Teil 2 - Kapitel 47

Kapverden 26. Oktober 12.30 Uhr

 

Der Busfahrer hatte die Amazonen bei ihrem Hotel abgesetzt und die Nordstrandpiraten im Hafen. Wolkow stieg ebenfalls im Hafen aus dem Bus und wurde von einem Beiboot der Pjotr 1 abgeholt.

 

Sechzehn Mann und nur drei Duschen. Das konnte nicht gut gehen. Lars und Erik waren der Meinung, dass man zum Duschen nicht unbedingt Süßwasser benötigen würde. Also wurde das Langboot bereitgemacht und bis auf Otto, Marc, Gerrit und Mathias bestiegen alle das Boot und fuhren aus dem Hafen hinaus in westliche Richtung. Nach etwas mehr als einer halben Stunde fanden sie eine kleine Bucht mit einem sehr kleinen Kies- und Sandstrand. Der wurde angesteuert. Kurz bevor das Langboot den Strand erreichte warf Erik den Anker und alle sprangen ins kühle Nass und schwammen an Land. Selbst die Hunde schienen den kleinen Trip im Wasser zu genießen und schwammen ebenfalls die paar Meter bis an den Strand.

 

Am Strand seiften sich die Herrschaften ein, aber das Schaumergebnis war eher traurig. Also musste das Salzwasser mit den Parfümölen der Seifen genügen, den angestrebten Reinigungsprozess anzustoßen. Jeder schwamm dann  noch ein paar Züge im Meer und danach ließen sich die Piraten am Strand vom Wind und der Sonne trocknen. Die Schmutzwäsche war an Bord des Langbootes geblieben und alle hatten, soweit es ihnen möglich war, versucht, ein Handtuch trocken an Land mitzunehmen. Und da lagen nun zwölf ältere Herren nackt am Strand und zwei wilde Hunde bewachten sie. Sie konnten sich allerdings nicht lange ausruhen, denn Tristan fing nach kaum zwanzig Minuten paradiesischer Ruhe kräftig an zu bellen. Jan entdeckte in einiger Entfernung auf einem  Felsen stehend eine Person, die zu ihnen herunterschaute. Dann tauchten immer mehr Leute auf und schauten zu denen am Strand liegenden Männer. Der Felsen war etwas mehr als fünfzig Meter entfernt von ihnen und so wurde ihre Schamhaftigkeit nicht sofort verletzt, aber zur Sicherheit wickelten sie sich ihre Handtücher um die Lenden. Bis auf Erik, dem das einfach egal war. Die Fremden bewegten sich auf sie zu. Das war dann doch etwas zu viel für einige Piraten und sie zogen sich auf ihr Boot zurück und kleideten sich an. Dann sahen die Nordstrandpiraten, wer zu ihnen da an den Strand gekommen war.

 

"Das sind doch Nonnen? Oder habe ich was mit den Augen? Die sind alle schwarz gekleidet und habe Hauben auf dem Kopf. Mensch bin ich froh, dass wir auf dem Boot sind und uns angezogen haben." Jose hatte recht, was sich da am Strand einfand waren Nonnen. Carlo zählte und meinte dann, dass das über zwanzig Nonnen seien. Und dann begann eine auch noch zu winken und forderte sie anscheinen auf, wieder an Land zu kommen. Also zogen sie den Anker hoch und ruderten die etwas mehr als zwanzig Meter zum Strand. Im seichten Wasser rutsche das Beiboot noch etwas über den Kies bis es zum Stehen kam. Greg und Juris sprangen aus und wateten im knapp knöcheltiefen Wasser bis zum Strand und machten dort das Boot mit einer Leine fest. Höflich nickten die beiden den Nonnen zu, die offensichtlich auf Portugiesisch antworteten. Greg versuchte es auf Englisch und eine der Nonnen antwortete ihm entsprechend. Greg stellte sich und die Mannschaft der Blauzahn vor und dann wurde die Nonnen vorgestellt. Es war eine Reisegruppe von Nonnen, die in den unterschiedlichsten Teilen Afrikas ihre missionarischen Tätigkeiten ausgeführt hatten und nun auf dem Heimweg nach Portugal und Spanien waren. Leider musste ihr Flugzeug hier einen längeren Zwischenstopp einlegen, da die Maschine offensichtlich einen Triebwerkschaden habe. Und nun nutzten die Damen die Zeit die Insel etwas zu erkunden. Sie entschuldigten sich, dass sie die Herren doch offensichtlich in einer etwas peinlichen Situation gestört hätten, aber aus der Entfernung hätten sie nicht erkannt, dass die Herren mit sehr wenig Kleidung am Stand gelegen hätten.

 

Und dann kamen Trevor und Tristan und mischten die Gesellschaft der Nonnen auf. Sie schüttelten sich ständig, um sich von der Nässe zu befreien und durchstöberten dabei die christlich Gestrandeten. Pet und Juris versuchten die beiden einzufangen, aber die Damen ließen das nicht zu, denn sie fanden das einfach lustig und zwei jüngere Nonnen begannen sogar, mit den beiden zu spielen.

 

Immer mehr Piraten fanden unter den Nonnen Gesprächspartner und so standen oder auch saßen sie noch für längere Zeit am Stand. Luigi und Carlo machten dann eine kleine Rundfrage bei den Piraten, ob man die Damen nicht für den kommenden Abend zu ihrem Essen, das sie gemeinsam mit den Amazonen geplant hatten, einladen sollte. Also überbrachte Lars, nun wieder ganz Kapitän und Gentleman mit kurzen Hosen - aber Kapitänsmütze - die Einladung. Eine der älteren Nonnen antwortete im Auftrage aller und man nahm die Einladung gerne an, denn sie würden erst am 28. Oktober abends die Insel wieder verlassen und man freue sich über diese Einladung.

 

Sie verabschiedeten sich mit sehr vielen Segenswünschen von den Piraten und gingen zurück zum Felsen.

 

27. Oktober 2015 16.00 Uhr Hafenmole

 

Die Küchenmannschaft beider Schiffe waren seit dem Vormittag damit beschäftigt, das Essen für das abendliche Dinner vorzubereiten. Immerhin mussten an diesem Abend zwanzig Amazonen, zweiundzwanzig Nonnen, acht Besatzungsmitglieder der Pjotr und sechzehn Piraten versorgt werden. Greg, Juris und Melanie, die Organisationstalente, hatten einige Holzböcke und Platten als Tischersatz besorgt, sowie Bänke, Kisten und Bretter zum Sitzen. Sechsundfünfzig Menschen sollten Platz nehmen können - an einer sehr langen Tafel auf der Hafenmole. Der Hafenkapitän stellte ihnen zusätzlich zu ihren eigenen Grills noch zwei weitere zur Verfügung. Otto, Pet, Sophia und auch Birgit waren den ganzen Vormittag beschäftigt, Lebensmittel und auch Getränke einzukaufen.

 

Tatkräftig arbeiteten Wolkow und seine Matrosen am Aufstellen der Tische und Bänke mit, nahm ohne zu Murren von Greg Anweisungen entgegen. Alles verlief in einer harmonischen Stimmung, dass man sich die Frage stellen konnte, ob es daran lag, dass zweiundzwanzig Nonnen zu Besuch kommen würden oder waren alle einfach in so einer ausgeglichenen Stimmung? Es war einfach so und keiner stellte sich diese Frage. Es funktionierte zwischen den Nationen, den Geschlechtern und Kulturen - fast schon eine paradiesische Stimmung, wenn man so manchen Fluch überhörte, wenn sich mal jemand die Finger beim Aufstellen der Bänke einklemmte oder in einer der beiden Schiffsküchen etwas zu Boden fiel, was auf dem Boden nichts zu suchen hatte. Oder die Hunde nervten, weil sie jedem und allen zwischen den Beinen hin und her rannten.

 

Pünktlich um 19.00 Uhr war alles fertig und man wartete nun auf die Nonnen. Kaum hatte Jan die Schiffsglocke, drei Doppelschläge und einen einfachen Schlag, also acht Glasen geschlagen, kamen die Damen auch schon über den Pier auf die Amazonen und Piraten zu. Vorne ging die Älteste der Nonnen und ihr folgten dann jeweils in einer Dreierreihe die anderen hintereinander. Die Hände gefaltet, mit einem aufrechten Gang und den Blick auf den Rücken der Ältesten gerichtet. Mit einem Nicken und einem Segenswunsch begrüßte die Älteste alle Anwesenden. Und mit einer kurzen Ansprache auf Englisch, Portugiesisch, Französisch und Deutsch gab sie den Nonnen dann die Berechtigung, sich im Kreise der Gastgeber frei zu bewegen. Dann schritt die Dame auf Lars zu, den sie offensichtlich als oberste Autorität im Kreise der Gastgeber zu erkennen glaubte. Er erklärte ihr die Situation und machte sie dann zuerst mit Betty und Melanie bekannt, die es übernahmen, die Mannschaft der Ageli vorzustellen. Dann übernahm es Otto, als Mann für die Öffentlichkeitsarbeit auf der Blauzahn die Nordstrandpiraten vorzustellen. Als ihr Greg vorgestellt wurde, schaute sie ihm lange prüfend in die Augen und es dauerte fast schon zu lange, bis sie seine Hand, die sie zur Begrüßung schüttelte, wieder los lies. Otto erklärte ihr auch, die demokratischen Entscheidungswege der Mannschaft. Zuletzt kam die Mannschaft der Pjotr dran. Simon Wolkow verbeugte sich tief vor der Nonnen und zeigte durch seine Gesten an, dass er tief im orthodoxen Glauben verwurzelt sei. Die Nonne, sie wurde Schwester Agnes genannt, fragte danach, ob Sasha seine Frau sei. Er verneinte und erklärte, dass dies seine Schwester sei. Es wunderte alle sehr, dass sich Schwester Agnes  solche Details bei den vielen Namen und Gesichtern gemerkt hatte. Sie gab lächelnd zu, dass sie sich sehr intensiv mit den Gesichtern, Namen und Geschichten der drei Schiffe beschäftigt habe, sie wollte nicht ganz unvorbereitet dieser Einladung folgen. Dann wurden ihr die sieben anderen Mannschaftsmitglieder vorgestellt. Nach den Erklärungen von Wolkow waren auf der Pjotr noch 2 Mannschaftsmitglieder geblieben. Der Maschinist war krank und sein Steuermann wollte nicht unter Menschen. Er sei ein sehr scheuer Mann, der sich wegen einer Entstellung im Gesicht gerne versteckte. Die Nonne bedauerte das, ging aber nicht weiter darauf ein. Inzwischen hatten bis auf die Mannschaft der Pjotr, Otto, Lars und Betty und natürlich Schwester Agnes ihre individuellen Gesprächspartner oder auch Tischgesellschafter gefunden, sodass nun die Letzten an die große Tafel schreiten konnten und sich unter die anderen Gäste mischten. Schwester Agnes aber ging zielstrebig auf Greg zu, hakte sich unter und bat ihn, sie an den Tisch zu führen. Alle konnten sehen, wie er tief durchatmete, als er Agnes zur Tafel begleitete und dann noch neben ihr Platz nehmen durfte.

 

Als Begrüßungstrunk wurde ein sehr guter Cremant serviert. Die Damen im schwarzen Habitus wählten alle, außer Agnes, ebenfalls ein Glas des angebotenen Getränkes. Sie wählte ein einfaches Wasser. Otto und Betty übernahmen es, ein paar Begrüßungsfloskeln auszusprechen und wollten damit den Abend beginnen lassen. Schwester Agnes stand aber auf, bedankte sich für die Einladung zum wiederholten Male, faltete die Hände und sprach ein kurzes Tischgebet. In kurzen Worten begann sie und immer, wenn sie einen Satz beendet hatte, übersetzte eine ihrer Mitschwestern diesen in ihre Muttersprache. So wurde das Gebet in Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Englisch, Französisch, Afrikaans und Deutsch übersetzt. Bedauernd schloss sie damit ab, dass sie leider kein Russisch sprechen würde und auch niemand in ihrer Gruppe diese Sprache sprechen könne. Dann prostete man sich fröhlich zu und das Dinner konnte beginnen.

 

Die Nonnen beobachteten eine Weile das Treiben um sie herum, bis sie verstanden, wie der Ablauf des Grillens, Bedienens und auch des Abräumens organisiert war und halfen ungefragt mit. Die Tischgespräche entwickelten sich gut und selbst die Hunde hatten genug Beschäftigung, da zwei der Nonnen ganz vernarrt in Trevor, Carl und Tristan waren und sich abwechselnd mit ihnen beschäftigten. 

 

Es war ein gelungenes Fest. Bis spät nach Mitternacht saßen, standen oder auch spazierten alle miteinander. Immer wieder gab es neue Gesprächsrunden, vor allem waren die Schiffsbesichtigungen bei den Nonnen sehr gefragt.

 

Inzwischen hatten Lars, Otto und Melanie ihre jeweiligen Kontaktadressen mit Schwester Agnes ausgetauscht und man versicherte sich gegenseitig in Kontakt zu bleiben.

 

Als die Nonnen sich gegen 1.00 Uhr in der Nacht verabschiedeten und sie von sechs Taxis abgeholt wurden, war es einige Zeit etwas ruhiger auf dem Pier. Bis auf ein paar Gläser war schon alles weggeräumt und die Mannschaften der drei Schiffe saßen in einer großen Runde beieinander. War man während der Anwesenheit der Nonnen mit lauten Worten oder auch etwas zottigen Sprüchen zurückhaltend gewesen, so wurde jetzt offensichtlich das Bedürfnis geweckt, alles schnell und laut nachzuholen. Zigarren wurden angeschnitten, Pfeifen gestopft und die Raucher frönten nun einem weiteren Laster außer dem der Gourmetsucht.

 

"Die Ageli wird in drei Tagen wieder reisefertig sein und wir wollen dann am 31.Oktober auslaufen. Unser nächstes Ziel sind die Kanaren und dann Madeira. Von dort aus segeln wir nach Lissabon. Dort ist der Punkt unserer Reise erreicht, wo wir entscheiden wollen, was wir weiter tun werden." Betty, die mit Lars, Simon, Otto und Melanie zusammensaß, hatte das mit etwas betrübter Stimme gesagt. Man spürte sehr genau, dass sie gerne hätte, dass ihr jemand die Entscheidung abnehmen sollte, wie es weitergehen sollte. "Und wie segelt ihr weiter?" Diese Frage war an Otto und Lars gerichtet. "Unser Kurs ist der gleiche, allerdings treffen wir nicht in Lissabon unsere Entscheidung, wie es weitergeht, sondern wir wollen uns schon vorher darüber einig werden, ob unsere Reise auf Nordstrand endet oder ob wir weitersegeln und zwar nach Gotland in der Ostsee." Lars hatte das etwas einfach so gesagt, da sich die Nordstrandpiraten immer noch nicht einig waren, ob sie nun wirklich Gotland anlaufen wollTen. Vieles sprach dafür, einiges dagegen, denn keiner wollte jetzt schon aussteigen und sagen, dass für ihn die Reise auf Nordstrand endete. Alle waren unschlüssig.

 

"Und was ist mit euch auf der Pjotr?" fragte Lars Simon. Wolkow war sich mehr als nur unschlüssig, wie er antworten sollte. Man sah ihm an, dass er sich schwer tat, hier und jetzt eine Antwort zu geben. Aber er machte es. "Ich bin frei. Ich habe keinen Auftrag mehr zu erfüllen. Der russische Staat hat meine Verträge gekündigt. Charterverträge habe ich auch keine mehr. Meine Unternehmungen in Russland und Lettland musste ich verkaufen. Ich habe noch einiges Kapital in London und Paris und ein kleines Landgut in Litauen, auf das ich mich zurückziehen könnte. Aber ich glaube, etwas mehr Abstand nach Russland ist gesünder für mich. Ein Teil meiner Mannschaft hat mich schon verlassen, das ist sicher gut so. Die Männer, die bei mir sind, wollen auch bei mir bleiben. Aber was können wir tun? Also muss auch ich eine Entscheidung treffen. Auf Madeira treffe ich einen Käufer für die Pjotr und ich habe dort eine Segeljacht erstanden, mit der wir weitersegeln können. Der Unterhalt der Segeljacht ist wesentlich günstiger, die Mannschaft von zehn Leuten reicht aus, um damit auch auf hoher See zu reisen. Ich muss mich etwas einschränken, aber ich habe genug Kapital, dass ich noch einige Zeit weitersegeln kann, ohne mir ernsthaft Sorgen machen zu müssen." In seiner Stimme lag viel Bitternis und Trauer. Es klang so, als ob er gerade verraten habe, seinen besten Freund verloren zu haben. "Ist das unverschämt zu fragen, warum du deine Aufträge verloren hast oder warum du auch keine Charterkunden mehr hast?" Betty war einfach zu neugierig. Sie wollte erfahren, wer Wolkow überhaupt war. Sie hatte von seiner Schwester Sasha nur sehr wenig über ihren Bruder und sich erfahren.

 

Otto war hellhörig geworden. Er schätzte Simon sehr, fand es einfach abenteuerlich, was dieser Mann bisher gemacht hatte. Oft meinte er, wenn man über die Pjotr sprach, dass das alles klang, wie in einem Agentenroman. "Hast du Probleme mit deinen Landsleuten oder bist du eventuell in Gefahr? Und warum das Ganze?" Otto hatte wieder seine sachliche Stimmlage angelegt und eine vollkommen entspannte Haltung eingenommen. Als ob er gerade ein Interview mit einem drittklassigen Politiker machte, lehnte er sich leicht zurück, nahm einen Schluck Riesling und wartete, was da nun als Antwort kommen würde.       

 

 

Fortsetzung folgt

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