Kapitel 13

9. Januar 2016 Gotland, Blauzahnsiedlung

 

Der Schock über die Neuankömmlinge und darüber, dass Mathias nun verheiratet war, verflog schnell, denn die Aufgaben, die Flüchtlinge aus Schweden aufzunehmen und ein Dach über dem Kopf zu bieten, waren wichtig. Niemand würde bei dieser Kälte im Freien überleben können.  Alle waren überrascht, dass die Neuankömmlinge aus Schweden so viele Vorräte mitgebracht hatten. Das sicherte allen ein einigermaßen sicheres Überleben während der kalten Wochen. Sie hatten Öl mitgebracht, ganze drei Fässer und dann noch Harz und Talg.

 

Die Schwangere aus der Diebessiedlung war mit zwei weiteres Frauen und einem Mann vor zwei Tagen angekommen. Wie zugesagt hatten sie Feuerholz mitgebracht und sogar ein paar Felle. Zudem hatte die Schwangere Brende eine Nachricht ihres weiblichen Jarl mitgebracht. Jarl Gund bot der Blauzahnsiedlung ein Bündnis an und sie bat um deren Beistand. Insgesamt gebot sie gerade mal noch über zwölf Männer, davon waren vier schon nicht mehr in der Lage, eine Sense, geschweige denn einen Knüppel zu halten oder ein Ruder zu bewegen. Und dann gab es da noch einundzwanzig Frauen und zwölf Kinder. Die meisten Frauen waren nun ohne Mann.

 

Peter von und zu Bärental wurde mit Sophia, der namenlosen Köchin, Askold  und Colja losgeschickt, um mit Gund alles Nähere zu besprechen. Grundsätzlich waren alle mit einem sogenannten Bündnis einverstanden, denn man benötigte für die vielen Neuankömmlingen Unterkunft und es bot sich an, diese auf die unterschiedlichen Gehöfte und Siedlungen zu verteilen.

 

Bis dahin wurden alle gut untergebracht. Claus von Olsen, seine drei Sergeanten, Jorg Jorgssen  und seine Kriegersklaven wurden im Turm in der Bucht untergebracht, er musste dafür Sorge tragen, dass die Schiffe alle an Land gezogen und gesichert wurden. In der kleinen Fischersiedlung waren noch zwei Hütten frei, da die Bewohner im letzten Jahr an einer Seuche gestorben waren. Dort wurden noch ein paar der Neuankömmlingen, zwei Fischer mit ihren Familien, untergebracht.

 

Merit, zwei ihrer Mägde und der Riese blieben in der Siedlung. Vorläufig wurden ein paar ihrer Leute in einer Scheune untergebracht oder im Torhaus. Alle anderen wurden zum Gehöft der Mecht gebracht, wo sie wenigstens ein Dach über dem Kopf hatten und sich an einem Feuer wärmen konnten. Nahrungsmittel waren nun genug vorhanden. Was Lars und Erik Sorgen machte, waren die Pferde. Da Mathias noch zusätzlich vier Pferde und zwei Esel mitgebracht hatte, würde das Futter bald knapp werden. Aber sie hatten noch ein paar Tage Zeit, um sich darüber Gedanken zu machen.

 

Bei allen Überlegungen über die Verteilung und Versorgung aller Menschen stellte sich heraus, dass Birgit und Melanie hier ein Talent besaßen, diese Probleme sinnvoll anzugehen. Lars und Erik holten sich gerne Rat bei den beiden.

 

Die schwangere Brenda fügte sich sehr schnell in den Tagesablauf der Blauzahnsiedlung ein und ihre mitgebrachten helfenden Hände hörten auf sie.

 

10. Februar 1216 - Gotland - die Reise zum Jarl

 

Pet machte sich mit den Seinen gut gerüstet auf. Er nahm den Mann aus der Siedlung und eine der Frauen mit. Die Kinder waren in der Blauzahnsiedlung gut aufgehoben und blieben unter der Aufsicht von Brenda. Pet musste nun mit drei Schlitten Nahrungsmittel zuerst zur Siedlung der Diebe und dann weiter zu der Jarl Gund bringen. Sie machten sich im Morgengrauen auf, da sie noch am gleichen Tag ihr erstes Ziel erreichen wollten. Es war zwar kalt und etwas windig, aber es schneite nicht und die Sicht war gut. Obwohl mit keinerlei Ärger zu rechnen war, waren alle bewaffnet. So ein wenig Machtdemonstration gegenüber dem Jarl konnte nicht schaden. Sie kamen schließlich nicht als Bittsteller zu ihr.

 

Sie kamen schnell voran und etwas mehr als dreitausend Schritte vor der Diebessiedlung trafen sie auf frische Hufspuren. Colja prüfte die Spuren im Schnee. "Das sind die Spuren von sechs Pferden. Tief eingedrückt, entweder schwer beladen oder es waren Männer mit Rüstungen und Waffen. Die waren nicht schnell unterwegs. Einer mit einem besonders schwerbeladenen Pferd bildete den Schluss. Der Wind konnte noch keine der Spuren verwischen. Die sind nicht weit vor uns. Vielleicht haben sie den kleinen Wald vor uns schon hinter sich gelassen und die Leute in der Siedlung können sie schon sehen. Askold sollte vorausreiten und schauen, was das für Leute sind. Wir wollen doch keine Überraschung erleben."  Peter nickte. Askold war ein erfahrener Krieger und geeignet für so eine Aufgabe. Zudem hatte er sehr gute Augen und war kein Draufgänger, der, ohne es sich genau zu überlegen, etwas unternahm. Askold nickte, die Armbrust spannte er während er sich umschaute und ritt los. Nicht zu schnell, aber doch etwas schneller als die anderen vorankamen. Bald hatte er den Waldrand erreicht und verschwand darin. Colja ritt nun auch etwas schneller und bracht zwischen Peters Karavane und sich einen Abstand von zehn Pferdelängen. Auch er hatte seine Armbrust gespannt in einer Hand. Namenlos hatte bisher die Nachhut übernommen und kam nun auch langsam zu den anderen.

 

Nichts geschah, als sie den Wald durchritten. Kurz vor dem Waldrand stand Askod. Er war von seinem Pferd abgestiegen und beobachtete etwas. Peter ließ alle anhalten und absteigen. Sie sollten sich nicht dem Waldrand nähern.

 

Die fremden Reiter hatten die Siedlung schon erreicht und man hörte entfernt Schreie. Die Reiter waren mit Lanzen bewaffnet und fuchtelten mit denen wild herum, als ob sie jemanden damit beeindrucken wollten.

 

Askold berichtete allen anderen, was er beobachtet hatte. Klar war allen, dass diese Reiter nichts Gutes im Schilde führten.

 

Ohne gesehen zu werden, schlichen sich alle aus dem Dorf - bis auf die Frau,  die bei den Pferden und Schlitten bleiben musste, näher an das Geschehen heran. Der Mann aus dem Dorf kannte sich bestens aus. So wie er zuerst auf alle gewirkt hatte, etwas einfach und grobschlächtig, so geschickt bewegte er sich nun. Wie ein Jäger, der ein schnelles Wild erlegen wollte. Lautlos und geschickt führte er die kleine Gruppe immer näher an die ersten Hütten heran. Sobald man nahe genug war, beobachtete Askold und Peter das Geschehen, während die anderen sich in Position brachten. Der alte Dorfvorstand lag blutend im Schnee vor einem der Reiter, die anderen trieben die letzten Dorfbewohner zusammen. Kein Warum und Weswegen war zu erkennen, hier ging es nur um Ausübung von Gewalt und, so erschien es Peter, sie wollten die Frauen. Die Bäuche der Frauen wurden abgetastet und allen war klar, dass sie Brenda wollten.

 

Peter gab das Zeichen und vier Armbrustbolzen flogen auf die Reiter zu. Drei trafen ihr Ziel. Zwei der Reiter stürzten von ihren Pferden und blieben regungslos liegen. Der Dritte brülle herum und versuchte sich in seinem Sattel zu halten. Der Bolzen war in seine rechte Schulter eingedrungen und hatte den Arm regungslos gemacht. Die drei anderen Reiter waren etwas verdutzt, bis sie begriffen, dass sie nun in der Rolle der Angegriffenen waren. Sie schauten sich um und konnten nur Peter entdecken, der knapp zwanzig Schritte weit entfernt vor ihnen stand und sich auf sein Schwert stützte. Er wollte sie zu sich locken, damit die anderen sie aus ihrer Deckung angreifen konnten. Nur einer war so dumm, um auf diesen Trick hereinzufallen. Er ritt auf Peter zu. Der Anführer, wie es schien, rief ihm nach, dass er stehen bleiben solle, aber der Reiter war nicht zu stoppen. Erst als der Knüppel des Bauern ihn traf, kippte er ohne einen Laut von sich zu geben vom Pferd. Das Pferd trabte noch ein paar Schritte auf Peter zu und blieb vor ihm stehen.

 

Die beiden verbliebenen Reiter sahen sich nun drei Armbrüsten, einem dicken Knüppel und einem Schwert gegenüber. Namenlos hatte sich gut versteckt, denn ihre Armbrust wollte sich nicht spannen lassen.

 

"Werft die Speere und Schwerter weg, steigt ab. Wir werden nicht schießen, solange ihr dieser Anweisung folgt. Wir haben kein Problem, noch zwei weitere Pferde in unsere Sammlung aufzunehmen. Wir brauchen keine Reiter dafür. Also tut war ich sage." Peters dunkle und feste Stimme bewies, dass hier niemand Angst vor ihnen hatte. Zudem hatten sie schon gezeigt, dass sie wussten, wie man mit Waffen umgeht. Der verwundete Reiter war inzwischen auch vom Pferd gefallen und jammerte furchtbar - im Schnee liegend.

 

"Ich bin Perle, der Stadthauptmann von Visby. Ihr habt uns überfallen und nun wollt ihr auch noch, dass ich vom Pferd steige. Wer seid ihr denn, dass ihr euch anmaßt, mir Befehle zu erteilen?" Alle bemerkten, dass der Mann versuchte, Zeit zu gewinnen, aber wofür? Peter drehte sich nicht zu den Seinen um, sondern sprach laut und vernehmlich in Richtung des Stadthauptmanns. "Wenn der Kerl nicht bei drei vom Pferd ist und seine Waffen abgelegt hat, schießt ihr ihn runter." Und da sah Peter ein Leuchten in den Augen des Hauptmanns, sein Blick war über Peter hinweg gerichtet und sah offensichtlich etwas, was ihn erfreute. Ohne zu ahnen, dass da etwas hinter ihm geschah, bückte er sich und drehte sich um. Da zischte etwas über ihn hinweg. Er sah hinter sich zwei weitere Reiter, die er nicht kannte und einer davon hatte gerade seine Armbrust auf Peter abgeschossen. Beide Reiter grinsten etwas blöde und dann schauten sie erschrocken über Peter hinweg. Der Bolzen, der für Peter gedacht war, hatte das Pferd des Hauptmanns getroffen und  das brach mit dem Reiter noch im Sattel zusammen. Als das Pferd den Reiter unter sich begrub, hörte er hinter sich laute Aufschreie. Beide Reiter waren von Bolzen getroffen. Askold und Colja waren so nahe bei den beiden, dass sie diese mit den Armbrüsten nicht verfehlen konnten. Sie hatten beide so verletzt, dass sie kampfunfähig waren und von den Pferden stürzten. Der Kampf war beendet, denn der letzte Reiter, der noch unverletzt auf seine Pferd saß, warf seinen Speer weg und ließ auch sein Schwert fallen. Die acht Reiter hatten in kürzester Zeit zwei Tote zu beklagen und fünf Verletzte. Die hatten nicht damit gerechnet, in einem abgelegenen Dorf von anderen Kriegserfahrenen Widerstand zu erhalten. Keiner hatte eine Rüstung oder ein Kettenhemd an. Sie waren nur mit Schwertern, Speeren und Armbrüsten bewaffnet gewesen. Bei diesem Ritt zu dieser Jahreszeit war ihnen ein wärmender Mantel wichtiger gewesen als ein Kettenhemd. Der Hauptmann, dessen rechtes Bein immer noch unter dem toten Pferd eingeklemmt war, versuchte sich verzweifelt zu befreien. Der mit dem Knüppel bewaffnete Arn ging auf ihn zu und bevor ihn jemand davon abhalten konnte, erschlug er ihn. "Du hast meinen Onkel umgebracht und ich nun dich. Damit sind wir wohl Quitt." Dann ging er weiter zu dem am Boden regungslos liegenden alten Mann und nahm ihn in seinen Arme. Man hatte dem Alten offensichtlich mit einem Speer direkt ins Herz gestochen und ihn so getötet. Arne, so war der Name des Bauern, weinte laut und zitterte am ganzen Körper. "Jetzt bin ich ganz alleine. Meine Frau und meine Kinder sind tot und nun du auch noch. Warum? Töten ist so einfach und doch so dumm."

 

Peter schüttelte sich immer wieder, als ob er dies Ereignis von sich wegschütteln wollte. Sophia stand ein paar Schritte weg von ihm und war kreidebleich. Askold schaute zu ihr und rannte los, sein Schwert schwingend. Hinter Sophia stand ein Junge, vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahre alt und hob einen blutigen Dolch in den Händen. Peter sah, dass er mit der Klinge zustechen wollte, als ihn Askold erreichte und ihn mit der linken Faust niederstreckte. Er ließ das Schwert fallen und fing mit beiden Armen die fallende Sophia auf. Offensichtlich hatte der Junge schon auf Sophia eingestochen, denn sie blutete stark an der rechten Schulter.

 

Noch immer kniete Arne neben seinem Onkel, während die anderen Dorfbewohner alle Waffen einsammelten und den toten wie die verletzten Krieger auf den großen Platz neben den toten Dorfsprecher legten. Nur den Hauptmann ließen sie unter seinem Pferd liegen.

 

Namenlos und Peter kümmerten sich um Sophia, sie blutete sehr stark an der verletzten Schulter. Sie wollten sie nicht bewegen, deshalb schnitt und riss er ihr die Kleider von der Schulter bis die Wunde sichtbar war. Es war eher ein tiefer Schnitt. Der Junge hatte offensichtlich das Messer nicht richtig gehalten, hatte nicht zustechen können und Sophia einen Handbreit langen Schnitt über dem Schulterblatt beigebracht. Trotz der offensichtlich großen Schmerzen lächelte sie Peter an. "Du hast nur den Mut, mir die Kleider vom Leibe zu reißen, weil ich mich nicht wehren kann." Dann wurde sie ohnmächtig. Peter, Namenlos, Askold und eine Frau aus dem Dorf trugen sie in eine Hütte

 

In Hütte wurde Sophia nun in alle Ruhe behandelt, die Wunde gesäubert, genäht und verbunden. Draußen sammelten die Dorfbewohner unter der ordnenden Hand von Colja und Askold alles ein, fingen die Pferde ein und verbanden notdürftig die verletzten Angreifer.

 

Die Frau, die die Schlitten und Pferde im Wald gehütet hatte, kam etwas später mit allem,  was man ihr zum Bewachen gegeben hatte. Klug hatte sie alle Pferde mit langen Stricken hintereinander zusammengebunden und so alles sicher ins Dorf gebracht.  

 

Als Sophia versorgt war, ging Namenlos nach draußen. Sie wollte sich den Jungen vornehmen, der versucht hatte, Sophia rücklings zu ermorden. Der lag immer noch ohnmächtig in der Mitte seiner Kameraden. Die Verletzung, die ihm Askold beigebracht hatte, war nicht so schlimm. Namenlos untersuchte den Jungen, warum er noch so da lag, bis sie merkte, dass der sich verstelle. Er war gar nicht mehr ohnmächtig, er verstellte sich nur. Sie gab ihm eine schallende Ohrfeige, da riss er die Augen auf und starrte sie an.

 

Namenlos riss ihn hoch und stieß ihn weg von den anderen. "Wer bist du, dass du so was tust? Du bist kein Söldner und gehörst nicht zur Stadtwache von Visby. Was suchst du hier und warum hast du den Bewaffneten geholfen, ein Dorf mit wehrlosen Menschen zu überfallen? Gib mir schnell eine Antwort, ich bin heute nicht sehr geduldig und Kinder, die Frauen ermorden wollen und das auf so heimtückische Weise, kann ich nicht leiden. Also antworte." Sie schüttelte ihn noch ein paar Mal bis sie aufhörte und die Luft in ihre Nase etwas kräftiger als sonst einsog. Sie merkte, dass der Junge sich in die Hosen gemacht hatte. Er stank etwas säuerlich und scharf. Namenlost stieß ihn von sich weg und er fiel auf seinen Hintern. Fragend schaute sie ihn weiter an. Er zitterte nicht alleine, weil es so kalt war, der Junge hatte furchtbar Angst.

 

"Ich bin der Sohn des Hufschmieds und man hat mich mitgenommen, damit ich die Pferde versorge." Dann hörte er auf zu sprechen. Namenlos merkte, dass das eher nicht die Stimme eines Jungen war oder er war jünger als er aussah. Irgendetwas stimmte nicht. Sie packte den Jungen wieder und schleppte ihn in eine der Hütten. Ein kleines Feuer an der Kochstelle erhellte den Raum etwas. "Zieh deine nassen Sachen aus und hänge sie hier zum Trocknen auf." Sie drehte sich zur Seite und konnte trotzdem sehen, wie er sich auszog. Sie hatte recht, das war ein Mädchen. Das was sie bei einem Jungen zwischen den Beinen vermutete, war nicht bei ihm vorhanden und als sie auch noch das Hemd über den Kopf zog, war alles klar. Das war ein Mädchen, etwas mehr als dreizehn oder vierzehn Jahre alt. Etwas zu mager, aber doch langsam erblühend. Warum war sie hier und warum war sie bewaffnet gewesen?

 

 

 

Fortsetzung folgt