Kapitel 11

4. Januar 1216 Rheden am frühen Morgen auf dem Hof von Siegfried von Blau 

Otto und Heinrich schauten nach den Pferden, der junge Christian begleitete sie. Er hatte die ganze Nacht offensichtlich wach gelegen, denn er sah noch sehr müde aus, als er neben Heinrich herging. Heinrich schaute ihn von Kopf bis Fuß an. "Sag mal Junge, hast du keine Schuhe? Du kannst bei dem Wetter nicht barfuß gehen, auch wenn wir uns nur im Haus bewegen und in den Stall gehen." Christian schüttelte den Kopf. "Nein Herr, die Holzschuhe, die ich hatte, sind gestern zu Bruch gegangen, als ich vom Wagen gesprungen bin. Sie waren schon recht alt und passten mir schon lange nicht mehr. Aber ich hatte keine anderen und mit den Lumpen an den Füßen ist einfach schlecht zu laufen."  Heinrich schaute Otto an, der nickte und schnappte sich den Jungen an der Schulter und schob ihn zurück zum Wohnhaus. Er wühlte dort in einem der Packsäcke und reichte dann dem Jungen zwei Lederbündel. "Das sind einfache Schuhe zum Wickeln. Du bist schon sehr große für dein Alter und sie dürften dir gut passen. Es sind alte von mir und ich trage sie eigentlich nur mit mir rum, weil ich vielleicht einmal Ersatzschuhe brauche. Nun brauchst du sie. Ziehe sie an, aber vorher solltest du dir ein paar Lappen um den Fuß wickeln, auch Leder scheuert auf der Haut. Ich schenke sie dir." Christian schaute Otto von Kraz mit großen Augen an und begann zu weinen. "Mir hat noch nie jemand etwas geschenkt. Was muss ich dafür tun." Seine Mutter trat zwischen Otto und ihren Sohn. "Ich dachte Geschenke und Almosen gibt es nur für die Kirche und die Priester? Was verlangt ihr von uns dafür, Herr von Kraz?" Otto war nun doch sehr erstaunt über diese Reaktion, und fast wütend antwortete er. "Ich verlange nichts, gute Frau. Es ist kein Almosen an Christian, es ist ein Geschenk. Ich will keine Gegenleistung dafür, ich hoffe, das versteht ihr."

Dann drehte er sich zu Christian um, zeigte ihm wie man diese Schuhe anlegte und ging dann mit ihm in den Stall, wo Heinrich schon alle Pferde gefüttert hatte und sich um ihren Zustand kümmerte. Das Zugpferd, das sie für den Wagen erstanden hatten, war in sehr gutem Zustand und Heinrich merkte, dass es ein sehr freundliches Gemüt hatte. "Wir müssen dem Jungen zeigen, wie man einen Wagen lenkt. Dann kommen wir besser voran. Wenn wir zwei reiten können und nur drei Personen auf dem Karren sitzen, hat es das Pferd leichter. Vor allem, wenn die Wege verschneit sind, wird es schwerer werden. Ich hoffe, dass wir morgen weiterkommen. Es schneit leider immer noch und es wird kälter. Eis und Schnee sind keine guten Wegbegleiter. Und hier gibt es Wölfe. Ich schaue nachher nach dem Bogen und der Armbrust. Falls wir sie benötigen, haben wir sie griffbereit."

 

Über dem Feuer kochte eine dünne Grütze und der Hausherr hatte etwas Würzwein verdünnt und heiß gemacht. Als Heinrich beim Essen von der Armbrust und dem Bogen, den er später inspizieren wollte, erzählte, gestand ihm Constanze von Breitenbach, dass sie und ihre Tochter Marta gut mit dem Bogen und der Armbrust umzugehen verstanden. Ihr Mann hatte ihnen das auf den Reisen durch die Lande beigebracht, damit sie sich bei einem eventuellen Überfall auch schützen konnten. Ihr Sohn konnte gut mit dem Messer und dem Beil umgehen. Sie hatten alle lernen müssen, sich vor Überfällen zu schützen. Ihr Mann war zwar ein guter Schwertkämpfer gewesen, aber das reichte nicht aus. Constanze war gerne bereit, das unter Beweis zu stellen. Siegfried hob warnend die Hände und meinte, dass das nicht gut sei, denn für so eine Demonstration hätten sie ja außer Haus gehen müssen und da hätte man sie sehen können.

 

Dann stand Siegfried auf, ging in die Ecke der großen Stube und brachte ein Tuchbündel mit zum Tisch. Er entrollte es und hervor kamen zwei Bogen und zwei Köcher gefüllt mit Pfeilen. "Ich kann damit nicht mehr umgehen, die könnt ihr mitnehmen. Ich behalte nur noch mein Schwert, die Streitaxt und mein Schild. Halten kann ich das alles nicht mehr, aber es gehört alles zu mir, weil mich diese Dinge mein Leben lang begleitet haben." Seine Frau lachte laut auf. "Du und es nicht mehr halten. Natürlich kann er immer noch gut mit dem Schwert und der Streitaxt umgehen. Und das Schild ist mehr Waffe bei ihm und nicht allein sein Schutz. Nehmt es, er mag einfach den Bogen nicht. Ich habe meine kleine Armbrust und einen Dolch, das reicht mir zu meinem Schutz. Und der Jagdbogen liegt oben beim Heu, im Frühling werde ich damit auf die Jagd gehen. Er isst gerne Hirschbraten, den muss ich ihm dann erst schießen. Nehmt also die beiden Bogen, ich mag diese Sarazenenbogen nicht, die haben Christen getötet. Manchmal sogar die richtigen."

 

 

 

4. Januar 1216 am Morgen in Lindeshelm

 

Die Blauzahnsiedler hatten die Nacht im Hause der Brenda verbracht. Claus von Olsen war in dieser Nacht sehr wachsam gewesen, konnte deshalb Erik berichten, dass sich die ganze Nacht nichts im Dorf getan habe. Alle waren in ihren Hütten und Häusern geblieben.

 

Sie teilten mit Brenda ihre mitgebrachten Speisen und bekamen von ihr einen heißen Sud aus Kräutern gereicht.

 

Nachdem es hell genug war, riefen Erik und Claus von Olsen alle Dorfbewohner zusammen. Dann stellte sich Erik in die Mitte der Versammlung und sprach alle an. "Ihr habt uns bestohlen und das muss bestraft werden. Wir werden deshalb alle Kinder, die das zehnte Lebensjahr noch nicht erreicht haben, mitnehmen, als Geiseln oder Pfand. Ihr werdet in fünf Tagen zu uns kommen und uns das geschlagene Holz, das ich hinter den Bäumen gesehen habe, bringen. Und dazu werdet ihr uns unsere Fässer, die ihr gestohlen habt, ebenfalls bringen. Sie müssen leer sein, damit man sie wieder befüllen kann. Wir lassen euch zwei Pferde hier, die sollen die Schlitten ziehen. Denkt daran, die Schlitten müsst ihr dann ohne Pferde wieder zu euch zurückziehen. Also sollten es kräftige Leute sein, die zu uns kommen. Ihr werden den Schaden, den ihr an der Mauer und am Tor gemacht habt, reparieren. Die Kinder bleiben bei uns bis der Schnee geschmolzen ist, dann könnt ihr sie holen. Zwei von euch, die mit den Schlitten kommen, bleiben bei uns und werden bei uns bis zur Schneeschmelze arbeiten. Das ist eure Strafe." Alle waren empört über die Forderung des Erik, aber Brenda war sehr schnell darauf gekommen, dass das gar keine Strafe war, sondern dass mal ihnen half, damit über den Winter zu kommen. Weniger Esser im Dorf, die Kinder waren in Sicherheit und sie bekamen Arbeit in der Siedlung, das würde ihnen helfen. Sie sprach deswegen leise mit dem Dorfältesten, der zuerst nicht begriff, was Brenda ihm da versuchte, verständlich zu machen. Dann aber musste er lächeln. Er ging auf Erik zu, küsste ihm die Hand und befahl allen, sich ebenfalls bei den Frauen und Männer für die Milde der Strafe zu bedanken.

 

Brenda wollte sich besonders bei Sophia bedanken, weil sie sich am Abend in ihrem Haus  gut verstanden hatten und ihr Gespräch sehr freundschaftlich verlaufen war. Sophia schaute ihr in die Augen, hielt ihre Hände fest und sagte leise, sodass es niemand hören konnte. "Wir hätten euch alle töten können, wir hätten das Recht dazu gehabt. Ihr habt uns beraubt und unser Heim beschädigt. Merke dir das. Haltet euch alle an das, was Erik euch gesagt hat. Ich hätte eure Kinder genommen und in die Sklaverei verkauft und eure Häuser und Hütten verbrannt. Aber die anderen waren dagegen." Dann drehte sie sich um und ging auf Erik und Claus von Olsen zu. "Meint ihr, dass einige der Söldner, die wir bei uns haben, zu den Mördern von Brendas Mann gehören? Die Kinder werden diese Männer erkennen und was passiert dann? Was passiert, wenn diese Menschen nach Visby kommen und dort auch die Männer- nun sind sie zwar Sklaven - als die Mörder erkennen?" Erik nickte zustimmend und Claus antwortete. "Ja das könnte eine böse Überraschung geben. Heilende Wunden werden da wieder aufgerissen und Rachegedanken könnten aufkommen. Du hast recht mit dem, was du da gesagt hast. Sophia, wir müssen da eine Lösung finden. Unsere Barmherzigkeit könnte uns da falsch ausgelegt werden. Am besten ist es, wenn wir diese Männer alle zu unserer Bucht bringen und unter Aufsicht dort arbeiten lassen. Am Meer sind sie nicht für alle so leicht zu entdecken. Die Gefahr ist allerdings groß, dass sie sich heimlich ein Schiff nehmen und zu fliehen versuchen. Es ist zwar Winter, aber unsere Boten zum König waren jetzt auch unterwegs. Wir müssen uns in der Blauzahnsiedlung beraten." Dann drehte er sich um und rief laut. "Bringt die Kinder, wir wollen bald losziehen. Gebt ihnen warme Kleidung mit, damit sie nicht frieren müssen."

 

Bald standen alle Pferde bis auf zwei gesattelt und zur Abreise fertig bereit. Man übergab ihnen fünf Kinder. Da keines der Kinder reiten konnte, wurden sie so verteilt, dass sie mit einem Reiter der Blauzahnsiedlung mit reiten durften. Der Abschied von den Eltern war kurz und viele Tränen wurden vergossen. Mussten sie doch mit unbekannten Reitern mitgehen und sollten so bald ihre Eltern nicht mehr sehen.

 

Auf halbem Weg wurden sie von einem wüsten Schneesturm überrascht und an ein Weiterreiten konnte nicht gedacht werden. Sie ritten auf ein Wäldchen. Das bot etwas Schutz vor dem eisigen Wind und dem Schnee. In kurzer Zeit fällten die Männer ein paar Bäume und erreichten eine Art Schutzhütte, die sie mit vielen Zweigen so dicht machten, dass das Feuer, das sie entzündeten, sich im Zugwind kaum bewegte. Die Pferde wurden dicht hinter diesem behelfsmäßigen Verschlag angebunden, sodass sie auf der windabgewandten Seite standen. Die großen Bäume boten den Pferden genügend Schutz, dass sie dem Wetter nicht ganz schutzlos ausgeliefert waren. Die Kinder durften sich ganz nah an das Feuer setzen, das nur sehr wenig Wärme spendete, aber es war genug, um die Kinder etwas Sicherheit und Geborgenheit zu geben. Erst weit nach Mitternacht ließ der Sturm nach und es schneite nur noch wenig. Alle drängten sich aneinander, um sich gegenseitig zu wärmen. Die fünf Kinder waren so viel Fürsorge offensichtlich nicht gewohnt. Aus dem anfänglichen ängstlichen Gedränge wurde bald ein entspanntes Anlehnen und alle schliefen bald tief und fest.

 

Am nächsten Morgen ritten sie sehr früh los. Die Kälte hatte über Nacht die letzten Wassertropfen zu harten Steinen gefrieren lassen und den Pferden wollte man keinen längeren Aufenthalt in dieser bitteren Kälte zumuten.

 

Gegen Mittag erreichten sie die Blauzahnsiedlung. Mit Erstaunen wurden sie empfangen. Zwei Pferde weniger dafür aber fünf Kinder. Mandolin fragte Erik, ob sie die Pferde gegen Kinder eingetauscht hätten.

 

Die Kinder wurden Mecht und Agnes übergeben, die sich um die frierenden und hungrigen Kinder kümmern sollten. Dann berichteten sie, was sie erfahren hatten. Erik kam dann auf die versklavten Söldner zu sprechen. Lars winke ab. "Fünf von denen sind auf dem Hof von Mecht unter Bewachung und reparieren, soweit es geht, die Gebäude des Hofes. Die fünf anderen sind unten in unserer Bucht am Meer und müssen dort den Fischern helfen. Wir haben beim Kai noch einen Schuppen, den man herrichten kann, dort können wir die zehn Männer unterbringen. Claus von Olsen wollte dort mit den Seinen bleiben. "Den steinernen Turm kann man noch bewohnen, der kann dann auf die Söldner aufpassen. Wir haben auch kein Problem mit Mehl, Fleisch und Fisch. Es ist genug eingelagert. Was uns fehlt ist Feuerholz. Wie du erzählt hast, bekommen wir das als Sühneopfer von den diebischen Bauern. Dann wäre das auch geklärt. Was mir Sorgen macht, sind die Vorräte an Stroh und Heu. Da haben wir für das Vieh zu wenig. Wenn wir uns nicht von den Pferden trennen wollen, brauchen wir noch mehr Stroh und Heu oder wir schlachten eine Kuh und zwei Schafe. Da wir nun Holz bekommen, können wir einen Teil kochen und einen Teil räuchern, dann verdirbt uns das Fleisch nicht oder wir verkaufen einen Teil und kaufen uns davon Getreide und Heu. Warten wir ab, was uns die Diebe an Holz bringen. Aber warum habt ihr die Kinder mitgebracht? Wirklich nur als Geiseln, da hätten auch zwei gereicht." Erik und Sophia erklärten es ihm. Einige der Blauzahnsiedler schüttelten den Kopf, als sie die Erklärung hörten. Sie meinten, dass man nicht alle Hungernden der Insel mit ihren Vorräten versorgen könne, da man selbst nicht unbedingt im Überfluss lebte. Lars suchte nach einer weiteren Erklärung für dieses Handeln seiner Freunde. "Ich hoffe, dass man uns das eines Tages vergelten wird. Und da wir nun etwas im Streit mit Visby liegen, ist es ganz gut, wenn wir uns neue Freunde schaffen. Wir alleine können der Macht des Bürgermeisters nicht lange standhalten, wenn er gegen uns spricht. Und egal mit welcher Nachricht Mathias und die anderen vom König zurückkommen, der König ist nicht hier und kann uns nicht beschützen. Deshalb ist es gut, wenn wir mehr Freunde haben." Jan Sternenkenner schüttelte den Kopf. "So ganz kann ich das nicht glauben, was du sagst. Ein paar halbverhungerte, diebische Bauern und fünf Kinder sollen uns helfen, uns gegen Visby zu wehren. Und dann müssen wir die auch noch vor dem Verhungern bewahren. Und ob die uns das wirklich danken werden, bezweifle ich. Versprechen und Dankbarkeit ist wie Eis. Wenn es schmilzt ist es weg. Aber wir haben nun diese Kinder hier, vielleicht sind sie auch zu etwas zu gebrauchen. Ich hoffe, dass Odin oder dieser neue Gott sieht, wie freundlich wir zu seinen Geschöpfen sind. Und wir werden ja sehen, ob diese Dorfbewohner dann zu uns kommen und das Sühneopfer bringen. Wer passt denn auf die Kinder auf, wo sollen sie schlafen? Hat darüber schon jemand nachgedacht?"

 

Erik hatte nachgedacht. Im Torhaus war eine Feuerstelle und es war Platz für mindestens sechs Menschen. Dort könnten die hörigen Knechte schlafen. Da Claus von Olsen mit den Seinen bald in den Turm in der Bucht ziehen wollte und die Söldnersklaven dann auch weggehen würden, war wieder Platz genug in der Siedlung. Und wenn der Hof von Mecht wieder aufgebaut war, konnten dort auch einige wohnen. Vor allem mussten sie das Vieh verteilen und der Hof von Mecht war dazu geeignet, dort wenigstens Schafe und Ziegen unterzubringen. Im Hof war noch einiges an Heu, das hatte Erik gesehen.

 

Also wurde die Siedlung neu organisiert. Keiner murrte wegen der Umstände. Irgendwie hatte man Spaß an etwas Zerstreuung vom eintönigen Alltag, die der Umzug mit sich brachte. Die Kinder wurden bei den hörigen Frauen untergebracht und fühlten sich dort sofort wohl, denn so ein warmes Haus hatten sie noch nicht gekannt. Und als sie dann die Hundewelpen kennen lernten, war jegliche Angst von ihnen gewichen. Wölkchen nahm sich auch noch dieser Menschenkinder an. Und auch Knorre hatte eine neue, zusätzliche Aufgabe, großer Bruder sein.

 

Am späten Abend saßen Lars, Erik, Jose, Alberto, Sophia, Beatrice, Melanie und Olivia lange am Kamin im großen Saal zusammen. Dass Mathias, Peter, Marcus und die beiden Sergeanten noch nicht zurück waren, machte sie besorgt. Aber sie wussten nicht, wo der König gerade war und es konnte sein, dass sie sehr lange nach ihm suchen mussten.

 

 

 

 

 

6. Januar 1216 in der Blauzahnsiedlung  

 

Gegen Mittag kam der Bote aus der Bucht und berichtete, dass drei Schiffe voll mit Menschen und Tieren und großen Mengen an Waren angekommen waren. Peter, Mathias, Marcus und die Knechte waren mit der Knorre zurück. Auf den beiden Drachenbooten waren zusammen vierzig Menschen, Vieh und Gepäck. Die würden gegen Abend alle in der Blauzahnsiedlung ankommen und natürlich die fünfzehn, die auf der Knorr waren, auch noch. Da es sehr kalt war und man keine Zelte aufbauen konnte, brachte es zusätzliche Probleme mit sich.

 

Als man den Blauzahnsiedlern, die im großen Saal saßen, die Nachricht überbrachte, riefen Melanie und Erik laut auf. "Das geht nicht!"  

 

Fortsetzung folgt