaupten, dass wir auf der Flucht waren und wir die Städtischen hier ermordet hätten. Die Männer einer Stadtgarde und Männer des Bischofs zu töten ist ein Vergehen, das mit dem Tod bestraft wird. Wir waren in keiner Fehde oder befanden uns in keinem Krieg. Herr von Blau wäre als Brandstifter angeklagt worden, uns als Fluchthelfer von Frau Constanze und ihren Kindern hätte man auch bestraft. Was man mit Constanze von Breitenbach und den Kindern gemacht hätte, mag ich jetzt nicht laut aussprechen. Wir sind Wegelagerer in den Augen der Obrigkeit. Constanze, nimm die Kinder und führe sie mit dem Wagen zum Waldrand. Ich kümmere mich um unsere Angreifer. Zum Schluss müssen wir noch die zwei da draußen versorgen. Otto kannst du mir helfen?" Otto stand wie erstarrt da. Hatte Heinrich gerade gemeint, dass man alle nun töten sollte und ihre Leichen verschwinden lasse müsse?

 

Zwei der Leichtverletzten, die wie alle anderen auf dem Boden lagen, begannen um Gnade zu betteln. Heinrich wollte Ruhe haben und versetzte jedem einen kräftigen Faustschlag ins Gesicht, um sie zum Schweigen zu bringen. Frau Constanze von Breitenbach war sicher, dass Heinrich recht hatte. Ihr ging es um den Schutz ihrer Kinder und es war das Beste, wenn Heinrich nun dafür sorgte, dass sie für eine gewisse Zeit in Ruhe weiterreisen konnten.

 

Constanze sorgte dafür, dass ihre Kinder die Pferde einsammelten und an den Halftern wegführten. Frida versteckte ihre Trauer und fing an, mit Constanze zusammen den Wagen anzuspannen. Sie verluden alles, was sie fanden, auf den Wagen. Rüstungsteile, Helme, Waffen, Kettenhemden und auch Umhänge, die man nicht mit diesen Leuten in Verbindung bringen konnte, packte er auf den Wagen. Die Sättel, die sie nicht benötigten, warf er auf einen Haufen. Heinrich war stark, das konnten nun alle sehen. Mit Leichtigkeit hob er einen Toten nach dem anderen auf und trug sie zu den Sätteln und legte die Toten darauf.

 

Otto warf seine Erstarrung ab und half bei den Pferden und dem Wagen. Dann luden sie den Leichnam von Herrn von Blau auch noch auf den Wagen. Seine Frau wollte ihn nicht in der Nähe dieses Ortes beerdigen. Das war auch nicht möglich, denn selbst der Waldboden war gefroren.

 

Heinrich bat Otto, ein kleines Feuer zu entzünden, denn er benötigte später eine kräftige Flamme.

 

Als sich alle gerüstet und bereit für die Weiterreise am Waldrand einfanden, packte Heinrich die beiden Toten am Waldrand auf ein Pferd und brachte sie zu den anderen. Frida folgte ihm in den Wald hinein. Bis auf einen der Angreifer waren alle anderen Verwundeten ohne Bewusstsein. Dafür hatte Heinrich schon gesorgt. Er packte jeden am Schopf, zerrte ihn hoch und schnitt dann den Hals auf. Als er den Angreifer, den Otto niedergestreckt hatte, packte, schrie der auf. "Bitte nicht, bitte nicht den Hals aufschneiden. Bitte im Namen Jesu. lasst mich gehen, ich sage nichts und niemand etwas." Heinrich stutzte, kurz aber das sollte seinem Handeln keinen Einhalt gebieten. Aber da fiel ihm Frau von Blau mit einer Hand in den Arm. Mit der anderen zog sie das Tuch weg, das der am Boden liegend über Mund und Nase trug. "Das ist doch kein Mann, das ist doch noch ein Kind. Er ist etwas groß, aber schaut euch dieses Gesicht an Herr Heinrich." Im langsam schwindenden Tageslicht konnte man sehr wohl noch erkennen, dass sich hinter der Maske aus Tuche ein Kindergesicht versteckt hatte. "Und jetzt? Was sollen wir tun? Warten bis er erwachsen ist und ihm dann den Hals durchschneiden? Frau Frida, wir können ihn nicht leben lassen." Dann stieß er den Jungen weg und er plumpste heftig mit dem Kopf auf den gefrorenen Waldboden. Heinrich packte den nächsten und schnitt auch dem den Hals durch. Dem Letzten, der noch war, hieb er erst heftig mit dem Knauf seines Dolches an die Stirn, dass er ohnmächtig wurde und schnitt er auch ihm den Hals durch. Dann schleppte er alle, bis auf den Jungen zu dem Haufen aus Sätteln und packte darüber Holz, das er gesammelt hatte.

 

Während er den Scheiterhaufen vorbereitete, sah er aus dem Augenwinkel, dass Frida sich mit dem Jungen unterhielt. Dann zog sie ihn hoch und holte von ihrem Pferd, das etwas abseits stand, eine Decke und wickelte den fast nackten Jungen damit ein. "Wir nehmen ihn mit und entscheiden später, was mit ihm geschehen soll. Zündet den Scheiterhaufen an und lasst uns verschwinden." Das war keine Bitte von Frieda, das klang wie ein Befehl und Heinrich gehorchte, zwar widerwillig aber er sagte nichts dazu.

 

Verwundert sahen die anderen, die am Waldrand gewartet hatten, dass drei Personen zurückkamen. Frida rief den anderen nur zu, dass sie jetzt keine Fragen beantworten wolle und sie sich schnell auf und davon machen sollten.

 

Sie hatten nun zwar mehr Pferde, aber der Wagen war nun sehr viel schwerer als vorher. Sie hatten noch für einige Zeit Tageslicht und das mussten sie nutzen. Hinter sich sahen sie, dass es im Wald brannte und das Feuer immer größer wurde. Es sah fast so aus, als ob der Wald anfangen würde zu brennen.

 

Sie ritten so schnell wie es ging. Erst als sie das Feuer hinter sich nicht mehr sahen, bewegten sie sich langsamer. Bald war es trotz des hellen Mondes so dunkel, dass sie anhalten mussten, denn ein Weg war nicht zu erkennen und ein sicheres Gehen für die Pferde war nicht mehr möglich. Am Wagen hatten sie eine Fackel angebracht, die wenigstens ein klein wenig Licht gab, aber sie sollte dazu dienen, ein größeres Feuer zum Wärmen zu entfachen.

 

Als es noch dunkler wurde, suchten sie sich einen Platz für ein Nachtlager. In einer Ruine mit Steinmauern ohne Dach fanden sie Schutz vor dem stärker werdenden Wind und dem beginnenden Schneetreiben. Herr von Blau wurde abgeladen und in eine Ecke der Ruine gelegt.

 

Alle Pferde fanden in den Mauern Schutz und selbst der Wagen konnten hineingezogen werden. Das Feuer, das sie entzündeten, war vom Weg, den sie gekommen waren, nicht zu sehen. Das versprach etwas mehr Sicherheit.

 

Dann setzten sie sich rund um das Feuer und ihr Gefangener wurde in die Mitte gestellt. Marta stand auf und schaute sich den Jungen genau an. "Ich kenne dich doch. Bist du nicht der Pferdejunge, der dem Bürgermeister Flür immer die Jagdhunde und die Pferde gebracht hat, wenn der Bischof auf die Jagd ging. Du hast die doch begleitet, wenn sie ausritten und hast die Pferde und Hunde versorgt. Ist dein Name nicht Lorentz und bist du nicht der Sohn des Schmieds? Deine Mutter war oft bei Herrn Flür. Ich habe sie gesehen. Sie ist eine sehr schöne Frau." Der Junge nickte. "Ich kenne den Jungen, er kann gut mit Hunden und Pferden umgehen und wenn sie krank sind, kann er sie heilen." Marta war ganz aufgeregt, sie hatte jemanden erkannt und konnte helfen, etwas zu klären. Heinrich stand auf und führte Marta zurück auf ihren Platz. Zu viel Nähe konnte hinderlich sein, wenn man sich doch von dem Jungen trennen musste.

 

"Dein Name ist also Lorentz. Was hast du bei den Söldnern zu suchen gehabt? Erzähle uns alles." Heinrichs Stimme hatte jetzt sogar etwas Freundliches an sich. Lorentz nickte und begann im Stehen zu erzählen.

 

"Mein Vater war Schmied am Hof des Bischofs. Meine Mutter Magd beim Domherrn. Dort gab es zu wenig Nonnen und so mussten ein paar Mägde dort dienen. Ich war Pferdeknecht in den Ställen des Bischofs. Ich kümmerte mich oft auch um seine Hunde. Meine Mutter hat mir beigebracht, wie man bei Tieren Verletzungen behandelt oder kleinere Leiden wie Husten oder Bauchgrimmen mit Kräutern beseitigt. Als der Bischof meine Mutter einmal sah, wollte er immer wieder, dass sie ihm dienen soll. Was er wirklich von ihr wollte, kann ich nicht sagen, aber er verfolgte sie immer wieder und bestellte sie immer wieder zu sich. Sie musste zu ihm gehen, denn er war ja der Bischof. Meinem Vater missfiel das aber sehr und einmal ist er mit einem großen Hammer zum Bischofspalast gestürmt, weil der Kirchenmann Mutter sehr geärgert hatte. Er kam zurück, vollkommen betrunken und starb dann einen Tag später. Er hatte ganz blau Lippen bekommen und seine Augen schienen gelb zu werden. Ein paar Wochen nachdem Vater tot war, bestellte der Bischof meine Mutter wieder zu sich. Spät in der Nacht kam sie weinend zurück. Ihre Kleider waren in Unordnung und auch schmutzig. Sie wollte mir nicht erzählen, was geschehen war. Ich konnte es mir denken. Sie sprach nie wieder ein Wort mit jemandem. Auch nicht mit mir. Sie wusch nur noch die Wäsche für den Haushalt beim Bischof und sonst machte sie nichts mehr. Sie aß immer weniger. Bald hatten wir fast nichts mehr zu essen und so musste ich mir überlegen, was ich tun konnte. Der Burgvogt fragte mich einmal, ob ich einer seiner Leute werden wolle und ich wollte, da ich dann wieder etwas zu essen bekommen würde und Mutter konnte ich davon etwas abgeben. Mutter sollte nie erfahren, dass ich zu den Waffenknechten gegangen war. An dem Tag als ich den Spieß bekam, stürzte sich sie vom Kirchturm und war tot. Das war vor zehn Tagen. Ich durfte Mutter nicht beerdigen. Der Henker hat sie draußen auf dem Schindacker verscharrt. Ich kenne nicht den Ort, wo ihr Körper liegt. Am gleichen Tag wurde ich zu dem Reitertrupp gerufen, den der Hauptmann angeführt hat. Ich hörte nur, dass ich nicht mehr zurückkehren sollte. Das hat mir Johannes, einer der anderen jungen Söldner gesagt, als ich mich von ihm verabschiedete. Ich wollte ihm nicht glauben. Ich merkte nur, dass etwas nicht mit mir stimmte, weil ich immer weniger zu Essen bekam als die anderen. Einmal sagte einer der Waffenknechte, dass es sich nicht lohnen würde, mich zu füttern. Was er meinte, begreife ich jetzt erst. Ich sollte sterben, entweder durch euch oder wenn ihr das nicht geschafft hättet, dann durch einen der Männer des Bischofs." Die Tränen standen dem Jungen in den Augen, aber er blieb in der Mitte stehen, ohne zu wanken. "Ich weiß nicht ob ich besser tot wäre oder ob ich leben soll. Aber nun entscheide ich nicht mehr darüber, das müsst ihr wohl tun." Dann schwieg er und alle schauten ihn an.

 

Peter konnte ihn gerade noch auffangen, als er zu stürzen drohte. Sie setzten ihn zwischen Marta und Heinrich. Der schnitt ihm die Fesseln durch und gab ihm ein Stück Brot und einen Becher mit Wasser. Heinrich wartete bis der Junge das Brot gegessen und ein paar Schluck Wasser getrunken hatte - dann fragte er ihn. "Was sollen wir mit dir machen? Wir sind keine Mörder, aber wir müssen uns schützen. Das verstehst du doch? Also sage uns, warum wir dich leben lassen sollen." Der Junge dachte nach, das konnte man ihm ansehen. "Ich gehe mit euch. Ich kann nach den Pferden schauen. Und mein Vater hat mir einiges gezeigt, wie man das Eisen bearbeitet." Ein hoffnungsvoller Blick zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. "Und wenn man dich erkennt. Wenn ein Händler aus Hildesheim dich sieht und es dem Bischof berichtet, wo er dich mit wem gesehen hat. Das Risiko ist zu groß für uns. Und warum sollten wir dir trauen. Warum sollten wir glauben, dass du uns nicht verrätst." Heinrich hatte einen anklagenden Ton angeschlagen. Ohne Gefühl ohne Mitleid, als ob das Schicksal von Lorentz entschieden sei. Der Junge schluckte schwer. Heinrich hatte recht mit der Frage, warum sie ihm trauen sollten. "Ich kann nicht zurück, das wisst ihr sicher. Und warum sollte ich euch verraten? Es gibt einen Grund dafür. Der Bischof will meinen Tot, auch wenn ich euch verrate, werde ich sterben. Vielleicht segnet er mich vorher, aber das nützt mir wenig. Und alle, die mich kannten, sind tot. Oder glaubt ihr, dass eine der Nonnen mich genau angesehen hat, die Mönche oder der Bürgermeister oder der Bischof selbst. Für den war ich eine lebende Mistgabel, die seinen Pferden das Heu gab." Dann stockte er und schaute Marta an. "Nein, nicht alle sind tot, die mich kannten. Marta lebt noch und die wird euch oder mich nicht verraten." Er lächelte sie an, als ob er einen Scherz gemacht hätte und sie damit zum Lachen bringen wollte.

 

Heinrich wartete kurz und stand dann auf. "Soll er mit uns reisen? Seid ihr dafür?" Schweigend bis auf Heinrich selbst nickten alle. "Ich bin dagegen, aber Otto hat eigentlich das Sagen und er hat genickt und du darfst bei uns bleiben. Aber ich schwöre, dass ich dir bei der ersten Dummheit, die du begehst, den Hals durchschneide. Und davon kann mich keiner abhalten." Otto nickte. "Er hat recht. Vom Todfeind zum Freund ist eigentlich ein langer Weg, den man gehen muss. Der Weg für dich war schnell, beweise uns jeden Tag, dass wir richtig entschieden haben." 

 

Dann stand Otto auf. "Wir müssen noch eine Sache klären. Ich habe nur einen Geleitbrief des Kanzlers für mich und Heinrich. Wir müssen uns etwas einfallen lassen, wie wir weiterreisen und erklären, warum ihr bei uns seid. Zwei Frauen und drei Kinder. Man würde uns die Reisebegleitung der Frauen abnehmen, aber drei Kinder oder besser gesagt, drei junge Menschen, die nicht unsere Kinder sind? Schnell kommt man in Verdacht und das sollten wir vermeiden. Also wir brauchen eine Geschichte, die man nachprüfen könnte und uns glaubt. Sonst können wir so nicht weiterreisen. Und mit den Pferden müssen wir was machen. Drei haben Brandzeichen und die anderen haben gemalte Zeichen. Hier könnte man uns Fragen stellen, die wir besser nicht ehrlich beantworten. Denkt alle nach und morgen müssen wir einen Plan entwickeln. Jetzt sollten wir versuchen zu schlafen."

 

Otto war sich klar darüber, dass es nicht einfach sein würde, im Winter durch das Land zu reisen ohne aufzufallen. Aber sie mussten so glaubwürdig wie möglich wirken. Das wird nicht leicht werden. Aber auch er musste jetzt schlafen. Denn es war jetzt wichtig einen klaren Kopf zu behalten.

 

Der Schlaf wollte nicht kommen. Frida lag neben ihm und konnte offensichtlich nur im Schlaf und ihren Träumen um den verlorenen Gatten trauern. Lorenz lag auf der anderen Seite von ihm und rückte immer näher, seine Wärme suchend. Bald waren beide so nahe bei ihm, dass er ihre Wärme spürte. Constanze lag mit ihren Kindern auf der anderen Seite des kleinen Feuers. Schützend hatte sie ihre Arme um die beiden gelegt. Er sah immer wieder zu Heinrich, der am Torpfosten saß und der immer wieder zu ihm herübersah. Wann schlief dieser Mann eigentlich? Wann hungerte er oder hatte Schmerzen. Für Otto war Heinrich von Olsen ein Freund und doch ein geheimnisvoller Mann. Ein geschickter Kämpfer, ein wacher Verstand  und doch so verschlossen.

 

Es begann zu schneien und Otto zog sich seine Kapuze weiter ins Gesicht. Irgendwann schlief auch er ein.

 

Fortsetzung folgt