Kapitel 1 - neu

 

Willkommen im Mittelalter

 

Gotland 17. Dezember im Jahre des Herren 1215

 

Peter vom und zu Bärental klopfte nun schon zum dritten Mal an die Kemenatentür von Jorg Jorgsson und bat ihn lautstark, endlich aufzustehen. Der rief aber mit fast gebrochener Stimme, dass es ihm einfach zu kalt sei und er noch etwas schlafen wollte. Jorg war ein eher schmächtiger Geselle, der in der Blauzahnsiedlung als "der Sanfte" gehandelt wurde. Peter vermutete, dass der Würzwein, den ihm Gerritus, der Medicus ihres Hauses, verabreicht hatte, ihm wohl nicht so bekommen sei und dass das Kraut, dass man gestern noch in den Räumen verbrannt hatte, ihm auch noch zusetzte. Also musste er alleine mit den Wikingern zum Hafen gehen und ihre Schiffe inspizieren. Das passte ihm nicht, denn auch er hatte noch einen dicken Kopf von dem Würzwein.

 

 

Draußen wartete Knorre, der Schiffsjunge. Den hatte Simon ihnen geschickt. Simon war mit drei seiner Leute eingeteilt, um auf die Schiffe aufzupassen. Gestern war ein Abgesandter des Königs nach Gotland gekommen, um sich um die Steuereinnahmen zu kümmern. Das war mehr als nur merkwürdig, denn im Winter fuhren keine Schiffe vom Festland zur Insel, nur wenn es sehr dringend war. Steuern waren wichtig, auf jeden Fall für den König, aber nicht für die Inselbewohner. Aber im Winter war noch nie ein Steuereintreiber auf die Insel gekommen. Und Simon war etwas aufgeregt, weil der Steuereintreiber eines der Schiffe beschlagnahmen wollte. Sie hatten eine Knorr und zwei Langschiffe bei Visby liegen und eine andere Knorr lag etwas weiter östlich in einer kleinen Bucht.

 

Also marschierte Knorre mit Lars, Erik, Jan und Pet die dreitausend Schritte nach Visby. Alle hatten sich warm angekleidet und Schwerter umgegürtet. Erik hatte zudem einen mannshohen Eichenknüppel mitgenommen. Drei ihrer vier Hofhunde liefen neben ihnen her. Reißzahn wurde gerade im Frauenhaus verwöhnt. Der Irische Wolfshund war erst vier Monate alt und noch nicht so gut abgerichtet, wenn es mal zu einer kleinen Auseinandersetzung kommen sollte. Der wollte immer nur fressen, gestreichelt werden und schlafen.

 

Knorre war ganz aufgeregt, denn er hatte nun eine ganz wichtige Aufgabe erledigt. Er war als Bote zwischen dem Hafen und der kleinen Blauzahnsiedlung eingesetzt worden. Jorg hatte Knorre auf einem Sklavenmarkt in Hammaburg gekauft. Keiner wollte den abgemagerten kleinen Kerl haben. Jeder der ihn sah, dachte, dass er, sobald man für ihn das Hacksilber oder die neuartigen Münzen hinlegte, umgehend zu den alten Göttern oder auch zu dem neuen Gott aus Rom marschieren würde. Aber Erich hatte es geschafft, dass er zu einem dienstbaren Geist wurde und im Laufe der Monate war Knorre ein nützliches Mittglied ihrer Gemeinschaft geworden. Vor allem im Frauenhaus tobten sich einige der Damen an ihm aus und übten sich an ihm als Muttertiere. Vor ein paar Tagen hatte Jörg ihm ein Messer geschenkt, das trug er nun sichtbar an seinem Gürtel.

 

Die kleine Gruppe musste über den Marktplatz gehen, um zum Hafen zu gelangen. Auf dem Marktplatz standen für die Tageszeit einfach zu viele Menschen herum und Erik musste einige Leute kräftig zur Seite drücken, um ihnen den Weg frei zu machen. "Da wird gerade einer an den Schandpfahl gebunden. Und daneben stehen ein paar Bewaffnete. Das Wappen auf ihren Wamsen kenne ich aber nicht. Ist irgendwie recht schlampig gemacht oder die Männer sind schon einige Zeit nicht mehr zur Ruhe gekommen. Der Bürgermeister steht auch bei den Bewaffneten. Ich gehe mal zu ihm und frage, was das soll." Erik wartete wie üblich auf keine Antwort, sondern marschierte los. Die anderen blieben einfach stehen und warteten. Als der Bürgermeister Erik sah, ging er auf ihn zu. Mit Handzeichen versuchte er, ihn daran zu hindern, weiter zu gehen. "Erik bleib wo du bist. Die Söldner des Königs haben sich ein paar säumige Steuerzahler gegriffen und wollen an ihnen ein Exempel statuieren. Ich wollte für sie bürgen, aber ohne weiteres Silber wollen sie nicht weiterziehen. Von mir haben sie das Silber genommen, aber damit wäre die Steuerschuld nicht getilgt, sagen sie. Ich kann den armen Bauern nicht helfen. Ich kann mich nicht gegen den König auflehnen." Erik hatte ihm zugehört und schaute sich die Bewaffneten genau an. "Woher weißt du, dass die Schurken vom König kommen? Und wo ist denn ihr Hauptmann?" Der Bürgermeister schaute Erik verwundert an. "Die haben mir das gesagt und einer hatte ein Dokument dabei, das hatte das Siegel des Königs. Darin stand, dass sie nochmals ein Fünftel der Steuern im Voraus mitnehmen müssten. Selbst die Kaufleute aus dem Kaiserreich und Nowgorod haben bezahlt. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, haben sie sogar einen aus Nowgorod verprügelt. Der Hauptmann ist unten im Hafen, um sich eines eurer Schiffe zu bemächtigen."  Erik schaute immer noch wie gebannt auf den armen Kerl, den man an den Pfahl binden wollte und die Männer mit den Schwertern. Kurz wandte er sich nochmals an den Bürgermeister. "Zögert das mal so lange ihr könnt hinaus. Hier stimmt was nicht. Wir müssen zuerst zum Hafen und kommen dann wieder." Dann eilte er zu den Wartenden. "Das sind garantiert keine Königlichen. Hier ist was faul. Wir müssen schnall zum Hafen, bevor die sich eines unserer Schiffe unter den Nagel reißen. Knorre laufe zur Siedlung und hole die anderen und keiner soll ohne Schwert oder Beil hierher kommen. Sie sollen sich aber beeilen." Knorre wurde von einem der Hunde begleitet. Jeder in Visby wusste, dass diese Tiere aus der Blauzahnsiedlung sich verdammt gut in Kehlen verbeißen konnten.

 

Kaum hatten sie den Hafen erreicht, sahen sie, dass auf ihrer Knorr einige Fremde auf und abgingen. Simon stand mit einer blutigen Nase auf einem der Langboote und fluchte laut in Richtung der Fremden. Seine Leute saßen gefesselt am Ufer und wurden von einem Mann mit einer alten rostigen Lanze bewacht. Pet sprach ihn an und wollte wissen, wer denn hier das Sagen hatte und warum die Männer gefesselt auf dem Boden saßen. Missmutig raunzte der Mann Pet an, dass ihn das nichts anginge und dass er besser verschwinden sollte. Angewidert drehte sich Pet um. "Der Mann braucht kein Schwert oder eine Lanze. Der stinkt so aus dem Maul, dass er damit alles vertreibt, was vor ihm steht. Am besten ist es, wenn man ihm ordentlich von hinten einen Tritt verpasst, damit er gleich auf's Maul fliegt und keinen mehr anhauchen kann." Wie befohlen trat Lars ihm von hinten zwischen die Beine und der Mann kippt nach vorne und krümmt sich mit lautem Gejammer auf dem schneebedeckten Boden. Mit einem Messer befreite inzwischen Erik die fünf Gefesselten.

 

 

 

Die Blauzahnsiedlung bei Visby auf Gotland

 

Nachdem die sechzehn Weltenbummler sich auf Nordstrand gefunden hatten, beschlossen sie, gemeinsam in die Ostsee einzufahren, um dort einen Ort zu suchen, wo sie in aller Ruhe ihr Leben leben konnten, ohne den Anfeindungen und Verfolgungen der letzten Jahre ausgesetzt zu sein. Auf ihrer Reise nach Gotland schlossen sich ihnen eine ganze Horde von Frauen an, die auf der Suche nach mehr Freiheit von zu Hause weggelaufen waren. Die zwanzig Frauen waren allerdings nicht wie die Blauzahnmannschaft alle über sechzig Jahre alt, sondern zwischen achtzehn und sechzig. Auf Gotland kauften sie sich ein großes Anwesen bei Visby, Bauten dort die vorhandenen Steinhäuser aus und bauten dazu noch Ställe und eine große steinerne Umfriedung. Auf einer ihrer Handelsreisen ins Gebiet von Nowgorod wurde die Blauzahn von Piraten überfallen. Allerdings hatten die Piraten nicht mit der Kampfkraft der alten Männer und der Weiber gerechnet. Die Piraten wurden niedergerungen, ihr Langboot in Besitz genommen und die Besatzung als Sklaven mitgenommen. Gott sei Dank wurde bei diesem Überfall niemand ernsthaft verletzt. Pet vermutete, dass die Piraten noch im Lehrstadium ihrer Karriere gewesen waren und sie bei diesem Überfall nicht ihre Meisterprüfung ablegen konnten. In langen Gesprächen überzeugte York Simon, den Kapitän der Piraten, sich ihnen mehr oder weniger freiwillig anzuschließen. Und alle fünfzehn machten mit, acht Frauen, darunter auch die Schwester von Simon Sasha und sieben Männer. Mit den Sklaven und ein paar Hörigen wuchs die Siedlung schnell auf siebzig Bewohner, vier Hunde, dreißig Pferde, zwölf Kühe, zehn Ziegen, zehn Schafe und sehr viele Hühnern. Der Boden rund um die Siedlung war nicht unbedingt für Ackerbau geeignet. Aber das, was ihr Land so hergab, dazu noch ihr Handel auf der Ostsee und die Produkte, die sie mit ihrer Schmiede herstellten und durch die Heilkunst von Gerretius und Sylvia kamen sie zu einem sehr interessanten Reichtum. Nach außen hin wurden sie von Lars, Jan, Peter ( manchmal auch Pet genannt )  und Melanie vertreten, aber es herrschte so eine Art Demokratie bei ihnen. Es gab sechsunddreißig Stimmberechtigte und wenn es um wichtige Entscheidungen ging, dann durften diese sechsunddreißig Stimmen ihre Wahl treffen. Und es war ein Vergnügen, wenn irgendwelche Entscheidungen anstanden. Es wurde gestritten, gegessen, getrunken und geliebt, bis man für irgendeine Sache die Mehrheit zusammen hatte. Nur bei Rechtsstreitigkeiten war es anders. Da hatten Jan, Pet, Melanie und Sophia drei Stimmanteile mehr als alle anderen und Lars war Streitschlichter, ohne dass er einen Stimmanteil hatte. Die Sklaven und Hörigen waren nicht vollkommen rechtlos. Sie durften nicht geschlagen werden und sie sollten auch nicht hungern. Sie waren aber an die Siedlung gebunden und durften ohne Erlaubnis das Gebiet nicht verlassen. Auch Heiraten oder ähnliches war ihnen ohne Zustimmung nicht erlaubt.

 

York hatte allen Freien Lesen und Schreiben gelehrt. Und er bemühte sich auch bei den Sklaven und Hörigen um etwas Bildung und sein größter Wusch war, allen den Aberglauben auszutreiben. Jorg war ein guter Christ, er glaubte auch nicht an Thor oder Odin und sonst irgendeinen oder mehrere Götter. York war ein Realist und glaubte an das, was er sah, was er berechnen konnte und er glaubte an den Verstand. Jorgs größte Leidenschaft war das Sammeln von Wissen. Nach seinen Plänen war das vierte Schiff, die kleine Knorr - so nannten alle das Schiff - gebaut worden. Es war stabiler als die anderen Schiffe, schneller und man musste es fast nicht rudern, da das Segel immer so gestellt werden konnte, dass sich der Wind in ihm verfangen konnte.

 

Der Junge Knorre und der neue Hofhund Reißzahn waren die Mitglieder der Blauzahngemeinschaft, die neu dazugekommen waren. Knorre war eigentlich Yorks Privatsklave, aber das ließ ihn niemand spüren. Jeden Freitag musste er allerdings zu York gehen und der lehrte ihn von morgens bis abends an diesem Tag Lesen, Schreiben und Rechnen. Und an Sonntagen nahmen ihn die Frauen mit in die Kirche. Dort lernte er ordentlich beten und singen.

 

Die Blauzahnsiedlung war nicht unbedingt das Paradies, aber bot allen eine gewisse Sicherheit und sehr viel Freiheit. Vor allem die Freiheit, zu glauben an wen oder was man wollte, war allen sehr wichtig. Wenn Lars mal wieder Thor um Hilfe bat und neben ihm Gregorius zu seinem Gott aus Rom betete, dann konnte es schon sehr laut werden, denn beide waren der Meinung, dass man Götter wohl sehr laut anrufen musste, wenn sie einen erhören sollten. Und nach ihrem Geschrei mussten sie immer gemeinsam ihre Stimmen mit sehr viele Met beruhigen. Aber so wie es schien, waren Thor und der Christengott mit beiden einverstanden, denn sie hatten bei allem, was sie machten, immer sehr viele Glück besessen. Sie doch beide noch alle Zähne und Gliedmaßen.

 

 

 

17. Dezember im Jahren des Herren 1215 Hafen von Visby

 

Der stinkende Söldner, den Lars mit einem Tritt niedergestreckt hatte, jammerte immer noch. Mit seinem Knüppel brachte Erik ihn zum Schweigen. Die fünf, die gerade noch gefesselt waren, bedienten sich bei dem Niedergestreckten und bewaffneten sich mit dessen Schwert, einem langen Messer und seinem Speer oder sie suchten sich ein paar Knüppel.

 

"Kaum sind wir mal an einem Mittwoch in der Kirche und weg von euch, schon gibt es Ärger. Wer ist dieser Bedauernswerte, den der große Grobian Erik hier so misshandelt hat?" Peter und Lars drehten sich erschrocken um. Hinter ihnen stand Sophia mit fünf anderen Damen aus dem Blauzahnhof. Kurz erklärte Lars ihr, was bisher geschehen war. Erik drehte den Niedergestreckten um. Sophia betrachtete ihn sehr genau. "Warum trägt der hier das Wappen des alten Königs? Das ist doch das Wappen der Karlsson und jetzt ist doch einer aus dem Hause Erik König. Erik Knudsson heißte er!" Jetzt wurde Lars klar, was da mit dem Wappen nicht stimmte. Die sahen sich zwar sehr ähnlich, aber es gab am Rand des Wappens einige Unterschiede. Das sind also nicht die Männer des Königs. Dann sahen sie auf einem der Langschiffe, wie Simon immer wieder auf eine große Hütte am Hafenrand deutete. Ihre Hütte. Hier übernachteten ihre Hafenwächter, wenn die Schiffe im Hafen waren. Sie gingen alle gemeinsam los, nicht ohne den schweigenden Stinker des ehemaligen Königs. Den packten zwei der Männer aus Nowgorod, schleppten ihn mit und versenkten ihn achtlos am Rande des Hafenbeckens im Meer. Den betroffenen Blick, den ihnen Sophia zuwarf, missachteten sie, denn es gab nun wirklich Besseres zu tun, als sich Gedanken um ein nutzloses Leben zu machen. Einer weniger, der ihnen schaden konnte, war doch wirklich mehr wert als ein strafender Blick. Als sie der Hütte näher kamen, hörten sie das laute Geschrei einer Frau. Lars riss die Türe auf und im Halbdunkel sahen sie drei Männer, die gerade versuchten, einer Frau die Kleider vom Leibe zu reißen. Die Frau war Maria, die Tochter von Birgit. Die drei nahmen gar nicht zur Kenntnis, dass die Türe nun offen war und Bewaffnete in die Hütte eindrangen. Sie waren so mit Maria beschäftigt, dass sie nicht einmal merkten, wie Erik und Lars ihnen auf ihre unbehelmten Schädel schlugen und von Maria wegzogen. Erst als sie aus ihrer Ohnmacht aufwachten und spüren mussten, dass sie gefesselt und geknebelt waren, wurde ihnen bewusst, dass das erzwungene Schäferstündchen zwangsweise beendet worden war. "Kümmern wir uns nun um die vermeintlichen Königlichen. Sophia kümmerst du dich um Maria und pass auf die drei Halunken auf." Dann schob er Erik, Peter und Jan aus der Hütte. Am Eingang drehte er sich nochmals um, rief die Hunde zu sich und schaute Sophia an. "Du musst dir keine Gedanken machen, die drei müssen sterben. Das sind Knechte des alten Königs, die ihr Wappen missbrauchen. Räume aber bitte unsere Hütte wieder auf, wenn du mit ihnen fertig bist." Dann eilte er den anderen hinterher. Und Sophia dachte nicht daran die Hütte aufzuräumen. Sie schleppte mit den anderen Frauen die drei durch die Hintertür hinaus und legte sie auf einen Berg voll Müll. Sie entkleideten die drei, was nicht schnell genug weggezogen werden konnte, wurde aufgeschnitten. Ob da etwas Haut, Fleisch oder Knochen im Wege war, kümmerte sie nicht. Dann öffnete Sophia ihnen die Adern am Hals und der Lebenssaft konnte ungehindert auf den Müll rinnen. Danach nahmen sie die Waffen der besiegten Sterbenden und folgten Lars und den anderen. Schon aus einiger Entfernung konnte sie lautes Geschrei hören, das aus der Nähe ihrer Schiffe kommen musste. Offensichtlich waren ihre Freunde in Schwierigkeiten.

 

Fortsetzung folgt