Teil 2 - Kapitel 48

28. Oktober 2.50 Uhr Hafenmole Kapverden

 

Auf die Frage von Otto an Simon musste alle, die zugehört hatten, lange auf die Antwort warten. "Ja, so kann man das auch sagen. Ja, meine Auftraggeber in Russland waren unzufrieden mit mir. Ich habe einen sehr wichtigen Auftrag nicht erledigt, ich habe mich den Leuten verweigert. Man kann vieles tun - lassen wir mal das Thema Moral und Fairness beiseite - das sind doch Worte von Träumern, die die Systeme der Mächtigen nicht erkannt haben. Nur dieses Mal ging es mir zu weit. Diesen Auftrag konnte und wollte ich nicht erledigen. Ich habe das mit meiner Mannschaft besprochen und ihnen dann die Wahl gelassen, weiter bei mir zu bleiben oder mich zu verlassen. Es ging bei dieser Entscheidung auch um ihre eigene Sicherheit." Inzwischen waren fast alle aus den Mannschaften der Ageli, Blauzahn und Pjotr um die Gesprächsgruppe versammelt und hörten gespannt zu. Otto fragte, nachdem Simon aufgehört hatte zu sprechen. "Können wir erfahren, um welchen Auftrag es sich handelte oder kannst und willst du darüber nicht reden?"

 

Simon schwieg und suchte im Kreise der Anwesenden nach seiner Schwester Sasha. Die meisten saßen noch auf den Kisten oder standen herum, ein paar saßen auch auf dem Boden. Sasha saß auf einer der Kisten, die als Bank gedient hatte. "Komm her Schwesterchen. Es geht dabei um dich." Als sie neben ihm Platz genommen hatte, sprach Wolkow weiter. "Man verlangte von mir, dass ich meine Schwester zum Schweigen bringen sollte. Sie hatte einige sehr unangenehme Artikel zum Verhältnis der russischen Regierung zu Regierungskreisen in der Türkei und zum Machthaber in Syrien geschrieben. Offensichtlich kam sie der Wahrheit sehr nahe und man verhinderte mit Geld und Repressionen, dass diese Artikel in voller Länge gedruckt wurden. Das bedeutete, es sind von ihr als bekannte moskaukritischer Journalistin Artikel erschienen. Unter ihrem Namen, nur waren die so verändert, dass es mehr als nur spekulativ aussah, was und wen sie kritisierte, sondern eher ihrer Glaubwürdigkeit schadete. Aber man wollte unbedingt die Quellen ihrer Informationen haben. Nun kenne ich meine Schwester gut und weiß, wie stur sie sein kann. Und da wurde ich beauftragt, sie dazu zu bewegen, ihre Quellen bekannt zu geben oder sie ganz zum Schweigen zu bringen. Als ich das nicht konnte oder besser gesagt nicht wollte, schickte man einen Mann, der das final klären sollte. Die Ageli sollte havarieren und ein Schlepper, der in der Nähe gewesen wäre, sollte dann den Rest erledigen. Spektakulär sollte es aussehen, dramatisch und für Russland eine Unschuldsposition darstellend. Unfall auf hoher See. Das U Boot kam, der Unfall passierte, nur der Schlepper war nicht da. Meine letzte Aktion, die ich dank guter Kontakte zu einigen Organisationen durchführen konnte. Der ausgesandte Killer verschwand wie des Bergungsschiff auch.  Das U-Boot war kein russisches, sondern ein U-Boot, das man einer willfährigen Nation übergeben hatte. Der Auftrag kam auch nicht aus dem Kreml, sondern von einer Organisation, die großes Interesse an der Entwicklung Russlands aus wirtschaftlichen Gründen hat. Die Politiker in Russland sind längst nicht mehr die treibenden Kräfte der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung in meiner Heimat. Auch hier haben Kapital und machthungrige Wirtschaftsführer das Heft fest in der Hand. Man hat eine wirtschaftliche Politstruktur durch eine andere ersetzt. Mit dem Vorteil, dass man Macht und Reichtum nun öffentlich zeigen kann, ohne sozialistisch schlechtes Gewissen mit sich herumtragen zu müssen. Ich bin ein Geächteter, mehr nicht."

 

Das Wort Scheiße fiel da ein paar Mal. Die Nordstrandpiraten unterhielt sich eine Weile  mit den Amazonen. Lars und Betty sprachen mit Otto, der dann eine kurzes Statement abgab.  "Danke, dass du so ehrlich zu uns warst, Simon. Wenn wir dir irgendwie helfen können, dann sind wir da für dich. Allerdings müssen wir das Wort Hilfe etwas einschränken. Alles ohne Gewaltaktionen und zum Schaden anderer, das ist unser Angebot."

 

"Danke, das ist gut zu wissen. Eigentlich möchte ich euch nur auf eurer weiteren Reise begleiten dürfen. Demnächst segle ich ja auch. Der Schiffstausch ist vorbereitet und wenn ihr es mir und meiner Mannschaft gestatten würdet, neben, hinter oder auch vor euch zu segeln, dann ist das Hilfe genug. So ein wenig würde ich damit die Verstimmung in mir vertreiben können. Darf ich euch ein Freund sein?" Diese Frager von Simon wunderte alle. So eine Frage hatte noch niemand gestellt, es war einfach, man war befreundet. So wie die Mannschaft der Ageli sich als Freunde der Nordstrandpiraten bezeichnete und umgekehrt, niemand hatte jemals die Frage gestellt, ob man befreundet sei. Alle schauten sich gegenseitig an. Obwohl es eigentlich nicht Ottos Charakter entsprach, hier eine schnelle Antwort zu geben, nickte er als erster. Dann kamen reihum weitere Zustimmungen bis auch der letzte sein Einverständnis signalisierte, dass sie hiermit offiziell befreundet seien. Nicht einer hatte einen Einwand oder zeigte eine gewisse Unsicherheit bei der Zustimmung. "Danke auch allen, das ist mehr als genug, was ich erwarten oder erhoffen konnte. Freunde zu haben ist eine tolle Sache. Lasst uns darauf einen kleinen Nachmitternachtsabsacker trinken. " Einer von Wolkows Matrosen holte eine paar Flaschen Wodka und mangels Gläsern einen Packen Pappbecher. Nachdem die Becher mit Wodka verteilt waren, prosteten sich alle zu und die Freundschaft wurde damit besiegelt. 

 

4.00 Uhr Hafenmole     

 

Nachdem die Mannschaft der Pjotr gegangen war und die Amazonen bemerkten, dass sie den letzten Bus zum Hotel verpasst hatten und auch keine Lust mehr hatten, ins Hotel zu laufen suchten sich einige einen Schlafplatz auf der Blauzahn, da man auf der Ageli wegen den Reparaturarbeiten nicht schlafen konnte. Einige fanden auf der Brücke einen Platz. Die Kabinen der Nordstandpiraten wurden ebenfalls gut mit Gästen ausgelastet und ein paar ganz Schlafunwillige gab es auch noch.

 

Sophia, Birgit, Julia und Carla saßen zusammen mit Lars, Jose, Carlo und Pet auf dem hinteren Deck der Blauzahn. Julia hatte frisch gepressten Orangensaft gemacht und ebenfalls eine große Kanne Kaffee, den man gemeinsam genoss. Der Orangensaft fand nicht sofort einen Abnehmer. Lars und Pet stopften sich seit langem wieder Pfeifen. Es war um diese Uhrzeit windstill im Hafen und so hielt sich der Tabakduft lange auf Deck der Blauzahn.

 

Eines der Gesprächsthemen war vor allem Wolkow und seine Bitte um Freundschaft. Sophia meinte, dass das doch etwas zu pathetisch war, wie Wolkow das vorgetragen habe. Sie habe heute Wolkow ganz anderes gesehen wie bei anderen Begegnungen. Heute habe er gewirkt wie ein kleiner Junge, der den Nachbarsjungen verprügelt habe und nun auf Entschuldigungstour gehen musste, weil seine Mama ihn sonst dafür bestrafen würde. Julia war da anderer Ansicht. Sie war der Meinung, dass Simon das ernst gemeint habe, aber leider nicht richtig wusste, wie er sich richtig verhalten sollte. Vorher war er immer sehr selbstbewusst und auch manchmal etwas zu aggressiv und heute wirkte er fast schon etwas devot. Er war nun mal immer schon schwer zu durchschauen, meinte Lars, ein guter Schauspieler dazu. Aber auch er war der Meinung, dass er das mit der Freundschaft ernst gemeint habe. "Ich finde, sein Wodka ist gut und die Jungs aus seiner Mannschaft sehen auch nicht schlecht aus." bemerkte Carla abschließend mit einem sichtbaren Augenzwinkern.

 

Birgit drängelt sich an Lars, da ihr offensichtlich sehr kalt war. Lars legte ihr seine Kapitänsjacke um die Schultern. Er schaute sie dabei nicht an, sondern konzertierte sich umgehend wieder auf seine Pfeife. Es schien ihm etwas peinlich zu sein, dass Birgit ihre Sympathie für ihn so öffentlich zeigte. Als er wahrnahm, dass sich niemand dafür interessierte, legte er doch seine Hand um ihre Schulter und drückte sie sanft an sich. Sophia flüsterte Pet ins Ohr. "Endlich; lange hätte Birgit das nicht mehr ausgehalten, so auf Distanz gehalten zu werden. Und es ist schon offensichtlich, dass die beiden sich gut verstehen. Hast du mir auch eine Jacke, mir ist auch kalt. Es muss keine Kapitänsjackett sein." Pet reichte ihr seine Jacke, die neben ihm auf dem Boden lag. Er legte sie ihr nicht um die Schulter - irgendwie war er mit seinen Gedanken nur halb im diesen Kreis der Freunde. Erst als Carlo ihn ein paar Mal angesprochen hatte, kehrte er auch ganz zurück. "An was denkst du denn, Pet? Du warst nicht anwesend. Dein Blick war auf etwas auf der anderen Seite der Erde gerichtet." Carlo hatte das ernst gemeint. Pet brauchte ein paar Sekunden, um ganz bei der Sache zu sein und eine Antwort zu formulieren. "Ich denke über das Ende unserer Reise nach. In etwas mehr als zwei Monaten wären wir wieder auf Nordstrand. Und was kommt dann? Gestern hatten wir uns über das Angebot aus Gotland unterhalten. Nur wir haben noch keinen Entschluss dazu gefasst. Alle wollen, aber keiner hat irgendetwas unternommen, um das auch zu realisieren. Ich frage mich, ob es gut ist, einfach durch den Großen Belt und den Fehmarnbelt durchzufahren und auf Gotland zuzusteuern, ohne dass wir uns über die wirklichen neuen Aufgaben im Klaren sind. Morgen Abend will uns der Unbekannte ja nochmals ein paar Informationen zu unserer neuen Aufgabe schicken. Und dazu wird eine größere Geldsumme auf einem Konto für uns hinterlegt. Zur Absicherung. Mathias wird das prüfen lassen. Ich habe kein gutes und kein schlechtes Gefühl dabei. Ich bin einfach unsicher. Was mich wundert ist auch, dass er uns auffordert, dass wir die Mannschaft der Ageli dazu zu bewegen, uns zu begleiten. Es spricht nichts dagegen, aber er muss schon sehr viel Informationen über uns gesammelt haben, dass er so einen Vorschlag unterbreitet." Birgit schaute Pet an. "Ich fand das gut, dass ihr uns während unseres gemeinsamen Ausfluges darüber informiert habt. Und wir haben von diesem Unbekannten auch eine Mail diesbezüglich bekommen. Ich finde es mehr als nur interessant, was da auf uns zukommen könnte. Warum wunderst du dich über seinen Vorschlag, dass wir euch begleiten sollten? Bist du der Meinung, dass das nicht gut ist? Oder stören wir euch eventuell bei eurer zukünftigen wissenschaftlichen Arbeit. Unser Wissen besteht nicht nur aus guten Kochrezepten, Kinderaufzucht oder Fiebermessen, wir haben auch einige mehr drauf. Ich denke, dass ein wenig weibliche Komponenten in so einer Arbeit sehr wichtig sein können. Und lieber Pet, ich glaube, wir würden uns gegenseitig vermissen, wenn wir uns so endgültig trennen müssten." Pet wusste sehr wohl, dass sie recht hatte. Sie würden sich vermissen.

 

Langsam wurden alle müde und Pet wollte sich seine Kajüte anschauen. Die war allerdings bereits mit drei Personen und drei Hunden sehr gut belegt und so brachte er einen Berg an Decken und ein paar Kissen mit an Deck. Platz war genug da und die auf Deck ausgerollten Neoprenbahnen wirkten wie eine nicht allzu weiche Matratze. Als Sophia, die noch lange wach lag, endlich die Augen schloss, waren schon die ersten Sonnenstrahlen auf Deck zu spüren. 

 

1. November 2015 8.30 Uhr Kapverden  

 

Die Pjotr hatte vor einer Stunde ihren Liegeplatz verlassen und bei der Ageli und der Blauzahn wurden die Leinen gelöst und sie verließen in einem Abstand von knapp einhundert Metern den Hafen. Die Amazonen mussten sich noch an die Veränderungen in der Takelage und den Segeln gewöhnen, denn mit der Reparatur mussten wurden einige Veränderungen vorgenommen. Bis auf Mathias, der einen schlimmen Migräneanfall hatte, waren alle an Bord der Schiffe fit.

 

Inzwischen hatte sich auch herausgestellt, dass die beiden Besatzungsmitglieder der Pjotr, die nicht an der Party teilgenommen hatten, weiblich waren. Erst am Folgetag lernten die Nordstrandpiraten und die Amazonen die Maschinistin und die Steuerfrau kennen. Die Maschinistin, Olga - wie sollte auch sonst eine russische Frau heißen - war eine sportliche Erscheinung. Jan meinte, sie habe etwas von einer Kraftsportlerin an sich, bis sich herausstellte, dass sie leidenschaftlich Fußball spielte und lange Jahre Kickboxen betrieben hatte. Und die Steuerfrau, Jula wirkte sehr scheu auf alle. Sie hatte eine Narbe auf ihrer linken Wange. Jose flüsterte seinem Bruder, nachdem er sie kennengelernt hatte, zu, dass er diese Narbe gerne streicheln würde. Er hatte sich Hals über Kopf in diese Frau verliebt. Er fand sie faszinierend und erzählte jedem, der es nicht hören wollte, wie toll diese Frau sei. Das ging so lange, bis sein Bruder ihm verbot, länger anderen mit seinen rosaroten Gewäsch auf den Wecker zu gehen. Da merkte er selbst, wie albern er sich gerade benommen hatte und zog sich etwas beleidigt in die Vorratskammer zurück.

 

Die drei Schiffe nahmen Kurs auf Teneriffa - auf den Hafen von Santa Cruz de Tenerife. Kurz vor der Insel würde sich die Pjotr verabschieden, um direkt Madeira anzusteuern. Dort würde er die Pjotr seinem neuen Besitz übergeben und seine Segeljacht dann in Besitz nehmen. Otto fragt ihn bei einem weiteren Gespräch, ob denn die Mannschaft ausreichen würde, die neue Segeljacht zu bedienen. Simon musste verneinen. Die Segeljacht, zwei Masten, rund vierzig Meter lang und neun Meter breit, benötigte eine Stammmannschaft von acht Leuten. Die Segel waren wie auf der Blauzahn vollelektrisch zu setzten und auch der Betrieb konnte von zwei Steuerständen übernommen werden. Das bedeutete pro Schicht mussten mindestens vier Leute an Deck sein, da man aber im Vierundzwanzigstundenbetrieb sein wollte, musste man eine Mindestbesetzung von zwölf Personen haben. Ohne Koch und ohne Maschinisten und sonstige Leuten. Die Mannschaftsstärke werde bei vierzehn Personen inklusive seiner Person liegen. Die Jacht war auf Geschwindigkeit mit ein wenig Luxus ausgelegt. Der Name der Jacht, so zwinkerte er Otto zu, lautete Sasha.

 

 

Fortsetzung folgt      

 

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