Kapitel 5

29. Dezember 1215 gegen Mittag an der Küste von Schweden

Wolfskopf suchte nach dem Weg, den der ominöse Führer nach oben genommen hatte. Hinter einem dicken Busch, der an der Felswand wuchs, fand er ihn. Er schob den Busch zur Seite und schon war er nicht mehr zu sehen. Im schwachen Licht, das irgendwie von oben kam, entdeckte Wolfskopf einen steilen, aber begehbaren Weg. Er kletterte hoch und konnte nach gut fünf Metern, die er überwinden musste, den Kopf durch einen Felsspalt schieben. Keine sechs Schritte weiter sah er ihren Führer, der einen Stein in der Hand hielt und nach unten schrie. Er bemerkte nicht, wie sich Wolfskopf von hinten anschlich. Der Dorfbewohner, der sie in diese missliche Lage geführt hatte, wollte gerade wieder einen Stein werfen, als er von hinten gepackt wurde. Erschrocken sprang er zur Seite und glitt auf dem eisigen Untergrund aus und stürze ab. Er fiel an Peter vorbei in den Abgrund und brüllte so lange er im Fallen war. Dann war Ruhe. Wolfskopf legte sich auf den Bauch und schaute über den Felsvorsprung zu den seinen hinab. "Drückt den Busch zur Seite und steigt zu mir rauf. Hier oben ist niemand."

Die anderen folgten seinen Rat und stiegen nach oben. Dort angekommen nahmen sie so viel Steine wie sie nur finden konnten und warfen diese nach unten. Dann rollten sie einen Felsen über das Loch. Offensichtlich war er dafür auch vorgesehen, denn er war nicht wie die anderen Felsen am Boden festgefroren. Oder es war ganz einfach ein glücklicher Zufall, dass die Blauzahnleute ihn bewegen konnten. Nun versuchten sie, sich zu orientieren. Sie mussten an der Küste entlang, blieben aber auf dem Hochplateau. Sie mussten nur ein paar Schritte gehen und sie befanden sich im Schutz eines kleinen Waldes. Sie machten sich nicht die Mühe, die anderen Verfolger zu beobachten. Wenn diese bemerkten, dass sie den versteckten Gang nach oben nicht benutzen konnten, mussten sie zurückgehen. Sie würden dazu viel zu viel Zeit verlieren und die Verfolgung würde eher sinnlos werden. Zudem war der Überraschungsmoment vertan  -die fünf waren zudem sehr gut bewaffnet und konnten sich sehr gut gegen ihre Verfolger, wenn sie nun kommen sollten, verteidigen. Wolfskopf und Ulrich, die beiden Knechte gingen voraus.

 

Am späten Nachmittag sahen sie Rauch vor sich aufsteigen. Als sie auf die Rauchsäule zugingen, sahen sie einige Häuser und Ställe in der Nähe des Strandes. In einer Bucht lagen drei Langboote und auch ein paar Fischerkähne, die man an Land gezogen hatte. Der Rauch entstieg dem Kamin des größten Hauses in der Siedlung. Ein langes Haus, teilweise aus Stein mit einem strohgedeckten Dach. Vor diesem Haus entdeckten sie sechs Reiter, die noch auf ihren Pferden saßen. Ulrich hatte die besten Augen. "Ich sehe eine kleine Fahne. Die hat Ähnlichkeit mit der, die die Söldner hatten. Ist aber nur ähnlich, nicht die gleiche. Einer von den Reitern ist sehr gut gekleidet." Dann sahen sie alle, dass man sie wohl entdeckt hatte. Drei der Reiter kamen mit gesenkten Lanzen auf sie zu geritten. Als sie sahen, dass die fünf ebenfalls ordentliche Kleidung trugen, aber auch bewaffnet waren, stoppten sie zehn Schritte vor ihnen und fragten sie nach ihren Namen und ihrem Weg. Mathias antwortete für alle wahrheitsgemäß. Die Reiter forderten sie auf, ihnen zu folgen. Zu folgen war nicht so ganz das, was man darunter verstand. Einer ritt voraus und die beiden anderen folgten der Fußgängertruppe mit gesenkten Lanzen.

 

Als sie die Gruppe erreichten, mussten sie die Köpfe vor dem Reiter neigen, der um den Hals ein Siegel des Königs trug. Nochmals wurden sie befragt, wer sie seien und was sie hier wollten. Mathias antwortete wieder, man sah sofort, dass der Reiter mit dem Siegel aufmerksam wurde, als sie den Namen ihrer Siedlung nannten. Nun stellte sich der Reiter selbst vor und stellte Fragen. " Ich bin Sven von Olsen. Berater des Königs und Schreiber unseres Fürsten. Wohnt bei euch ein Claus von Olsen? Das ist meines Vaters Bruder Sohn. Ich hörte, dass er aus dem Heiligen Land zurück sei. Der Bruder meines Vaters lebte in Rhodopolis ihr nennt es wohl Rotstoch. Weil sein Orden ihn aus dem heiligen Lande zurückgerufen hat, musste er einem neuen Auftrage folgen. Er sollte sich um Gotland kümmern. Und da ist er wohl bei euch gelandet. Mein Herr und König wollte schon von mir wissen, was das für merkwürdige Leute in der Blauzahnsiedlung seien. Und nun treffe ich euch. Wir müssen reden. Später, wenn ich hier meinen Auftrag erledigt habe." Ohne auf eine Antwort zu warten rief er einen Namen und wartete, ob da jemand antworten würde. Geduldig blickte er zum Tor des großen Hauses. Gerade wollte er einen Befehl ausrufen, als sich das Tor öffnete und ein sehr großer Mann vor den Reiter trat. Er schüttelte den Kopf. "Sie will nicht herauskommen Herr. Ich soll euch sagen, dass sie nicht heiraten will und lieber ins Kloster gehen würde, als Jarl Olberson zu heiraten. Er sei ihr zu alt und würde furchtbar stinken." Sven von Olsen lachte laut auf. "Alt ist er allemal, ob er stinkt mag ich nicht zu beurteilen und ich bin auch nicht hier, um sie dem Manne zuzuführen, den sie nicht mag. Das ist nicht meine Aufgabe. Ich bin hier als Bote des Königs. Ihr Vater ist bei einem Kampf für den König zu Tode gekommen und da er nur sie gezeugt hat und sie sein Nachkomme ist, muss ich sie zum König führen. Es müssen Dinge geklärt werden. Ihr Vater hat sie zu seiner Nachfolgerin bestimmt. Das geht nicht, sagen die Priester. Die anderen Jarl sagen das auch, aber der König sagte, er wolle das prüfen. Sag ihr, sie soll herauskommen. Ich werde sie sicher zum König bringen." Der Riese lächelte und wollte durchs Tor zurück in das Haus. Da öffnete sich das Tor von innen und eine Frau, die um die zwanzig Jahre alt sein konnte, trat heraus. Sie hatte ein Schwert umgegürtet, trug ein Kettenhemd und hatte einen ledernen Lendenschurz angelegt. Darunter trug sie Hosen. Wäre da nicht ihr hübsches Gesicht und die langen blonden Haare gewesen, hätte man sie eher für einen hübschen Jüngling gehalten. Aber das Kettenhemd zeigte deutlich, dass da eine Frau vor Sven von Olsen stand. "Ihr garantiert mir freies Geleit zum König? Darf ich dort für mich sprechen? Und darf ich drei meiner Leute mitnehmen? Mehr Pferde hätte ich auch nicht. Die anderen hat alle mein Vater mitgenommen. Ich weiß, dass er tot ist, er hat mir gesagt, dass er nicht mehr wiederkommen wird. Er sagte mir auch, dass ihm jemand einen Dolch oder ein langes Messer in den Rücken stechen wird. Tore, der hier neben mir steht, war bei ihm, als er starb. Er wurde nicht vom Feind getötet. Er meinte, es war einer von Jarl Olbersons Männer. Er sah seinen Leichnam, seine Wunden waren hinten am Hals und am Rücken und daran ist er gestorben. Ich werde, wenn ich kann, sein Erbe antreten und ich will dann Gerechtigkeit, Herr Sven von Olsen. Könnt ihr mir euer Wort geben, dass ich das dem König sagen darf?" Sven von Olsen hatte genau zugehört und dachte nach. Dann schaute er in die Runde und sein Blick fiel auf die fünf aus der Blauzahnsiedlung. "Ihr habt lesen und schreiben gelernt. Und du Mathias Schreiberling kennst doch auch gut die Gesetze. Sie darf ihre Sache nicht vor dem König vertreten. Das darf nur ein Jarl oder dessen Vertreter. Da du im Auftrage der Blauzahnsiedler hierhergekommen bist, vertrittst du auch euren Jarl. Also könntest du sie vor dem König vertreten. Willst du das?" Dann legte er seine linke Hand über seinen Mund und zeigte Mathias und den anderen Blauzahnsiedlern, dass sie schweigen sollten. Er stieg von seinem Pferd ab und führte, Mathias, Peter und Marcus zur Seite. "Ich weiß, dass ihr keinen Jarl habt, aber es reicht, wenn ich bestätige, dass ihr euren Jarl vertretet. Es hilft zudem, wenn ich sage, dass meines Vaters Brudersohn bei euch lebt. Ein achtbarer Ritter des Deutschen Ordens. Da der König auch neugierig ist, etwas über eure Siedlung zu erfahren, kommt ihr mit und wir haben dann genügend Zeit miteinander zu reden." Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte er sich um und rief laut. "Der Rechtsgelehrte Mathias, der Schreiberling, wird euch und eure Sache vertreten. Das ist so ausgemacht. Besorgt Pferde für die Fünf hier, wir reiten morgen früh los. Marit öffnet das Tor, ihr habt viele Gäste heute Nacht." 

 

29. Dezember 1215 am späten Abend in der Halle der Familie Birger 

 

Marit Birger ließ ihre Gäste gut bewirten. Frisches Brot, Käse und ein wenig kalter Braten. Dazu gab es gebackene Äpfel mit Honig bestrichen. Das Außergewöhnliche war aber das kalte Wasser und das Met, das es zu trinken gab. Das Met war gut, mit irgendeinem Kraut gewürzt und heiß gemacht. Und das klare Wasser, das man den Gästen reichte, um den Durst zu löschen, schmeckte nicht einfach nach Wasser, es schmeckte anders. Marcus meinte, dass man es auch mit einem Kraut etwas gewürzt habe. Es war leicht bitter, aber sehr gut.

 

In dem Kamin der Halle brannte ein Feuer und erwärmte etwas den Raum, aber man musste sich trotzdem noch etwas warm anziehen, denn es reichte nicht aus, um den ganzen Raum zu erwärmen.

 

An einer der Wände prangte ein Bild, ein Bild aus Stoff gewebt. Es zeigte ein Langboot ohne Ruderer, das über den Wellen schwebte und der Wind füllte das Segel. Nur ein Mann und ein Kind waren auf dem Boot zu sehen. Mathias stand lange davor und bewunderte es. Marit trat neben ihn, während er immer noch staunend darauf schaute. "Das hat eine Frau aus dem Frankenland hier bei uns im Hause gewebt. Mein Vater hat die Frau auf einer seiner Reisen getroffen und einfach mitgenommen. Er hoffte, sie könnte meine Mutter ersetzen, die bei meiner Geburt gestorben ist. Das konnte sie nicht, aber sie konnte gut weben und sein Bett war nie kalt. Der Riese dort am Tisch hat mich erzogen. Ihr habt ihn am Tor gesehen. Er war sein Leben lang für mich da. Die Frau aus Franken konnte leider keine Kinder bekommen und mein Vater wollte nur sie haben und so blieb ich ohne Geschwister. Das Bild hat sie angefangen zu Weben, als ich sieben Jahre alt wurde und war damit fertig, als ich neun Jahre alt war. Es sollte zeigen, dass im Lebensboot meines Vaters nur eine Platz hatte, nämlich ich. Nun ist er und sie tot und ich bin mit dem Riesen und ein paar Familien hier alleine. Wir sind keine zwanzig Menschen hier. Fünfzehn Frauen, drei Männer und zwei Kinder. Mir gehören gerade noch ein paar Felder und ein kleines Langboot. Alles Wichtige hat mein Vater mit genommen und im Kampf verloren. Dreißig Männer mit Waffen und einem Drachenboot. Alles verloren, so sagte man es mir. Nur einer seiner Männer kam verletzt zurück. Und die Hochzeit mit dem alten stinkenden Jarl sei noch auf dem Schlachtfeld vereinbart worden. Ein Bote des Jarl Olberson kam ein paar Tage nach dem Gefecht zu mir und überbrachte mir die Nachricht und den Armreif meines Vaters. Das sollte beweisen, dass dieser Bund beschlossen worden sei. Ich glaube das nicht. Der Jarl braucht mein Land. Nördlich von hier liegt ein Fischerdorf in einer Bucht. Die Bucht eignet sich nicht besonders gut als Hafen, aber diese Bucht hier schon. Und da Jarl Olberson gerne Handel mit den Dänen und mit der Stadt Hammaburg betreibt, braucht er einen guten Hafen. Bisher mussten sie immer hier landen und wir lebten gut von den Zöllen. Aber nun? Wenn er mich heiratet, hofft er, dass er das Land mit dazu bekommt. Ich will ihn nicht und ich muss mich um diese Menschen hier kümmern. Das ist doch die Aufgabe, wenn man ein Jarl ist?" Mathias nickte zustimmend. Die Stimme der jungen Frau war fest und doch klang sie ihm wie Musik. "Nördlich von hier sagtet ihr, sei ein Fischdorf. Schäbig und eigentlich sind es nur ein paar Hütten, aber etwas abseits steht eine große Scheune mit einem strohgedeckten Dach und einem grünen Kreuz an der Hauswand. Meint ihr das?" Sie nickte und Mathias erzählte ihr von dem Führer und den Verfolgern. Sie lachte auf, kein frohes Lachen. Ein eher traurigen Auflachen. " Ja das sind sie, wenn der Jarl davon erfährt, wird er eure Knorr holen. Eines ist sicher, schnell wird das nicht passieren, denn so etwas darf nur er bestimmen und er ist beim König. Aber ihr solltet eure Leute warnen." Mathias bedankte sich bei Marit und ging zu seinen Freunden und berichtete, was ihm Marit gesagt hatte. Sven Olsen hörte ebenfalls zu.

 

"Ich werde morgen zwei meiner Männer dorthin schicken und euren Leuten eine Botschaft überbringen. Kann jemand von euch eine Botschaft verfassen, dass eure Leute das auch verstehen und glauben? Sie sollen die Küste noch weiter Richtung Süden und Westen entlangfahren. etwas mehr als zwei Tagesritte von hier liegt eine Bucht, dort hat der König eine kleine Burg und in der Bucht müssten drei Drachenboot liegen. Ich werde ein Begleitschreiben verfassen, dass eure Knorr dort sicher ankern darf. Das Wetter wird noch ein paar Tage ruhig bleiben. Kein Sturm in Sicht, also können sie dorthin gelangen."

 

29. Dezember 1215 Blauzahnsiedlung später Nachmittag

 

Erik saß mit Lars und Claus von Olsen zusammen in der großen Halle. Sie hatten alle Vorräte geprüft und mussten feststellen, dass diese gerade noch bis zum Frühjahr reichen würden. Es durften aber keine weiteren Menschen oder Tiere dazu kommen, sonst würde es sehr knapp werden. Um aber etwas sicher zu sein, beschlossen sie eine der Kühe zu schlachten und das Fleisch zu räuchern oder in Salzfässer einzulegen. Mit seinem Knüppel, den Erik aus welchem Grund auch immer an diesem Tage nicht aus der Hand legte, schlug er als Zeichen der Zustimmung auf den Boden. Zu fest wie es schien. Die Bretter auf dem Boden barsten und das Holz verschwand im Boden. "Was ist das denn? Ich dachte der Keller liegt dort drüben und hier unten ist nur Lehm. So heftig war doch mein Schlag nicht, dass ich gleich ein Erdloch geschaffen habe." Erik wollte es nicht glauben und stand auf und schaute sich das Loch im Boden an. Tatsächlich war unter ihnen ein Erdloch. Lars nahm sich ein Fackel und leuchtete in das Loch. "Das scheint ein Keller zu sein. Das müssen die Erbauer gemacht haben und wir haben nichts bemerkt, als wie hier den Holzboden gelegt haben." Sie rissen noch ein paar Bohlen weg und dann sahen sie es. Eine Stiege aus Stein führte nach unten. Claus holte sich auch eine Fackel und vorsichtig stiegen die Drei nach unten. Die Decke war dick und fest, die Wände waren aus Fels und teilweise mit festen Steinem gesichert. Der Boden war aus Stein und ein kleiner Luftzug war zu spüren, wahrscheinlich war es deshalb auch nicht sehr feucht da unten im Keller. In einer Ecke stand eine Holzkiste auf ein paar morschen Holzbohlen. Daneben standen zehn Tongefäße mit Bienenwachs verschlossen. Und auf der anderen Seite sahen sie einen Holzbalken oder so etwas Ähnliches. Als Lars mit der Fackel näher kam, sah er genauer hin. Das war ein Drachenkopf aus Holz geschnitzt. Vorsichtig hoben sie das Gefundene nach oben in den großen Saal. Der Drachenkopf war so klein, nicht einmal halb so hoch wie ein Mann, sodass Erik ihn alleine nach oben bringen konnte.

 

Inzwischen hatten sich noch einige andere in der Halle eingefunden und bestaunten das Loch im Boden und die gefundenen Dinge.

 

Als erstes wollten sie die Kiste öffnen, aber sie war mit ein paar eisernen Nägeln fest verschlossen worden und man musste aus der Schmiede Werkzeug holen, um die Kiste zu öffnen. Vorsichtig zogen sie die Nägel heraus, die den Deckel der Kiste festhielt. Erik wurde ungeduldig und wollte mit einem Beil den Deckel zerschlagen, aber die anderen meinten, es könnte sich etwas Zerbrechliches in der Kiste befinden und wenn er zu kräftig zuschlagen würde - und davon gingen alle aus - könnte man etwas beschädigen. Also wurde mit einem Messer und mit einer Zange Nagel für Nagel aus dem Holz gezogen.

 

Als der letzte Nagel draußen war, wollte sich der Deckel immer noch nicht von der Kiste lösen lassen. Mit sanfter Gewalt drückte Claus von Olsen das Holz hin und her, bis der Deckel sich löste und man ihn abheben konnte. Ein öliger und muffiger Gestank entwich aus der Kiste. Erik nahm seine Fackel und leuchtete in die Kiste. Was ist denn das, riefen die aus, die hineinsehen konnten.

 

Fortsetzung folgt