Kapitel 4

21. Dezember 2015 kurz vor dem Morgengrauen

 

Knorre erwachte, weil einer der Hunde anfing zu knurren. Dann knurrten alle beiden Hunde und Knorre konnte sie nicht beruhigen. Das Knurren wurde immer stärker und der Junge spürte, dass da etwas Unangenehmes bevorstand. Er öffnete die Tür des kleinen Häuschens, wo er gerne die Nächte verbrachte und die Hunde eilten immer noch knurrend nach draußen. Bei dem großen Tor blieben sie stehen und begannen zu bellen. Knorre hätte gerne das Tor geöffnet und nachgeschaut, aber das durfte er nicht und er konnte es auch nicht. Der schwere Querbalken, der das Tor verschloss, war ihm zu schwer. Im Schneetreiben sah er hinter sich im Hof verschwommen ein paar Figuren vom großen Haus weggehen und rannte auf sie zu. Es war Sophia, Melanie und Birgit, die auf dem Weg zu den Schlafstätten der Knechte waren. Knorre rief und Sophia kam auf ihn zu. Laut sprechend und heftig gestikulierend versuchte er Sophia klar zu machen, dass vor dem Tor etwas passiert sei, was die Hunde mächtig aufregen würde. Sie winkte den anderen beiden Frauen und schickte Knorre zu Claus von Olsen weiter, dass man ihn am Tor erwarten würde.

 

Die Hunde waren immer noch sehr aufgeregt, als sich alle am Tor versammelten. Claus kletterte auf die kleine Plattform über dem Torwärterhäuschen und schaute über die Mauer auf den Platz vor dem Tor. Er sah undeutlich etwas, das wie ein Kleidungstück aussah, aber der Schnee hatte alles so bedeckt, dass man nichts klar erkennen konnte.

 

Claus, einer seiner Sergeanten und Sophia hoben den schweren Balken weg. Bevor sie das Tor öffneten ergriffen Claus und sein Mitstreiter ihre Schwerter, öffneten das Tor einen Spalt und ließen die Hunde nach draußen. Als sie diese weiter bellen hörten, öffneten sie das Tor ganz und gingen nach draußen. Die Hunde gruben im Schnee und zerrten dann ein Stück Stoff aus einer Schneewehe. Claus befahl Knorre, die Hunde zu verscheuchen und sie versuchten in dem Schneehaufen zu ergründen, was denn da so Aufregendes liegen könnte.  Melanie hatte offensichtlich etwas gefunden. Sie zerrte verzweifelt an einer Hand und förderte dann einen ganzen Oberkörper zu Tage. Claus half ihr und sie zogen den gesamten Körper aus dem Schnee. Der Sergeant beobachtete inzwischen die ganze Umgebung und rief laut, dass sich in etwas mehr als einhundert Schritte weiter irgendetwas bewegen würde. Das Schneegestöber und das fahle Licht verhinderte allerdings eine genauere Angabe, was denn da sein könnte. Sie zogen den gefrorenen Körper durchs Tor und schlossen es wieder.

 

Knorre musste Lars und Erik holen, während die anderen den Körper ins kleine Wächterhaus schleppten. Claus untersuchte den Körper. "Ein Mann, harte Hände, tot, erfroren, aber er hat auch üble Verletzungen im Rücken, wahrscheinlich von einem Messer oder einem Schwert. Ob er nur erfroren ist oder auch an den Verletzungen gestorben ist, kann man nicht sagen. Er hat auch was auf den Kopf bekommen, da hat er ordentlich geblutet. Er ist aber gut genährt. Also war das kein einfacher Knecht oder so. Ich glaube, dass ich den Mann gesehen habe. Ich glaube, das ist der Knecht von Mecht, der Frau die uns ihren Bauernhof überschrieben hat und zu uns in die Siedlung ziehen will." Er schaute in die Runde und Melanie bestätigte ihm das. "Da ist wohl etwas Schlimmes passiert. Wilde Tiere waren das nicht. Ob da noch ein paar der Söldner draußen frei rumlaufen? Aber ich war der Meinung, wir haben alle gefangen. Wir sollten die zweitausend Schritte rübergehen zu dem Hof von Mecht und nachschauen." Melanie hörte hinter sich etwas und sprach nicht weiter. In der Tür standen Lars, Erik, und Gregorius. Lars nickte und meinte, dass man sich bewaffnen sollte. Ohne Waffen und Hunde sollten sie nicht vors Tor gehen. Erst wollte er feststellen, was da vorgefallen war. Knorre musste auf die Torplattform steigen und das Eisen schlagen. Das war das Signal, dass alle sich bewaffnen sollten und sich vor der großen Halle zu sammeln hatten.

 

Als alle vor der Halle standen, berichtete Claus von Olsen kurz von dem Toten und was sie bisher wussten. Er beeilte sich, denn der Sturm hatte zwar nachgelassen, aber keiner wollte so lange ruhig dastehen und frieren. Erik, Claus und seine drei Sergeanten sowie Birgit machten sich auf den Weg zum Hof von Mecht. Alle anderen suchten Schutz vor dem Wetter hinter den Palisaden und Mauern. Alles war auf Ungemach eingestellt.

 

Was die Sechs auf dem kleinen Hof von Mecht fanden, erschütterte sie. Ein Mann lag nackt und mit eingeschlagenem Schädel vor der Tür der Hütte. Die Ziegen und Schafe standen dumpf meckernd und blökend herum. Der Pelz der Schafe war leicht rot. Mit gezogenem Schwert betrat Claus mit Erik zusammen die Hütte. Es dauerte keine drei Atemzüge, als Erik wieder herauskam und Birgit zu sich winkte. "Hier wird eine Frau gebraucht, ganz dringend." Was Birgit sah, ließ ihr kurz das Herz erstarren. Mecht lag mehr ohnmächtig als bei den Lebenden nackt auf dem Boden, ihre Tochter, die dreizehnjährige Gret, lag ebenfalls nackt auf dem Bauch liegend in einer Ecke. Das Mobiliar war zertrümmert und einige Becher - noch mit etwas Met gefüllt - standen neben Mecht auf dem Boden. Claus nahm seinen Umhang und bedeckte das Mädchen, während Birgit versuchte, die Frau aufzuwecken. Als das nicht gelang, trugen sie zuerst Gret auf einen Heuhaufen, damit sie nicht mehr auf dem kalten Boden liegen musste. Dann suchten sie in dem Durcheinander nach ein paar Kleidungsstücken für Mecht und Gret.

 

Als Melanie sie notdürftig gekleidet hatte, legten sie die beiden nebeneinander auf das Heu, das einer der Sergeanten aus einer Ecke geholt hatte. Erik machte inzwischen ein Feuer unter dem Kamin. Brennholz war leider genug vorhanden. Als Erik dann mit einem der Sergeanten die Tiere einfing und in den Stallbereich brachte, fanden sie noch zwei Knechte gebunden und ohnmächtig an einen Balken gebunden. Beide hatte man niedergeschlagen und gefesselt.

 

Claus erhitzte ein wenig Wein, den er fand und flößte ihn Mecht ein. Langsam kam sie wieder zu sich. Ihre ersten Worte galten ihrer Tochter Gret. Birgit wusch sie mit lauwarmem Wasser ab und dann mit warmen und zuletzt wurde sie mit etwas Schnee abgerieben. Das brachte auch ihre Lebensgeister wieder zum Erwachen.

 

"Ist Blär weg? Was machen meine Knechte?" Es fiel ihr sichtlich schwer zu sprechen. Erik schaute sie an. "Blär? Du meinst den Bürgermeister. War der das hier?" Sie nickte nur. Dann nahm sie alle Kraft zusammen, um weiter zu berichten. "Er kam weit nach Mitternacht. Nehme ich an, es war zu dunkel draußen und es schneite auch stark. Wir hörten zuerst die Schafe unruhig werden, dann waren sie schon über uns. Die Tür hatten sie aufgebrochen. Es waren sechs an der Zahl. Ich erkannte Blär an seiner Stimme. Das kleine Licht im Kamin war nicht hell genug, um alles genau zu sehen, aber ich sah, dass er sein Gesicht mit einem Tuch bedeckt hatte, nur seine Augen waren da zu sehen, wenn er sich dem Licht zugewandt hat. Mit Knüppel erschlugen sie Arnulf und Eilif. Arnulf hatte einen Pelz an und den zogen sie ihm aus und schleppten seinen Körper nach draußen. Eilif ließen sie vor der Tür liegen. Ollo und Rollo schlugen sie auch nieder und ich sah noch, wie sie die banden. Dann fielen sie über meine Tochter und mich her. Blär sagte immer wieder, das sei die Strafe für mein widerspenstiges Verhalten. Dann sagte er etwas, was ich nie vergessen werde. Erst Spaß - dann Tod. Während sich seine Schergen über mich und meine Tochter hermachten, zertrümmerte er alles, was er fand. Dann bemerkten sie, dass Eilif weg war. Blär nahm die Fackel und ging mit zwei seiner Burschen nach draußen. Sie wollten ihn suchen. Er rief noch laut, dass sie alles verbrennen sollten. Irgendwann muss ich wohl in den Todschlaf gefallen sein. Gret rührte sich da schon lange nicht mehr. Und nun seid ihr hier. Hat euch Eilif geholt?" Birgit nahm ihre Hand und erklärte ihr, was da passiert war. Dass Eilif tot aufgefunden wurde, dass zwei ihrer Knechte gefesselt im Ziegenstall gefunden wurden und dass ihre Tochter lebte, zwar noch etwas benommen und noch nicht ganz wach, aber lebte.

 

Dann hörten sie draußen Rufe. Jose, Alberto, Gerretius, Maria und Julia kamen auf Pferden angeritten. Der Sturm hatte nachgelassen und sie waren losgeschickt worden, damit man Nachrichten zur Blauzahnsiedlung schicken konnte.

 

Maria und Julia fingen die Schafe und Ziegen ein, banden sie zusammen und gingen dann gemeinsam mit einem der Sergeanten und den Tieren zurück zur Siedlung. Jose fand einen Schlitten, bastelte einen Deichsel und spannte eines der Pferde davor. Gret und Mecht wurden darauf gelegt, alles was es an Fellen, Tüchern oder Stroh noch gab, wurde unter und über sie gelegt. Die beiden Knechte band man auf Pferde. Was noch an Gerätschaften brauchbar war, wurde auf einen kleinen Handkarren gelegt und ebenfalls mitgenommen. Den Leichnam des Knechtes legte man ins Haus und dann legte Claus Feuer an das Gehöft und sie wanderten Richtung Blauzahnsiedlung.

 

Claus war aufgebracht, das spürten alle, die ihn begleiteten. Er trug keine Handschuhe und jeder sah, dass er das Heft seines Schwertes krampfhaft umklammerte.

 

In der Siedlung angekommen wurden die Verletzten sofort ins Versammlungshaus gebracht und versorgt. Die beiden Frauen wurden mit vielen tröstenden Worten und warmen Getränken bemuttert. Die Knechte jammerten zwar viel, aber deren Verletzungen waren eher anderer Natur. Das sagte ihnen auch einer der Sergeanten sehr laut. "Feigheit kann auch verdammt weh tun." Das saß und sie schwiegen danach und bedankten sich artig für alles, was man ihnen an Gutem antat.

 

Lars und Erik beriefen den Rat aller Freien in der Siedlung ein. Klar war nun, dass der Bürgermeister keine Ruhe geben würde. Lars vermutete, dass er irgendeine Schurkerei auch gegen sie vorhatte. Wenn er einen Brief an den König schicken würde und sie mit falschen Beschuldigungen vor das Gericht des Königs zerren würde, dann hätten sie wenig dagegen auszurichten. Allen war ihre Siedlung und ihr Lebensstil merkwürdig. Wo sonst lebten Heiden und Christen, Frauen und Männer, Knechte, Sklaven und Herren so einträchtig beieinander. Also mussten sie Maßnahmen ergreifen, um sich zu schützen. Mathias wurde beauftragt, einen Brief an den König mit den gesammelten Fakten zu schreiben. Unterwürfig ja, aber doch mit der notwendigen Stärke. Mathias war ein guter Schreiberling und ein Kenner des Rechtes. Als Boten wurden Peter, Marcus, Mathias ausgewählt. Sie sollten den Brief und auch die Aussagen gegenüber König Knut Knutssen überbringen. Er war der erste König, der von der Kirche gesalbt wurde, aber sein Widerwillen gegen die Gottesmänner war allen bestens bekannt. Er war Christ, aber er akzeptierte auch noch die alten Götter, wenn man sie nicht öffentlich anbetete. Und er war ein Mann, der Unrecht nicht gerne sah, denn ihm wurde schon als Kind zu viel Unrecht angetan. Und er traute den Anhängern des alten Königs nicht, die hatten das Land zu sehr gequält. Das war der wichtigste Punkt, den Mathias in seinem Schreiben betonte. Dass der Bürgermeister wahrscheinlich absichtlich die falschen Wappen akzeptierte und es deshalb zu Verwüstungen und Schäden an menschlichen Leibern gekommen war. 

 

Einen Tag nach Weihnachten bemannten die Leute aus der Blauzahnsiedlung heimlich die kleine Knorr und fuhren übers stürmische Meer in Richtung Festland, um den König zu suchen.

 

Nach vier Tagen auf dem Meer konnten sie in einer kleinen Bucht in der Nähe eines Fischerdorfes vor Anker gehen. In der Bucht war das Wasser ruhiger als auf dem offenen Meer. Marcus, Peter, Mathias und zwei ihrer Knechte gingen an Land. Unter der Bewachung von zehn Männern blieb die Knorr in der Bucht zurück. Sie waren gut gerüstet und man begegnete ihnen in dem Fischdorf sehr unterwürfig und gab ihnen die Auskünfte, die sie geben konnten. Sie wussten nicht, wo der König war. Sie wussten auch nicht, ob es in der Nähe eine Stadt gab, sie wussten nicht, ob es in der Nähe ein Burg gab. Sie wussten nur, dass es ein größeres Fischerdorf etwa eine halbe Tagesreise zu Fuß in Richtung Süden gab. Dort würden auch immer wieder Drachenboote landen, die Handel mit den Dorfbewohnern trieben. Dort könne man gut Sklaven und auch mal ein Pferd kaufen oder auch verkaufen. Ein merkwürdiger Dorfbewohner bot sich ihnen als Führer an. Als Lohn für seine Dienste wollte er ein gutes Essen und ein Messer haben. Peter machte ihm klar, dass er gerne ein Essen bekommen könne, aber ein Messer, das sei zu viel als Lohn für solche einfache Dienste. Peter mochte den Mann nicht und beriet sich mit den anderen, ob sie überhaupt einen Führer benötigen würden. Marcus war dagegen, Mathias war es egal und die beiden Knechte wollten nichts dazu sagen. Also beschloss Peter, ihn doch mitzunehmen. Sie wollten einfach schnell und sicher in einen größeren Ort kommen, um dort in Erfahrung zu bringen, wo der König war. Dann marschierten sie los. Der Mann ging voraus, blieb mal stehen und ließ die fünf an sich vorbei, überholte sie wieder und ließ sie wieder an sich vorbei. Das wiederholte sich ständig, bis Marcus misstrauisch wurde und ein Stück des Weges zurück ging. Dort fand er mit Holz und Werk zusammen gebundenes Holz, das einen kleinen Pfeil darstellte und ihren Weg markierte. Und dann sah er ein paar Leute, die ein gutes Stück hinter ihnen her marschierten. Es waren Leute mit Knüppeln und Messern, das konnte Marcus erkennen, neun an der Zahl. Marcus nahm das Zeichen und zerstörte es, wobei er nicht glaubte, dass diese Leute das benötigte, um sie zu finden. Als er die Blauzahnfreunde einholte, führte sie der merkwürdige Mann, der sich Svensson nannte, über einen sehr schmalen Klippenpfad ein Stück nach unten Richtung Strand. Plötzlich blieb Svensson stehen und rief ihnen zu, dass sie zurückgehen sollten, er habe sich verlaufen, sie seien eine Abzweigung zu früh nach unten gegangen. Sie drehten um und wollten zurückgehen. Marcus informierte seine Freunde flüsternd, was er entdeckt hatte und sie beschlossen, den Weg weiterzugehen und nicht ihren Verfolgern entgegenzulaufen. Svensson war verschwunden und der Weg ging auch auf einmal nicht weiter, er endete über einer Klippe. Knapp zwei Männer konnten nebeneinander stehen, aber an Kämpfen mit dem Schwert war dabei nicht zu denken. Sie saßen, nein standen in der Falle. Dann wurden Steine nach ihnen geworfen. Es traf zwar keiner, wenn sie sich fest an die Steine lehnten, aber sie konnten nun nicht mehr zurückgehen. Auf dem schmalen Pfad sahen sie die ersten Männer mit Knüppeln kommen. Zehn Schritte vor ihnen blieben sie stehen. Sie riefen irgendjemand zu, wie man am besten die Steine nach den Blauzahnleuten werfen sollte. Und bald traf auch der erste Stein Marcus an der Schulter. Sein dicker Lederwams verhinderte, dass er sich die Haut aufriss, aber es schmerzte ordentlich. Er konnte seinen linken Arm nicht mehr bewegen.

 

Sie saßen fest. 

 

Fortsetzung folgt