Teil 2 - Kapitel 51

23. November 2015 10.30 Uhr Golf von Biskaya auf der Höhe von Gijon, Spanien

 

Die kleine Flotte musste sich die Winde zum Segeln suchen, meist kam er aus nord- westlicher Richtung. Die Bordroutine der drei Segelschiffe, die in einem Abstand von etwas mehr als fünfhundert Meter segelten, lief reibungslos.

 

Pet und Otto saßen in Ottos Kajüte zusammen. Sie versuchten ein Resümee ihrer Seereise und Abenteuer zu formulieren. Hatten sie das erreicht, was sie sich vorgestellt hatten? Otto war zufrieden mit dem, was sie bisher an Erfahrungen und Ideen gesammelt hatten. Pet, der immer eine etwas kritischer Einstellung hatte, war es nicht. Sie hatten sich eine Liste erstellt, in die sie die positiven Erlebnisse aufzeichneten und eine Liste mit den negativen Geschehnissen. Vieles, meinte Pet, hätten sie nicht gesehen oder erleben dürfen. Sein Durst nach Wissen und Erleben war ungeheuer. Seit ein paar Tagen war er wieder der Getriebene wie zu Beginn ihrer Reise. Otto versuchte, seinen Freund etwas mehr an positive Ereignisse zu erinnern, aber Pet passte nichts. War es das bevorstehende Ende der Reise, das ihn zu so einer Unzufriedenheitshaltung führte? Irgendwann an diesem Vormittag musste er Otto eingestehen, dass er den Schluss der Reise hinauszögern wollte und deshalb einfach unglücklich und unzufrieden sei. Dieses was-kommt-danach? machte ihn jetzt schon nervös.

 

Aus dem Tagebuch der Isabelle auf der Ageli

 

Die Tage auf diesem Schiff haben mich verändert. Meine Gedanken an die Vergangenheit sind weg. Ich denke nur noch an die Zukunft. Die Freundschaft auf der Ageli, der Crewmitglieder untereinander ist groß, auch wenn es hin und wieder einen kleinen Zickenkrieg gibt. Vor allem die Frauen ab vierzig neigen ofensichtlich etwas dazu. Toll ist Birgit Hanssen, die es bestens versteht, hier schnell für Ruhe zu sorgen. Diese Frau hat echte Führungsqualitäten. Meine Tochter war am Anfang hier an Bord sehr zurückhaltend, dank Birgit aber hat sie es schnell geschafft, sich in das Team einzubringen. Jeder ist Matrose und doch hat jeder eine besondere Aufgabe übernommen. Meist hat sich jeder diese Aufgabe selbst herausgesucht und entwickelt, bis auf die Köchin, Ärztin und die Maschinistinnen. Ich bin erstaunt, was Frauen leisten können. Mein eigenes Bild von Frau sein hat sich hier auf diesem Schiff verändert. Wie genau, muss ich in mir noch suchen, ich spüre es nur. Ich fühle mich frei und suche auf einmal nach Wissen, das mich früher nicht bewegt hat. Ich tue Dinge hier an Bord, die ich mir nie vorstellen konnte. Ich sitze neben dem Steuermann und schaue auf einen Radarbildschirm und finde das nicht langweilig, sondern spannend. Ich habe eine wichtige Aufgabe und sorge dafür, dass das Team sich sicher fühlen kann. Viele Dinge in meinem Leben habe ich aus emotionalen Gründen getan oder gelassen und nun entwickle ich einen Pragmatismus und ein sachliches Verantwortungsgefühl. Dieses Schiff, diese Crew macht etwas mit mir und das tut mir gut. Wohin geht die Reise? Eigentlich egal, Hauptsache wir segeln und sind zusammen.

 

24. November 2015 5.00 Uhr 40 Kilometer vor der Küste Frankreichs bei La Rochelle

 

Es war kalt an Deck. Lars, Steffen und Juris waren auf der Brücke. Ein Sturm kam auf und die drei Kapitäne der kleinen Flotte entschlossen sich, La Rochelle anzulaufen. Sie würden den Hafen gegen 7 Uhr erreichen und würden hier auch für zwei Tage bleiben. Das Sturmtief sollte solange über der Küstenregion bleiben. Niemand war über diese Unterbrechung unglücklich, denn offensichtlich ging es einigen Crewmitgliedern ähnlich wie Pet. Die Reise sollte nicht enden.

 

Im Hafen bekamen die Jachten Liegeplätze nebeneinander und so war der Personenverkehr über die Planken von Schiff zu Schiff sehr intensiv.

 

24. November 2015 6.30 Uhr 100 Kilometer vor der Küste bei La Rochelle

 

Die Pjotr I hatte mit ihrem neuen Kapitän und Eigner und einer unerfahrenen Mannschaft schon seit Stunden Probleme, Kurs zu halten. Der Eigner wollte aber keine Hilfe über Funk anfordern, deshalb versuchten der Bordtechniker und der Steuermann die offensichtlich defekte Ruderanlage selbst zu reparieren. Als der Bordtechniker eine der ausgeschalteten Sicherungen wieder einrasten ließ, gab es einen Funkenflug, den einer der Matrosen mitten ins Gesicht bekam. Panisch riss er die Hände vors Gesicht, wobei er mit einem Schraubenschlüssel, den er von sich wegschleudern wollte, den Sicherungskasten traf und damit weitere Funkenflüge erzeugte. Im Nu stand die Bordelektrik auf dem Maschinendeck in Flammen, die Feuerlöschanlage war ausgeschaltet worden und so konnte sich das Feuer ungehindert ausbreiten. Die flüchtenden Matrosen, die auf dem Maschinendeck waren, flüchteten, ließen aber das Brandschutzschott geöffnet. Innerhalb von Minuten stand das Schiff in Flammen und dann gab es zwei kleinere Explosionen. Die Mannschaft war komplett außer Gefecht gesetzt  und keiner konnte sich von dem schnell sinkenden Schiff retten. Um 7.10 Uhr verschwand die Pjotr I für immer von der Meeresoberfläche. Ein paar Frackteile, die noch eine Zeitlang auf der Oberfläche schwammen, wurden durch den aufkommenden Sturm abgetrieben, sie verteilten sich und wurden für jeden, der so ein Teil sah, bedeutungslos.

 

An Bord der Blauzahn, Ageli und Sasha

 

Um 16.00 Uhr traf man sich an Deck der Schiffe. Jede Mannschaft hatte Kuchen gebacken und so wurde um diese Uhrzeit auf den kalten Oberdecks Kaffee, Tee und Kuchen gereicht. Von Smalltalk bis zu hitzigen wissenschaftlichen Gesprächen fand alles statt, was man an Bord solcher Schiffe um diese Uhrzeit auch machen konnte. Und der erste öffentlich sichtbare Kuss zwischen Beatrice und Alberto wurde gesichtet. Sie kamen sich alle etwas näher. Die Vertrautheit, die entstanden war, wurde mit jedem Tag intensiver. Auch Simons letzte Zweifel, die er noch gehegt hatte, ob er in diese Gemeinschaft aufgenommen werden konnte, verschwanden. Selbst Juris und auch Jan, die beide nicht gerade große Sympathien für Russisches besaßen, nahmen ihn als selbstverständlich hin. Am besten gefiel das Ganze den Hunden, die an diesem Tag so viel an Streicheleinheiten bekamen, dass es für mindestens einen Monat reichen müsste. Keiner bemerkte, dass sie aus einem an der Mole geparkten Van sehr genau beobachtet wurden. Auch das etwas übergroße Objektiv einer Fotokamera sah niemand.

 

Als sich die Party weit in den Abend hinzog und keiner Interesse bekundete, sie zu verlassen, wurden Häppchen in den Kombüsen gemacht, Wein, Bier, Wasser und Säfte aufgetischt und so wurde weiter gefeiert, geredet oder einfach zusammen geschwiegen.

 

Spät in der Nacht saß Pet noch alleine auf dem Vorschiff der Blauzahn. In der Hand hatte er eine kalte Pfeife und eine Flasche Mineralwasser stand neben ihm. Die Wellen im Hafen wurden etwas von den Schlechtwetterwellen auf dem Meer bewegt. Immer wieder kippte die Flasche um. Pet konnte sie, ohne dass sie wegrollte, auffangen und stellte sie wieder neben sich. Beim nächsten Mal, als die Flasche umkippte und sie drohte wegzurollen, wollte er sie wieder auffangen, bekam aber eine Hand zu fassen. Sophia hatte sich neben ihn geschlichen und die Flasche an sich genommen . Hinter Sophia stand Betty. Schweigend setzten sich die beiden neben ihn. Bis Sophia seine Pfeife antippte. "Ausgeraucht?" fragte sie ihn. "Nein, ich habe keine Streichhölzer mehr." gab er zur Antwort. Kaum hatte er das gesagt, legte Sophia ihm eine Packung in den Schoß. Nickend bedankte er sich. "Bist du auch etwas traurig darüber, dass unsere Reise bald zu Ende sein soll?" fragte ihn Betty. Pet nickte nur. Sophia kommentierte das ein paar Wimpernschläge später. "Dann sind wir hier schon zu dritt mit dieser Traurigkeit." - "Es wird immer kälter und ich sollte noch kurz mit den Hunden an Land. Ich hole mir eine Jacke. Geht ihr mit?" Eigentlich wollte Pet alleine sein, aber das - geht ihr mit - kam fast automatisch raus. Die beiden wollten mit und brachten Carl dazu. Die drei Hunde wunderten sich über die Freizügigkeit, die sie in dieser Nacht hatten. Jeder trug ein leuchtendes Halsband um den Hals und so konnte man sehen, wo sie sich gerade herumtrieben. Die beiden Damen hakten sie bei Pet ein und zu dritt schlenderten sie über die Mole.

 

Die Beleuchtung auf der Mole war nicht besonders gut und so sahen sie den Van, der ganz nahe an einer Mauer parkte, fast nicht. Sie wurden erst auf ihn aufmerksam, als die Hunde anfingen, etwas nervös rund um das Auto herumzulaufen und immer wieder kurz aufzubellen. Die drei schlenderten dorthin, wo die Hunde offensichtlich etwas entdeckt hatten. Und dann sahen sie es. Offensichtlich saß im Schatten des Vans jemand und weinte. Sophia machte ihre Taschenlampe an und leuchtete dorthin, wo sie das leise Weinen gehört hatten. Am Boden zusammengekauert saß ein Mädchen, leicht bekleidet, ohne Schuhe auf dem Boden. Selbst Frauen in jungen Jahren entwickelten bei so einem Anblick einen spontanen Mutterinstinkt und Betty eilte auf das weinende Bündel zu und vertrieb nebenbei die Hunde. Im Licht der Taschenlampe sahen die drei, dass das Mädchen eine Kopfwunde hatte und der linke Fuß etwas unnatürlich am Knöchel hing. Das Mädchen war etwa achtzehn Jahre alt, trug eine leichte Hose, eine Bluse und darüber einen dünnen Pullover. Betty und Sophia konnten sie beruhigen. Auf Fragen antwortete sie etwas wirr. Wenn man sie nach ihrem Namen fragte, antwortete sie auf Deutsch. "Klingklang, klingklang und dann schubs."

 

"Wir können sie hier nicht liegen lassen. Tragen wir sie zur Blauzahn und fragen Gerrit und Sylvia, was wir tun können." befahl Sophia und gemeinsam mit Pet machten sie eine Armschaukel und setzten das Mädchen hinein. Sie war nicht schwer und so konnten sie ohne sie abzusetzen an Bord und ins Krankenrevier der Blauzahn bringen. Gerrit und Sylvia wurden geweckt, um das Mädchen zu untersuchen. Immer wieder sagte sie die Worte Klingklang und so nannten alle, die ihr begegneten, sie einfach Klingklang. Offensichtlich hatte sie ein Gehirnerschütterung, eine Platzwunde am Kopf und der Fuß war leicht verkrüppelt, also war das keine neue Verletzung. Die Polizei, die informiert wurde, hatte keine Vermisstenanzeige bekommen. Lars bat darum, das Mädchen auf der Blauzahn zu lassen. Die Polizei wollte dann am nächsten Morgen vorbeikommen.

 

Gerrit und Sylvia versorgten sie und bald schon schlief Klingklang ein. " Sie ist sehr gepflegt. Sie muss am Fuß bis vor kurzem eine Bandage getragen haben. Man sieht noch leichte Druckstellen auf der Haut. An den Schenkelinnenseiten hat sie einen leichten Bluterguss. Ich bezweifle, dass es eine Sportverletzung ist. Aber so, wie es aussieht, ist sie nicht vergewaltigt worden, denn sie weist keine weiteren Blessuren auf. Wahrscheinlich ist sie Hals über Kopf von irgendwo weggelaufen und hat sich dabei verletzt oder wurde verletzt. Ich glaube, es ist besser, wenn sie sich ausschläft und man sie in Ruhe lässt. Ich bleibe bei ihr, wenn es euch nicht stört, dass ich in eurer Krankenstation übernachte." Sylvia schob bis auf Carl alle aus der Krankenstation hinaus. Der schien Klingklang gut zu tun. Gerrit war nicht begeistert, dass ein Hund in seiner Praxis übernachten sollte, verstand aber, dass das eventuell beruhigend auf das Mädchen wirken könnte, wenn sie aufwachte.

 

 

 

25. November 2015 an Bord der Blauzahn

 

Klingklang war seit 8.00 Uhr am Morgen wach. Offensichtlich hatte sie ihre Verwirrung verloren, denn Sylvia konnte sich ganz normal mit ihr unterhalten. Ein paar Momente ihres Lebens hatte sie vergessen, aber sie kannte ihren Namen und wusste noch einiges, was in der Nacht geschehen war. Ihr Name war Judit Fellbauer aus Kiel, dreiundzwanzig Jahre alt, Studentin der Geschichte im dritten Semester. Sie wohnte an Bord eines Segelschiffes im Hafen mit einer Studentengruppe zusammen, die sich La Rochelle anschauen wollten, denn sie interessierten sich für die Religionskriege in Frankreich und diese Stadt war mit diesen Kriegen mit einigen Stationen sehr eingebunden in die Ereignisse. Sie konnte sich nur daran erinnern, dass sie eine kleine Abschiedsparty veranstaltet hatten und sie nur ein Glas Rotwein getrunken hatte, dann fehlt ihr ein Stück Erinnerung. Dann sei sie auf irgendeine Art und Weise wieder zu sich gekommen. Es war dunkel und sie stand an einem Van. Da sie niemanden sah, der ihr helfen konnte, sie Stimmen aus dem Van hörte und sie immer wieder zwischen den Gesprächsfetzen ein Klingeln vernahm, klopfte sie an die Türe des Autos und rief um Hilfe. Jemand habe die Schiebetür aufgeschoben, sie beschimpft und dann wurde sie gestoßen. Sie erinnerte sich danach an nichts mehr.

 

Otto hatte sich inzwischen mit dem Hafenmeister in Verbindung gesetzt und ihn informiert, dass sie Frau Judit Fellbauer aus Kiel bei sich hätten und sie wahrscheinlich auf dem Wohnschiff der Studentenverbindung der Stadt vermisst wurde. Der Hafenmeister hatte bereits die Vermisstenmeldung bekommen und wollte sich mit dem Wohnschiff in Verbindung setzen. Judit bekam ein Frühstück und von Betty, die eine ähnliche Figur wie sie hatte, ein paar Kleidungsstücke und ein Paar Schuhe.

 

Die Verletzungen an den Schenkeln erklärte Judit damit, dass sie vor ein paar Tagen Bocksprünge über ein paar Poller gemacht hatten, sie bei einem der Poller nicht genug Schwung genommen hatte und sich dabei verletzte. Die Platzwunde am Kopf musste sie sich  wohl bei dem Stoß am Van zugezogen haben. Es klang glaubwürdig und doch auch wieder nicht. Sylvia war sich nicht sicher, ob die junge Frau nicht ein wenig die Wahrheit korrigiert hatte. Die Sache mit dem Blackout und den Verletzungen an der Schenkelinnenseiten konnte man auch anders interpretieren. Sylvia befragte Judit, ob sie eventuell noch ins Krankenhaus wollte, denn mit so einem Blackout sollte man sie besser genauer untersuchen, aber Judit wollte nicht. Doch sie hatte es auch nicht eilig, zu ihren Kommilitonen aus das Wohnschiff zu kommen.  Für Pet, Otto und die anderen war aber auch noch eine Sache wichtig zu klären. Warum wurde sie von einem Fahrgast eines geparkten Van um diese Uhrzeit gestoßen, anstatt ihr zu helfen? Und was machte der Van um diese Uhrzeit dort? Pet, Sophia und Betty hatten nichts gehört, als sie Judit dort gefunden hatten. Was war das für ein Klingklang im Van, das die junge Frau gehört hatte?

 

Fortsetzung folgt

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0