Teil 2 - Kapitel 57

9. Dezember 2015 1.30 Uhr in der Messe der Blauzahn

 

Melanie brauchte wieder eine kleine Pause. Sophia saß inzwischen neben ihr und hielt fest ihre linke Hand. Es dauerte ein paar Minuten bis sie wieder weitersprechen konnte.

"Auch wenn der Anwalt mir davon abriet, zur Polizei zu gehen, wollte ich nun doch. Der Anwalt, Ben Miller und seine Bekannte begleiteten mich dorthin. Dass ich verletzt war, sah man auf den ersten Blick. Als ich dann am Empfang der Polizeistation sagte, warum ich da sei, rief man eine Polizistin, die mich in eines der Büros begleitete. Die drei waren immer bei mir. Dann konnte ich endlich meine Aussage machen. Es wurde alles genauestens protokolliert und dann sollten wir warten. Es dauerte fast eine Stunde, bis ein anderer Polizist kam. Er stellte sich vor und vor meinen Augen wurde die Polizistin, die das Protokoll aufgenommen hatte, beschimpft und des Raumes verwiesen - allerdings erst, nachdem sie das Protokoll gelöscht hatte. Dann kam ein Staatsanwalt. Ich kannte den Herrn vom Sehen, denn ich hatte ihn einmal mit James Vater zusammen in einem Club getroffen. Ich hatte das noch gut im Gedächtnis, weil ich James Vater selten höflich erlebt hatte, aber mit dem Staatsanwalt war er offensichtlich freundschaftlich verbunden.

Der Staatsanwalt nannte mich eine Lügnerin und bezichtigte mich der Falschaussage. Man habe sich natürlich sofort um James den Dritten gekümmert, der liege zu Hause mit einer Migräne im Bett. Dies wurde von allen Hausangestellten bestätigt und auch sein Vater schwor einen Eid darauf. Aber man wisse ja inzwischen, warum man ihn dieser Ungeheuerlichkeiten beschuldigen würde. Man wolle der Familie ja nur schaden und dann sei ich noch so dreist, den Schmierfink, der einen üblen Artikel über James Vater veröffentlicht hatte, hierher mitzubringen. Ben Miller wurde von ihm angestarrt, als ob er ein stinkende Ratte sei. Ich, nein wir wurden förmlich aus der Polizeistation hinausgeworfen. Dem Anwalt sagte man, dass ich morgen eine Klage wegen Verleumdung erhalten würde. Wir stiegen in ein Taxi und fuhren zu meiner Wohnung. Von unterwegs rief Ben Miller noch jemanden an, dass man dringend einen Van benötigen würde und als wir bei meiner Wohnung ankamen, standen vor der Eingangstür drei kräftige junge Kerle und ein großer Van war davor geparkt. Ben gab den dreien und seiner Bekannten die Anweisung, alle persönlichen Gegenstände von mir einzupacken. Nach einer Stunde standen quasi nur noch die Möbel da und alles was mir gehörte war in Kartons und Koffer gepackt worden und im Van verstraut. Zusammen fuhren wir dann weit aufs Land hinaus, wo Ben eine kleines Landhaus besaß. Dort wurde ich in eine Zimmer geführt, die Ärztin gab mir eine Spritze und ich konnte endlich schlafen. Am nächsten Morgen oder besser gegen Mittag als ich aufwachte, war alles schlimmer denn je. Ich saß in dem fremden Bett, befühlte meine Verletzungen und begann zu schreien. Ich konnte nicht anders, ich musste einfach schreien. Ben Miller kam herein, hob mich aus dem Bett und trug mich hinaus in den Garten, dort legte er mich in eine Gartenliege. Seine Bekannte brachte eine Decke und deckte mich zu. Der Blick in den Himmel beruhigte mich. Die Ärztin war da und fühlte den Puls, maß den Blutdruck und schaute sich meine Verletzungen an. Ich ließ das alles über mich ergehen. Ich war nicht mehr in mir drin, von irgendwo aus den Wolken schaute ich zu, was man mit meinem Körper machte. Was dann geschah, weiß ich nicht mehr genau. Später erfuhr ich, dass man mich eine eidesstattliche Erklärung unterschreiben ließ, in der ich wiederholte, was ich bei der Polizei zu Protokoll gegeben hatte. Die Aussagen von Ben, seiner Bekannten, der Ärztin und die des Anwaltes wurden ebenfalls protokolliert und ein Notar bestätigte die Unterschriften unter den Schriftstücken und die Anwesenheit der Aussagenden. Beglaubigte Kopien wurden angefertigt und der Notar verschwand wieder. Ben Miller versuchte offensichtlich mich etwas zu beruhigen. Ich sah, das man zwei Koffer packte und die nötigsten Dinge für mich dort einpackte, der Rest wurde wieder in den Van gepackt. Ben Miller und seine Bekannte, deren Namen ich nie gehört habe, packten ebenfalls ihre Koffer und dann wurden wir von einem Hubschrauber abgeholt. Erst in Hamburg auf einem kleinen Flughafen wurde ich wieder wach. Ben Miller hatte sich einen Mietwagen besorgt und wir führen weiter in Richtung Heide in Schleswig Holstein. Und von dort Richtung Nordseeküste. Er hatte ein Ferienhaus gemietet, dort zogen wir ein. Ich durfte für ein paar Tage mit niemandem Kontakt aufnehmen. Bis Ben Miller eines Tages mit einem großen Kuvert von einem Einkauf zurückkam. Er meinte, das hätte meine Mutter vor einigen Tagen erhalten. Ich öffnete es und war erstaunt, vom Anwalt meiner ehemaligen Chefin eine Einladung zur Testamentseröffnung zu erhalten. In Begleitung von Ben und einem Anwalt, der eher wie ein Bodyguard aussah, nahm ich an dem Termin teil. Als das Testament verlesen wurde, musste mich Ben festhalten. Ich hatte dreißig Prozent der Firmenanteile geerbt. Die Aufteilung war nun mehr als interessant. James Anteil an der Firma lag bei fünfundzwanzig Prozent, der der Erbengemeinschaft bei fünfundvierzig und ich besaß dreißig Prozent. Ein Anwalt von James, - der, der ihn als Firmenmitinhaber bei der Testamentsverlesung vertrat - legte umgehend Beschwerde ein, wurde aber auf Grund seines ungebührlichen Verhaltes gebeten, zu schweigen. Als die Testamentsverlesung beendet war und ich das Erbe annahm, löste sich die Gesellschaft auf. Der Anwalt von James übergab mir ein Kuvert und seine Visitenkarte und bat mich, ihn noch am kommenden Tage anzurufen. Ich öffnete erst im Ferienhaus das Kuvert. Ich wurde schriftlich aufgefordert, die von mir erhobenen Vorwürfe gegen James den Dritten nie wieder zu wiederholen, ansonsten würde man mich wegen aller möglichen Verfehlungen vor Gericht bringen. Es wurden einige Beispiele meiner Verfehlungen aufgeführt. Bilanzfälschung, Unterschlagungen, sowie auch das Thema der üblen Nachrede und Verleumdung gegen James wurde nicht ausgelassen. Die Belege, die dabei waren, waren Fälschungen, aber meine Unterschrift war auf Überweisungen, die ich nie getätigt hatte. Irgendwie saß ich in der Falle. Jetzt war ich reich, aber vollkommen hilflos. Man bot mir für meine Firmenanteile eine sehr hohe Summe an. Ich wollte mir das überlegen. Ich überlegte zu lange. Drei Tage später teilte mir Ben mit, dass wir nach Hamburg müssten. Zu meiner Schwester und zu meinem Bruder. Meine Schwester war vergewaltigt worden und meinem Brüder hatte man ein Auge ausgeschlagen. Die Besuche in Hamburg waren fruchtbar, ich erinnere mich nur noch wie im Nebel daran. Ich konnte das alles nicht aushalten. Ich verkaufte die Firma, die Anschuldigungen gegen mich wurden als falsch dargestellt und ich ging mit Ben Miller weg. Das war es bis jetzt. Aber warum sollte ich jemanden identifizieren?" Es war inzwischen schon sehr spät geworden und Lars fragte Melanie, ob man nicht aufhören solle und sie sich nicht schlafen legen wollte. Sie wollte nicht - sie wollte jetzt alles loswerden, was auf ihrer Seele so lange schon lastete.

 

"Im Rahmen einer polizeilichen Ermittlung wegen Betrugs und einiger unseriöser Geschäfte mit schadhaftem Material waren die Geschäftsräume der Firma in Hamburg und London, wo ich mit James zusammen gearbeitet hatte, durchsucht worden. Dort fand man mein Bild, einige Zeitungsartikel über die Ageli und die Blauzahn und den genauen Verlaufsplan unserer Reise. Und man fand die Unterlagen über unsere Aussagen, die eigentlich bei einem Notar liegen sollten. Und man fand ebenfalls Kontaktunterlagen zu einem Unternehmen, das bekannt dafür war, menschlichen Müll zu beseitigen. Und mein Name war auf der Müllliste ganz oben. Und wen sollte ich nun identifizieren? Den Chauffeure von James. Ich hatte ganz vergessen, das James an diesem Tag, als er mich quälte, gar nicht Autofahren konnte. Immer wenn er sehr aufgebracht war, hatte er Sehstörungen und musste von einem  Chauffeur gefahren werden. Taxis oder auch öffentlich Verkehrsmittel verachtete er. Dieser Chauffeur hatte James an diesem Abend gefahren und ich hatte ihn unten vor meiner Wohnung noch gesehen, wie er James die Tür geöffnet hatte. Das hatte ich einfach verdrängt und vergessen. Nun aber war dieser Mann aufgetaucht. Und er sollte die Herren beobachten, die für die Müllbeseitigung zuständig waren. So weit bis heute. Man hat also ein Killerkommando auf mich angesetzt. James ist auf der Flucht, er wird gesucht wegen Betrug, Bank Insidergeschäften, wegen zweier Vergewaltigungen und nun auch wegen Vergabe von Auftragsmorden. Das andere Opfer seiner Untat ist seit mehreren Tagen verschwunden."

 

Das war schwer zu ertragen, was Melanie über sich hatte ergehen lassen müssen. Ein reiches armes Mädchen saß da im Kreise ihrer Freunde. Als sie weitersprach, waren alle erstaunt, denn sie dachten, dass jetzt nichts mehr kommen konnte. "Ben hat mich beschützt, all die Jahre auf allen Reisen. Ich konnte daran teilhaben, als er seinen Kampf gegen das Geld-Establishment verstärkte und ich war bei ihm, als er mehr oder weniger scheiterte. Ein paar Jahre waren wir ein Paar. Heimlich, so dachten wir, aber alle um uns herum merkten es. Aber Ben war ein Getriebener, ein Rastloser und ich sehnte mich immer mehr nach Ruhe und auch nach etwas Geborgenheit. Die fand ich, als die Ageli der Blauzahn begegnete. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte ich mich sicher. Männer die um ich herum waren, wollten nicht meinen Körper oder meine Seele auffressen, sondern mich als Freund. Und dann waren da noch Sophia und dann kam Birgit und die Freundschaften gaben mir das, was ich immer wollte." Die Tränen aus den vielen Augen, die flossen zeigten, dass alle verstanden hatten, um was es letztendlich ging. Menschliche Nähe konnte viele Wunden heilen und einem Leben das geben, wonach es sich sehnte.

 

Keiner wollte zuerst etwas tun und blieben schweigend sitzen. Pet stand als Erster auf, legte sich auf die Eckbank in der Messe und schlief sofort ein. Die anderen gingen entweder in ihre Kajüten oder taten es Pet gleich, nur Sophia und Melanie saßen weiterhin schweigen beieinander.

 

Um 5.00 Uhr wurden Lars und Pet geweckt, ihre Wachschicht war dran. Sie hatten die Schicht zusammen mit Mandy, Julia und Simon. Es war sehr kalt und keiner bewegte sich gerne draußen, aber es musste sein. Die Polizisten auf der Pier hatten sich in ihren Dienstwagen zurückgezogen und die, die mit an Bord waren, saßen auf der Brücke der Blauzahn und beobachten alles um sich herum.

 

Pet hatte keine gute Laune, er war müde, es war kalt und der Nebel über dem Wasser nahm ihm die Sicht. Er hatte Hunger und wollte einen Kaffee oder eine Tasse Tee, egal was, heiß sollte es sein.

 

Als Pet die Brücke der Blauzahn betrat, saß nur einer der Polizeibeamten dort. An dieses Gesicht konnte er sich nicht erinnern. "Wo ist denn Ihr Kollege?" fragte er ihn. "Er macht gerade einen Rundgang," war die stereotype Antwort des Uniformierten. "Wann sind Sie an Bord gekommen? Ich habe Sie gestern Abend nicht gesehen." Pet war etwas verunsichert, weil er weder die Geräusche gehört hatte, wenn jemand die Brücke verlässt, noch hatte er jemanden gesehen, der gerade einen Rundgang machte. Der Beamte drehte sich weg von Pet, schaute nach draußen und gab dann zur Antwort: "Wachtwechsel um 2.00 Uhr, den anderen war das zu kalt und die sind jetzt im Bus am Pier." - "Ach so, na dann noch gutes Beobachten." wünschte Pet ihm und ging von der Brücke. In der Messe traf er auf Lars, der gerade mit Melanie und Sophia sprach. "Ich glaube, die sind an Bord. Lars bringst du Melanie und Sophia nach unten. Ich hatte gerade ein Gespräch mit einem Polizisten auf unserer Brücke, den ich nicht kenne und der mir zu unbesorgt erschien. Einfach nicht Polizist genug, ich kann's nicht erklären. Mein Bauch sagt mir, dass da was nicht stimmt. Ich frage mal Jan und Juris, ob die was vom Wechsel der Polizisten mitbekommen haben."

 

Pet weckte Juris und der konnte sich an keinen Wechsel erinnern. Sie weckten gemeinsam Jan, der auch nichts davon wusste. Inzwischen war Melanie, Sophia und Lars auch unten und sie wurden in die Kajüte neben den Duschen gebracht. Lars holte die Waffen aus dem Versteck und nun weckten sie ganz leise die restliche Mannschaft. Kein Licht wurde gemacht und so war es nur die Mannschaft der Blauzahn, die in der Dunkelheit ihren Heimvorteil ausnutzen konnten. Steffen und Carlo verschanzten sich im Maschinenraum. Jose und Alberto im Vorratsraum. Die anderen Kajüten wurden kontrolliert und verschlossen. Erik, Lars, Jan und Juris nahmen die Waffen und arbeiteten sich leise nach oben. Die anderen blieben bei den beiden Frauen.

 

Vor der Messe traf Erik auf einen schwarz gekleideten Mann, der leise in ein Funkgerät sprach. Als er Erik sah, schlug er mit einem Totschläger zu. Nur war Erik etwas schneller und vor allem wesentlich kräftiger als sein Angreifen. Er blockte den Arm ab und rammte ihm mit voller Wucht seine Stirn auf dessen Nase. Bevor der Angreifen aufschreien konnte, hatte Erik bereits seine andere Hand auf seinen Mund gepresst, sodass nur ein dumpfes Gemurmel zu hören war. Das Funkgerät klickerte ein paarmal, als ob jemand versuchen würde, Kontakt mit dem Gerät aufzunehmen. Dann waren die anderen drei bei ihm, packten das sich noch windende Bündel und mit einem gezielten Schlag gegen die Schläfe schickte ihn Juris in eine Traumwelt, die er nur unter Schmerzen verlassen würde. Schnell und leise hangelten sich Lars und Juris dann zur Brücke hinauf. Unsichtbar für jeden von der Brücke blieben sie in der Hocke sitzen und warteten, was da nun passieren würde. Die Türe zur Brücke war leicht geöffnet und auf einmal hörte man zweimal hintereinander jemand leise etwas rufen. Es klang wie eine Frage, aber keiner verstand, was da so leise gerufen wurde. Dann kam erst ein Metallrohr zum Vorschein und dann eine Hand, die die Türe weiter aufschob. Lars sprang nach oben, packte das Metallrohr und drückte es zum Himmel, Juris war ebenfalls bei ihm und riss die Hand, die versuchte die Türe weiter aufzuschieben, zu sich nach unten. Der Mann kam aus dem Gleichgewicht und stürzte ohne das Metallrohr den Niedergang hinunter. Dort erwartete ihn Trevor und biss herzhaft in eine der Hände, die er nicht mehr loslassen wollte. Da es neblig und zudem noch sehr dunkel war, konnte man an den Geräuschen nur erahnen, dass hier was im Gange war.  Dann schrie irgendjemand laut. "Macht alle Lichter an". Keine zehn Sekunden später waren alle Lichter auf den drei Schiffen an. Auf der Gangway von der Ageli zur Blauzahn sah man Mandy, Carla und Juli, wie sie mit einem Mann kämpften. Als Greg und Mathias ihnen zur Hilfe kommen wollten, rief Julia laut.: "Bleibt weg, der gehört mir." Dann sah man, wie ihre Krallen sich in sein Gesicht gruben und tiefe Furchen hinterließen. Dann trat Carla dem nun am Boden Liegenden mit den Füßen gegen die Kniescheiben und zwischen die Beine, bis ein Sturz von der Gangway ins eiskalte Wasser ihn davon erlöste. Der vierte war bereits auf der Sasha erledigt worden. Simon hatte das mit seinen geschulten Leuten erledigt. So wie es aussah, würde dieser Mann für sehr lange Zeit nur Flüssignahrung zu sich nehmen können. Leider war eine seiner Mannschaftmitglieder, die Maschinistin, durch einen Messerstich an der Hüfte verletzt worden. John und Sylvia eilten zur Hilfe.

 

Jan saß einem der Angreifer immer noch auf der Brust und wollte ihn nicht frei lassen. Lars sprach ihn an, aber Jan atmete nur schwer und versuchte erfolglos aufzustehen. Vorsichtig hoben ihn Lars und Erik an und legten ihn flach neben den ohnmächtigen Angreifer. Währenddessen eilten Uniformierte und Polizei - schreiende Männer - die Gangway hinauf auf die Blauzahn. In all diesem Geschrei und den trampelnden Getöse hätte man fast die zwei schnell aufeinander folgenden Schüsse auf dem Unterdeck der Blauzahn überhört. Alles schreckte auf.

 

Was sollte man zuerst tun? Jan, der offensichtlich am Ersticken war, helfen oder den vielleicht bedrängten Freunden unter Deck zu Hilfe eilen?

 

Fortsetzung folgt

 

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