Teil 2 - Kapitel 59

9. Dezember 2015 18.15 Uhr Pressekonferenz

 

Da stand Pet nun in der Mitte des Saales, um ihn herum saßen Pressevertreter und eine Staatsanwältin und alle mit sehr neugierigen Blicken. Pet schaute sich um, ob er auch die ungeteilte Aufmerksamkeit aller hatte. Er hatte sie.

 

"Vor einem Jahr hätte mich noch niemand aufgefordert, hier zu sein und Pressevertretern Rede und Antwort zu stehen. Wenn ich das, was ich Ihnen jetzt zu sagen habe, vor einem Jahr gesagt hätte, wäre die Anzahl der Zuhörer sicher wesentlich kleiner gewesen, so klein, das ein Tisch mit vier Stühlen ausgereicht hätte. Biertischgespräche oder so ähnlich hätte man das dann bezeichnet. Nun aber sind wir, die Mannschaften der Blauzahn, der Ageli und der Sasha berühmt. Wir haben eine Weltreise gemacht. Ohne Full Service, ohne Stewart, ohne dienstbare Geister um uns herum. Wir sind etwas berühmt geworden, weil wir etwas Besonderes geleistet haben. Unsere Glaubwürdigkeit ist damit offensichtlich größer geworden. Also mein Tipp an alle: Umsegelt die Welt, steigt auf den Mount Everest, radelt durch die Wüste Gobi und dir hören die Menschen zu. Oder werde Politiker, lasse dir Zeit, bleibe ein treuer Parteisoldat und warte, bis du den letzten vor die abgesägt hast, dann bist du auch jemand, dann hören dir die Leute auch zu. "

 

Die ersten Reaktionen die man wahrnehmen konnte, waren doch sehr unterschiedlich. Von Kopfschütteln über beipflichtenden Kopfnicken bis zur empörenden Blicken war alles dabei. Und dann kam auch noch der Beifall, am Anfang verhalten und dann doch von allen mitgetragen.

 

"Sehr geehrte Damen und Herren, am Anfang unserer Reise mit der Blauzahn hatten wir alle nur eine vage Vorstellung, was diese Reise mit uns machen könnte. Wir wollten uns selbst an erster Stelle beweisen, dass wir nicht zum alten Eisen gehörten, dass wir noch zu gewissen Leistungen fähig sind und dass wir alle noch einen hohen Grad an Lernfähigkeit besitzen würden. Was das betrifft, haben wir die an uns selbst gerichteten Erwartungen erfüllt. Wir bewerten das so und wie andere das sehen ist uns jetzt, ich betone jetzt, vollkommen egal. Jeder von uns hat ein Vorleben und das bedeutet, dass wir mit Erfahrungen von über sechzig Jahren ausgestattet sind, zusammengerechnet also fast tausend Jahre Lebenserfahrung. Körperlich waren wir alle auf dem Stande eines gut bürgerlichen Durchschnittseuropäers, also teilweise etwas übergewichtig, nicht unbedingt der Mann, der auf irgendwelchen Printmedien auf Seite eins als sexy Opa abgelichtet werden würde. Die Jahre der Arbeit, der Familie, des alltäglichen Kampfes hatten ihre Spuren auf unseren Körpern und in unseren Köpfen hinterlassen. Nach den ersten Stunden auf See wurde uns allen schnell bewusst, dass wir entweder sofort aufhören oder uns in Form bringen mussten. Aufhören ging nicht, also brachten wir uns schnell in Form - nicht freiwillig, die See forderte das von uns. Wir waren gezwungen, nicht aufzugeben, weil in unseren Köpfen sofort eines gelöscht wurde. Das Wort "aufgeben" gab es nicht mehr. Nennen Sie es Gruppenzwang, ich sage einfach Selbstmotivation dazu." Diese einleitenden Worte von Pet beeindruckten niemanden besonders, das sah er in den Gesichtern, sie wollten etwas Spektakuläres, außer der Staatsanwältin, die ihn mit einem auffordernden Lächeln zum Weitermachen brachte.

 

" Die ersten Tage waren wir mit Sammeln von Erfahrung auf See beschäftigt, wir mussten uns kennenlernen. Nicht so, wie wir das am Anfang an Land gehandhabt hatten, nein anders. Kennen lernen und sich aufeinander verlassen können. Wie leistungsfähig und wie anpassungsfähig war jeder von uns? Das mussten wir erst am eigenen Körper und im Kopf erfahren. Das war schon Schwerstarbeit, weniger Schlaf, Essen dann, wenn es die Natur zuließ und vor allem die Wellen. Wenn Blasen an den Händen aufplatzten, wurde Salbe darüber geschmiert und weiter ging es. Schnupfen wurden einfach ausgehalten und nach ein paar Wochen waren aus den noch vorhandenen Weicheinern zeitlose Männer geworden, die anpacken konnten und auch wollten. Seekrankheit wurde mit der anfänglichen "gegen den Wind Fische füttern" in ein "ich halte das durch" ausgetauscht, bis auch das der Vergangenheit angehörte. Wir machten auch mit der Vergänglichkeit Bekanntschaft. Zwei unserer Freunde starben auf der Reise und sie sind trotzdem noch mit bei uns auf der Reise. Unsterblich in unseren Köpfen segeln sie immer mit uns. Um die erste Frage von Frau Dr. Brohm zu beantworten, welche Erkenntnisse ich von dieser Reise mitgebracht habe, so muss ich nicht lange darüber nachdenken. Das was ich vorher an Erkenntnissen in mir gesammelt habe, wurde auf der Reise größtenteils bestätigt. Nichts Besonders, denn das, was ich wusste und dachte, ist sicher auch bei Ihnen größtenteils in den Köpfen vorhanden. Aber die Bestärkung dessen ist das Besondere. Geld und Macht, Politik und auch Gewissenlosigkeit sind eine Symbiose eingegangen, die es verhindert, dass wir mehr Gerechtigkeit auf der Welt erreichen." Pet schaute sich um, ein paar der Journalisten grinsten etwas unsicher berührt vor sich hin, der Rest war offensichtlich mit den Gedanken schon beim Abendessen. So etwas kannten sie, aber diese Erkenntnis würden die Auflagezahlen der Printmedien oder die Zuschauerzahlen der Fernsehsender nicht unbedingt erhöhen.

 

"Genau diese gelangweilte Reaktion habe ich erwartet, teilnahmsloses Dabeisitzen und Warten, dass die große Erkenntnis kommt. Haben Sie denn erwartet, dass ich ihnen so Belangloses wie "mit einer gesunden Prostata kann man noch bei Windstärke drei gegen den Wind Pinkeln" komme? Nein, ich sage Ihnen das, was ich gesehen habe und fühlen musste. Je mehr Kapital auf dem Spiel steht, umso subtiler die Methoden, Gegner unschädlich zu machen. Wir haben mit Seeräubern gekämpft und dabei mussten wir wirklich um unser Leben kämpfen. Und wir haben uns auch mit großen Kapitalgesellschaften angelegt, da waren die Methoden, uns zum Schweigen zu bringen, wesentlich feiner. Aber ich bleibe mal mit einigen Erkenntnissen, für die ich Zeit hatte zu recherchieren, hier in Deutschland. Es waren Themen, die ich gerne mit meinen Freunden auf See besprechen wollte. Davon abgesehen, auch meine Freunde hatten Themen die sie in der Vertrautheit unserer Kombüse besprochen haben wollten."

 

Und wieder machte Pet eine kurze Pause und merkte, dass er doch einige aufgeweckt hatte, die ihn nun mit erstaunten Gesichtern anschauten und andere schauten erwartungsvoll auf das Podium, wo sich die anderen Crewmitglieder entspannt zurücklehnten und mit strahlenden Lächeln das Publikum anschauten.

 

Danach hielt Pet ein mit viel Emotionen gespicktes längeres Statement, wie er die aktuelle politische Lage in Deutschland einschätzte. Zusammengefasst: "Nicht wirklich gut." Die Reporter waren aufgewacht.

 

 "Ich höre jetzt besser auf, denn ich könnte die Themen endlos weiterführen. Die Zeit auf See lässt einem tatsächlich noch Raum, sich Gedanken über vieles zu machen, auch manches Absurde. Ich könnte jetzt noch das Thema Kochrezepte anführen, auch darüber haben wir gesprochen, Rezepte entwickelt, wie man auf hoher See bei Windstärke fünf oder sechs doch noch ein gutes und schmackhaftes Essen kochen kann. Oder ich könnte das Thema Höflichkeit noch kurz umreißen. Welche ungeheure positive Wirkung einfach Höflichkeit, die von einem selbst ausgehen kann, auf die Stimmung und das Verhalten der Menschen um sich herum hat. Ich glaube ganz einfach, es interessiert Sie nicht oder nur wenige. Abschließend kann ich einfach eines sagen. Ich habe sehr viel gelernt, meinen geistigen Horizont erweitert, ich bin unheimlich tolerant geworden, ohne meine Kritikfähigkeit zu verlieren und ich habe Freunde gewonnen, die ich nie mehr missen möchte. Mein Leben ist reicher geworden und das war alle Anstrengung wert. Danke für ihre Aufmerksamkeit!"

 

Grinsend ging er zurück auf seinen Platz. Seine Offenheit hatte doch einige der Journalisten beeindruckt. Ein paar eher belanglose Fragen wurden dann noch beantwortet, bis ein Pressevertreter aus dem englische Sprachraum noch eine Frage stellte, die man offensichtlich vergessen hatte. Wie geht es weiter? Sophia stand auf, ging runter vom Podium, wie Pet es vorgemacht hatte. "Unsere Reise ist nicht zu Ende. Wir fahren weiter nach Gotland, werden uns dort beraten, etwas an unseren philosophischen Betrachtungen arbeiten und uns vor allem damit beschäftigen, was wir mit unseren Erfahrungen machen können. Was kann man daraus entwickeln? Wir haben nur an der Oberfläche der Welt etwas gekratzt und doch haben wir viele Eindrücke aufgenommen. Nein wir wollen kein Lehrbuch für ein alternatives Leben schreiben, aber das was wir gelernt haben, sollte zu etwas nützlich sein, das gilt es nun zu ergründen. Und wenn wir das geschafft haben, müssen wir weitersehen. Aber aufhören und sich trennen geht nicht, das wissen wir alle." 

 

Das mit dem aufhören und nicht trennen war nicht abgesprochen, aber die anderen auf dem Podium widersprachen ihr nicht.

 

Während des anschließenden Empfangs wurden noch einige bilaterale Gespräche geführt. Nun wurden auch die Fragen gestellt, die man öffentlich weniger stellen wollte. Wie man die Einsamkeit erträgt, auch als Mann oder auch als Frau  in den sogenannten besten Jahren. Alle gingen mit dieser Art von Fragen sehr souverän um indem sie diese einfach mit einem Lächeln beantworteten.  Mathias verschwand zusammen mit der Staatsanwältin gegen 23.00 Uhr ohne sich zu verabschieden. Otto vermutete, dass die beiden sehr schwierige juristische Probleme besprechen wollten. An mehr wollte er einfach nicht denken. Sophia und Pet versuchten viele Fragen gemeinsam zu beantworten, damit sie sich nicht in Widersprüche verwickelten.

 

Um 1.00 Uhr konnten sie endliche das Hotel verlassen. Alle waren Müde. Die ereignisreiche Nacht saß noch allen in den Knochen und die angeforderte Konzentration während der Pressekonferenz hatte einige Zeit den Adrenalinspiegel ansteigen lassen, aber davon war nur noch sehr wenig in ihrem Blut.

 

10. Dezember 2015 auf der Blauzahn

 

Zum Frühstück hatte Marc frisches Brot gebacken und einen guten Kaffee gekocht. Der Duft von beidem durchdrang alle Winkel der Blauzahn. Selbst die Müdesten unter den Nordstrandpiraten zwang der Duft, sich aus den Kojen zu bewegen.

 

Alle saßen am Frühstückstisch. "Weiss einer, wo Mathias ist? In seiner Koje war er nicht." Die Frage von Lars war unnötig, wussten doch alle, dass sich Mathias die ganze Nacht irgendwo in Kiel mit einem sehr schwierigen juristischen Problemen beschäftigt haben musste. Kaum hatten alle diesen Gedanken in der Kopfregistratur in einem hinteren Winkel abgelegt, erschien er auch schon. Sein Lächeln und die tiefen Ringe um seine Augen verrieten, dass das Problem, das ihn beschäftigt hatte, wohl gelöst worden war. "Ich bin verliebt. Ich bin tatsächlich verliebt." verkündete er froh. Erik hob den Kopf von der Kaffeetasse weg, schaute ihn an und bat Gerrit darum, ihn sofort zu impfen, damit sich diese Seuche nicht ausbreitete und er sollte sofort so lange in Quarantäne bleiben, bis man sicher war, dass keine Gefahr von ihm ausgehen konnte. "Neidisch?" fragte Mathias Erik. Der schüttelte nur den Kopf. "Ne Staatsanwältin hat uns gerade noch gefehlt. Ein Anwalt reicht doch in der Situation, in der wir uns befinden. Oder wollt ihr eine Fernbeziehung eingehen? Und auf der Ageli ist kein Platz mehr." Juris Aussage und Frage klang logisch. Mathias Augen glänzten zu sehr, dass man wirklich vermuten konnte, dass Frau Dr. Blohm ein sehr intensives Interesse an Mathias haben könnte. "Verliebt man sich in unserem Alter noch so Hals über Kopf? Ist das nicht etwas unvernünftig?" warf dann noch Carlo ein. "Was hat Liebe mit Alter zu tun oder gar mit Vernunft? Darf man sich ab sechzig nicht mehr verlieben? Gibt`s eventuell biologische Grenzen oder hat die UNO was dagegen?" Carlos Bruder Luigi schaute seinen Bruder fast mitleidig an.

 

Die dann folgende Diskussion wurde nicht nur laut, sondern wurde auch mit sehr viele emotionalen Worten geführt. Konnte man sich denn noch wirklich so Hals über Kopf verlieben, war das nicht das Privileg der Jungend? War Liebe überhaupt an eine Alter gebunden? Wie war es mit der Körperlichkeit, was war da noch ästhetisch? Das war eine Diskussion, die führte sie in einen Bereich, den sie lange vermieden hatten, als Thema überhaupt zur Sprache zu bringen. Bauten sie sich gerade eine Sollbruchstelle in ihre Freundschaft ein oder konnten sie das gelassen betrachten?

 

Fortsetzung folgt