Teil 2 - Kapitel 52

26. November 2015 9.00 Uhr Hafen von La Rochelle auf der Ageli

 

Judit war inzwischen auf die Ageli umgezogen. Dort sollte sie sich unter der Aufsicht von Sylvia erholen, die vermutete, dass sie doch eine leichte Gehirnerschütterung von dem Sturz bekommen hatte. Zudem vermutete sie nun selbst, dass sie bei der Party auf dem Wohnschiff mit einer Droge betäubt worden war. Erik, Otto und Carlo waren am Vortage dorthin gegangen, nachdem sich doch niemand wirklich um Judit Sorgen gemacht hatte und sie nur vermisst wurde. Sie hatten ihre Kleidung dort eingesammelt und wollten diese mitnehmen. Erik war aber das Verhalten der fünfzehn anderen Bewohner mehr als nur verdächtig vorgekommen und so hatte er seine Körpergröße, Kraft und seinen Tiefkühleisbergblick aufgesetzt und einige der Bewohner zum Vorfall mit Judit gefragt. Einen der etwas vorlauten Bewohner, ein Engländer, hob er während eines Gespräches einfach hoch und ließ ihn etwas über Bord ins kalte Meer schauen. Als zwei weitere daraufhin anfingen zu protestieren, mussten alle drei doch mit der Bekanntschaft des kalten Meerwassers ernüchtert werden. Das brachte alle anderen dazu, zu erzählen was passiert war.

 

Zwei englische Studenten und die drei, die soeben die Temperatur des Meerwassers testeten, hatten alle anderen Bewohner des Schiffes seit Tagen terrorisiert. Da keiner der Studenten, bis auf die fünf Peiniger über genügend Geldmittel verfügten, um den Standort einfach zu wechseln, versuchte man sich mit ihnen irgendwie zu arrangieren. Die Damen mussten sich begrapschen lassen, die wenigen anderen männlichen Bewohner wurden zu Arbeitsdiensten herangezogen und mussten immer wieder das Deck mit eiskaltem Wasser schrubben oder die Toiletten mit einfachen und ungeeigneten Materialien reinigen. Das Ganze wurde unter dem Deckmäntelchen des Aufnahmeritus eines ominösen Studentenordens veranstaltet. Als die fünf nun anfingen, die Damen zu mehr zu zwingen und sie sich dann alle wehrten, wurden drei der Mädchen mit Drogen willig gemacht. Judit spürte das offensichtlich rechtzeitig, was mit ihr passierte und flüchtete. Die beiden anderen konnten sich durch exzessives Erbrechen vor einer Vergewaltigung retten.

 

Erik klärte die Sache mit den nun bekannten Übeltätern durch einen unbekannten Aufnahmeritus in die Studentenverbindung der nordischen Eisbären. Das Gepäck der drei übriggeblieben Peiniger wurde ins Meer gekippt, ihre Vergehen wurde im Internet veröffentlicht, ihre Universitäten verständigt und die drei durch Auskugeln der rechten Daumen eingeschworen, sich ab sofort ordentlich zu benehmen. Als einer noch beim Weggehen rief, dass das alles ein juristisches Nachspiel haben würde, deutete Carlo zu den drei Schiffen auf der anderen Hafenseite und meinte. "Da musst du aber einen guten Anwalt haben, denn mit denen hier an Bord und da drüben stehen noch fast fünfzig weitere Zeugen, die euch etwas Probleme bereiten könnten. Also heim in den Geldbeutel von Papa, da ist es sicher kuschlig warm." Damit hatten sie die Situation für den Moment bereinigt.

 

Judit blieb an Bord der Ageli und wurde von Betty, Maria, Dara und Cahyra in den Kreis der jungen Besatzungsmitglieder aufgenommen. 

 

Pet und Otto wollten noch unbedingt die Sache mit dem Van geklärt haben. Der war aber verschwunden und Judit konnte sich nur sehr fragmenthaft an das Gesicht des Mannes erinnern, der sie umgestoßen hatte. Sie meinte, ein Hemd mit schwarzem Stehkragen und vorne einem weißen Viereck gesehen zu haben. Juris zeigte ihr die Bilder, auf denen man die vier Priester aus Lissabon  erkennen konnte. Und Judit war sich fast sicher, dass einer davon sie nachts von dem Van vertreiben wollte. Damit war klar, dass man sie weiter verfolgte, aber wen verfolgten sie eigentlich? Alle drei Schiffsbesatzungen oder nur eine Besatzung oder gar nur einen aus den Mannschaften. Wer war das Ziel einer solchen Observation? Wie konnte man sich dagegen wehren?

 

Otto und Pet waren etwas ratlos. Sie konnten und wollten sich nicht vorstellen, dass sie schon wieder das Ziel von missgünstigen Elementen sein sollten.

 

Das was sie herausgefunden hatten, verbreitete sich natürlich schnell auf allen drei Schiffen. Nun war ja eines sicher, es gab so viele unterschiedliche Verbindungen der Schiffsbesatzungen zu allen möglichen Informationsquellen, dass es doch möglich sein musste, da etwas mehr Licht ins Dunkel zu bringen.

 

Julia zapfte alle möglichen Stellen an, die sie von ihrer Pressearbeit kannte. Und natürlich wurde auch die katholische Kirche über deren Vertreter Monsignore Cartone befragt. Melanie kannte einen IT Mitarbeiter aus einer alten lockeren Beziehung, der laut seiner eigenen Aussage im auswärtigen Amt in London gearbeitet hatte. Sie war allerdings der Meinung, dass er ein Spion sei - den wollte sie ansprechen. Mathias hatte auch noch einige Informationsquellen, die er nutzen konnte und zu guter Letzt wollte Juris nochmals seine Kontakte nutzen. Simon war da schon etwas weiter. Auch wenn er eher ein unliebsamer Staatsbürger der großen ruhmreichen russischen Demokratie war, so hatte auch er noch einige einflussreiche Freunde, die ihm gerne einen Gefallen für eine Gegenleistung erbrachten. Und die erster Information, die er lieferte, war etwas verwirrend. Die vier hatten einen neuen oder eventuell sogar einen zusätzlichen Auftraggeber. Eine englische Bank wollte wissen, was Betty Black gerade machte und wollte ihre Verbindungen zu Ben Miller überprüft haben und wie sie zu Jan stand. Es ging dabei nicht nur um die finanziellen Verbindungen, sondern auch um die persönlichen Verquickungen.

 

Ja, die gab es, musste Jan eingestehen. Ben Miller hatte einen weiteren Teil seiner Unternehmungen gekauft und dabei sein ganzes Kapital aus England abgezogen und nach Dänemark und Deutschland transferiert. Betty Black war als Alleinerbin für das gesamte Vermögen von Ben Miller eingetragen worden. Das war allerdings Betty vollkommen neu. Die Verwaltung war einer Anwaltskanzlei in Deutschland übertragen worden und diese Kanzlei gehörte Mathias. Er tauchte allerdings nirgends offiziell auf, sodass das nicht bekannt sein dürfte. Aber warum interessierte sich jemand dafür? Simon meinte die Antwort zu haben. Die Bank in England war durch den Kapitalabfluss in finanzielle Bedrängnis gekommen und dann hatte auch noch Simon als einer der Großaktionäre der Bank ebenfalls sein gesamtes Kapital dort abgezogen und alle Aktien noch vor dem Kapitalabfluss verkauft. Man vermutete, dass er Insiderwissen für seinen Verkauf der Aktien genutzt und damit sehr viel Geld verdient habe. Nachweisen konnte man ihm nichts, aber das Management der Bank war ihm wohl etwas böse und man suchte nun nach Möglichkeiten, von ihm Geld zu holen und ihn zu bestrafen. Die Welt der Reichen und Superreichen war schon etwas gefährlich kompliziert, dachte Pet bei sich. Andererseits war man ohne Geld gerade auch nicht auf der sicheren Seite. Egal wie, das Leben hatte für alle steinige Wege und verletzungsfrei konnte man diesen Weg nicht beschreiten. Pet schüttelte den Kopf. Er schämte sich fast schon für diese plattitüdenhaften und klugscheißerischen Gedanken, aber irgendwie stimmt es doch. Tausend Jahre Christentum, die Zeit der Aufklärung, die Revolutionen - Millionen von Menschen hatten im Kampf für eine bessere Welt ihr Leben gelassen. Und wo war die Menschheit gelandet? Sie lebten immer noch wie die Primaten im Urwald, irgendein Oberaffe meinte, die Menschheit führen zu müssen, missliebige Konkurrenten wurden weggebissen. Es ging immer noch um die besten Schlafplätze, ums Futter und die Möglichkeit, sich so oft wie möglich zu reproduzieren. Fiel eines der drei Grundbedürfnisse aus, musste eine anderes doppelt befriedigt werden. Es ging nur um Macht und deren Ausübung. Was für eine Verschwendung an Ressourcen. Pet hörte einfach auf zu denken, weil es zu nichts führte. Es gab in diesem Leben keine Lösung mehr.

 

"Hör auf mit dem Kopf zu schütteln, das sieht albern aus!" Sophia hatte Pet angesprochen, als er sich gerade aus seiner Gedankenverlorenheit verabschieden wollte. Pet erklärte ihr, an was er gerade gedacht hatte. "Ja ich verstehe dich zu gut. Ich kenne das, wenn da eine Wut in einem hochkocht und man weiß, dass man vollkommen hilflos ist und das Kochen nur weh tut. Hör auf damit. Versuche, das zu nehmen, was dich glücklich macht und den anderen Teil versenkst du im Meer." Pet schaute sie an und nickte, denn sie hatte recht, oberflächlich betrachtet. Aber das Unglück kam zu ihm wie auch zu den anderen. Man konnte es nicht einfach ad acta legen und damit war es weg. Und die Welt wurde so auch nicht besser. Pet war ein Kämpfer, auf seine Art, denn zu viele Kämpfe fanden in ihm selbst statt. Sophia schaute ihn an. Sie verstand ihn inzwischen auch ohne Worte. Er hatte recht, so einfach konnte man es sich nicht machen. Aber sein Leben nur diesem Kampf zu widmen war auch nicht gut. Sie wusste, dass ein Großteil der Mannschaften auf den Schiffen ihre stillen Kämpfe führten und wenn man diese Energie bündeln konnte, dann könnte man etwas erreichen.  

 

Spät am Abend saßen sie wieder in unterschiedlichen Gruppen verteilt auf allen drei Schiffen zusammen. Da nur auf der Blauzahn geraucht werden durfte, sammelten sich hier die Raucher. Das waren nicht mehr allzu viele, denn wer frönte schon einem krankmachenden Ritual, das von Politik und allen gesellschaftlichen Organen verteufelt wurde, obwohl alle Staaten in ihren Steuersäckchen davon profitierten. Butter war ja auch gefährlich, aber es wurde ohne Warnhinweis weiterhin verkauft.

 

Da saßen nun die Hardcore Raucher oder deren schnüffelnden Anhänger. Lars, Erik, Jan Pet, Juris, Simon, Sophia, Melanie, Beatrice, Birgit, Sasha und Carla. Lars hatte sich eine gute Zigarre angemacht, die anderen Herren hatten sich Pfeifen gestopft. Sophia rauchte eine Zigarillo und die anderen Damen schnupperten fast süchtig an dem würzigen Tabakgeruch, der sich in der Messe ausbreitete. Es war an diesem Abend sehr kalt, sodass keiner sich draußen aufhalten wollte. Simon hatte einen guten Scotch mitgebracht und Melanie ein paar Flaschen Cremant.

 

Otto war auf der Ageli und scharte die etwas jüngeren Damen um sich. Mathias, Steffen und die Brüder Carlo und Luigi begleiteten ihn. Zeitweise kamen noch drei Mannschaftsmitglieder der Sasha zu ihnen. Alle anderen verteilten sich entweder in irgendwelchen Kajüten oder in der Messe der Sasha.

 

Um 22.00 Uhr eröffnete Lars eine Pokerrunde in der Messe. Er, Erik, Pet, Sophia, Melanie und Birgit wollten spielen. Als erste musste Birgit nach 24.00 Uhr aussteigen, da sie keine Jetons mehr hatte. Melanie und Pet knapp eine halbe Stunde später. Sophia war so geschickt, dass sie um 1.30 Uhr als Sieger feststand. Sie hatte alle Jetons vor sich.

 

Judit wurde an diesem Abend umsorgt, sodass sie bald ihre schlimmen Erlebnisse vergessen hatte und bei ihr ein sicheres Wohlgefühl aufkam.

 

28. November 2015 10.00 Uhr

 

Das schlechte Wetter war weitergezogen und so konnten die drei Segelschiffe den Hafen verlassen und ihre Reise fortsetzen. Der Kurs war klar vorgegeben und sie würden am späten Abend in den Ärmelkanal einlaufen. Dort erwartete sie wieder eine Schlechtwetterfront.  Das sollte sie aber nicht stören, denn laut Wetterkarte waren Wind und Wellengang kein Problem für die drei Jachten und ein bisschen Wellenreiten hatte auch etwas für sich. Gegen Mittag des nächsten Tages würden sie die Kanalinseln erreichen. Sie wollten den Ärmelkanal bei Tageslicht durchfahren, was sie aber nicht schaffen konnten, also wurde geplant, dass sie auf einer der Kanalinseln einen Ankerplatz suchen wollten. Alderney Harbour auf der Insel Alderney war ihr Ziel.

 

Sie erreichten Alderney tatsächlich am 29. November gegen 14.00 Uhr und gingen in der Bucht vor Anker. Am 30. November um 7.00 Uhr setzten sie wieder die Segel und die Reise ging weiter. Ohne größere Schwierigkeiten fuhren sie am 2. Dezember 2015 gegen 6.00 Uhr an Amsterdam vorbei. Der Wind war etwas ungünstig und so kamen sie erst am 3. Dezember 2016 um 10.00 Uhr etwas mehr als fünfzig Kilometer vor der Küste bei Cuxhaven vorbei, um dann nach Südosten  abzudrehen.

 

Sie wollten bei den erwarteten Herbst Winterstürmen nicht Dänemark umrunden, sondern durch den Nord Ostsee Kanal fahren. Dazu mussten sie alle ihre Masten niederlegen, das wollten sie bei Brunsbüttel tun.

 

Die Überquerung der Elbe würde schwierig werden, da der Schiffsverkehr sehr stark war und teilweise Nebel über der Elbe lag und sie nur mit Motorkraft fuhren, da sie die Segel nicht nutzen konnten.

 

Also fuhren sie mit voller Besatzung auf allen Decks über die Elbe. Die Radarschirme wurden doppelt besetzt, an jedem Bug und Heck waren zwei Wachen eingesetzt. Um 17.00 Uhr erreichten sie Brunsbüttel. Am Brunsbüttel Ports wollten sie die Nacht verbringen und am kommenden Morgen die Masten niederlegen. Die Einfahrt in den Kanal war auf 10.00 Uhr festgelegt worden. Nach zehn Monaten war die Blauzahn fast wieder an ihrem Ausgangspunkt zurück, doch die Reise war nicht zu Ende. 

 

Judit blieb an Bord der Ageli und ihr Bruder wollte ihr am kommenden Morgen einige Kleidungsstücke und andere persönliche Dinge vorbeibringen. Zwar verstand niemand in ihrer Familie, warum die begabte Studentin ihr Studium unterbrechen wollte, um auf einem Schiff voller Frauen zu bleiben, aber man akzeptierte dies.

 

Fortsetzung folgt

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0