Kapitel 8

1. Januar 1216 Hildesheim

 

Otto von Kraz und sein Begleiter Heinrich waren seit einer Stunde in Hildesheim unterwegs. Die eisige Kälte hatte den Schlamm und Dreck in den Straßen gefrieren lassen und fast alle Arbeiten an Stadt und Mauer waren eingestellt worden. Nur die Dombaumeister wollten die angelieferten Steine für die Steinmetze von den Karren lassen. Ottos und Heinrichs Vermieter, der sich selbst Carl nannte und sein neunjähriger Sohn Christian waren auf der Baustelle.

 

Ein paar kleine Feuer waren auf der Baustelle entzündet worden, damit man sich die Hände immer wieder aufwärmen konnte, das Holz dafür hatten die Tagelöhner gesammelt. Christian war für das Feuer verantwortlich. Immer wieder begab er sich rund um den Bauplatz  auf die Suche nach Brennbarem.

 

Gegen Mittag gelangten die beiden dann auf die Baustelle, dort sahen sie Carl, wie er mit einem anderen Mann gerade versuchte, einen großen Steinquader von einem Karren über eine Rutsche auf den Boden gleiten zu lassen. Mit Seilen versuchten die beiden Tagelöhner den Stein auf einen Schlitten zu ziehen. Carl war etwas kräftiger als der andere Arbeiter und versuchte, nachdem der Stein sich mitten auf der Rutsche nicht mehr bewegen ließ, diesen mit den Händen weiter zu schieben. Er stand ganz nahe am Karren, als eines der Räder brach und der Karren mit weiteren Steinen auf Carl stürzte. Heinrich und Otto eilten zum Ort des Geschehens, als sie sahen, dass Carl liegen blieb. Drei andere und Christin waren auch sofort bei dem umgestürzten Karren. Carl lag regungslos unter dem umgestürzten Wagen. Ein sehr großer unbearbeiteter Felsblock lag über seinem Körper, nur Brust und Kopf und seine Beine waren zu sehen. Man sah sofort, dass er sehr schwer verletzt sein musste, denn eine große Blutlache hatte sich rund um seinen Körper gebildet. Vier Männer kippten den Felsblock weg von Carl. Otto sah, dass hier nichts mehr zu machen war. Carl war tot, die Augen noch im Schreck weit geöffnet, aber ohne jegliche Regung. Christin schüttelte in seiner Verzweiflung den Vater, aber nichts mehr konnte seinen Weg in ein anderes Reich, ins Himmelreich aufhalten. Heinrich hob den Jungen weg von dem toten Körper und drückte seinen Kopf an seine breite Brust. Dort sollte der Junge seine Trauer herausschreien dürfen.

 

So stand die kleine Gruppe Menschen schweigend um den toten Carl. Der kleine Blutsee unter dem leblosen Körper wurde nicht mehr größer und langsam gerann es oder gefror.

 

"Was treibt ihr da? der Karren liegt auf der Seite, die Steine herunter gekippt, ein Durcheinander und ihr steht nur rum?" Ein Mann in einem dicken Mantel gehüllt und eine Pfarrer kamen auf die Gruppe zugelaufen. Als der Mann in dem warmen Mantel sah, dass da ein blutbesudelter Mann auf dem Boden lag, stoppte er und der Priester lief alleine weiter bis er bei dem Toten war. "Tot?" fragte er ohne jedes Bedauern in der Stimme und als alle schweigend nickten, schlug er das Kreuz über dem Körper und sprach ein paar lateinische Worte. Dann legte er wie zum Gebt die Hände aneinander und sprach leise weiter.

 

"Jemand sollte ihm die Augen schließen." sagte der Priester. "Dann bringt ihn von hier weg. Ihr könnte aufhören zu arbeiten. Morgen machen wir weiter." Als er sich zum Gehen umdrehen wollte, packte ihn Heinrich an der Schulter. "Euer Latein ist so scheußlich wie meine Suppe vor Jerusalem, die sich aus alten Stiefeln kochen musste. Ihr seid nicht einmal im Angesicht des Todes in der Lage, ein ordentliches Gebet für diesen Mann zu sprechen. Ihr habt ihn als dummen Handwerker bezeichnet. Und das für einen Menschen, der mit vielen anderen ein Haus Gottes errichten wollte. Was seid ihr für ein Priester?" Der Mann in der dunklen Kutte erbleichte. "Ihr sprecht Latein?" fragte er irritiert. "Ja, ich war Schüler in einer Klosterschule bis ich ein Kreuzfahrer wurde und das Schwert nahm. Ich kann nicht nur töten, ich kann auch beten und Gott versteht mich sicher besser als euch mit eurem furchtbaren Latein. Sprecht ein ordentliches Gebet für ihn. Jetzt!" Heinrichs lauter Befehlston hatte noch einige andere auf das ganz Geschehen aufmerksam gemacht. Und bald standen fast dreißig Menschen rund um den Karen und den toten Carl. Vor allem hatten alle sehr gut verstanden, dass hier jemand war, der die geheime Sprache sprach, mit dem die Priester mit Gott sprachen. Zudem war der Mann groß und hatte sogar ein Schwert umgebunden, also musste er schon ein Mann von Bedeutung sein.

 

Der Priester schaute sich um, nach dem Mann im Mantel, der immer noch ein paar Schritte hinter ihm stand. Man sah, dass dieser Mann etwas zornig war, aber er nickte nur und der Priester sprach ein Gebet. Als er Amen sagte, wiederholten es alle die dieses Gebet mit gehört hatten.

 

Jemand brachte einen Handkarren und man legte Carl darauf und alle, die an diesem Tag auf der Baustelle mitgearbeitet hatten, begleiteten ihn. Heinrich und Otto blieben stehen und schauten den Priester und den unbekannten Mann an. "Wer seid ihr mein Herr?" fragte Heinrich bestimmt, aber nicht unfreundlich. "Ich bin Jakob Flür. Mit gehörte der Grund und Boden, auf dem dieses Gotteshaus entstehen wird. Ich habe es der Mutter Kirche übereignet, damit hier eine Haus für unseren Herren entstehen kann. Und wer seid ihr?" Heinrich richtete sich zu seiner ganzen Größe aus und legte seine linke Hand auf den Schwertknauf. "Ich bin Heinrich von Seitersheim. Ein Ritter unseres Kaisers und begleite hier den Herren Otto von Kraz, einen Chronisten und Schreiber des Kaisers nach Lorch. Unsere Heimat ist der Stammsitz der Staufer. Wir waren Zeugen dieses Unglücks. Der Wagen war zu schwach und das Holz des Karrens schon sehr brüchig, deshalb kam es zu dem Unglück." Erwartungsvoll, wer nun weiterreden würde schauten sich Heinrich von Seitersheim und Jakob Flür an. "Da kann man wohl nichts machen. Schlimm was da geschehen ist. Ich werde für den armen Mann eine Messe lesen lassen, damit seine Seele im Himmel wohlwollend aufgenommen wird. Ich wünsche euch noch einen guten Tag." Jakob Flür wollte nun das Gespräch offensichtlich mit diesen Worten als beendet ansehen, doch Heinrich wollte noch etwas von ihm. "Wer bezahlt den Tagelöhner noch für seine Arbeit, die er heute gemacht hat und wer bezahlt den Jungen, seinen Sohn dafür, dass er hier gearbeitet hat?" Herr Flür schaute etwas verdutzt drein und der Priester wurde trotz der kalten Röte seines Gesichtes noch etwas bunter um die Augen herum. "Geht jetzt besser, bevor ich die Stadtwache hole. Ihr werden unverschämt. Denn der Tode kann ja den Schaden, den er verursacht hat, auch nicht bezahlen. Also sind wir quitt, oder?" Der Priester war noch ein paar Schritte auf Heinrich zugegangen und versuchte mit seiner Rede seine ganze Autorität darzustellen. Heinrich war durch nichts zu beeindrucken. Er spielte etwas mit dem Knauf seines Schwertes, zog es ein Stück aus der Scheide und schob es wieder zurück. "Ja macht das, holt die Stadtwache. Der Herr von Kraz wird das gerne aufzeichnen und unserem Kaiser und dem Kloster in Lorch dann mitteilen, was hier geschieht. Mit schlechtem Material soll hier ein Haus Gottes gebaut werden. Das ist eine Nachricht, die die Herren in Rom und Lorch und auch der Kaiserhof nicht gerne hören. Vor allem eines dürft ihr nicht vergessen. Hier gibt es Priester, die nicht einmal in der Lage sind, ein ordentliches Gebet zu sprechen." Jetzt waren beide, der Mann im Priestergewandt und Jakob Flür mehr als nur betroffen. Beide schauten sich um, denn sie wollten sicher sein, dass niemand das Ganze gehört oder gesehen hatte. Sie konnten sicher sein, es war zu kalt, sodass sich alle in wärmere Ecken zurückgezogen haben. Jakob Flür ging auf Heinrich zu, holte einen Lederbeutel aus seinem Mantel hervor und fragte. "Wie viel wollt ihr? Was ist denn diese Arbeit überhaupt wert gewesen?" Für Heinrich war die Grenze des Erträglichen überschritten, wenn Otto ihm nicht beruhigend seine Hand auf die Schulter gelegt hätte, wäre sein Schwert schon aus der Scheide gewesen. Deshalb packte Heinrich die Geldbörse des Jakob Flür und entwand sie ihm. Er öffnete die Börse, nahm zwei Münzen heraus und wog sie in seiner Hand. Als alle meinten, das wäre das Geld für den Toten und seine Familie packte Heinrich die rechte Hand des Jakob Flür und drückte ihm genau diese zwei Münzen in die offene Pranke. "Der Rest ist für die Witwe und die beiden Kinder. Ich danke euch." Er drehte sich um, packte Otto am Arm und zerrte ihn weg. Sie ließen zwei verdutzte und wütende Herren zurück, das war aber Heinrich vollkommen egal.

 

Auf dem Weg zurück zu der Hütte vor der Mauer begann Heinrich zu reden. "Diese beiden, das sind solche Menschen, die uns in den Kampf getrieben haben. Wir haben uns verleiten lassen, zum töten und zu rauben und haben uns und unsere Brüder geopfert. Und was ist geblieben? Ein paar Fürstentümer und kein Himmelreich in Jerusalem. Verzeiht mir Otto von Kratz, dass ich so wirsch und unflätig wurde, aber was ist ein Mensch wert? Immer wieder stelle ich mir die Frage. Ich habe zu viele sterben sehen für nichts. Ihnen wurde das Paradies versprochen und ihre leblosen Körper lagen dann auf heißem Sand und vertrockneten stinkend. Ich bete jeden Tag zu unserem Schöpfer, dass es das Paradies gibt und ich alle eines Tages wieder sehen darf, die mir wichtig waren. Ich will viele wieder sehen und ihnen Fragen stellen dürfen. Aber genau deshalb verachte ich den sinnlosen Tod, denn er hindert uns alle daran, Fragen zu stellen, die wir als Lebende gerne beantwortet haben möchten. Und was ist ein Mönch oder Priester mehr wert als ein Tagelöhner. Wir sind alle Gottes Geschöpfe. Reichtum und Latein macht uns nicht wichtiger als kräftige Hände. Ja ich versündige mich mit diesen Worten an der Ordnung, die von Gott kommt." Dann versank er wieder in Schweigen, senkte seinen Kopf und trottete neben Otto her.

 

1. Januar 1216 Königshof

 

Jarl Olberson schaute sich hilfesuchend um. Er brauchte eine Lösung für die Befehle seines Königs. Und diese Lösung konnte nur er erschaffen. "Ich gehe los und hole ihn mein König. Aber er ist schon wieder weggeritten. Es wird etwas Zeit brauchen bis er da ist." Jarl Olberson wollte gehen, als er die zornige Stimme von Knut hörte. "Ihr bleibt, ihr solltet bei diesem Wetter nicht selbst gehen. Es ist zu kalt da draußen für einen wichtigen Mann wie ihr nun mal seid. Ihr müsst euch schonen, denn ihr bekommt wichtige Aufgaben, die ihr erfüllen müsst. Sagt Herrn Sven von Olsen, welchen Namen der Mann hat und wo er ihn finden kann. Er wird einen Boten schicken."

 

Mathias, Marcus, Peter und Merit waren jetzt nicht mehr so wichtig, wie es schien. Es war ein Kampf zwischen König Knut und Jarl Olberson, das war inzwischen allen klar geworden.

 

Der König hustete angestrengt, spuckte ein paar Schleimpfropfen aus und schaute zu Sven. "Sorgt dafür, dass der Zeuge oder Bote bald zu mir kommt. Ich will mich nicht länger mit so etwas beschäftigen. Wir haben alle Wichtigeres zu tun. Tretet vor Jarl und nun den Namen bitte. Oder wollen wir uns unter vier Augen unterhalten mein treuer Freund?" Jarl Olberson nickte und der König und er verschwanden in einem Nebenraum.

 

"Hört zu Olberson, ich weiß, was ihr in dem Dorf macht. Ich könnte es beweisen, denn einer redet immer, wenn ich es will. Also kürzen wir das alles ab, ich habe einfach heute keine Geduld und morgen auch nicht. Erledigen wir es heute. Ihr bekommt das Land von Merit und ihrem Vater. Dafür bezahlt ihr mit Silber und einem Schiff, das ihr heimlich habt bauen lassen. Alles ist bereits schriftlich festgelegt. Merit darf alles mitnehmen, was sich bewegen lässt. Sie darf nichts zerstören und muss euch das Haus unbeschädigt übergeben. Merit hat vier Tage Zeit, das Land zu verlassen. Was dann noch auf ihrem Land ist, gehört dir Jarl Olberson. Ab Morgen früh zum Morgengrauen läuft die Zeit. Sven von Olsen überwacht alles, damit niemand sich störend verhält. Ist sie oder die Blauzahnleute noch in vier Tagen auf dem Land, müssen sie dafür zahlen. Mit Silber versteht sich. Mein Lohn ist das Dorf mit den Tagedieben und Fischern. Alles was man dort findet und von Wert ist gehört mir, auch die Dorfbewohner. Sven von Olsen hat schon zehn Krieger dorthin geschickt, also müsst ihr euch nicht beeilen, jemanden zu warnen. So nun reichen wir uns die Hände, denn jeder von uns beiden hat ein gutes Geschäft gemacht. Ihr habt das Land, das ihr wolltet. Ich habe etwas für meine Schatztruhe, denn jeder Zwanzigste, die ihr Merit zahlen müsst, gehört mir. Zudem nehme ich mir euer Fischerdorf. Ich habe Kenntnis davon, dass hier einige geraubte Schätze liegen. Und nun lasst uns beide wieder zu den anderen gehen und ich verkündige, was wir beschlossen haben und ihr unterschreibt mir den Vertrag."

 

Jarl Olberson musste lächeln, der König verstand es, gute Geschäfte zu machen, aber er hatte auch bekommen, was er benötigte. Der Verlust des Langbootes traf ihn am meisten, aber das konnte man ersetzten. Und was sollte schon Wichtiges an Beweglichem in den Lagerhäusern der Merit liegen?

 

1. Januar 1216 Blauzahnsiedlung

 

Nachdem sich alle erholt hatten und Lars kleine Geschenke verteilt hatte, war es an diesem Freitag ruhig in der Siedlung. Draußen stürmte es und der Schnee lag inzwischen knietief auf den Feldern und Wegen. Endlich hatte sich auch Jorg Jorgssen zu ihnen gesellt. Er hatte sich fast vier Tage lang in seiner Kammer eingeschlossen. Er setzte sich in eine Ecke und schaute sich schweigend um. Er war nun schon einige Tage bei ihnen, aber irgendwie fühlte er sich noch nicht dazu gehörend. Er wartete, dass jemand ihn ansprach, er wollte keinen von sich aus ansprechen. Schüchtern war er nicht, aber irgendetwas hinderte ihn daran, ein Gespräch anzufangen.

 

Lars sprach inzwischen sehr laut mit Erik und Steffen Landratte. Die Pferde mussten unbedingt bewegt werden, sie standen nun schon seit über drei Wochen fast ohne Bewegung in den Ställen und langsam wurden sie unruhig oder sogar böse. Immer wieder fingen sie an gegen die Bretter der Stallwände zu treten. Steffen meinte, dass der Sturm nicht mehr lange andauern würde und man die Pferde dann auf die Weide treiben sollte, damit sie sich dort austoben könnten. Dann kam Julia herein, aufgeregt ging sie auf Lars zu. "In den Vorratsräumen ist eingebrochen worden. Es fehlen mindestens drei Fässer gesalzenen Fisch und von den Eiern sind auch ein ganzer Korb mit fünfzig Stück weg." Schweigend stand Lars auf und folgte zusammen mit Erik Julia zu einer der Vorratshäuser,  Zuerst merkte keiner, dass ihnen Jörg folgte.

 

Sie untersuchten den Vorratsraum und fanden nichts, was darauf schließen ließ, wer oder was die Fässer mit Fisch und den Korb mit Eiern entwendet haben könnte. Jörg stierte herum, schob mal ein Fass weg oder auch eine Kiste mit Körnern. "Die Fässer hat jemand weggerollt, hier sind die Spuren. Und hier muss der Korb gestanden haben. Staub und ein paar Federn liegen noch da. Die Spuren enden hier vor dieser Wand." Er drückte kräftig gegen das Holz der Wand und die Bretter gaben nach und ein Stück der Wand fiel um. Um die Ecke war der Weg auf die Viehweide. "Über diesen Weg mussten die Fässer und der Korb mit Eiern seinen Weg in die Freiheit gefunden haben." Jörg musste laut sprechen, denn der Sturm hatte an Kraft gewonnen und der Wind fegte nun durch den Stall mit Vorratsplatz. "Wie viel fehlt wirklich. Ist das erst heute aufgefallen oder fehlt noch mehr?" Julia dachte nach. "Es fehlt noch mehr, aber mir ist es jetzt erst aufgefallen, weil ich eines der Fässer erst vor ein paar Tagen geöffnet habe, das ist nun auch weg."

 

In der Blauzahnsiedlung wurde also gestohlen.

 

Fortsetzung folgt