Kapitel 10

2. Januar 1216 Blauzahnsiedlung in einer der Scheunen

Judit ging auf Zehenspitzen weiter dem leisen Fiepen entgegen. Dann sah sie es. Hier lag ein großer Hund der gerade seine Jungen zur Welt brachte. Allerdings schien der Hund verletzt zu sein. Seine linke Schulter war blutverkrustet und der Hund tat sich schwer mit der Geburt der Jungen, weil er offensichtlich schwach war. Gret, die auch im Stall war, rief laut auf. "Das ist Wolke, unser Hofhund. Die müssen ihn bei dem Überfall auf unseren Hof verletzt haben, denn seit wir von dort weg sind, habe ich ihn vermisst. Sie war schon trächtig, aber ich ahnte nicht, dass sie uns gefolgt ist und sich hierher gelegt hat? Wir müssen ihr helfen." Die Frauensolidarität kam schnell auf und man brachte der Gebärenden eine Wasserschüssel und als die Jungen offensichtlich alle da waren, kümmerte man sich um die Verletzung. Es sah aus, als ob jemand den Hund mit einem Messer traktiert habe. Die Wunde war nicht tief doch leider sehr groß.

Aber offensichtlich haben die Kraft einer werdenden Mutter und der Schnee geholfen, dass sich noch keine Infektion ausgebreitet hatte. Dankbar nahm Wölkchen auch das Futter an, das man ihr gab. Allerdings erst, nachdem sie ihre neugeborenen Welpen alle abgeschleckt hatte. Wölkchen war ein sehr großer Hund, grau und mit einem gewaltigen Gebiss ausgestattet. Sie sah den Hunden in der Blauzahnsiedlung ähnlich, war aber die Größte unter den Hunden. Sie bekam fünf Welpen. Als man die Kleinen ebenfalls abgetrocknet hatte und sie sich an die Zitzen der Mutter wagten, krampfte Wölkchen heftig. Alle Frauen, die rund um sie standen, bekamen Angst und Judit stellte dem Hund sinnlose Fragen. "Was hast du denn, kann ich was machen, wie können wir dir helfen? ..." Bis zu dem Moment, als nochmals zwei wirklich winzige Welpen den Körper verließen. Beide waren wesentlich kleiner als die anderen fünf, aber sie atmeten und ein sehr leises Piepsen war zu hören. Vier Weibchen und drei Rüden lagen nun bei Wölkchen. Man errichtete einen kleinen Wall aus Stroh um Wölkchen herum, damit die Tiere geschützt waren. Dann kam Carla mit einer dicken Lederdecke daher, schob Stroh zusammen, legte dies Decke darüber und ganz vorsichtig wurde die immer noch schwache Wölkchen darauf gelegt. Ihre Jungen brachte man ihr auch. Aus ein paar Brettern und einigen alten Fässern wurde eine Art Gatter um das Ganze gebaut. Dann beschlossen die Frauen Wölkchen in Ruhe zu lassen.

 

3. Januar 1216 Rheden am frühen Morgen auf dem Hof von Siegfried von Blau 

 

Alle hatten gut geschlafen und das Frühmahl, das ihnen Frau Frieda bereitete, war gut. Warme Grütze mit etwas getrockneten Äpfeln und ein paar Tropfen Honig, dazu wurde ein heißer Kräutersud gereicht. Für die Herren wurde der mit etwas Wein verfeinert. Zum Abschluss bekam jeder noch ein Stück Käse gereicht. Siegfried hatte einer seiner Knechte am frühen Morgen ausgeschickt, um die Straße von Hildesheim nach Rheden zu beobachten. Er kam bald wieder zurück und konnte vermelden, dass der Schneesturm, der noch immer wütete, es verhindern würde, dass irgendjemand die Straße benützen würde. Siegfried ließ die Pferde seiner Besucher gut versorgen. Sie sollten kräftig genug sein, damit sie bald möglichst ihre Reise fortsetzen konnten. Die Ziege, die sie mitgebracht hatten, gab keine Milch mehr und man schenkte sie deshalb als Dank für die gesicherte Aufnahme Siegfried und seiner Frau. Der sorgte dafür, dass sie genügend Nahrung für die Weiterreise bekamen. Er sorgte auch dafür, dass im Dorf niemand die Gäste zu Gesicht bekam.

 

3. Januar 1216 auf dem Weg nach Lindeshelm

 

Durch die Geschichte mit Wölkchen und dem immer noch etwas unsicheren Wetter hatte sich der Ritt nach Lindeshelm um einen Tag verzögert. Jeder Reiter hatte noch ein weiteres Pferd an eine Leine genommen. So viele Pferde wie möglich sollten bewegt werden und das Wetter war gut. Die Sonne kam durch und das Weiß des Schnees leuchte hell zum Himmel. Die Pferde waren deshalb bestens gelaunt, als sie merkten, dass man mit ihnen ausreiten wollte. Erik sorgte dafür, dass sie alle Waffen trugen, denn man konnte nie wissen, welchem hungrigen Wolf auf zwei Beinen man an diesem Tage begegnen würde.

 

Der Wind hatte fast alle Wege verweht, aber der Schnee türmte sich an Baumgruppen oder an kleinen Hügeln auf und deshalb war der Weg auch nicht zu tief verschneit und sie kamen gut voran. Gegen Mittag kam Lindeshelm in Sicht. Sie beobachteten die Ansiedlung einige Zeit, bevor sie auf die Häuser und Hütten zuritten. Man entdeckte sie erst, als sie bereits in der Mitte der Ansiedlung waren. Juris kannte den Dorfältesten, stieg von Pferd und ging auf seine Hütte zu. Die anderen blieben auf den Pferden und beobachteten, was sich inzwischen tat.

 

Einige Bewohner kamen aufgeregt angelaufen und wollten von den Reitern wissen, was sie hier wollten. Claus von Olsen beobachtete, dass sich die Blicke der Bewohner, die sie sehen konnten, immer wieder zu einer der kleinen Scheunen richtete. Dann ritt er los und stieg vor dem Holzgebäude ab. Einer der Dorfbewohner stellte sich ihm in den Weg, als er auf die Eingangstür zuging. "Was ist in der Scheune?" fragte Claus höflich. Die Antwort war mehr als nur barsch. "Nichts, was dich etwas angehen würde. Bleib weg von der Tür oder du bekommst Ärger." Claus spürte, dass sich der, der ihm den Weg verstellte, nicht von der Stelle rühren würde. Ohne Gewaltanwendung konnte er sehr wahrscheinlich keinen Blick in die Scheune werfen. Er nickte Erik zu, der angeritten kam, abstieg und sich dann neben Claus stellte. "Seid ihr Diebe? Habt ihr hier etwas versteckt, was uns gehört?" Eriks Ton war etwas zu freundlich, als dass man diese Frage missverstehen konnte. Der Mann vor der Tür schüttelte den Kopf. Hilfesuchend schaute er sich dann um und diesen Blick verstanden offensichtlich einige andere Siedlungsbewohner und kamen zu ihm, bewaffnet mit Mistgabeln und Knüppel. "Verschwindet, sonst müssen wir euch mit Gewalt von hier vertreiben. Ihr habt hier nichts zu suchen."

 

Erik und Claus blieben einfach stehen. Inzwischen war Sophia zu ihnen gegangen, ihre Armbrust hatte sie in der Hand, gespannt und sie war bereit zum Abschuss. "Wie viele Hühner habt ihr denn in eurem Dorf?" fragte sie in einem arglosen Ton. Einer der Männer, der vor der Scheunentür stand, antwortete sehr schnell. "Keine, die sind alle an einer Krankheit im Herbst gestorben. Warum fragst du das?" "Woher habt ihr dann die vielen Eier dort in der Scheune?" Sophias Frage traf alle, die vor der Tür standen. Man sah ihren erschrockenen Gesichtern an, dass diese Frage wohl eine Geheimnis lüften konnte. "Wie kommst du darauf, dass da Eier in der Scheune sind?" fragte ein anderer. Sophia setzte gekonnt ihren Hexenblick ein. Die Augen durchdrangen dabei jeden, der vor ihr stand und die Züge ihres Gesichtes bekamen etwas Brutales. "Weil ich es sehen kann. Ich kann durch Wände sehen. Ich sehe einen großen Korb mit Eiern und ihr habt keine Hühner. Das ist wohl eine Geschenk, aber von wem wohl?" 

 

Laut rief Gregorius von hinten. "Halt, wir wollen keinen Streit mit euch, aber wir wollen unser Eigentum. Wenn sich jemand mit uns anlegen will, dann solltet ihr wissen, dass wir gut mit den Waffen umgehen können. Als Schmuck tragen wir die sicher nicht bei dieser Kälte mit uns." Sophia drehte sich um und sah, dass Gregorius einen alten Mann am Genicke gepackt hatte und zu der Gruppe vor dem Stall schleifte. "Er hat gerade gebeichtet. Sie sind bei uns eingebrochen, weil alle ihre Hühner tot sind und die Vorratsscheune vor eine paar Tagen abgebrannt ist. Sie haben fast nichts mehr zu essen. Das ist aber sicher keine Entschuldigung für einen Diebstahl. Gott kann euch das verzeihen, aber vorher kommt die Buße." Dann warf er den alten Mann seinen Dorfmitbewohnern vor die Füße.

 

Erik zog sein Schwert, die Dorfbewohner erschraken und alle traten weit weg von der Eingangstür. Nicht besonders sanft öffnete Erik die Tür und betrat die Scheune. Ganz vorne stand der Korb mit den Eiern. Man hatte versucht, die Eier vor dem Frost mit etwas Heu zu schützen - das war aber schon weggerutscht. Vier Fässer standen noch da, alles andere in der Scheune war wertloser Plunder. Etwas abseits saß eine Katze auf einem Balken und beobachtete den Mann mit dem Schwert in der Hand. In einer Ecke stand ein Schlitten, das musste wohl die Transportmöglichkeit gewesen sein, mit denen sie die Fässer hierher gebracht hatten. Erik ging wieder nach draußen. "Die Eier sind da und die Fässer auch. ich kann aber nicht erkennen, ob das die gestohlenen sind oder die, die sie bei uns gegen Wolle und Felle getauscht haben." Beatrice ging mit Melanie in die Scheune und kam bald wieder heraus. "Das sind die, die sie uns gestohlen haben. Die anderen waren alte Fässer, die hier sind die neuen, die wir für uns behalten wollten." sagte Melanie so laut, dass alle sie verstehen konnten. Die Dorfbewohner waren des Diebstahls überführt. Nun hatten alle aus der Blauzahnsiedlung ihre Waffen bereit und warteten, was nun kommen würde. Keiner der Dorfbewohner rührte sich. Eine kleine Ewigkeit geschah nichts, bis Claus laut vernehmlich den Dorfältesten ansprach. "Warum habt ihr das getan? Warum habt ihr uns bestohlen?" Geduldig warteten die Leute aus der Blauzahnsiedlung auf Antwort.

 

Eine junge Frau, offensichtlich schwanger trat vor. "Wir haben nichts mehr. Vor ein paar Wochen wurden wir von den Leuten des Königs aufgesucht und sie haben Steuern erhoben. Wir hatten nichts, außer unseren Hühnern und drei Ziegen und drei Schafen. Die haben sie mitgenommen und als sie gingen, haben sie unsere Vorratsscheune angezündet. Mein Mann wollte das verhindern und sie haben ihn und noch zwei andere Männer, die ihm helfen wollten, erschlagen. Als wir zu euch kamen, haben wir alles, was wir in den Verstecken an Wolle und Fellen hatten, zu euch gebracht. Aber das, was wir bei euch eingetauscht haben, würde niemals reichen, uns alle über den Winter zu bringen. Also dachten wir, dass wir so schnell wie möglich noch mehr Vorräte brauchen. Solange wir noch alle stark genug waren, haben wir uns auf den Weg gemacht. Zwei Männer sind auf dem Weg zu euch erfroren, weil wir nachts los sind und sie sich verirrten. Sie wurden auf dem Rückweg gefunden. Nun nehmt euch das, was euch gehört und geht. Wir werden hungern und sterben. Besser wäre es, wenn ihr uns alle gleich erschlagen würdet, dann müssen wir nicht lange leiden. Ihr habt einen Mönch bei euch, der könnte noch ein Gebet für uns sprechen. Und nun beendet es." Tränen rannen der Frau über die Wangen. Sophia gab ihre Armbrust an Gregorius und ging auf die Frau zu, fasste ihre Hände und sagte leise zu ihr: "Ist jetzt gut. Wir werden niemanden erschlagen." Lauf rief dann Erik in die Runde der Dorfbewohner. "Was ist mit eurem Jarl, Floki Lund? Ward ihr bei ihm?" Der Dorfälteste stand wieder und befreite sich aus seiner Erstarrung. "Wir waren an der Küste, wo seine Drachenboote liegen. Er ist tot, auch sein Sohn Gerd und zwanzig seiner Schwertarme auch. Nur noch zwölf Frauen und zwei Männer leben dort. Geführt werden sind von Gund, der Frau des Gerd. Ja und sechs Kinder leben auch noch. Alle anderen wurden von den Kriegern des Königs erschlagen oder sind an ihren Wunden und dem Hunger gestorben. Sie haben auch nichts mehr. Einer der Schwertarme von Floki hat ja die Krieger zu uns geführt. Der hat auch, als sie weiterzogen, meine Tochter mitgenommen. Er würde ihr den Hals durchschneiden, wenn wir verraten würden, dass die Krieger bei uns waren. Der Jarl kann uns nicht mehr helfen. Gund hat einen Boten nach Visby gesandt, aber der kam nicht zurück. Wir müssen sehen, dass wir so überleben. Jagen geht nicht, die Krieger haben unsere Speere und Bögen mitgenommen und mit den Mistgabeln ist nicht gut jagen."

 

Erik schüttelte den Kopf, auch Claus war mehr als nur verwundert. Was hatten diese Söldner alles an Verbrechen begangen. Waren das die Söldner oder falschen Krieger des Königs, die sie erledigt hatten oder gab es eine weitere Bande?

 

"Es wird spät und wir können heute nicht mehr zurückreiten. Wir haben etwas Mehl dabei, kocht eine Grütze für uns alle. Eines der Packpferde hat einen Beutel mit Speck und Käse. Nehmt es euch und verteilt es. Wie viele leben denn noch hier bei euch?" Melanies Stimme war freundlich und die Menschen des Dorfes bekamen langsam Vertrauen zu den Bewaffneten. Sie waren Diebe, das wussten sie und bestrafen würde man sie auch, aber sie lebten nur noch für den Moment und der war gut zu ihnen.

 

"Wo können wir lagern?" fragte Gregorius die Leute aus dem Dorf, die sich schon über den Sack mit Käse und Speck hermachten. Die Schwangere deutete auf ein etwas größeres Haus, das einen großen Stall hatte. "Dort ist mein Haus. Früher lebten dort zwölf Leute,  jetzt bin ich alleine. Im Stall und daneben in dem Unterstand könnt ihr die Pferde abstellen."

 

Der Stall war leer, nur ein paar verkümmerte Heuballen lagen noch da. Eine abgemagerte Katze näherte sich Erik, als er seine beiden Pferde in den Stall brachte. Er hatte noch einen Streifen Dörrfleisch in seinem Beutel, biss ein Stück ab und gab es der Katze. Ohne lange an dem Gericht zu schnuppern, packte sie es. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, ihre Beute wegzutragen, sondern begann sofort zu fressen.

 

Der Stall, die Unterstände und das Haus waren in gutem Zustand. Hier musste ein sehr fleißiger Mann oder eine herrische und kluge Frau das Sagen gehabt haben. Wo waren aber all die Leute geblieben? Im Dorf gab es nur noch sechs Männer und sieben Frauen mit fünf Kindern. Die Frauen, außen der Schwangeren, hatten sich alle wie Männer gekleidet und so viel Schmutz ins Gesicht geschmiert, dass man ihre Gesichter kaum erkennen konnte. Brenda, so lautete der Namen der Schwangeren, war die Tochter des Jarl gewesen und hatte den wichtigsten Bauern im Gebiet des Jarl geheiratet. Gund, die Frau ihres toten Bruders, war eine Freundin von ihr und beide Frauen versuchten mit wenig Geschick das Gebiet des Jarl zu erhalten. Wie sollten sie das auch alles schaffen. Nur drei Männer, die mit Waffen umgehen konnten, waren noch übrig, alles Wertvolle und fast alle Nahrungsmittel waren geraubt. Brenda war eine kluge Frau, das konnten alle erkennen, als sie am Abend an der kümmerlichen Tafel in ihrem Hause saßen und ihre Geschichte hörten. Der Dorfälteste sprach nur in ihrem Namen, denn er war gewählt worden, als die Söldner das Dorf verlassen hatten und Brendas Mann erschlagen dalag. Gut war für den alten Mann, dass Erik ihm berichten konnte, dass man seine Tochter aus den Fängen der Krieger befreit hatte. Er konnte das berichten, weil der Dorfälteste sie genau beschrieben hatte und sie im Rumpf des Drachenbootes aufgefunden worden war, als man die Söldner niederrang. Erik unterließ es aber, dem Mann zu berichten, dass seine Tochter in einem erbärmlichen Zustand befreit worden war. Sie hatte ihre Gedächtnis verloren. Er sagte ihm nur, dass sie leicht verletzt sei und man sie in Visby versorgte.

 

Erik und die anderen aus der Blauzahnsiedlung wussten nicht, wie sie mit der diebischen Dorfgemeinschaft umgehen sollten. Sie wollten in dieser Nacht nicht darüber beraten, aber sie mussten eine Lösung finden.

 

 

 

6. Januar 1216 vor der Küste von Gotland

 

Die kleine Flotte hatte den schwierigen Übergang nach Gotland trotz Nebel gut überstanden. Die drei Boote waren an diesem Morgen noch knapp drei Rast entfernt von dem Liegeplatz, den sie anlaufen durften. In der Bucht, die der Blauzahnsiedlung gehörte, war ein kleiner Kai für die Knorr und genügend Ankerplatz für die anderen beiden Langboote.

 

Gegen Mittag machten die Boote eines nach dem anderen an dem Kai fest und wurden entladen. Ein Bote wurde zur Blauzahn Siedlung geschickt. Dort sollte man so schnell wie möglich von ihrer Ankunft und von den Gästen erfahren.

 

Fortsetzung folgt