Kapitel 60 und Ende von Band 2

Aus dem Tagebuch der Sophia

 

Die Pressekonferenz war für mich etwas enttäuschend. Ich hatte mir eigentlich mehr konstruktive Fragen erwartet. Was kam dabei raus. Fragen nach Abenteuer, Sex, Fitness und Essen. Die Frage von der Staatsanwältin kam mir schon sehr merkwürdig vor. War sie doch kein Pressevertreter und wurde doch gefragt. Später klärte sich das etwas auf, da sie doch als Freizeitjournalistin für ein juristisches Blatt Beiträge schreibe. Was das mit unserer Reise zu tun hat, ist mir nicht ganz klar geworden. Nur eines wurde uns allen schnell bewusst: Ihr Interesse an Mathias.

 

Ich war froh, dass Otto und ich dabei waren, als Pet loslegte. Hätten wir ihn nicht immer wieder mit Handzeichen dazu gebracht, sich etwas zu bremsen, dann wäre das zu einer Marx, Engels, Jesus Christus, Martin Luther und einer Prise Dalai Lama Mixtur Rede geworden. Pet und sein Sinn für Gerechtigkeit. Der Analyst, der alles bis ins Detail anschaut und zergliedert, hat ein wirkliches Näschen für Unfaires. Er tat sich nur keinen Gefallen damit. Es verbrannte ihn fast, wenn er darüber sprach und immer Neues entdeckte. Die Natur, der Mensch sind ans Überleben gebunden und nicht an Fairness. Was das betrifft, hat er schon recht, wenn er sagt, dass wir das Archaische in uns noch festhalten und uns dabei moralisch noch im Mittelalter befinden. Jedes Mal, wenn er über Ungerechtigkeit doziert, sieht man den Schmerz in seinen Augen. Er muss wirklich vieles gesehen und erlebt haben, was ihn im tiefsten Inneren getroffen hatte.

 

Wir wissen alle, dass zwischen Recht und Gerechtigkeit tiefe fast unüberwindliche Gräben sind. Aber wir müssen lernen, damit umzugehen und auch mal Gesetze als Regelwerke zu sehen, die es uns ermöglichen, einigermaßen sicher miteinander zu leben. Kranke Hirne gibt es trotz dieser Regelwerke immer. Mord, Diebstahl, Mobbing, Vergewaltigung und andere Straftaten lassen sich nicht per Gesetzt einfach wegwischen. Pet hat allerdings recht, wenn er meint, dass wir als aufgeklärte Gesellschaft einfach zu oft wegschauen und auch per Gesetz dazu genötigt werden, Ungerechtigkeit hinzunehmen. Für mich war die Bankenkrise auch ein Beispiel totalen politischen Versagens. Da bezahlte man Fachleute, die die freie Markwirtschaft beobachten sollten und Warnsignale aussenden müssen, wenn so etwas im Entstehen ist und geschehen ist nichts. Im Nachhinein waren alle schlau und wussten schon alles vorher, gesagt haben diese Kompetenzzentren nichts. Und dann die Bankenrettung, Milliarden an Steuergeldern wurden dafür geopfert und profitiert haben davon am wenigsten die Kunden. Boni wurden an die gierigen Versager bezahlt. Ich kann Pet verstehen und wir alle lieben ihn deshalb auch, dass er so offen ist. Aber manchmal wirkt er schon zu verbissen. Das wird ihn irgendwann mal auffressen. Das sollten wir verhindern. Ich sollte mal ehrlich zu mir selbst sein, ich würde das gerne verhindern.

 

Otto ist da anders. Er hat prinzipiell ähnliche Ansichten wie Pet, nimmt sich aber mit Schuldzuweisungen lieber zurück. Weil er sagt, dass er zur Zeit keine schlüssigen Konzepte kenne, wie die Welt wieder zurechtgerückt werden könne. Er  sieht vieles einfach positiv, weil es vieles relativiert und grenzt sich doch ab. Er sucht das verletzungsfrei Miteinander. Beide, Otto wie Pet wirken manchmal etwas naiv, aber wahrscheinlich ist es genau das, was die beiden ausmacht. Ihre unterschiedlichen Gemeinsamkeiten. Melanie und ich haben uns schon mal gefragt, ob diese beiden in einem anderen Jahrhundert überhaupt überlebt hätten oder ob sie genau in diese Jetztzeit reinpassen?

 

Ich werde es hoffentlich erfahren und freue mich darauf, wenn es weitergeht nach Gotland. Was erwartet uns dort?

 

 

 

 

 

10. Dezember 2015 13.30 Uhr auf der Blauzahn

 

Melanie, Julia und Betty standen an schon einige Zeit am Eingang zur Messe der Blauzahn, ohne dass sie jemand bemerkt hatte. Erik war der Erste, der die drei sah und winkte ihnen schweigend zu, dass sie sich doch zu ihnen setzen sollten. Erst als sie am Tisch standen, wurden auch die anderen auf sie aufmerksam. Sie begrüßten sich und Julia setzte sich als erste in den Kreis der Männer. "Ihr werden staunen, aber auch wir haben diese Diskussion schon einmal geführt. Ist Verlieben gut? In der Situation in der wir uns befinden, könnte es doch zu Konflikten führen, oder habt ihr nicht in diese Richtung gedacht? Wenn es euch tröstet, wir haben keine allgemeingültige Lösung gefunden. Liebe ist das, was es ist, ein göttliche Überraschung, die wir einfach annehmen müssen. Ohne geht nicht und mit wird das Leben einfach kompliziert und schwierig. Und so eng wie wir zusammen leben, arbeiten, das alles um uns herum versuchen, zu gestalten, kann das nicht ausbleiben, dass der eine oder die andere sich verliebt. Bisher haben wir ja schon ein paar Verliebte unter uns. Hat es unser aller Leben verkompliziert? Nein, ich bin der Meinung es hat einige in ihrem Leben bereichert und mindestens zwei sehr glücklich gemacht. Und Warnungen, dass das nicht gut sei, sind sinnlos und einfach dumm. Und das mit dem Alter habt ihr doch selbst widerlegt, oder habt ihr auf einmal Bedenken? Die Liebe ist an kein Alter gebunden. Standard war doch meistens, dass Männer älter sind als ihre Frauen und da seid ihr doch ganz auf der bürgerlichen Linie. Umgekehrt geht auch, da spricht nichts dagegen. Es ist individuell, wie dieser biologisch hormonelle Cocktail in uns wirkt. Ich bin der Meinung: Lasst es zu, alles ist erlaubt, was keinem anderen schadet. Und das mit an die Zukunft denken fanden wir Frauen Jahrtausende lang für sehr wichtig. Ging es doch um die Langlebigkeit des Ernährers. Das hat heute nicht mehr die Priorität. Klingt nicht sehr schön, aber die Prioritäten haben sich nun mal verschoben. Aber ich finde das trotz allem immer noch eine Diskussion wert. Darüber nachzudenken und darüber zu sprechen und wenn es soweit ist, es auch einfach zuzulassen. Denn wenn wir das zulassen, dann sollten wir unseren Gefühlen auch den notwendigen Respekt zollen. Nur dann macht es Sinn. Genug geredet von meiner Seite, es ist mir zu früh, um noch tiefer in das Thema einzusteigen. Wir wollten eigentlich mit euch über das Thema Weiterreise reden. Sasha und Simon kommen auch bald rüber. Wollen wir oder passt das jetzt nicht?" Julias Stimme klang sehr kraftvoll und war selbstbewusst wie noch nie. Das fiel allen sofort auf. Auch Betty, die immer noch etwas mädchenhaft gewirkt hatte, kam ihnen heute weiblicher und stärker vor. Entweder waren sie alle etwas sensibler oder ihnen war diese Entwicklung entgangen. Jose brachte es auf den Punkt, als er später mit Alberto darüber sprach. Seiner Meinung nach hatten sie alle die Ereignisse der letzten Wochen mehr geprägt, als der Ausgang ihrer Reise. Bei ihnen war es St. Helena und bei den anderen die Attacke des U-Bootes. Selbst ihre neuen Freunde von der Sasha durchlebten gerade etwas, das hatte ihnen Simon berichtet. Er meinte auch, dass er sich seines Lebens nun immer bewusster wurde, damit auch seine Sehnsucht nach etwas Sinnvollem mit dem Einschiffen auf der Sasha immer näher kommen würde. Konkret konnte er das noch nicht erklären, aber er spürte die Veränderung. Alberto meinte, allerdings etwas scherzhaft, dass es doch so etwas wie Familie, Liebe und Erfüllung sein könnte, das sie alle erfasst hätte. Aber auch er konnte es nicht wirklich erklären.

 

Am 12. Dezember erhielten sie die Information von der Staatsanwaltschaft, dass sie dieser nun nicht mehr zur Verfügung stehen mussten und dass ihrer Abreise nichts mehr im Wege stehen würde. Allerdings bekamen sie diese Nachricht von einem Mann. Frau Dr. Brohm hatte den Fall abgegeben und sei nicht mehr zu erreichen. 

 

Die Abfahrt der kleinen Flotte wurde auf den 13. Dezember 2015 10.00 Uhr festgelegt. Die Kraftstofftanks waren voll, die Vorräte an Wasser und Nahrungsmittel wurden überprüft und soweit wie notwendig ergänzt.

 

Pünktlich um 10.00 Uhr wurden die Leinen gelöst und schon nach 4 Kilometern konnten alle drei Segelschiffe ihre Segel setzen und Richtung Fehmarn Belt segeln. Nach den etwas mehr als eintausend Kilometer über die Ostsee wollten sie am 16. Dezember in Visby anlegen. Die Fahrt verlief unspektakulär, das Wetter war nicht unbedingt geeignet, um es eine lockere Segeltour zu nennen, aber die erfahrenen Mannschaften konnten auch damit umgehen. Temperaturen von einigen Plusgraden bis zu Minusgraden wechselten sich ab. Regen, leichter Schneefall und eine etwas raue See waren eher dazu geeignet, es sich an einem Kaminfeuer bequem zu machen.

 

Am 15.12.2015 bekamen sie die Nachricht von ihrem neuen Gastgeber auf Visby, dass man  vier größere Gästehauser für sie alle außerhalb der Stadt zur Verfügung stellen konnte. Zweiundzwanzig Doppelzimmer und achtzehn Einzelbettzimmer standen in drei Gästehäusern zur Verfügung und ein Gästehaus mit acht Zimmern und einer eigenen Küche. In einem der Gästehäuser gab es einen Saal mit sechzig Sitzplätzen, den man als Speisesaal und auch als Vortragsraum nutzen konnte. Zudem gab es hier eine sehr große Küche. Alle Zimmer waren einem Viersternehotel-Niveau angepasst. Alles bestens ausgestattet, überall Internetanschluss, Fernsehgeräte in jedem Raum und einen Einkaufservice, der ihre Bedürfnisse entweder direkt oder mit ihnen gemeinsam befriedigen sollte. Ein kleines Bürogebäude mit zwanzig Arbeitsplätzen hatte man neben den Gästehäusern eingerichtet. Die Bilder die man dieser Beschreibung beigefügt hatte, zeigten ein vielversprechendes Ambiente.  Zwei der Gästehäuser waren Steinhäuser, offensichtlich historische Gebäude, die man den Bedürfnissen entsprechend saniert hatte. Die beiden anderen Häuser waren Holzhäuser mit sehr großen Terrassen und das Bürogebäude war ein Haus, das rundherum verglast war.  Ebenfalls standen ihnen rund um die Uhr drei PKW, ein Van mit sieben Sitzplätzen und auf Abruf ein Bus für fünfundfünfzig Sitzplätzen zur Verfügung.  Das erste Meeting mit ihrem Gastgeber war auf den 17. Dezember 2015 terminiert.

 

16. Dezember 2015 5.30 Uhr Hafen von Visby     

 

Noch war es dunkel und bei etwas unter null Grad und einem heftigen Nord-Ost Wind auch sehr unangenehm draußen auf dem Pier. Jose, Alberto und Juris machten die Blauzahn am Pier fest. Neben der Blauzahn machte die Ageli fest, hinter der Blauzahn vertäute man die Sasha. Während der Fahrt hatte man sich auf einen Verhandlungs- und Beraterstab geeinigt. Für die Blauzahn warten Otto, Pet und Mathias ausgewählt worden, für die Ageli, Sophia, Birgit und Mandy und von der Sasha wurden die Matrosin Ariana, der Kapitän und Inhaber Simon und die Steuerfrau Wiktoria abgeordnet. Sie sollten den Übergang von See auf Land organisieren, auch die Auswahl der Häuser und der Zimmerbelegung war in ihrer Hand. Die abschließenden Verhandlungen mit ihrem neuen Gastgeber sollten sie auch führen, wobei klar war, dass man irgendwann ein Verhandlungs- und Führungsmandat für maximal drei Personen erreichen wollte. Das war aber Schritt zwei.

 

An Land warteten bereits fünf Personen. Ein Vertreter der örtlichen Polizei, ein Mitarbeiter ihres Gastgebers, ein Busfahrer, ein LKW Fahrer, der ihr Gepäck übernehmen sollte und Frau Dr. Brohm.

 

Ohne es besonders drauf anzulegen, wurden alle Zeugen einer sehr herzlichen Begrüßung zwischen Mathias und Frau Dr. Blohm. Dann kam der Vertreter ihres Gastgebers auf Pet und Otto zu, die sich nach einem Orientierungsrundblick über die Gangway auf den Pier begaben. Er stellte sich als Sven Albertson vor und bat nun allgemein kurz um die Aufmerksamkeit aller. Nach einer kurzen und höflichen Ansprache gingen alle wieder zurück an Bord ihrer Schiffe und holten ihr Gepäck, das sie dem LKW Fahrer übergaben. Die Vorratsräume sollten am kommenden Tag geleert werden. Als alle mit Packen und Weitergabe ihres Gepäcks fertig waren, setzten sie sich in den Bus und wurden zu ihren Gästequartieren gefahren. Als sie nach etwas mehr als dreißig Minuten bei ihrem Quartier ankamen, waren alle erstaunt über die Größe des Anwesens. Eine kleine Mauer aus Bruchsteinen umgab die Häuser und alle Wege waren mit den gleichen Steinen belegt wie die Häuser gebaut waren. Die Holzhäuser und die Holzteile an den Steinhäusern waren mit einem hellen Blau gestrichen. Alle Häuser waren mit überdachten Wegern miteinander verbunden. Alles sah sehr gepflegt aus. Da man bereits auf den Schiffen die Belegung der Gästezimmer besprochen hatte, verteilten sich alle auf ihre Zimmer, um dort ihr Gepäck abzustellen oder gleich ihre Zimmer einzuräumen. Lars, Otto, Erik, Jan, Marc, Greg, Pet und Gerrit hatten sich das Gästehaus mit der eigenen Küche ausgesucht. Da nicht alle Doppelzimmer der Gästehäuser mit zwei Personen belegt waren, hatten einige ein etwas größeres Zimmer für sich in Beschlag nehmen können.

 

Zum Mittagessen trafen sich alle dann wieder im großen Saal. Ihr Gastgeber hatte einen Kochservice für die ersten Tage gebucht und so wurden sie an diesem Mittag bestens mit einem Lunch beglückt, der keinen Wunsch übrig ließ. Natürlich waren alle Kochinteressierten und Profis in der Küche, um den Köchen bei der Zubereitung über den Schürzenrand zu schauen.

 

Nach dem Essen wurden alle Häuser und die Umgebung nochmals genau besichtigt, damit sich jeder auch gut zurecht fand. Den drei Medizinern wurde der Schlüssel für einen Sanitätsraum mit einer gut ausgestatteten Apotheke übergeben. Simon, Melanie und Pet erhielten jeweils einen Generalschlüssel für alle Schlösser des Hauses, alle anderen für ihr Wohnhaus, und das Bürogebäude. Wobei - Schlüssel war das falsche Wort für eine Codekarte, die entsprechend den Bedürfnissen programmiert war.

 

Spät am Abend trafen sich dann alle wieder im Konferenz und Speiseraum. Zwei offene Kamine an jedem langen Ende des Saales waren bereits befeuert und die elektrischen Lichter waren durch ein Meer an Kerzen und kleinen Fackeln ersetzt worden. Jetzt erkannten alle, dass dieser Saal einem mittelalterlichen Rittersaal nachempfunden war. Selbst für die drei Hunde war vorgesorgt worden. Ein etwas erhöhtes Podest neben der Eingangstür bot allen dreien sehr viel Platz, damit sie sich dort hinlegen konnten und trotzdem alles überblicken konnten. Einfach perfekt, wie man das für sie arrangiert hatte. Sven Albertson verabschiedete sich gegen 20.00 Uhr, die Küchenmannschaft hatte sich bereits verabschiedet und nun waren sie für sich alleine.  Ein paar tranken Gin und Whisky, Otto hatte in seinem Gepäck auch schon ein paar Rotweinflachen mitgebracht, sodass die Stimmung Schluck um Schluck aufgehellt wurde. Bis Gerrit verschwand, um nach ein paar Minuten mit einem Holzkästchen zurückzukommen.

 

Er rief alle zu sich, um dann das Kästchen zu öffnen. Der Geruch, der dem geöffneten Kästchen entströmte, war eindeutig. Gras, irgendwo in Asien geerntet und nun hier auf Gotland angekommen. Gerrit meinte, dass sei sein großer Wunsch gewesen, wenn er diese Reise überstehe, dann wollte er mal etwas richtig Berauschendes rauchen, so richtig über die Stränge schlagen und heute sei der beste Anlass dazu. Bestes Zigarettenpapier hatte er auch dabei. Dann fing er an ein paar Tüten zu drehen, bis Sasha und Sophia ihm zur Hand gingen. Sie teilten sich zu zweit oder zu dritt einen Joint - ohne Ausnahme rauchten alle mit. Der Duft im Raum veränderte sich und selbst die Hunde konnten sich dem Rausch nicht entziehen. Pet`s letzter Gedanke - bevor er ins Traumland abtauchte - war; lass es dir gut gehen. Wie du morgen aufwachst, weißt du noch nicht.

 

 

Am nächsten Morgen: Gotland 17. Dezember im Jahren des Herren 1215

 

Peter vom und zu Bärental klopfte nun schon zum dritten Mal an die Kemenatentür von Otto von Kraz und bat ihn lautstark endlich aufzustehen, der rief aber mit fast gebrochener Stimme, dass es ihm einfach zu kalt sei und er noch etwas schlafen wollte. .....

 

 

Fortsetzung folgt im Band III der Nordstrand