Teil 2 - Kapitel 53

4. Dezember 2015 Brunsbüttel Kanaleinfahrt

 

Die halbe Nacht hatten alle Mannschaften daran gearbeitet, die Masten niederzulegen und zu vertäuen. Die Mannschaft der Blauzahn war auf allen drei Schiffen tätig, da sie die meiste Erfahrung besaß. Das alles ging Hand in Hand und es wurde auch von der Mannschaft der Sasha akzeptiert, wenn ein Lars oder ein Erik dort kurzfristig das Kommando übernahm. Die Frauen und Männer der Sasha konnten sehr gut im Team arbeiten, aber man merkte, dass ihnen etwas die Routine fehlte.

 

Gegen 23.00 Uhr waren die Vorbereitungen für die Einfahrt in den Kanal erledigt. Sophia, Betty, Marta, Pet und Juris trafen sich anschießend noch zu einem kleinen Spaziergang mit den Hunden durch die verschlafene Stadt. Melanie wollte sie begleiten, aber sie musste sich wegen eines gequetschten Fingers behandeln lassen.

 

Schweigend gingen sie durch die Stadt. Die Straßenlaternen und die Beleuchtung der einzelnen Ladengeschäfte erhellten einen fast ausgestorbenen Ort. Sie begegneten keinem Fußgänger, ab und zu fuhr ein Auto auf der Straße. Selbst die Kneipen waren geschlossen. Deutschland in seiner beschaulichen Ruhe - Langeweile und Ordnung umfing sie. Eine Stadt wie viele andere in Deutschland, wo das Leben zwischen 6.00 Uhr und 22.00 Uhr stattfand und danach sich das Meiste hinter verschlossenen Türen abspielte. Pet meinte nur, was man denn um diese Uhrzeit bei dem Wetter auch erwartete. Juris entgegnete: "Mehr. Wir in den Baltischen Republiken leben in den 5 Monaten von Herbst, Winter und Frühling bei so einem Wetter. Und bei uns ist einfach mehr los. Aus manchen Häusern hört man Menschen singen, die kleinen Kneipen haben fast rund um die Uhr auf. Ich glaube, wir leben mehr. Ihr Deutschen lebt, um zu arbeiten, Spaß ist ein Luxusgut, das man sich leisten muss. Nichts ist umsonst. In ständiger Demut vor der Obrigkeit seid ihr fleißig, um dem Finanzamt zu gefallen. Selbst um diese Uhrzeit, ohne Straßenverkehr, gehst du nur dort über die Straße, wo eine Fußgängerampel oder ein Zebrastreifen ist. Ist dir das nicht aufgefallen? Die Obrigkeit hat die Deutschen verdammt gut im Griff. Selbst die Flüchtlingsthematik wird zuerst mit dem schlechten Gewissen der Deutschen angegangen. Mit dem Anspruch der besonderen Verantwortung. Und die haben die anderen Staaten nicht? Da wird mit Steuergeldern der Bürger der politische Gutmensch gemacht. Die Politiker haben das gemacht. Das ist zum Lachen. Ihr zahlt und die Politiker sind die Guten. Und die ganzen Eliten im Land lachen sich ins Fäustchen." Dann war Juris ruhig. Schlagartig, ohne die anderen anzuschauen. Marta, Pet und Sophia, die Deutschen unter den Spaziergängern und auch Vertreter von zwei Generationen kamen ins Grübeln. Als erste kam Sophia aus ihrer Schweigsamkeit. "Ja da magst du recht haben. Seit ich denken kann, werde ich immer wieder mit der Vergangenheit meiner Eltern und Großeltern konfrontiert und das so, als ob ich die Verantwortung dafür mitzutragen hätte. Ich bin nicht dafür verantwortlich und ich fühle auch keine besondere Verantwortung für das, was jetzt geschieht. Ich dachte immer, die müssen wir alle als Menschen tragen, ob Christ, Moslem, Atheist, Buddhist oder sonst auch was. Und was mich wundert ist das, was jetzt geschieht. Da ziehen sich die Staaten, die das Chaos im arabischen Raum verursacht haben, zurück oder ziehen andere Staaten mit rein. Wo ist da denn die historische Verantwortung? Nein es geht alles nur um Macht der Mächtigen. Menschliches Leid als Spiele derer, die Macht und deren Ausübung als Ziel aller ihrer Handlungen sehen. Und die, die wirklich helfen wollen, die die Menschlichkeit als Selbstverständnis ansehen, werden nicht genug beachtet. Hier treffen so viele unterschiedliche Kulturen und politische Strömungen aufeinander, dass das mittelfristig wie auch langfristig nicht gut gehen kann. Ohne Regeln funktioniert das alles nicht. Und nun sind wir wieder bei der Deutschen Ordnung. Unser Zusammenleben hat gut funktioniert, solange diese Regeln, diese Ordnung für alle gegolten hat, aber nun gibt es zu viele Abweichungen. Der ohne große Macht oder Lobby arbeitet weiter, hält sich an die Regeln, davon aber partizipieren nicht diejenige, die das tun, sondern die die Regeln aufstellen und für Ordnung sorgen. Genug für heute, es ist Mitternacht und es gibt Schöneres, was man um diese Uhrzeit bei dem Mistwetter tun könnte." Keiner fragte sie, was sie denn damit meinte. Für Pet,  Marta und die anderen war das Thema noch nicht ausdiskutiert, aber sie waren müde und es war Zeit ins Bett zu gehen.

 

Melanie hatte die ganze Nacht Schmerzen am kleinen Finger der linken Hand. Die ärztliche Untersuchung hatte zwar nichts ergeben, was besorgniserregend gewesen wäre, aber trotz Schmerzmittel gab der kleine Finger keine Ruhe. Sylvia hatte in der Nacht zwei Mal nach ihr geschaut und ihr geraten, doch in Krankenhaus zu gehen, um den Finger zu röntgen, Melanie wollte aber nicht. Kurz vor der Abfahrt kam der Bruder von Judit mit einem Koffer und einer kleinen Tasche. Die Begrüßung der Geschwister war für alle sichtbar kühl bis eisig. Judit gab ihrem Bruder die Gepäckstücke mit, die sie für die Reise offensichtlich nicht benötigte. Dann verschwand ihr Bruder wieder, ohne dass die beiden sich verabschiedeten.

 

Nach dem Frühstück fuhr die kleine Flotte um kurz vor 10.00 Uhr in die Schleusen bei Brunsbüttel ein. Um 10.30 Uhr waren sie im Nordostseekanal und die Reise ging nun durch den Kanal weiter nach Kiel, wo man dann in die Ostsee einfahren würde.

 

5. Dezember 14.00 Uhr 10 Kilometer vor Rendsburg

 

Die Ageli hatte die Führung der keinen Flottille übernommen, dahinter kam die Sasha und danach die Blauzahn. Das Wetter lud nicht unbedingt dazu ein, es sich auf Deck gemütlich zu machen - Nieselregen und Außentemperaturen von etwas mehr als 3° C und bewölkt.

 

Mandy sah das kommende Unglück als erste. Ein Motorboot raste ihnen entgegen. Die Ageli konnte einer Kollision gerade noch ausweichen, die Sasha folgte ihrem Ausweichmanöver aber das Motorboot wollte oder konnte einer Kollision mit der Sasha nicht ausweichen und streifte sie hart mittschiffs. Das Motorboot schwamm weiter und die Mannschaft der Blauzahn konnte das offensichtlich führerlose Motorboot mit Bootshaken einfangen. Die Flotte stoppte und als man das Motorboot gesichert hatte, sprangen Carlo und Luigi auf das Boot. Auf dem Führerstand fanden sie einen älteren Mann zusammengesunken auf seinem Sessel hinter dem Steuerrad, die linke Hand noch auf dem Gashebel. Gerrit sprang mit seiner Notfalltasche hinüber. Der Puls des Mannes war kaum zu fühlen, aber er atmete noch. Die erste Hilfemaßnahmen wurden eingeleitet und die Polizei und der Rettungsdienst angefordert.

 

Mit einem Polizeiboot kam auch der Rettungsdienst nach etwas mehr als fünfzehn Minuten. Der Kanal wurde gesperrt, obwohl genügend Platz für den anderen Schiffsverkehr war. Der Mann am Steuer des Motorbootes hatte offensichtlich einen Herzinfarkt erlitten und wollte den Motor ausmachen und war aber so ungeschickt  zusammengesunken, dass er die volle Motorstärke dabei abgerufen hatte. Der Abtransport des Erkrankten wurde mit dem Polizeiboot vorgenommen und die drei Schiffe wurden aufgefordert, in den Seitenkanal in die obere Eider einzufahren. Der Schaden an der Sasha musste unbedingt untersucht werden. Auf der anderen Seite war der Aufenthalt sehr gut, denn Melanie hatte inzwischen so starke Schmerzen an der linken Hand, dass man sie nötigte, sich in einem Krankenhaus untersuchen zu lassen.  Um 15.30 Uhr waren alle drei Schiffe vor Anker und die polizeiliche Befragung ging seinen Gang. Mathias war als Anwalt wieder in seinem Element, sodass Simon nicht ohne Beistand die Befragung über sich ergehen lassen musste. Mathias spürte sehr deutlich die Ressentiments, die gegenüber der russischen Mannschaft von Seiten der Behörden da war. Russen, teure Jacht und das bei diesem Wetter, da konnte doch etwas nicht in Ordnung sein. Als sich aber die Sasha mit einigen Crewmitgliedern der anderen Schiffe füllte und dann noch der Presseausweis von Julia zum Vorschein kam, wurde die Situation schon etwas entspannter.

 

Um 17.30 Uhr kam ein Vertreter einer Reparaturwerft, um sich den Schaden an der Sasha anzuschauen. Da man in den Wintermonaten genügend Kapazitäten frei hatte, konnte mit der Reparatur am Folgetag begonnen werden. Laut Werftmitarbeiter war der Schaden nicht groß. Man musste nicht umgehend reparieren, aber man sollte es bald tun, denn bei extremen Wettersituationen könnte sich der Schaden doch als unangenehm herausstellen.

 

Betty meinte dann per Funk an alle, nachdem sie das vernommen hatte: "Passt auf meine Freunde. Melanie muss für mindestens drei Tage in der Klinik bleiben. Es geht ihr soweit gut, aber die Wunde hat sich entzündet und das sollte behandelt werden, sonst verliert sie den Finger. Also wünsche ich uns allen einen angenehmen Aufenthalt in Rendsburg. Suchen wir uns eine Lokalität zum Abendessen oder will jede Mannschaft für sich sein? Ich gehe in einer halben Stunde kurz Melanie in der Klinik besuchen. Will jemand mit? Und danach können wir uns zum Essen treffen." Aus allen Funkkanälen der drei Schiffe kam - Essen gehen -.  

 

Also traf man sich in einem Lokal am alten Markt. Es waren zwar fünfzig Gäste angemeldet, aber die Anforderung an Küche und Personal waren damit trotzdem sehr hoch. Die drei Schiffsbesatzungen füllten das gesamte Lokal aus. Da Otto und Pet so von dem norddeutschen Salzfleisch mit Bratkartoffeln und Salat geschwärmt hatten, bestellten fast alle dieses Gericht. Bier und Selters flossen in Strömen. Aus den Besatzungen der drei Schiffe war eine Crew geworden. Eine freundliche und aufgeschlossene Gesellschaft konnte Pet und Otto beobachten. War das eines ihrer wichtigsten Ziele gewesen? War es das, was sie sehen wollten? Geplant war das nicht, aber es war einfach wunderbar, das zu beobachten und zu bemerken, wie gut das tat. Warum funktionierte das nicht in einem Weltenkreis?

 

Sylvia haderte mit sich an diesem Abend. Sie fühlte sich schuldig, weil sie Melanie nicht helfen konnte. Gerrit versuchte mit seinen Mitteln, sie zu trösten, was ihm aber weniger gelang als ein paar Bierchen, die Sylvia sich gönnte.

 

Am etwas späteren Abend saßen dann Steffen, Mathias, Sophia, Marta, Birgit, Judit, Otto und Pet zusammen. Sophia hatte allen von der nächtlichen Ansprache erzählt, die Juris zum Deutschtum und den Tugenden der Deutschen von sich gegeben hatte. Zuerst wurde doch etwas verhalten darüber gesprochen, dann wurde es aber immer hitziger. Immer wieder hing man an der Frage, was eigentlich deutsche Tugenden seien. Vor allem die Damen haderten hier mit der Aussage, dass die Deutschen fleißig, mit einem Ordnungssinn ausgestattet, obrigkeitshörig, korrekt und mit einem Erbsündenmythos behaftet seien. Sie konnten sich nur mit dem fleißig anfreunden, alle anderen Werte stellten sie zwar nicht in Frage, aber sie galten doch als etwas fragwürdig. "Sind wir alle etwas naiv? Leben wir auf unseren Schiffen in einem Glaskasten, weit weg von jeglicher Realität? Sind wir zu Sozialträumer geworden? Wir sprechen über Werte und über das was unsere Heimat ausmacht und wissen doch, dass der Alltag einfach anders aussieht und diese Werte langsam aber mit Sicherheit verschwinden. Diese sogenannten Tugenden haben sich im Laufe von Jahrhunderten entwickelt. Die werden uns nicht einfach angedichtet, die sind teilweise da. Und was macht unsere Nachbarn aus? Franzosen, Italiener, Niederländer oder auch Polen, welche Tugenden haben sich dort entwickelt? Unser größtes Problem war immer diese Kleinstaaterei. Auch heute noch, aber es war auch eine Triebfeder, weil jedes Bundesland in Konkurrenz zu einem anderen stand. Also musste man sich ganz schön anstrengen, um sich wirklich zu entwickeln. Ganz im Gegensatz zu Frankreich. Dort gab es den Zentralstaat. Paris regelte, Paris war ein Moloch, Paris ist der Traum, Paris ist alles. Mit dem nichtssagenden Bonn wurden die neugegründeten Bundesländer stark. Und der Fleiß der Bürger war die Chance, sich aus dem Dunkel der zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre zu lösen. Und eines darf man auch sagen, diese Kleinstaaterei förderte ganz sicher auch eines: Toleranz. Bayern und Württemberger waren sich nie grün und doch funktionierte es, so funktionierte es innerhalb von Deutschland gut. Und dann das Wirtschaftswunder, das keines war, weil es das Ergebnis aus Zerstörung und Aufbau war. Die sogenannten Gastarbeiter. erst die Ressentiments, dann die schnelle Integration. Die Italiener fanden Deutschland gut und Deutschland fand Italien gut. Ja klingt einfach und naiv, aber es ist besser, manche Dinge nicht bis in die letzte Gedankenfalte auszuleuchten, sondern vereinfacht darzustellen, damit es klarer wird. Wir haben uns entwickelt, aber eines haben wir uns leider erhalten. Diesen Obrigkeitsglauben und das Beamtentum. Wir sind keine Revolutionäre, wer bei uns irgendeinen akademischen Titel vorzuweisen hat, gilt von vorne rein als kompetent, das reicht als Nachweis, gut zu sein. So manche Hausfrau hat mehr politische und soziale Kompetenz als ein Politiker, aber sie ist nur Hausfrau und damit wird ihr niemals unterstellt, dass sie mehr kann. Gäbe es einen Studiengang Hausfrau und Mutter, könnte man das sicher ändern. Sorry ich verzettle mich, ich muss aufhören. Zu viel Bier, zu viel Ideen und zu wenig Schlaf." Sophia sackte in sich zusammen, als sie aufhörte zu reden. Man spürte, dass in ihr etwas brodelte und sie ein bestimmtes Ziel mit ihren Aussagen verfolgen wollte, aber offensichtlich hatte sie wirklich den Faden verloren. Dafür begann die Neue, Judit, nun einiges von ihrem Wissen preiszugeben. Sie, die Geschichte studierte, hatte einiges an Wissen erworben, das für die jetzige Diskussion wichtig war, vor allem aber für die zukünftige Aufgabe auf Gotland. Wie sollte und müsste die Gesellschaft der Zukunft gestaltet werden? Gotland wartete und sie fingen an, sich, ohne genau zu wissen was auf sie alle zukam, schon Vergangenheitsbewältigung zu betreiben und zu analysieren, wie sie waren, was sie waren und was nicht gut war. Ja manchmal erging man sich in Stammtischdiskussionen ohne zu wissen, dass da schon einiges an Seele drin war, die sie alle bewegte. Nicht alles war dazu geeignet, es am nächsten Morgen in den Mentalmülleimer zu werfen. Manchmal brauchte man einfach Denkanstöße, um ein Stückchen weiter zu kommen. Die Reise der Nordstrandpiraten war noch nicht zu Ende und sie hatten nun einige Begleiter, die ihre neue Aufgabe nicht einfacher machte, aber ganz sicher sehr interessant.

 

Um 1.00 Uhr wurden sie höflich aus dem Lokal geworfen. Die Bedienungen waren müde, die Gäste zu laut und es gab kein Bier mehr. Keiner musste alleine laufen, zu zweit, zu dritt oder auch zu viert hatten sie sich untergehakt und gingen zusammen zum kleinen Hafen. Ein paar Mal brüllte ein braver Bürger aus einem Fenster heraus, dass sie nun endlich leise sein sollten. Das wurde mit einem fünfzigkehligen "Pssst" quittiert. Selbst eine Polizeistreife, denen sie begegneten, bat sie nur höflich um etwas mehr Ruhe. Für zwei Polizisten war es nun mal schwierig, diese friedlichen Zecher zum Schweigen zu bringen.

 

Außer Pet waren nur Simon, Greg und Birgit nüchtern, alle anderen waren doch etwas mehr als lustig. Dass es manchem egal war, wo er schlief, konnten die vier nicht verhindern. Sophia und Judit legten sich in die Koje von Pet und schliefen sofort ein. Lars legte sich ins Bett von Isabell und die schlief in ihrer Kajüte auf dem Boden. Und so war ein Mannschaftsgemisch vorhanden, das ein Außenstehender missverstehen konnte, es aber besser nicht tat. Die hormonellen Gefahren waren bereits ertränkt worden und die Wiederbelebung fand im Schlaf statt.

 

Fortsetzung folgt

 

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