Teil 2 - Kapitel 49

16. November 2015 10.30 Uhr 450 Kilometer vor Lissabon

 

Seit Stunden regnete es immer wieder. Die Flotte der drei Segeljachten fuhr hintereinander im Abstand von sechshundert Metern. Vorne war die Sasha, Wolkows neue Jacht, dahinter die Ageli und hinter den beiden segelte die Blauzahn. Die Bewunderung für die Sasha war immer noch bei allen vorhanden. Ein Rumpf aus den besten modernen Verbundkunststoffen, der Aufbau aus Teakholz, Messing, Aluminium und alles farblich brillant abgestimmt. Die Lackierung des Rumpfes war außergewöhnlich, denn der Anstrich nahm immer die Farbe seiner Umgebung an, also hatte sie immer die Farbe des Meeres, auf dem die Sasha schwamm. Es sah so aus, als ob die Aufbauten über dem Wasser schweben würden. Der Luxus der Jacht bestand darin, dass alles schön und funktional war. Keine goldenen Wasserhähne, keine Fliesen oder Plastik, sondern alles aus Messing oder aus Edelstahl und bestem Holz. Und die Technik dieses Schiffes war auf dem neuesten Stand. Zudem hatte Wolkow sich eine Mannschaft zusammengestellt, die aus Spezialisten bestand. Elektroniker, Navigatoren, Profisegler; alles waren Leuten, die er schon lange kannte und denen er vertraute. Sechs Männer und acht Frauen. Vier seiner alten Mannschaft, die noch auf der Pjotr bei ihm waren, hatten ihn auf seinen Wunsch hin verlassen und waren bereits nach Gotland unterwegs, um dort seine Ankunft vorzubereiten.

 

Nachdem alle sich bei einer Beratung am 5. November dafür ausgesprochen hatten, dass ihre Reise auf Gotland enden sollte, hatte Wolkow mitgeteilt, dass er sich ihnen gerne anschließen würde. Der Unbekannte aus Gotland, den man darüber informierte, hatte zugestimmt, also bereiteten sich alle darauf vor, dass sie eine neue Aufgabe auf Gotland erwartete.

 

In Lissabon wollte man fünf Tage bleiben. Der Hafenmeister erwartete sie am kommenden Tag gegen 8.00 Uhr morgens. Dies sollte der letzte längere Landgang sein, bis sie Gotland erreichten.

 

Seit drei Stunden waren Carlo, Luigi und John auf der Brücke. Der Schiffsverkehr wurde von Stunde zu Stunde heftiger und zwei Mal musste die kleine Flotte den Kurs wechseln, um einem Tanker aus dem Wege zu gehen. Luigi beobachtete das Radarbild sehr aufmerksam, da dort immer wieder Schiffe auftauchten und sich ihnen sehr schnell näherten, sodass sie immer weniger Zeit hatten, den Kurs zu ändern, ohne ihren Zielkurs ganz verlassen zu müssen. Die Sasha hatte das bessere Radar mit einer besseren Reichweite und oft gab sie rechtzeitig an, was vor ihnen war oder was seitlich auf sie zukam. Deshalb musste sich Luigi fast ausschließlich auf den Schiffsverkehr hinter ihnen konzentrieren. Da gab es einige Containerschiffe, die wesentlich schneller waren als sie und deren gewollte Rücksichtslosigkeit sie zwang, weiter auszuweichen als sie wollten. Nur damit sie den den Wellen entgehen konnten, wenn sie überholt wurden. Der Wind kam von Süd-Ost und war nicht unbedingt dazu geeignet, alle Ausweichmanöver ohne größeren Aufwand durchzuführen.

 

Pet und Otto waren seit über einer Stunde damit beschäftigt, ihre schriftlichen Aufzeichnungen für den Nordstrandpiratenblog aufzuarbeiten. Sie waren fast um drei Wochen in Verzug und Otto wollte noch ein paar Fotographien beisteuern, aber beide konnten nicht immer die passenden Bilder zum Text finden. Beide wussten einfach gerade nicht, wo welches Bild gemacht wurde und mussten den einen oder anderen Nordstrandpiraten bitten, sein Wissen über Bilder über sie auszuschütten. Was nicht immer gelang, da auch die anderen irgendwie einen gewissen Ansatz von Vergesslichkeit zeigten.

 

Kurz vor Mittag wurden sie von einem amerikanischen Flottenverband ganz von ihrem Kurs vertrieben. "Graue Monster vertreiben buntes Leben", meinte Lars zu dieser Sache. 

 

16. November 2015 Segelschiff Sasha aus dem Tagebuch der Anna Silkow, Ärztin

 

Jeden Tag gibt es auf der kleinen Flotte der Segeljachten Überraschungen zu erleben. Als Ärztin gibt es wenig für mich zu tun, aber das Segeln macht mir unheimlich viel Freude. Alles ist anders als meine Alltage im Krankenhaus in Perm. Obwohl ich hier weniger zum Schlafen komme als vorher, macht mir der das nichts aus. Simeon ist ein toller Kapitän, soweit ich das beurteilen kann. Er ist anders als früher. Ich frage mich immer wieder, kann sich ein Mensch innerhalb von acht Jahren so verändern? Vorher ein linientreuer Anhänger des politischen Apparates ist er heute offensichtlich ein geläuterter Freigeist. Hat er mir nicht vor acht Jahren seine Schwester im Krankenhaus übergeben und mir gesagt, dass man sich um sie kümmern sollte und das mit einer Verachtung, dass ich dachte, es wäre ihm recht, wenn sie die Blinddarmentzündung besser nicht überleben würde. Und nun hat er sie von der Ageli abgeworben und zu sich geholt und umsorgt sie liebevoll. Was hat ihn verändert? Die anderen an Bord sind auch alles Menschen aus dem großen russischen Reich. Enttäuscht von der Entwicklung in ihrer Heimat und doch sind sie alle tief in ihrer russischen Seele verwurzelt.

 

Die Besatzungsmitglieder auf den beiden anderen Segeljachten sind sehr interessant. Eine riesige Jacht mit lauter alten Männern aus Europa und die Ageli mit einer reinen Frauenmannschaft. Auffällig ist, dass diese Mannschaft eine unterschiedlichen Altersstruktur besitzt und die Frauen aus unterschiedlichen Ländern und Gesellschaftsschichten kommen. Ich habe noch nicht ganz verstanden, was diese Menschen alle antreibt. Abenteuerlust alleine ist es nicht. Eher sogar weniger die Lust auf Nervenkitzel, sondern das Ganze scheint ein Experiment ohne Ergebnisorientierung zu sein. Auf was habe ich mich da eingelassen? Dass wir nun nach Gotland fahren, um dort eine Aufgabe zu bekommen, bei der wir alle offensichtlich unsere Lebenserfahrungen und unsere persönlichen Philosophien und Gedanken um die Zukunft der menschlichen Gesellschaft einbringen sollen, ist spannend, aber ich kann mir nicht vorstellen, was man damit anfangen will. Ich freue mich einfach über das, was ich gerade erleben darf.

 

 

 

Aus dem Tagebuch der Olivia auf der Ageli   

 

Seit ein paar Tagen spüre ich, dass in unserer Mannschaft hier Spannungen auftreten, die ich nicht ganz verstehe. Vor allem die ganz jungen Besatzungsmitglieder sind sehr unruhig. Dara, Cahyra, Julia, Marta und Betty wirken unruhig. Liegt es daran, dass wir bald diese Art der Reise beenden und uns einer anderen Aufgabe zuwenden? Auch die erfahrenen Frauen an Bord verändern sich. Birgit, Sylvia und Lisa saßen oft zusammen und philosophierten gemeinsam über was auch immer, ich habe nicht zugehört. Noch sind es etwas mehr als vierzig Tage bis Gotland und ich bin gespannt, was da auf uns zukommt.

 

Aus dem Tagebuch des Carlo auf der Blauzahn

 

Endet unsere Reise auf Gotland? Ist das dann der Beginn einer neuen Ära? Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir einfach aufhören können zu segeln und die Welt zu erleben. Ich habe uns alle noch nie so dynamisch und doch so ruhig und nachdenklich erlebt wie in den letzten paar Tagen. Die Bordroutine funktioniert ohne jeglichen Reibungsverlust, alle machen ihre Aufgaben, ohne viel darüber zu sprechen, alles läuft Hand in Hand. Außer Jose, der immer wieder ein Liedchen singt, das er selbst komponiert hat. Seine Begeisterung für Jula ist nicht zu übersehen oder zu überhören. Jeden Tag spricht er über Funk mit ihr. Ob es auch bei Jula gefunkt hat, weiß selbst Jose nicht, aber immerhin geht sie immer ans Funkgerät wenn er sich meldet. Was gut ist, dass man ihn das ohne zu lästern ausleben lässt. Er ist glücklich und das gefällt uns allen.

 

Das Wetter ist derzeit eher dazu geeignet, seine Depressionen, sofern jemand dazu neigt, auszuleben. Immer bewölkt, keine Sonne, die uns richtig erwärmt und Temperaturen, die gerade mal die zwanzig Grad Marke erreichte. Nachts ist es kühl und wir müssen die Heizungen an Bord schon einschalten. Es ist November, wir sind immer noch auf den Breitengraden Afrikas und doch ist es kalt. Und nun nehmen wir Kurs auf Gotland. Norden, Ostsee, im Winter; eigentlich spricht alles dagegen, dorthin zu segeln. Wir machen es, weil wir eine neue Aufgabe bekommen haben. So ganz klar ist mir das nicht, was wir dort wirklich machen, aber warum nicht ein neues Abenteuer eingehen. Was sollten wir sonst machen? Aufhören zu segeln, uns voneinander trennen und jeder fährt nach Hause? Das geht nicht, wir haben uns so daran gewöhnt, zusammen zu sein, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie es anders wäre. Zudem sind alte, neue Mannschaftsmitglieder wieder zu uns gestoßen. Mutter und Tochter Monte, Isabella und Nadine sind wieder da. Nachdem sie wegen der Erkrankung Isabellas die Ageli verlassen mussten, sind sie kurz vor dem Auslaufen aus dem Hafen von Nouméa auf Neukaledonien nun wieder zu uns gestoßen. Madame Isabella ist eine kluge und sehr attraktive Frau und als Melanie ihr die Pläne unserer vermutlich gemeinsamen Zukunft eröffnete, war sie so begeistert, dass sie alle auf der Ageli einfach nur umarmte und sich nochmals dafür bedankte, dass sie dabei sein darf. Nadine hingegen ist sehr ruhig und sucht offensichtlich die Einsamkeit, was auf einem Segelschiff sehr schwer ist. Betty berichtete Otto und Lars davon, weil sie ihr gerne helfen würde, etwas mehr Lebensfreude zu bekommen. Otto meinte, dass sie vielleicht eine feste Aufgabe, etwas außerhalb der Bordroutine benötigte, damit sie mehr Bewegung in ihr Leben bekommen würde. Also wurde sie zum Flotten-Chronisten ernannt und muss immer wieder für ein paar Stunden zu einem anderen Schiff übersetzen. Die Manöver dazu dienen uns allen auch als Notfallmanöver, wenn man aus Notfallgründen auf eines der anderen Jachten übersetzen müsste. Und offensichtlich war die Idee von Otto gut. Nadine ist zwar immer noch sehr ernst, aber langsam verlässt sie ihr isoliertes Verhalten und führt überall offene und konstruktive Gespräche. Sie musste sogar einmal auf der Blauzahn übernachten, da das Übersetzen auf die Ageli wegen schlechten Wetters nicht mehr möglich war. Sie bekam eine Kajüte, die Lars ihr überließ. Am nächsten Morgen berichtete sie beim Frühstück, dass sie die männlichen Gerüche in der Kajüte, die sie die ganz Nacht einatmen durfte, genossen hätte und meinte noch, endlich einmal lächelnd, dass sie versucht war, erotische Träume zuzulassen. Gerne hätte ich ihr ein T-Shirt von mir geschenkt, das so richtig nach Mann duftet, also ungewaschen, aber da hätte ich mich vielleicht lächerlich gemacht.

 

17. November 2015  8.00 Uhr Jachthafen Alfama Marina Lissabon

 

Die Blauzahn war mal wieder zu groß für die Jachthäfen von Lissabon und so musste sie an der Außenreede vor Anker gehen. Auch der Mast der Blauzahn musste eingefahren werden, damit sie unter der Ponte 25 de Abril durchfahren konnte. Die Sasha und Ageli hatten ebenfalls einen Liegeplatz neben der Blauzahn erhalten und so wurden die drei Jachten mit langen Versorgungsleitungen an die Systeme im Hafen angeschlossen. Strom sowie die Frischwasserversorgung und die Betankung liefen reibungslos ab.

 

Ab 11.00 Uhr war ein Landgang geplant. Sie waren nun auch für einen Busunternehmer eine Herausforderung. Einundfünfzig Fahrgäste und drei Hunde waren keine alltägliche Reisegesellschaft, aber Betty hatte einen Unternehmer gefunden, der den Ansprüchen der drei Crews entsprechen würde. Ein Luxusliner war versprochen worden, doch es kam ein Reisebus, der schon etwas in die Jahre gekommen war, allerdings mit Hundeboxen in der Fahrgastzelle, Toiletten und einer Waschgelegenheit und zur Freude aller, einem sehr großen Kühlschrank, gefüllt mit allem, was man sich an leckeren und guten Getränken vorstellt.

 

Sie fuhren zuerst in Richtung Innenstadt, allerdings mussten sie auf den breiten Straßen bleiben, da man mit dem Bus nicht überall hinfahren konnte. Die Altstadtstraßen waren zu schmal dafür, aber es war auch nur vorgesehen, einmal durch die Stadt zu fahren, um am frühen Nachmittag dann das Castelo de São Jorge zu besuchen. Dort auf der Festung konnten sich alle die Füße vertreten, genossen den Blick über die Stadt und erst  dort oben kam man sich langsam  näher. Die Mannschaft der Sasha wurde beschnüffelt und am meisten wurden die Hunde beschäftigt. Der Park bei der Festung war nun ganz in der Hand der Nordstrandpiraten, Amazonen und der Freibeutern, wie sich die Mannschaft der Sasha nannte. Hier sollte nicht an ein Piratengesindel gedacht werden, sondern daran, dass sie sich die Freiheit erbeutet hatten. Das mit dem Piratengesindel war von Wolkow mit einem verschmitzten Lächeln übermittelt worden. Ja und natürlich die drei Hunde, die diesen ausgiebigen Spaziergang sehr genossen. Als sie einmal von zwei Parkwächtern darauf angesprochen wurden, dass die Hunde doch besser an der Leine geführt werden sollten, waren sie sehr schnell von den über fünfzig Besuchern umringt und die drei Hunde mussten ihre wohlerzogenes Wesen unter Lachen und Klatschen aller unter Beweis stellen. Die Parkwächter gaben sich daraufhin geschlagen und wünschten allen noch einen schönen Aufenthalt.

 

Ein Imbissstand wurde belagert und die beiden Mitarbeiter hinter dem Tresen waren gefordert, alle so schnell wie möglich mit Essbarem zu versorgen. Ein dickes Trinkgeld versüßte ihnen den harten Job, den sie leisten mussten. Gegen 16.00 Uhr war dann die Zeit, die alle für eine Pause nutzten. Es war an diesem Tag nicht sehr warm in Lissabon und alle suchten sich einen Platz, wo der unangenehme Wind, der von See her wehte, nicht zu sehr das gewünschte Wohlgefühl stören konnte.

 

Sasha bemerkte sie als erste. Drei Herren in einem dunklen Outfit, die sie seit über einer Stunde umrundeten. Mal verschwanden sie, mal tauchten sie wieder auf. Sie fotografierten alles Mögliche, vor allem aber, wenn man sie beobachtete, erkannte man, dass sie jeden einzelnen der Schiffsbesatzungen ablichteten. Sasha berichtete ihre Beobachtung erst Lars, dann ihrem Bruder und dann noch Betty. So unauffällig wie möglich wurde diese Information weitergegeben. Langsam und sehr vorsichtig kreisten sie die drei ein. Als sie es bemerkten, war es zu spät, um unbemerkt den Rückzug anzutreten. Erik, Lars, Melanie und Simon gingen auf die drei zu. Und nun hatten auch die Hunde erkannt, dass da was passierte wo sie unbedingt dabei sein mussten. Sie waren dabei.

 

Fortsetzung folgt

 

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