Kapitel 9

1. Januar 2106 Blauzahnsiedlung in der Vorratsscheuer

 

Jörg zog seinen Umhang etwas enger und ging hinaus. Er schaute durch den Durchgang zur Weide hinaus. "Warum ist das Tor nicht verschlossen?" fragte er eher sich selbst, aber Erik und Julia, die ihm gefolgt waren, hatten ihn trotz der Windgeräusche gut verstanden. "Das Tor sollte geschlossen sein, aber hier kommt niemand durch, weil keiner durch den Bach will und das Tor an der Brücke ist geschlossen." Erik schaute zum Tor an der Brücke, um seine Aussage nun über einen Blick auf das Tor zu bestätigen. Das Tor war offen, das sah man trotz des Schneegestöbers. "Das Tor ist offen, aber dann ist ja immer noch die kleine Mauer, die die Weide abgrenzt und nirgends offen ist. Wie also sollen die Fässer verschwinden?" Lars kratze sich am Bart und dachte nach. Kam aber wie die anderen zu keinem logischen Schluss. "Wir müssen die Mauer abgehen, ob da irgendwo ein Durchlass ist, den wir beim letzten Rundgang übersehen haben. Lasst und die Mäntel holen, es ist einfach zu kalt um ungeschützt weiter hier draußen zu bleiben."  Als sie alle wieder im großen Haus waren, sprach Birgit Lars an. "Wir sind bestohlen worden? Wie kann das passieren?" Lars berichtete ihr alles haarklein und stellte zum Schluss noch die Frage, wer denn die Örtlichkeiten, wo die Vorräte stehen, kenne?

 

Olivia trat zu den sechsen, die sich über den Diebstahl unterhielten. Sie hatte die letzte Frage von Lars gerade noch verstanden, um ihnen etwas dazu sagen zu können. "Die Bewohner von Lindeshelm, dem Dorf im Süden der Insel. Die haben doch vor etwas mehr als zehn Tagen drei Fässer Fisch gegen einige Pelze und Wollfäden bei uns getauscht. Und sie waren mit in der Scheuer, um die Fässer auf ihre Schlitten zu laden." Lars und Erik erinnerten sich noch daran. Sie benötigten dringend ein paar Felle und Wolle für ihre Weberei und sie hatten mit den Händlern aus Lindesheim darüber gesprochen und vor zehn Tagen waren sie hier, um die Felle und Wolle abzuliefern. Lindeshelm war zu Fuß an einem Tag zu erreichen und mit einem Schlitter, das von einem guten Pferd gezogen wurde, vielleicht  nur einen halben Tag. Sie hätten aber durch das Haupttor durchkommen müssen, um die Fässer und die Eier zu holen und das hätten die Bewohner bemerkt.

 

Also kontrollierten sie zuerst die Mauer um die Weide, bevor sie weitere Vermutungen anstellten. Und tatsächlich fanden sie einen Teil der Mauer eingerissen, die Steine und das Holz waren gewaltsam beseitigt worden und ein Durchgang in der Länge eines Mannes war dadurch entstanden. Dann stellte Jörg noch fest, dass jemand den Riegel am Tor zur Brücke gelockert hatte, sodass man ihn von außen ohne große Kraftanstrengung wegdrücken konnte. Die herausgerissene Wand in der Scheune war ein altes Tor, das man einfach mit ein paar Seilen festgemacht hatte - die Riegel waren entfernt. Jetzt wussten sie, wie die Diebe sich Zugang verschafft hatten, aber wer das war, wussten sie noch nicht.

 

"Lasst uns morgen nach Lindeshelm reiten und dort sollten wir uns umschauen." Lars Idee wurde angenommen und für diesen Ausritt waren Gregorius, Juris, Claus von Olsen und Erik vorgesehen. Sophia, Melanie, Beatrice und Julia wollten sich ihnen anschließen, dann konnten sie auch gleich eines erledigen: Die Pferde bewegen, die schon zu lange in den Ställen tatenlos herumstanden.

 

2. Januars 1216 Hildesheim zur Zeit der Frühmesse   

 

Heinrich war schon sehr früh wach. Die ganze Nacht hatte die dreizehnjährige Tochter des toten Carl geweint. Marta, so lautete ihr Name, war Magd im Hause des Herrn Flür gewesen und als der nach dem Streit mit Heinrich und Otto nach Hause gekommen war, hatte er sie einfach aus seinem Haus hinausgeworfen. Erst zu Hause erfuhr sie vom Tod ihres Vaters. Die Mutter der beiden Kinder, Constanze von Breitenbach, saß die ganze Nacht schweigend vor dem kleinen Holzfeuer in der Bretterbude und starrte in die Glut. Erst am Abend, als sie mit dem toten Carl zurückgekommen waren, hatte sie sich Otto und Heinrich offenbart. Constanze war von ihrem Vater, einem dauerbetrunkenem Ritter, aus der Burg geworfen worden, weil sie den Mann, den sie heiraten sollte, beleidigt hatte. Carl war so etwas wie der Waffenmeister auf der Burg Breitenbach und wollte ihr helfen. Deshalb sprach er in ihrem Namen bei ihrem Vater vor. Der Breitenbach war aber so wütend, dass er Carl mit einem Knüppel verprügelte und ihn ebenfalls der Burg verwies.

 

Die beiden packten ihre Bündel und flohen aus dem Herrschaftsgebiet der Breitenbachs. Breitenbach lag in der Nähe von Langenburg und da der beleidigte Bräutigam von Constanze ein Langenburger war und deren Einflussgebiet sehr weit reichte, mussten sie sehr weit fliehen, bis sie sich einigermaßen sicher fühlen konnten. Carl verdingte sich als Waffenmeister auf einer Burg bei Würzburg und Constanze wurde Magd bei der Burgherrin. Sie behaupten vor allen, die sie fragten, dass sie verheiratet seien. So lebten sie ein paar Monate auf der Burg ihres Herren wie Mann und Frau. Aber doch nicht wie Mann und Frau. Bis beide nicht mehr voneinander lassen konnten. Da ließen sie sich heimlich trauen. Zwei einfache eiserne Ringe besiegelten den Bund ihrer Ehe, den Segen dazu bekamen sie von einem Priester, der die Gemeinden und Dörfer der Burg betreute. Carl hatte sich mit dem Priester angefreundet und der hatte gelernt zu schweigen. So wurde ihr Betrug mit der Ehe auch nie bekannt, denn nun bekannten sie sich beide vor sich selbst als Mann und Frau. Keine zehn Monate später wurde Marta geboren und ein paar Jahre später kam der Sohn Christian zur Welt. Sie lebten glücklich in sehr einfachen Verhältnissen auf der Burg. Da Constanze etwas lesen und schreiben konnte, unterrichtete sie die Kinder des Burgherren und ihre eigenen, was ihr ein paar Münzen zusätzlich einbrachte.

 

Bis zu dem Zeitpunkt, als der Bischoff von Würzburg sein Gebiet etwas erweitern wollte und der plötzliche Tod des Burgherrn dazu führte, dass die Burgherrin und Witwe von ihrer Burg mit allen ihren Hörigen vertrieben wurde. Mit ihrer Herrin wanderten sie zuerst zu deren Vater nach Fulda, der hatte aber weder für seine Tochter und deren Kinder Platz und erst recht nicht für ihre Hörigen. Die Gruppe, die der ehemaligen Burgherrin folgte, wurde immer kleiner und als sie bei einem Onkel der Burgfrau ankamen, waren sie nur noch zu acht. Der Onkel war ein praktisch denkender Mensch. Er verheiratete die Burgfrau mit seinem Idioten an Sohn, der musste die drei Kinder der Burgfrau adoptieren. Damit hatte er die ersehnten Erben und die stammten sogar noch aus dem eigenen Familienstamm. Die Hörigen waren nun aber übrig und der Onkel vertrieb Carl mit den seinen. Carl und Constanze hatten noch einigen Dinge, die sie tauschten oder verkauften, damit sie überleben konnten. Also zogen sie weiter bis sie in Hildesheim ankamen. Marta war eine fleißige und hübsche Göre und fand schnell im Haus des Flür als Magd Arbeit. Der war zwar mehr an der hübschen Kleinen interessiert als an ihrer Arbeit, aber seine Frau achtete darauf, dass es der gute Jakob nicht zu bunt treiben konnte. Carl fand als Tagelöhner Arbeit beim Dombau, wo auch sein Sohn immer wieder mit aushelfen durfte. Constanze konnte im Stift aushelfen, wenn Näharbeiten anfielen und so waren alle zwar mit schlecht bezahlter Arbeit versorgt, aber es sicherte ihnen ein Überleben in Hildesheim. Die Hütte vor den Stadttoren konnten sie sich von dem Verkauf ihres letzten Pferdes und des Schwertes von Carl kaufen und sie hatten noch ein wenig an Silber übrig, damit sie sich die ersten Tagen Essen und Trinken kaufen konnten.

 

Und nun war das Unglück über die Familie hereingebrochen. Der Vater tot, Tochter und Sohn ohne Arbeit und von dem Wenigen, das sie besaßen und dem, was Constanze eventuell im Stift an Arbeit bekam, würden sie nicht überleben können.

 

Zudem hatten sie nun die Kirche und Herrn Jakob Flür zu Feinden. Es würde einige Zeit dauern, bis man sich an ihnen rächen würde. Weil Heinrich Jakob Flür die Geldbörse abgenommen und ihn auch noch beleidigt hatte. Aber der Tag würde kommen - spätestens wenn Otto von Kraz und Heinrich weiterziehen mussten.

 

Also machte sich Heinrich am frühen Morgen auf und ging weg. Keiner wusste, was er tun wollte - selbst Otto hatte er nicht informiert, was er vorhatte. Weit vor dem Mittagsläuten kam er dann zurück. Er hatte einen Wagen und ein Zugpferd erstanden. Hinter dem Pferdegespann kam noch ein Mann mit einer merkwürdigen Mütze und einer der Steinmetze.

 

Heinrich nahm Otto zur Seite und sprach eindringlich und sehr lange mit ihm. Der schüttelte immer wieder nur mit dem Kopf und man sah, dass er immer wieder etwas ablehnte. Bis er den Kopf senkte und die Hände gegen den Himmel hob. Danach sahen beide die Familie an und dann den Mann mit der merkwürdigen Mütze und den Steinmetz.

 

Otto von Kraz und Heinrich gingen auf die Wartenden zu. "Wir beerdigen nun Carl. Der Boden ist zwar gefroren, aber auf dem Gottesacker am Westtor gibt es eine Mulde. Dort können wir ihn hineinlegen und der Steinmetz hat dort auch ein paar große Steine, damit können wir das Grab bedecken. Dann packt ihr alles zusammen, was ihr mitnehmen wollt und müsst und packt es auf den Wagen. Wir müssen heute noch weg. Der Steinmetz aus der Bruderschaft kauft euch die Hütte ab, er braucht sie für seinen großen Sohn, der morgen heiratet. Der Jude Jakob hier leiht ihm das Geld dafür. Damit bezahlen wir den Priester und die Steine und haben noch etwas übrig. Beeilt euch, wir haben nicht viel Zeit. Jakob Flür spricht mit dem Domherren und ich glaube, dass sie spätestens heute Nacht oder morgen in der Frühe kommen werden. Bei Tage gibt es zu viele Zeugen und die sind nicht gut. Wir schaffen es heute noch bis nach Rheden, dort wohnt ein alter Freund meines Herren von Olsen. Ein Ritter, der an vielen Schlachten teilgenommen hat und nicht unbedingt ein Freund der Priester ist. Ich glaube, dort sind wir für den Anfang sicher." Heinrichs Worte ließen keinen Widerspruch zu. Otto blieb mit dem Steinmetz und dem Juden zurück und sie erledigten den Geldhandel, während Heinrich die Leiche von Carl mit der Witwe und den beiden Kindern zum Friedhof mit dem Pferdewagen brachte.

 

Die Beerdigung war schnell beendet, die trauernde Witwe saß mit ihrer Tochter auf dem Wagen, während Heinrich und ihr Sohn das Pferd führten. Otto hatte schon das Gepäck für Heinrich und sich selbst gepackt. Marta half ihrer Mutter beim Packen ihrer Habseligkeiten - sie besaßen nicht viel und deshalb waren sie bald fertig. Kaum war der Wagen bepackt, kam auch der Steinmetz mit seinem Sohn und nahmen die Hütte in Besitz. Constanze, Marta und Christian setzten sich auf den Wagen, Heinrich lenkte das Gefährt und Otto ritt voran. Heinrichs Pferd hatten sie hinten an den Wagen gebunden. Anfangs war es dem Ross noch angenehm, so dahin zu trotten, aber je länger es hinter dem Zug hergehen musste, umso ungeduldiger wurde es. Irgendwann drohte es sogar den Wagen umzuwerfen, weil es an seinem Zugseil zu heftig zog. Also musste Otto nun den Wagen lenken und Heinrich bestieg seinen ungeduldigen Hengst und Ottos geduldiges Ross wurde hinten an den Wagen gebunden. Bei Sonnenuntergang sahen sie den Ort Rheden und fanden auch, nachdem Heinrich zweimal an einer der Hütten nachfragen musste, das Haus des Freundes von Herrn von Olsen. Sigfried vom Blau war ein alter Mann, aber er hieß die Flüchtlinge in seinem Haus willkommen und als er dann noch den kurzen Bericht von Heinrich hörte, warum sie auf dem Wege seien, waren sie ihm erst recht willkommen. Siegfried vom Blau hatte eine zu junge Frau. Er war sicher weit über die vierzig und seine Frau Frieda kaum mehr als zwanzig Jahre alt. Aber sie schienen bestens miteinander auszukommen. Sie boten das wenige, was das Haus bieten konnte, ihren Gästen an und in dieser Nacht konnten alle sich ausruhen. Nach den ersten Tränen nach dem Abendgebet, welche Marta und Constanze in ihrer Trauer noch vergossen, konnten sie unter dem Einfluss des Bieres, das ihnen Frieda gab, schnell einschlafen.

 

Die Pferde und der Wagen waren in einer Scheuer gut untergebracht und der aufkommende Wintersturm konnte niemandem etwas anhaben, bis auf die Verfolger, die ihre Suche nach den Flüchtlingen abbrechen mussten, weil es dunkel wurde und der Schneesturm zu heftig war.

 

2. Januar 1216 Königshof

 

Sie waren zur Abreise bereit, Peter und Mathias führten den Zug an. Sie mussten bis zum späten Nachmittag das Gehöft von Merit erreichen. Ein Bote wurde zum Hafen geschickt, um dort die kleine Knorr und das Langboot von Merit und das von Jarl Olberson auf die gefährliche Winterreise auf der Ostsee vorzubereiten. Immerhin musste Vieh und Hausrat und einige Menschen auf die Schiffe gepackt werden. Es würde etwas eng werden, aber sie mussten das Land verlassen und hatten nicht sehr viel Zeit, um sich darauf vorzubereiten. 

 

Am dritten Tag nach ihrer Abreise vom Königshof waren tatsächlich alle Boote beladen. Es fehlte an Ruderern, aber alle Frauen packten mit an und so ging es auf die See hinaus. Zuerst eine halbe Tagesreis an der Küste vom Festland entlang, dann mussten sie eine Rast einlegen und übernachteten in einer Bucht auf den Booten. Am nächsten Morgen war die See ruhig und der leichte Westwind half ihnen, die Überfahrt auf die Insel Gotland ohne die Ruder zu bewältigen. Merit wollte zwar auf dem Langboot, das Mathias befehligte, mitfahren, aber er wollte sie auf der Knorr haben - dort wo ihre wertvollen Güter verstaut waren. Mathias war ein misstrauischer Mann, was das betraf. Er meinte, dass in jedem Menschen auch ein Dieb versteckt lauerte und das, was sie besaßen, war wertvoll genug um dieser Verführung auch nachzugeben. Aber Merits Riese verhinderte schon bei seinem Erscheinen jeglichen Gedanken daran.

 

Gegen Mittag zog Nebel auf, aber die Seeleute auf der kleinen Knorr waren erfahrene Leute und da die drei Schiffe mit langen Seilen aneinander gebunden waren, verloren sie sich nicht.

 

2. Januar 1216 Blauzahnsiedlung

 

Am frühen Morgen wurden die Pferde gesattelt und dann ging es los. Alle waren froh drüber, dass es keinen Schneesturm gab, aber es war über Nacht noch kälter geworden. Während Erik mit seiner Reitergruppe durch das Haupttor davonritt, machte sich Lars mit ein paar Leuten daran, das Loch in der Mauer und der Palisade zu reparieren. Es war zwar sehr kalt, aber man musste das unbedingt machen, da sonst die Gefahr bestand, dass wieder jemand unerwartet in die Siedlung eindringen konnte. Carlo und Luigi reparierten zur gleichen Zeit die Scheune und Alberto nahm sich das Schloss am Brückentor vor.

 

Lisa und Olivia waren bei den Kühen als diese unerwartet unruhig wurden. Sie schauten sich um, konnten aber den Grund für diese Unruhe nicht feststellen. Olivia holte deswegen noch ein paar andere Frauen. Sie wollten den Stall gemeinsam untersuchen, was da für Unruhe gesorgt hatte. Judit rief auf einmal, dass sie alle still sein sollten. Sie schwiegen, selbst die Kühe waren kurz ruhig. Dann hörten sie es. Irgendetwas atmete hier sehr heftig, wie unter Schmerzen. Es kam aus einer Ecke, wo man das Heu aufgestapelt hatte. Judit nahm ihr Messer, das sie immer bei sich trug aus dem Gürtel und ging leicht gebückt auf die Ecke zu.

 

Erst sah sie im fahlen Licht, das durch die geöffnete Stalltüre eine kleine Schleimspur. Dann erkannte sie, dass hier etwas Blut auf dem Stallboden war. Nicht viel, aber man erkannte es. Nun hörte sie ein ganz leises Fipsen. Sie musste nachdenken, irgendwie kam ihr dieses Fiepsen bekannt vor, aber woher?

 

Frotsetzung folgt