Teil 2 - Kapitel 58

9. Dezember im Morgengrauen auf der Blauzahn

 

Als Lars Jan von seinem Gegner weghob, blieb der am Boden schwer atmend liegen, während Jan immer noch versuchte, zu atmen. Es fiel ihm sichtlich schwer, Luft zu bekommen. Seine Schwester war inzwischen auf die Blauzahn gekommen, da sie ihren Bruder gesehen hatte und ihm zu Hilfe eilen wollte. Ein Polizist und zwei SEK Männer arbeiteten sich nach unten durch, von wo man die Schüsse gehört hatte. Pet rief laut, dass alles in Ordnung sei. Er wollte damit verhindern, dass man versehentlich aus Unsicherheit von Schusswaffen Gebrauch machen würde.

 

Am Niedergang unten hatten sich inzwischen Luigi und Carlo eine schwarzmaskierte Person gegriffen. Die wehrte sich heftig, aber als Luigi dann mit einem brutalen Schlag ins vermummte Gesicht der Person schlug, sackte die Maske zusammen und es war Ruhe.

 

Gut war, dass der uniformierte Polizist sich alle Gesichter der Blauzahnmannschaft gemerkt hatte, sodass es zu keinem Missverständnis kommen konnte. "Der hatte sich im Vorratsraum versteckt. Ich habe den Typ erst gesehen, als er mit einer Pistole in der Hand an meiner Kajüte vorbeischleichen wollte. Ich habe ihm dann die Hand nach oben geschlagen, dabei haben sich zwei Schüsse gelöst. Ich bin froh, dass mir Carlo zur Hilfe gekommen ist, den hätte ich nicht so leicht niederringen können." berichtete Luigi noch ganz atemlos. Einer der SEK Männer drehte die immer noch betäubte Person um und legte die Handschellen an. Dann drehte er den Körper um, stutzte kurz und zog die Maske vom Kopf des immer noch am Boden Liegenden. Lange schwarze Haare breiteten sich über und unter dem Kopf aus. "Das ist ja eine Frau!" rief Carlo laut aus, als er das Gesicht und dann den ganzen Kopf sah. "Mann hatte die Kraft. Ich habe mich schon über den kleinen Körperbau gewundert, der da an meiner Kabinentür vorbeischlich. Im Halbdunkel dachte ich zuerst, dass das wohl ein Junge sein könnte. Aber als ich sie dann angegriffen habe, war da eine Gelenkigkeit und Kraft, dass ich schon ordentlich zu kämpfen hatte." Luigis Schlag hatte an der linken Stirnseite und am Auge leicht blutende Stellen hinterlassen. Die Dame würde wohl einige Zeit mit blauen Kennzeichen im Gesicht leben müssen. Dann kam auch der SEK Mann zu Wort, der die Dame gefesselt hatte. "Scheint eine Asiatin zu sein. Ganz wach ist sie noch nicht. Die Rettungssanitärer sind unterwegs. Warten wir mal ab, was die sagen." Dann kam auch schon eine weibliche Uniformierte und untersuchte die am Boden Liegende eingehend auf Waffen.

 

Gegen 9.00 Uhr war bis auf die Staatsanwältin Dr. Julia Brohm und ein paar SEK Beamte und drei Kriminalbeamte niemand mehr von der Staatsmacht vor Ort. Die überwältigten Angreifer waren unter Polizeischutz alle gemeinsam in ein Krankenhaus gebracht worden, wo sie bewacht und auch behandelt wurden.

 

Die verschwundenen Polizeibeamten von der Brücke der Blauzahn fand man betäubt und gefesselt in einem Van in der Nähe des Pier. Die Polizeibeamten, die auf dem Pier ihren Dienst hatten, bekamen noch am Ort des Geschehens eine Standpauke von ihrem Vorgesetzten, da sie sie sich in ihrem Dienstfahrzeug schlafen gelegt hatten und die Gangway nicht im Auge behalten hatten. Dies geschah zu Unrecht, da man später feststellte, dass auch diese Beamten mit einem Nervengas betäubt worden waren.

 

Jan war wieder in Ordnung. Er hatte einen Schlag gegen den Kehlkopf erhalten, der ihm kurzfristig das Atmen erschwert hatte, die Verletzung war aber nicht so schlimm und er wollte nicht in die Klinik zur weiteren Beobachtung.

 

 

 

Bis auf eine Stichverletzung bei der Maschinistin der Sasha gab es keine weiteren  größeren Verletzungen. Die Verletzung der jungen Maschinistin konnten die Rettungssanitäter vor Ort behandeln, auch sie wollte nicht in eine Klinik. 

 

Da man nicht in der Lage war, die Zeugenaussagen allesamt auf dem Kommissariat aufzunehmen, wurden ein paar weitere Kriminalbeamte angefordert und zwei weitere Staatsanwälte kamen auch noch mit dazu.

 

Die Zufahrt zum Pier war abgesperrt worden und die Pressevertreter konnten nicht zu den Schiffen gelangen.

 

In aller Ruhe wurden die einundfünfzig Mitglieder der drei Schiffe befragt. Die leitende Staatsanwältin brachte es fertig, Fragen nach der Bewaffnung der Blauzahncrew zu unterbinden.

 

Erst um 13.00 Uhr konnte sich Pet, der zusammen mit Lars, Otto, Betty, Sophia und Sascha an der Pressekonferenz teilnehmen sollte, sich zurückziehen und sich noch etwas ausruhen. Jan konnte noch nicht reden und dafür würde Mathias mit auf dem Podium sitzen. Um 15.30 Uhr kamen zwei Taxi und ein Polizeifahrzeug, um die Teilnehmer der Pressekonferenz abzuholen. Frau Dr. Brohm fuhr Mathias in ihrem Fahrzeug zum Hotel am Bahnhof. Auf Grund der Vorkommnisse im Hafen waren mehr Pressevertreter anwesend als geplant und so wurde kurzfristig ein größerer Saal zur Verfügung gestellt. Fast sechzig Journalisten, Kamerateams und Fotographen waren gekommen.

 

Als Pet, Otto und Lars den journalistischen Almauftrieb sahen, wurde ihnen etwas unwohl. Alle sieben und Frau Dr. Brohm zogen sich kurz vor dem Pressetermin in ein Hotelzimmer zurück und Sophia gelang es mit ein paar Atemübungen, die Gemüter aller etwas zu beruhigen.

 

Pünktlich um 17.00 Uhr betraten sie dann das Podium. Otto nahm nicht Platz, sondern stellte sich vor das Podium, nahm ein Mikrofon in die Hand und begrüßte alle im Saal. Dann stellte er seine Freunde auf dem Podium vor, ohne zu erwähnen wer zu welcher Mannschaft gehört. Danach bat er kurz um erhöhte Aufmerksamkeit und erklärte, dass sein Freund Pet Bär zuerst ein paar erklärende Worte zu den drei Schiffen abgeben würde. Fragen, die über das Lesen der Homepages der drei Schiffe beantwortet werden konnten, würde man mit dieser Information dann nicht weiter verfolgen. Damit könne man Zeit sparen und den Informationsfluss verbessern. Hier spürte man ganz deutlich, dass gerade der Lehrer in ihm durchbrach.

 

Dann startete Pet seinen kurzen Vortag über die drei Schiffe, wann und wo sie jeweils ihre Touren begonnen hatten und gab noch ein paar weitere Information bekannt.

 

Nun waren Fragen zugelassen. Zuerst kamen natürlich Fragen zu den Vorkommnissen der vergangen Nacht. Pet hatte die Antworten mit Betty, Jan, Frau Dr. Brohm und auch Simon abgesprochen. Seine Antwort auf die Fragen waren zwar sehr oberflächlich, aber sie schienen die Journalisten fürs Erste zu befriedigen. Er hatte sich schriftlich darauf vorbereitet und las die Antwort ab. Es sei ein Anschlag auf sie alle gewesen, da man versehentlich an Informationen über diverse Immobilien- und Bankgeschäfte gekommen war und man ihre Aussagen über das angesammelte Wissen verhindern wollte. Er erwähnte nicht, dass der Anschlag ganz speziell gegen Melanie Stirner gerichtet war. Natürlich musste er auch Fragen über den Ablauf beantworten. Betty stand ihm bei der Beantwortung hilfreich zur Seite. Mit ihrem vergnüglichem Lächeln, ihrer jugendlichen Strahlkraft  und ihrem Dialekt zog sie vor allem die Aufmerksamkeit aller männlichen Pressevertreter auf sich. Wurden ihr manche Fragen zu unangenehm, verwies sie dann an Pet oder auch an Sophia. Es kamen natürlich auch Fragen zum Thema unterschiedliche Mannschaften. Auf der Blauzahn eine Mannschaft aus Herren - alle über sechzig Jahre alt. Dann auf der Ageli Frauen unterschiedlichen Alters und daneben die Sasha mit einer gemischten Mannschaft. "Gibt es da nicht irgendwelche Spannungen innerhalb der Schiffsmannschaften? Lange auf See, auf dem einen Schiff keine Frauen und auf dem anderen keine Männer, vor allem keine etwas jüngere und tatkräftige Männer?" Die Frage kam natürlich nicht von einem Journalisten einer Frauenzeitung, sondern von einem Journalisten eines Boulevardblattes. Dessen neugierig, voyeuristischem Blick konnte Pet bestens widerstehen. "Ich kapiere ihre Frage nicht ganz? Wollen Sie uns allen das nicht näher erklären, auf was Sie hinauswollen?" Die Blicke aller ihm Saal waren auf den Fragesteller gerichtet. "Ich meine, ob es da nicht irgendwelche Spannungen zwischen den Geschlechtern gibt oder ob sich da gewisse Verhältnisse angebahnt haben?" Pet nahm sich übermäßig Zeit, um diese Frage zu beantworten. "Ein klares Nein für den ersten Teil ihrer Frage. Für den weiteren Teil: Wenn dem so wäre, würde ich die Privatsphäre jedes einzelnen schützen wollen und Ihnen diese Frage nicht beantworten, wer mit wem eventuell oder doch nicht irgend ein intimes Verhältnis haben könnte. Wir haben eine Weltreise gestartet, um etwas zu lernen, um unseren Horizont zu erweitern und uns selbst kennen zu lernen. Das ist uns weitgehend gelungen. Wir haben inspiriert und wurden inspiriert. Wir haben eines gelernt, zu welchen Leistungen man fähig ist. Welche Kraft in jedem Alter und in jedem Geschlecht steckt. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir alle zu mehr fähig sind, als wir uns selbst eingeschätzt haben. Und auch eines haben wir erfahren dürfen: Was Lebenserfahrung für ein wertvoller Schatz ist." Der Frager war zwar nicht mit der Antwort zufrieden, aber er konnte ja auch über Mutmaßungen berichten und ein paar nette Bildcollagen zusammenbasteln lassen. Sex sells, dachte er wahrscheinlich. Das musste so sein und hilfreich war das allemal, wenn er etwas Schlüpfriges bringen würde. Wer wollte schon die Wahrheit lesen. Ein Schiff voller alter impotenter Männer wurde von einer Segeljacht begleitet, auf der sich Frauen jeglichen Alters darauf befanden. Wenn er die Bilder der Mannschaftsmitglieder der Ageli sah, dann waren da schon ein paar heißer Feger darunter. Das glaubte doch keiner, dass hier alle zölibatär leben würden. Generation Viagra auf der Blauzahn vielleicht, aber diese Frauen doch nicht. Vielleicht wurden sie deshalb von einer weiteren Jacht begleitet. Der Boulevard-Journalist hätte in Gedanken versunken fast eine weitere wichtige Frage überhört. "Wer finanziert das alles und sind Sie Angestellte oder Matrosen des Schiffseigners oder der Schiffseigener?" Diese Frage kam von einer Journalistin einer bekannten Wochenzeitschrift. Hier wurde Mathias aktiv, die Antworten standen zwar auf den Homepages, aber er wollte das etwas erläutern. "Die Modelle der Gemeinschaft sind unterschiedlich. Auf der Blauzahn sind alle gleichberechtigt, es gibt zwar einen Finanzier, der interessiert sich aber nur für die Ergebnisse der Erkenntnisse dieser Reise haben. Es gibt einen Kapitän, der die seemännische Verantwortung hat und sechs erfahrene Seeleute mit entsprechenden Patenten. Trotzdem hat jeder auf dem Schiff die gleiche Verantwortung für Mensch und Material. Wir haben ein festes Budget mit dem wir diese Reise finanzieren." Er wollte das Wort an Betty weitergeben, die bat ihn aber, weiter zu reden. "Auf der Ageli ist es ähnlich. Auch hier gibt es einen verantwortlichen Kapitän, oder besser und richtiger gesagt eine Kapitänin und mindestens fünf erfahrene Mitstreiterinnen mit entsprechenden Patenten. Allerdings gibt es in der Mannschaft fünf Mitarbeiterinnen, die angestellt sind und entsprechend entlohnt werden." Mathias verschwieg bewusst, dass eigentlich alle Crewmitglieder auf den beiden Schiffen einen gewissen monetären Beitrag erhielten, das ging aber niemand etwas an. Sasha bat ihn ebenfalls, eine kurzes Statement zur Sasha abzugeben. "Auf der Sasha haben wir eine etwas andere Situation. Hier gibt es die Inhaber und dazu noch drei Verwandte, die mit auf dem Schiff sind und dort ihren seemännischen Dienst verrichten. Der Rest der Mannschaft sind Angestellte des Inhabers. Zu den Inhabern werde ich mich aber nicht weiter äußern, deshalb brauchen Sie hier keine weiteren Fragen zu stellen."  Eine kurze Denkpause setzte ein. Natürlich war auf den Homepages sehr viel zu lesen, aber die beantworteten bei weitem nicht alle Fragen, die man stellen konnte.

 

"Welche Erkenntnisse haben sie persönlich von diese Reise mitgebracht? Was hat sie beeinflusst und was werden sie mit dem Wissen und den Erkenntnissen anfangen?" Otto schaute in den Saal, um zu sehen, wer denn diese Frage gestellt hatte. Er sah Frau Dr. Brohm am Mikrophon stehen. Zuerst wollte er darauf hinweisen, dass sie eigentlich keine Pressevertreterin sei, besann sich aber eines Besseren und fragte sie, wem sie denn diese Frage gestellt habe? "An erster Stelle an Pet Bär und wer von den anderen dann noch Weiteres hinzuzufügen hat, dem hören wir natürlich gerne zu." Außer einem Lokalreporter kannte keiner der anderen Berichterstatter die fragestellende Staatsanwältin. Das war natürlich eine sehr persönliche Frage und würde sicherlich auch Aufschluss darüber geben, was die Herren und Damen den von der Reise wirklich mit zurückgebracht hatten, außer Abenteuergeschichten, modische Ideen und einer Urlaubsbräune.

 

Pet musste nachdenken, wie er diese Frage beantworten sollte. Hilfesuchend sah er sich um. Alle schauten ihn an. Otto warf ihm einen warnenden Blick zu, er kannte nun mal seinen Freund. Wenn er nun in eine Richtung ruderte, die politischen Seegang hatte, dann konnte aus Pet ein Tsunami werden, der alles mit sich riss, was sich ihm in den Weg stellte. Ob schuldig oder unschuldig, alles wurde erfasst.

 

Dann stand Pet auf, ging zu Otto und nahm ihm das Mikrophon aus der Hand. "Was wollen sie hören? Eine Kurzversion oder eine längere. Ich hatte sehr viele Zeit zum Nachdenken und wir haben gemeinsam viele Stunden damit verbracht, unsere Lebenserfahrungen auszutauschen. Mein Bild von Gesellschaft, Politik und von den Zielen eines ausgefüllten Lebens haben sich korrigiert. Ich habe einiges an Betrachtungen und Ansichten, die sich in mir manifestiert haben, über Bord werfen können und müssen und einiges andere habe ich an Bord geholt. Deshalb haben wir auch eine Segelweltreise gemacht. An Land hätten wir lange nach entsprechenden Mülleimern suchen müssen, die diesen Geistesmüll hätten aufnehmen können. Und wo, wenn nicht in der Weite der Ozeane, hätten wir so gut nach geistiger Klarheit angeln können. Und ich glaube, dass ich in Teilbereichen nicht nur alleine für mich spreche. Ich werde mich mit einer gekürzten Langfassung an sie wenden."

 

Dann stellte er sich in die Mitte des Saales und begann zu erzählen.   

 

Fortsetzung folgt