Teil 2 - Kapitel 55

6. Dezember 2015 17.30 Uhr Krankenhaus Rendsburg

 

Da standen sie nun auf dem Gang der Chirurgischen Abteilung im Krankenhaus. Um sie herum tobte der Nikolaustag und Sophia hatte einen Zettel in der Hand. Keiner der drei anderen schauten ihr über die Schulter. Das Blatt Papier war für sie bestimmt und deshalb sollte sie das auch alleine lesen dürfen. Natürlich waren alle anderen neugierig, was denn auf dem handgeschriebenen Stück Papier stand. Sophia las, drückte sich den Zettel auf die Brust, dachte nach und las nochmals. Dann überlegte sie, wie sie es den anderen sagen sollte, was da stand. Sie konnte und wollte es nicht wortwörtlich wiedergeben. "Sie ist abgereist -- oder besser abgeholt worden. Sie ist auf dem Weg nach Kiel, um dort etwas zu erledigen. Sie muss ein sehr altes Problem lösen, das sie schon sehr lange belastet. Sie wird dann berichten was los ist, wenn sie es erledigt hat.  Es geht um etwas sehr Persönliches, deshalb kann ich euch nicht mehr sagen. Aber sie wird wieder zu uns kommen, das ist sicher."

 

Enttäuscht und verwirrt fuhren die vier wieder zurück zum Hafen. Das Fahrzeug, das sie verfolgt hatte, blieb am Krankenhaus stehen. Einer der Insassen hatte versucht, etwas mehr über ihren Besuch und die plötzliche Abreise zu erfahren, aber das war nicht möglich. Das Krankenhauspersonal gab keine Auskunft außer der Zimmernummer, wo sie untergebracht war. Dann hatte er nur gehört, wie Sophia den Ortsnamen Kiel sagte, mehr nicht. Auch die junge Schwester in der Klinik, die Sophia das gefaltete Stück Papier übergeben hatte, wusste nicht mehr - mit einer Bonusversprechung von einhundert Euro war ihr Gedächtnis nicht besser geworden. Der Mann, der ihr die einhundert Euro versprach, war ihr einfach unsympathisch und so verschwieg sie auch, dass Melanie von zwei Männern abgeholt worden war, die mit ihr nach Kiel wollten.

 

Wie sollten sie herausfinden, wo Melanie war? Sie erst wieder an Bord der Ageli zu sehen war nicht gut und ihr Auftraggeber wollte das auch nicht. Denn wenn sie den Nord- Ostseekanal verlassen hatten, würde es doch sehr schwer werden, sie alleine zu fassen zu bekommen. Also mussten sie die vier Insassen des Fahrzeuges, die den Auftrag hatten Melanie aufzuhalten, so schnell wie möglich finden. In der Zeitung hatten sie gelesen, dass sie drei Tage im Krankenhaus sein würde. Nun wurde es aber durch ihre Blitzentlassung und ihr Verschwinden etwas schwierig, sie ausfindig zu machen. Sie hatten ein paar Optionen,  Informationen zu beschaffen. Entweder jemanden von den drei Schiffen auszuhorchen, hier war aber nicht sicher, dass sie die oder den Richtigen erwischen würden. Sophia wäre hier die sicherste Option, wenn man derer habhaft werden würde, was aber nicht einfach sein würde. Oder man würde sich nochmals mit der jungen Krankenschwester beschäftigen, die sicher etwas mehr wusste, als sie zugeben würde. Oder sie trennten sich,  zwei Mann sollten sich ein Motorboot mieten und die kleine Flotte auf dem Wasser verfolgen, und die anderen beiden würden mit dem Auto nach Kiel fahren, um dort zu recherchieren. Die Herren entschieden sich dafür, ein Motorboot zu chartern und die junge Krankenschwester nochmal liebevoll aber eindringlich zu befragen. Sie mussten vorsichtig sein, der Anschlag auf den Van war schon sehr risikoreich, aber die vier anderen Herren waren ihnen einfach in die Quere gekommen und mussten verschwinden. Die Explosion war heftiger als erwartet. Wahrscheinlich lag es an der Propangasheizung im Bus, dass die Gasflasche doch etwas mehr Gas enthielt als...egal, die Herren waren weg. Als Priester, und so waren sie ja gekleidet, hatten sie den Expressaufzug zu ihrem Chef bekommen.  

 

Die Schicht der jungen Krankenschwester war um 19.00 Uhr vorbei. Unerwartet sprach sie der unsympathische Typ mit den einhundert Euro auf dem Nachhauseweg an. Sie hatte keine Chance, seiner Frage oder gar ihm selbst zu entkommen. Brutal presste er seine behandschuhte Hand über ihren Mund und zerrte sie in den Van. Schnell hatte sie einen Knebel im Mund und war gefesselt. Etwas  außerhalb von Rendsburg auf einem Feldweg hielt der Van an. Die vier Männer gaben sich nicht einmal die Mühe, ihre Gesichter zu verdecken. Der jungen Frau war damit nicht bewusst, dass das eigentlich schon ihr Todesurteil war.

 

Schmerzhaft quetschte einer der vier ihre rechte Hand, bis der Mittelfinger und der Zeigefinger brach. Die junge Frau schrie in ihren Knebel hinein. Zu hören war sie nirgends. Dann stellte man ihr die Fragen. Da sie zu lange nachdachte, weil sie meinte, das würde ihr helfen, zerrte einer der Typen ihr die Hose vom Körper. Ihre Angst wuchs und sie sagte alles, was sie wusste. Als man ihr noch mehr Fragen stellte, die sie nicht beantworten konnte, da sie nicht mehr wusste, fing sie an etwas zu erfinden. Die Vier waren professionell genug, um das nicht zu erkennen und peinigten die junge Frau noch mehr. Sie wurde am ganzen Körper betatscht und gequetscht. Das endet erst, als sie haltlos anfing zu weinen. Einer der vier nahm ihren Kopf in seine Hände, sagte ihr, dass alles jetzt gut sei und brach ihr mit einem gewaltigen Ruck das Genick. Man warf ihren leblosen Körper und ihre Habseligkeiten  an Ort und Stelle aus dem Auto. Damit war klar, dass sie mit einem Boot die kleine Freidenker-Armada verfolgen mussten und dass sie parallel mit dem Auto nach Kiel fahren würden. Erst zehn Kilometer später informierten sie ihren Auftraggeber von der weiteren Vorgehensweise.

 

20.00 Uhr auf der Blauzahn 

 

Es wurde zwar etwas heftig darüber diskutiert, dass man das Verschwinden von Melanie nicht gut fand, aber nach dem Abendessen war auch dieses Thema ausdiskutiert und man unterhielt sich über das Wetter und die bevorstehende Pressekonferenz in Kiel. Otto wollte auf einmal nicht mehr den Journalisten Rede und Antwort stehen, also wurden die Karten neu gemischt. Mathias, Pet und Jan würden sich das Podium mit Betty, Birgit, Sophia und Sasha teilen. Vier Frauen und drei Männer, das würde allen Feministinnen gefallen und war sicher politisch mehr als nur korrekt.

 

Otto war einfach schockiert, dass Melanie einfach so verschwunden war und wollte nicht so unvorbereitet in eine Pressekonferenz gehen, ohne zu wissen, was die Beweggründe von Melanie waren. Er scheute sich vor den Fragen, die da kommen könnten. Alle verstanden ihn gut, denn sie wollten ehrlich und offen mit allen Themen umgehen können, so aber hatten sie ein Thema, zu dem sie keine Antwort hatten.

 

6. Dezember 2015 21.00 Uhr bei Rendsburg

 

Der kleine Terrier kläffte  laut und hysterisch und rief damit seinen Besitzer auf den Plan. In einem Graben am Feldrain schien etwas zu liegen, was den kleinen Hund mächtig aufregte. Der Mann nahm eine Taschenlampe und leuchtete in die Richtung, wo etwas sein musste. Im Lichtkegel der Lampe sah er einige Kleidungsstücke und dann sah er auch noch den halb bekleideten Körper einer Frau. Er rief sie an, aber sie rührte sich nicht, als er sie berührte spürte er, dass sie schon kalt war. Per Handy informierte er die Polizei und keine zehn Minuten später waren die Herren in Uniform schon da.  Und dann dauerte es keine weiteren zehn Minuten und die geballte Staatsmacht war unterwegs. Das Adrenalin des Falles eines explodierten Vans noch im Blut hetzten die Damen und Herren um den Tatort. Der arme Besitzer eines kleinen Hundes und der Terrier selbst wurden verhört und befragt. 

 

7. Dezember 2015 7.00 Uhr an Bord der Blauzahn

 

Beim Frühstück in der Messe hörten die Nordstrandpiraten von dem Fund einer Frauenleiche. Als dann noch die kurze Beschreibung und das Arbeitsumfeld der gewaltsam zu Tode gekommen genannt wurde, war Otto klar, dass es sich dabei um die Krankenschwester handeln könnte, die Sophia den Zettel übergeben hatte. Seinem Ausruf "oh oh!" folgte lauten Reifengequietsche auf dem Pier. Blaues Licht von den Einsatzfahrzeugen der Polizei erhellte den noch trüben Hafen. Sogar die Wasserschutzpolizei hatte die andere Seite des Hafenbeckens abgesichert.

 

Und schon trampelte es auf der Gangway zur Blauzahn hinauf. Aber die Herren in den blauen und schwarzen Uniformen hatten nicht mit drei Vierbeinern gerechnet, die ihnen den Zugang zum Schiff verwehrten. Einer der ganz eifrigen Bewaffneten zielte auf Trevor, bis ihn ein Schrei aus seiner Adrenalin-Trance aufweckte. Pet hatte so laut gebrüllt, dass das Hafenbecken von seiner Stimme widerhallte. "Stopp! Wenn du versuchst, einen der Hunde zu erschießen, dann kannst du gleich ins Hafenbecken springen und sicherheitshalber nie wieder auftauchen." Dann waren auch schon Lars und Mathias zur Stelle. Mathias spürte sofort, dass er mal wieder den Anwalt raushängen musste. Demonstrativ stellte er sich auf die Gangway und überschüttete alle zuerst mit Paragraphendaten, um dann sehr höflich zu fragen. "Meine Herren, was ist denn ihr Begehr?  Hat es hier einen einigermaßen zivilisierten Menschen, der mir eine vernünftige Auskunft über diesen offensichtlichen Versuch eines gewalttätigen Eindringens geben kann?"  Durch die auf der Gangway stehend Beamten drängte sich eine etwa vierzigjährige Frau in einem grauen Kostüm. Sie stellte sich als Staatsanwältin vor und bat höflich, aber doch sehr bestimmt, an Bord kommen zu dürfen, um Otto Kraz, Sophia Merion, Betty Black und Sasha Wolkow sprechen zu dürfen und an Pet gewandt. "Würden sie bitte die Hunde zur Seite nehmen, ich möchte mich nicht mit denen in eine Beißerei verwickelt werden. Und glauben Sie mir eines, ich kann verdammt bissig werden." Pet dachte bei sich, dass es der Dame wohl weniger an Selbstvertrauen fehlte, aber sie überschätzte sich doch etwas, was ihre Bissfertigkeit betraf.

 

Die Hunde wurden zur Seite genommen, die Dame gefolgt von drei Herren enterte die Blauzahn und wurden in die Messe geführt. Otto wartete bereits in der Messe, als die Behördenvertreter dort eintrafen und keine zwei Minuten später waren auch Betty, Sophia und Sasha da. Alle legten ihre Identitätsdokumente hin und einer der Begleiter der Staatsanwältin schrieb sich die Daten der vier auf. Bis auf die acht in der Messe blieb nur Mathias als Anwaltsvertreter mit in der Messe, alle anderen waren an Deck oder sicherten die Gangway. Schnell wurde klar, dass auf Grund der zeitlichen Abfolge und der Zeugen niemand an Bord etwas mit dem gewaltsamen Tod der Krankenschwester zu tun hatte. Der Taxifahrer, der sie vom Krankenhaus abgeholt hatte, bestätigte, dass er die vier Personen um etwa 19.30 Uhr im Hafen bei den Schiffen abgesetzt hatte. Das war aber der festgestellte Todeszeitpunkt der armen Krankenschwester. Was die Staatsanwältin noch interessierte, war ein Zettel, den die Getötete Sophia übergeben hatte. Widerwillig übergab Sophia der Staatsanwältin das Stück Papier. Die las ihn kurz und gab ihn ihr zurück. "Etwas kryptisch, was da steht. Wir wissen, dass ihre Freundin Melanie unter Polizeischutz in Kiel ist. Sie ist eine wichtige Zeugin bei einem Prozess gegen einen Gewaltverbrecher und sie muss noch jemanden identifizieren. Da es sich hierbei um einen sehr heiklen Fall handelt und die Sache zu internationalen Verwicklungen führen kann, werde ich ihnen leider keine weiteren Auskünfte dazu geben können. Wie wollen wir mit der Presse umgehen? Die stehen garantiert schon draußen und erwarten eine Erklärung?" Mathias war empört über den letzten Satz. War es denn ihr Verschulden, dass man sie mit einem Überfallkommando hier besuchte? Mathias fragte in die Runde, ob denn bereits ein Verdacht gegen sie irgendwo geäußert wurde? Die Staatsanwältin verneinte, aber der Oberstaatsanwalt habe die Aktion genehmigt und sie wisse nicht, ob er Informationen weitergegeben habe, denn in ein paar Minuten sei auch eine Pressekonferenz angesagt und er stehe derzeit gewaltig unter Druck, denn erst kam die Explosion des Van und nun dieser Mord, vorher noch der Unfall mit der Sasha auf dem Kanal. Das wären Ereignisse, von denen man in dieser Gegend nicht so oft erfuhr. Wenn dann noch bekannt werden würde, dass eine der Besatzungsmitglieder unter Polizeischutz stehen würde, wäre die Pressemeute nicht mehr zu halten. "Also, wie wollen wird mit den Journalisten umgehen?" Mathias wurde klar, dass die Dame etwas verzweifelt war, denn mit dieser Wendung hatte sie nicht gerechnet. Sie waren mit fast vierzig Beamten hier aufgetaucht und das ohne Grund und hatten hier lautstark noch viel Porzellan zertrümmert. "Gut, wir wollen eines nicht, dass das Ganze an die große Glocke gehängt wird. Wir müssen uns selbst vor Verdächtigungen schützen, zudem sollte niemand von unserer Freundin in Kiel erfahren. Dann lassen sie uns ein wenig Theater spielen. Wir gehen nach oben, reichen uns lächelnd die Hände, sie streicheln ein wenig die Hunde und die Presse sieht, dass wir im Guten auseinander gehen. Und der Presse berichten sie, dass man uns gebeten habe, sie bei der Aufklärung des Falles zu unterstützen, man aber dabei den Schutz der drei Schiffe eventuell vernachlässigt habe. Dies sei aber nicht der Fall und alles habe sich gut entwickelt, da wir sie durch unsere Aussagen an der Aufklärung der Explosion und an dem Mord unterstützen konnten." Mathias war zufrieden mit sich selbst, die Staatsanwältin nicht. "Bis auf das Streicheln der Hunde können wir das so machen." meinte sie. Mathias war da anderer Meinung. "Das gehört mit zum Deal, Frau Staatsanwältin. Entweder ein paar Streicheleinheiten oder wir müssen uns doch was Neues einfallen lassen, dann ohne sie." Ihr war klar, dass er sie bestrafen wollte. Zudem, wer konnte diesem sympathischen Mann schon ein Bitte abschlagen. Unter anderen Umständen würde sie gerne mit ihm mal essen gehen, aber er schien weit davon entfernt zu sein, hier irgendjemandem seine Sympathie zu schenken, vor allem bei der Auswahl an gut aussehenden Frauen auf der Ageli. Sie hatte sich vorher bestens über alle Besatzungsmitglieder informiert. "Gut dann machen wir das so, wenn Sie das so wollen. Ich hoffe, dass ich mit keinen Bisswunden bei meinem Chef  in Kiel auftauche." An Deck war es inzwischen wieder ruhiger, bis auf Erik und Pet und den drei Hunden war niemand mehr bei der Gangway. Sie streichelte tatsächlich die drei Hunde, zuerst ängstlich zögerlich und als die Jungs das auch noch genossen, bückte sie sich sogar, um jedem einzelnen noch die Pfote zu schütteln. Als sie sich etwas übertrieben lächelnd zum Abschluss noch von Mathias verabschiedete und der ihre Hand nicht loslassen wollte, wurde sie unsicher. Mathias zog sie etwas mehr in ihre Nähe und sprach sie nochmals etwas leise an. "Vielleicht haben wir in Kiel die Gelegenheit, uns nochmals zu unterhalten, eventuell könnten wir zusammen essen gehen. Hier ist meine Visitenkarte mit meiner Handynummer, unter der sie mich erreichen können. Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag. Ach ja, ich finde, Hunde passen zu Ihnen, Sie haben sich ja von Anfang an als bissig bezeichnet, da könnte das noch etwas unterstreichen. Ich fand das übrigens gar nicht. Auf Wiedersehen." Dann schob er sie in Richtung Gangway und setzte dabei sein tolles Freispruchlächeln auf.

 

Fortsetzung folgt

 

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