Kapitel 2 - neu

17. Dezember 1215 Mittagszeit in der Blauzahnsiedlung

 

Alles hatte sich unten im Hof gesammelt, sich bewaffnet und darauf vorbereitet, den Freunden im Hafen zur Hilfe zu eilen. Claus von Olsen war auch dabei. Vor ein paar Wochen hatte er Nachricht erhalten, dass das Schiff des Deutschen Ordens aus einer kleinen Bucht ausgelaufen war und Otto sich auf den Weg nach Lorch gemacht hatte. Er war dort vom Abt des Klosters Lorch gerufen worden und wollte dem Ruf folgen. Claus Olsen war nun an seine Stelle getreten. Ein alter Recke aus den Kreuzzügen, der mit den wenigen Überlebenden einer furchtbaren Schlacht aus dem Heiligen Land zurück in die Heimat gekommen war, um dort neue Aufgaben des Ordens zu übernehmen. Sie lautete, sich  anzuschauen und zu unterstützen, was da in der Siedlung entstehen sollte. Claus war viel kräftiger als Otto und vernarbt von den vielen Kämpfen am Körper und Geist.

 

Otto hatte sich damals heimlich davongeschlichen. Nur einen langen Brief an seinen Freund Peter vom und zu Bärental hatte er hinterlassen können, sonst nichts. Claus und Peter sollten ihm regelmäßig Nachrichten zukommen lassen. Die wollte er in einem Tagebuch zusammenfassen und für eine Generation, die Jahrhunderte nach ihnen diese Insel betreten würde, bereitstellen. Claus hatte eine neue Aufgabe und Otto nun die seine.

 

Claus von Olsen schloss sich den Blauzahnleuten mit seinen drei Kriegsknechten an, als sie durch das Tor marschierten. Alberto fragte ihn, wer er denn sei und was er wollte? "Ich will euch helfen, wenn ihr Ärger haben sollten, den Ärger zu vertreiben. Ich will bei euch bleiben, wenn ich darf." Alle die ihn gehört hatten, nickten nur und er marschierte mit ihnen. Die Verstärkung durch die vier kampferprobten Leute war gut, wenn man sie bei sich hatte.

 

Hafen von Visby um die Mittagszeit 

 

Sophia und die anderen Frauen sahen schon, dass Lars und die Übrigen arg in Bedrängnis waren. In den Hafen lief gerade eine Langboot ein, voll besetzt mit Leuten des alten Königs. Auf der Mole hatten sich auch schon mindestens fünfzehn Bewaffnete eingefunden und bildeten einen Schildwall. Lars führte alle vorsichtig zurück in eine schmale Gasse. Er, Jan und Erik stellten sich vorne auf, die Schilde erhoben. Wie aus dem Nichts flog ein Speer auf sie zu, Erik hieb ihn mit dem Schwert zur Seite und das Geschoss klatschte wirkungslos an die Hüttenwand. Pet schaute sich um, sie waren in eine Sackgasse geraten. Kein Fluchtweg nach hinten war frei. Ihnen blieb nur eines: Zu kämpfen oder sich zu ergeben und den aufgeheizten Gemütern der Feinde auszuliefern.

 

Sie hörten in der Ferne, wie die Söldner sich mit den Leuten aus dem Langboot vereinigten und nun auf sie zukamen. Brüllend und mit dem Klopfen der Schwerter auf ihre Schilder machten sie sich Mut und wollten die Blauzahnleute erschrecken. Erik spähte um die Ecke und sah, dass sich ihre Gegner sammelten. Offensichtlich besprachen sie sich, wie man am besten in die kleine Gasse stürmen könnte und ohne große eigene Verluste den größten Schaden bei den Blauzahnleuten anrichten könne.

 

Wie aus dem Nichts traf die erste Salve von fünfzehn Pfeilen die Nordmänner unverhofft. Von den Pfeilen trafen acht ihr Ziel und bei der nächsten Salve nochmals sieben.

 

Der Schildwall der Blauzahnleute aus der Siedlung bildete sich schnell und ganz vorne sahen alle, dass vier gerüstete Ritter des Ordens standen, die großen Schilde vor sich haltend. Die Schwerter auf die Gegner gerichtet gingen sie nun langsam auf die Nordmänner zu. Damit hatte keiner gerechnet. Auch nicht damit, dass nun ein paar Brandpfeile über die Mole auf ihr Langboot abgeschossen wurde.

 

Claus von Olsen rief mit einer Stimme, die niemand überhören konnte, den Nordmännern zu, dass sie abziehen könnten, wenn sie die Waffen streckten und ihr Langboot besteigen würden. Allerdings mussten sie bei dem Christengott und bei Odin schwören, dass sie nie wieder die Insel betreten würden. Nein, Claus von Olsen war nicht darauf aus, jemanden Schaden zuzufügen oder gar zu töten, das hatte er zu oft getan. Die Nordmänner waren zu unentschlossen. Die einen wollten sich zurückziehen und ein paar andere wollten den Kampf wagen. Der mit den besten Waffen sammelte eine paar Leute um sich und die rannten nun mit wildem Geschrei auf Claus von Olsen und seine Leute zu. Der blieb einfach stehen und wartete. Ein Teil der Angreifer war wegen dieser Reaktion verunsichert und sie liefen immer langsamer. Noch waren es gute zehn Meter bis zu Claus, aber die Schar der Angreifer war auf sechs zusammengeschmolzen. Einen wirklichen Kampf gab es nicht. Die Sechs kamen nicht bis zum Schildwall, denn Claus und die seinen benützten ihre Schilde, um die Angreifer anzuhalten. Drei sackten ohnmächtig davor zusammen, als man ihnen die Schilder ins Gesicht rammte. Der Anführer bekam es mit Claus Schwertklinge zu tun. Mit einem gewaltigen Schlag der breiten Seite der Klinge traf er ihn an der Stirnseite seines Helmes und schickte ihn ins Land der Albträume. Die anderen zwei drehten um und rannten weg. Der Rest der Nordmänner war zum Langboot geeilt, um das kleine Feuer, das entstanden war, zu löschen. Die Lust auf einen Kampf und auf Beute war allen vergangen. Auf dem Pier waren noch die Verletzten und versuchten ihren Kameraden zu folgen.

 

Mit einer Stimme, die gewohnt war, Befehle zu geben rief Claus den Blauzahnleuten zu, dass sie die Verwundeten entwaffnen, aber dann in Ruhe lassen sollten. Dann ging er mit seinen Leuten über den Pier auf das noch rauchende Langboot der Nordmänner zu. 

 

Die ehemaligen Kreuzritter standen am Pier, die Waffen bereit, aber doch gesenkt. Die Schilde waren so gestellt, dass sie jederzeit aufgenommen und Schutz bieten konnten. Claus von Olsen hatte gelernt, in solchen Situation sehr aufmerksam zu sein. "Gebt auf. Euer König ist schon lange tot und der neue König wird euch hart bestrafen, wenn er euer aller habhaft wird. Je mehr ihr raubt, mordet und Unrechtes tut, umso schlimmer macht ihr es. Die Bürger der Stadt haben inzwischen begriffen, dass ihr falsche Königsmänner seid und die Stadtwache wird sich nun auch gegen euch wenden. Ich verspreche euch, dass man euch gut behandeln wird, wenn ihr die Waffen niederlegt, aber einem Gerichtsprozess müsst ihr euch stellen. Ich will gerne euer Anwalt sein, wenn ihr das wollt. Wenn ihr kämpfen wollt, werden viele von euch sterben und dann gibt es für die, die überleben, keine Gnade. Also was wollt ihr?" Wie auf ein Zeichen hin sammelten sich nun auf dem Pier die Stadtwachen und viele bewaffnete Bürger. Das Langboot war unbrauchbar, die falschen Königlichen hatten nur noch die Möglichkeit, sich ein anderes Schiff zu nehmen. Dabei hätten sie aber  durch die Blauzahnleute durch oder über Land flüchten müssen. Beide Möglichkeiten bedeuteten Kampf und den konnten sie nun nicht mehr gewinnen. Einer der Königlichen warf sein Schwert und Schild aufs Pier, kletterte über die Bordwand und setzte sich mit erhobenen Händen auf den Boden. Langsam folgten ihm die anderen. Nur einer, ein sehr großer und kräftiger alter Mann blieb mit seinen Waffen an Bord. Er stellte sich ans Bug des Langbootes, regte die Arme mit dem Schwert und Schild nach oben und brüllte fast unverständlich nach Odin. Unvermutet streckte ihn eine Pfeil nieder, der die rechte Schulter traf und er stürzte rückwärts auf das Deck des noch leicht brennenden Schiffe. Jan hatte ihn niedergestreckt. Er ließ den Bogen fallen und nur mit einem Messer bewaffnet ging er durch die Gefangenen hindurch und sprang an Bord. Dort entwaffnete er den Mann, der sich nicht mehr wehren konnte. "Du kapierst nicht, wenn es vorbei ist. Odin will keine Idioten bei sich an seiner Tafel. Der will nicht nur mutige, sondern auch kluge Männer. Also jetzt gehst du nicht zu ihm, denn dort würdest du nur Wasser zu trinken bekommen. Das willst du nicht." Der Alte nickte nur. Er hatte verstanden, dass es aus war und ergab sich in sein Schicksal. Jan hob ihn auf die Beine und drei seiner alten Kameraden halfen ihm dann auf den Pier. Lars sortierte aus, wer der Pflege bedürfen würde und wer frei gehen konnte. Die ließ er binden und vom Pier führen, den Verletzten überließ er den Blauzahnheilkundigen. Die Toten wurden auf den Platz gebracht, wo Sophia bereits drei dem Tode übergeben hatte. Zwölf Unverletzte, sechzehn Verletzte und acht Tote. Lars meinte, dass sich noch mindestens zehn irgendwo versteckt hatten. Der Bürgermeister schickte Ausrufer in die Stadt, die vermelden sollten, dass die Königlichen aufgegeben hatten - alle sollten die Waffen niederlegen und zur Kirche kommen. Wer von den Königlichen nach Einbruch der Dämmerung aufgefunden würde, sollte sofort und ohne Gnade niedergestreckt werden.

 

Die Verwundeten wurde in der Kirche behandelt, die Gefangene wurden vor der Kirche festgehalten. Lars ließ drei Feuerkörbe bringen und Holz entzünden, daran konnten sich Wächter und Gefangene wärmen. Obwohl man die Bürger Visbys nicht gerade höflich behandelt hatte, wurde keiner der falschen Königlichen übel angegangen. Lars und der Bürgermeister sorgten dafür, dass die Ordnung aufrechterhalten wurde. Bis Einbruch der Dämmerung ergaben sich noch sieben weitere. Drei wurden in der Nacht, als sie sich heimlich davonschleichen wollten, erschlagen. Die drei hatten Säcke mit Beute dabei, die man dann zum Kirchplatz brachte.

 

Noch am späten Abend wurde das Langboot der Königlichen von allem befreit, was man an Nützlichem finden konnte. Vier Karren voll mit Waffen, Küchengeräten, Nahrungsmittel, Fässern mit Met, drei kleine Kisten mit Hacksilber und ein paar goldene Kreuze aus Kirchen vom Festland - alles wurde auf dem Kirchplatz ausgestellt. Am nächsten Morgen wollte Erik und Lars dann das Langboot inspizieren, ob es noch zu reparieren war oder ob es besser als Brennholz dienen sollte. Der Bürgermeister gab sich als starker Mann aus, aber er hatte das Vertrauen der Bürger verloren. War er doch auf das falsche Siegel und die falsche Fahne hereingefallen und hatte mit seinem Fehler die Stadt den Söldnern ausgeliefert.

 

Alle Verletzten wurde soweit hergerichtet, dass sie am Morgen zur Gerichtsverhandlung auf dem Kirchplatz gebracht werden konnten. Was dann mit ihnen geschehen sollte, war Sache des Gerichtes.

 

Nachdem der Bürgermeister bemerkte, dass ihm seine Autorität drohte, verlustig zu gehen, begann er mit kleinen Intrigen, diese wieder zu erlangen. Es begann damit, dass er meinte, dass man eigentlich keine Gerichtsverhandlung machen dürfe, da man hierzu die Erlaubnis des Königs benötigen würde. Claus von Olsen änderte daraufhin einfach den Begriff Gerichtsverhandlung in das Wort Schicksalsberatung und legte sein Schwert auf den Tisch des Bürgermeisters. Diese Geste erlaubte keinen Widerspruch. Danach gab der Bürgermeister seine vermeintlichen Ansprüche auf das Hacksilber bekannt. Lars und Erik verkündeten lautstark auf dem Kirchplatz, dass die Beute, die auf dem Marktplatz lag, dazu dienen sollte, die Schäden, die durch die Söldner entstanden waren, auszugleichen und dass der Rest dann an alle zu gleichen Teilen verteilt werden sollte. Natürlich wurde der Vorschlag des Bürgermeisters damit von allen aus der Stadt und den Blauzahnleuten abgelehnt. Der Bürgermeister verlor immer mehr an Macht. Dann drohte er noch, einen Brief an den König zu schreiben. Lars meinte nur zu ihm, dass er ihm dabei gerne helfen würde, damit er nicht vergessen würde, seine unrühmliche Rolle bei der Geschichte nicht auch dem König mitzuteilen. Nein, der Bürgermeister und die Blauzahnleute würden damit wohl nie in tiefer Freundschaft leben können.

 

In dieser Nacht starben noch drei der Söldner an ihren Verletzungen und zwei der Bürger der Stadt, die der Folter durch die Söldner zu sehr Schaden genommen hatte.

 

Die Schicksalsberatung war auf die Zeit nach dem Morgengebet festgelegt. Die Dämmerung hatte da zwar noch nicht eingesetzt, aber die meisten Bürger waren zu dieser Zeit schon wach und man wollte eigentlich nicht zu viel Zeit mit der Beratung verlieren und so schnell wie möglich wieder zum normalen Tagesablauf zurückfinden. Für manche mochte so eine Schicksalsberatung etwas unterhaltsam sein, aber es war wichtig, dass alle wieder in Ruhe ihren Geschäften nachgehen konnten.

 

Nach dem Morgengebet wurden die Verletzten aus der Kirche gebracht und neben ihre frierenden Kameraden gesetzt. Claus kannte inzwischen den Kapitän des Langbootes und den Anführer der Söldner. Beide hatte die Kampagne fast unverletzt überstanden.

 

Der Bürgermeister wurde gezwungen, die Schicksalsanklagen zu verlesen. Damit machte er sich mitschuldig, sollte es zu einer Auseinandersetzung mit dem König kommen und man zwang ihn damit, sich an allem zu beteiligen, was nun beschlossen wurde.

 

Laut las er die Missetaten der falschen Königlichen vor, dann nannte er die Namen der beiden Anführer und bat sie um ihre Gegenrede. Beide schwiegen und überließen das Wort Claus von Olsen. Der bestätigte die Missetaten, bat aber bei der Schicksalsberatung um Milde und Gnade, denn es seien ja schon genug gestorben und man würde alles, was beschädigt war, bezahlen und den Rest der Beute käme ja der Stadt zu Gute. Sie würden ohne Waffen abziehen und die Insel nie wieder betreten. Ihr Tod würde niemandem nutzen.

 

Zuerst murrten alle Anwesenden, dann fielen sie in lautes Gelächter. Lars trat vor und meinte, das sei doch kein Schicksal, über das man da beraten würde, das wäre ein Geschenk an eine Bande von Mördern und Dieben. Nein, da müsste schon etwas mehr an Schicksalsträchtigem kommen.

 

Natürlich hatten sich Claus von Olsen und Lars in der Nacht abgesprochen, sie wollten damit prüfen, was die Bürger erwarten würden. Sie spürten bald, dass man die Bande los werden wollte, damit einfach wieder Ruhe einkehren konnte. Die meisten waren aber ihrem Bürgermeister mehr als nur gram. Für sie war er der wahre Schuldige, aber wie sollte man ihn bestrafen.

 

 

 

Fortsetzung folgt