Teil 2 - Kapitel 45

Kapverden

 

Leicht verworren stand Betty etwas abseits der Szenerie und beobachtete, wie Melanie Sophia und Sascha mit den Hunden zusammen von Otto und Pet wegführte. Ohne nachzudenken ging sie den Damen hinterher.

 

So standen die beiden Nordstrandpiraten alleine vor dem Orgelpfeifenfelsen. Sie schauten sich nicht an, sondern starrten beide Interesse heuchelnd zu der Felsformation. Otto war der erste, der sich bewegte. Er suchte sich einen Stein auf den er sich bequem setzen konnte. Er war groß genug, dass Pet neben ihm Platz finden konnte. Es dauerte allerdings einige Minuten bis auch er sich bewegte und sich dann neben Otto setzte.

Das Schweigen war unerträglich. Wer wollte wem etwas sagen? Bis Otto nach einem sehr tiefen Einatmen doch den Gesprächsfaden aufnahm. "Hör mal Pet, was war denn das mit Sascha? Warum hast du dich mit ihr heimlich davongeschlichen?" Pet schüttelte zuerst den Kopf, um dann zu antworten.

"Ich bin mit den Hunden weggegangen, weil sie einfach überfordert waren mit dem Überangebot an Essbarem und weil ich alleine sein wollte. Ich wollte mir einfach ein paar Gedanken durch den Kopf gehen lassen und so ein Spaziergang war da gut. Und hier habe ich kurz halt gemacht, weil mich der Anblick überwältigt hat. Dann war Sascha hinter mit. Sie legte ihre Hand auf meine Schulter und dann kamt ihr schon. Mehr war und wird nicht sein. Ich wollte alleine sein, mehr nicht. Ich erzähle dir auch, warum ich alleine sein wollte." Die kurze Denkpause war notwendig für Pet. Er wollte jetzt einfach ein paar Gedankenfetzen, die in ihm herumgeisterten, los werden - auch in der Hoffnung, dass Otto sie verstehen würde und vielleicht auch zusammenfügen konnte. "Unsere Reise wird bald vorbei sein, an der Tatsache kommen wir nicht vorbei. Ich denke die ganze Zeit darüber nach, was danach kommt. Können wir so einfach in den Alltag zu Hause zurückkehren? Ich denke nein. Welche Perspektiven bleiben dann? Weitersegeln, die Welt nochmals auf einer anderen Route umrunden? Was würde sich da dann entwickeln? Bisher haben wir Stoff für ein Buch mit tausend Seiten gesammelt. Spannend, sicher auch wissenschaftlich interessant, aber ist es das, was wir wollten? Und dann noch ein anderes Thema. Wir sind nicht alleine, du und ich, oder wenn du die Nordstrandpiraten dazu nimmst, was ist mit den Amazonen? Gehören die zu uns und was entwickelt sich daraus? Wir sind in aller Bedürfnislosigkeit, die wir an Bord entwickeln mussten, verdammt anspruchsvoll geworden. Körperlich wie auch mental haben wir einiges entwickelt, das wir nicht loslassen können. Also wie geht es weiter? Hast du eine Antwort?" Otto hatte keine. Er schüttelte nur den Kopf und wartete, dass Pet weitersprach. "Dann haben wir noch das Angebot aus Gotland. Steht das noch? Ich denke ja, vor drei Tagen kam wieder ein Mail von dem Unbekannten. Alle haben es gelesen, keiner hat darüber gesprochen. Leben wir alle nur im Hier und Jetzt und haben außer unserer Reiseroute keine weitere Zukunftsplanung? Das glaube ich nicht, aber jeder macht das offensichtlich gerade mit sich selbst aus. Das ist aber etwas, was wir gemeinsam besprechen sollten. Und da ich gerade dabei bin, ein paar Fragen, Antworten und sonstiges aus mir herauszupressen, noch ein anderes Thema. Unangenehm, vielleicht peinlich, aber es ist da. Die Amazonen sind für mich ein Teil unseres Experiments Leben geworden. Jeder von uns hat zu einer oder auch anderen oder auch zu  zweien und auch dreien eine etwas nähere Beziehung aufgebaut. Manchmal distanziert, manchmal etwas näher, manchmal nebulös, verborgen, aber da ist was in uns. Wie gehen wir damit um? Du hast dich für so etwas wie eine Vater- oder auch große Bruderrolle entschieden und ausgebaut. Ganz still in dir drin betest du, sofern du das kannst schon...danke, dass du mich nicht in Versuchung führst....Du bist da nicht alleine, aber es gibt nun mal zwei Geschlechter auf der Welt und die haben ihre unterschiedlichen Bedürfnisse. Ich müsste lügen, wenn ich sage, dass ich den Amazonen genau so gegenüber stehen kann wie den Nordstrandpiraten. Nein, meine Freund, das tue ich nicht, oder besser gesagt, nicht allen gegenüber. Dass ich mit Birgit oder Beatrice nicht mit einer Zigarre im Mund gegenüber sitze und ihr eine anbiete, damit fängt es schon an. Klingt vielleicht albern, was ich da gerade sage, aber da gibt es Unterschiede in der Freundschaft die man nicht wegleugnen kann. Mit man meine ich mich. Ja die Zukunft wird kompliziert und ich weiß nicht wie ich sie angehen soll. Und was noch wesentlich wichtiger dabei ist, wie wir als Nordstrandpiraten sie angehen. Wir sind eine Einheit geworden die sich nicht so einfach auflösen lässt. Deshalb wollte ich alleine sein. Und warum gerade jetzt? Ganz einfach, das was wir da vor kurzer Zeit erlebt haben, die gefühlte Gemeinsamkeit, diese geballten Emotionen, die haben es mir angetan. Ich habe das noch nie oder schon lange nicht mehr so gefühlt und aufgenommen. So viel Glück um mich herum und ich kann damit nicht umgehen und das zu genießen fällt mir schwer."

 

Otto lächelte, schaute wieder ernst und lächelte wieder. Sein Minenspiele war verwirrend für Pet, der ihn von der Seite anschaute. Jetzt war es an Otto zu antworten, der schwieg aber beharrlich. Beide warteten, dass irgendetwas passieren sollte. Und so kam es auch, ganz in der Ferne hörten sie ein Donnergrollen. Beide schauten in die Richtung, wo sie das Gewitter vermuteten. Über den Bergen sahen sie schwarze Wolken und aus denen kamen immer wieder Blitze, die sich zur Erde drängten. "Es könnte ungemütlich werden. Ich bin jetzt kein Fachmann, was Wettervorhersagen oder Naturereignisse betrifft, aber wir sind hier nicht unbedingt in einer Umgebung, wo ich ein Unwetter erleben möchte." Otto war offensichtlich froh darüber, dass die Fragen, die Pet ausgesprochen hatte, nun nicht sofort beantwortet werden mussten. Sie gingen sehr schnell den Weg, den sie gekommen waren, zu ihren Freunden zurück. Unterwegs trafen sie Betty, die mit ihrer Kamera einige Blüten fotografieren wollte. Sie hatte den Donner nicht gehört und Otto klärte sie auf, dass es besser wäre, wenn sie nun zurückgehen würden. Vielleicht konnten sie dem Unwetter entgehen, wenn sie sich beeilen würden.

 

Als sie auf dem Picknickplatz ankamen, waren die anderen schon dabei, zusammenzupacken. Pet schulterte seinen Rucksack, den Sophia für ihn gepackt hatte. Er bedankte sich und fing einen leicht strafenden Blick von ihr ein. Da wurde ihm bewusst, dass sie vielleicht ähnliches dachte wie Otto. Er und Sascha?! "Nein, Sophia, du irrst dich. Sie ist hinter mir spaziert, ohne dass ich das wusste und wir haben uns auf der Lichtung getroffen." In seinem Kopf aber kamen wütende Gedanken auf. Warum versuchte er zu erklären, dass die Begegnung mit Sascha von ihm aus zufällig war? Was entstand hier?

 

Pet rief die Hunde zu sich, die seinen Ärger dadurch zu spüren bekamen, dass er sie an die Leine nahm und sie nicht frei laufen durften. Carl durfte weiter frei laufen und das ärgerte Trevor und Tristan gewaltig. Sie zerrten so an den Leinen, dass Pet sie fast nicht mehr halten konnte. Nach ein paar hundert Metern stoppte ihn Sophia, nahm ihm die Leinen ab und ließ die Hunde frei. "Lass gut sein. Die zwei können nichts dafür, dass du jetzt schlechte Laune hast." Pet fühlte sich ertappt, zudem meinte er, dass alle Blicke der Nordstrandpiraten und Amazonen gerade auf ihm ruhten. Aber es interessierte bis auf Melanie, Sascha, ihren Bruder Simon, Sophia und Greg niemanden, was da gerade vor sich ging. Alle wollten einfach nur schnell zum Bus. Simon hatte die Hand seiner Schwester ergriffen und sie liefen schweigend nebeneinander.

 

Das Gewitter kam schneller näher, als sie laufen konnten. Die ersten Tropfen fielen und dann öffnete der Himmel seine Schleusen. Die Regentropfen waren nicht sehr warm, eher kalt und groß und schwer. Jeder spürte sie auch durch die Kleidung auf der Haut.

 

Als bei ihrem Bus ankamen, hatte der kluge Fahrer bereits das Verdeck geschlossen, sodass sie nun im Inneren des Busses wenigstens im Trockenen sitzen konnten. Wolkow musste mit in den Bus, da sein Taxi, mit dem er gekommen war, sich offensichtlich verabschiedet hatte, obwohl er dem Fahrer ein sehr fürstliches Trinkgeld fürs Warten gegeben hatte. Losfahren konnte der Bus nicht, da die Straße überflutet war und die Scheibenwischer nicht in der Lage waren, die reichlich vorhandene Nässe von der Frontscheibe zu beseitigen. 

 

Dann spürten alle, dass es kalt wurde. Sie waren durchnässt, die Temperatur fiel von fast dreiunddreißig Grad auf zwanzig Grad. Und sie waren im Bus eingepfercht. Birgit spannte eine große Decke auf der hinteren Hälfte des Busses auf. So konnten sie die Damen ungestört entkleiden und teilweise ihre Kleidung etwas auswringen. Zum Glück für alle, hatte der Busfahrer zwei Eimer dabei und so landete die überschüssige Feuchtigkeit der Kleidung in den Eimern. 

 

Auch die Nordstrandpiraten fingen an ihre Kleidung, sofern es möglich war, von der überschüssigen Nässe zu befreien.

 

Da saßen sie nun fast nackt und frierend, die Herren von den Damen nur durch eine große Picknickdecke getrennt, in einem alten klapprigen Bus. Nur den Hunden war die Abtrennung vollkommen egal, sie trennten sich von ihrer Feuchtigkeit im Fell, indem sie durch den Bus von hinten nach vorne und umgekehrt rannten, sich da und dort mal kräftig schüttelten. Die Flüche, die sie dafür ernteten, steckten sie ein, ohne dass es ihnen etwas ausmachte.

 

Der Regen wollte nicht aufhören und so saßen sie da und starrten durch die Fensterscheiben nach draußen. Langsam wurde es auch dunkel und der Busfahrer wurde sichtlich nervös. Lars und Greg besprachen sich mit ihm und nach einiger Zeit könnten sie ihn davon überzeugen, dass es sicher besser wäre, wenn sie versuchten, die Heimfahrt anzutreten.

 

Er startete den Motor und langsam rollte der Bus an. Die Scheinwerfer konnten die Straße bis etwa zwanzig Meter weiter leicht erhellen, aber das Ganze wirkte eher gespenstig wie erhellend. Nach etwas mehr als drei Kilometern kamen sie nicht weiter. Auf der Straße türmte sich eine Geröllhalde, die von durch sich ständig dazu fließenden Schlammmassen vergrößerte. Neben der Straße fand der Fahrer eine größere Haltebucht und etwas abseits konnte man im Dämmerlicht so etwas wie ein Gebäude entdecken. Der Regen hatte nachgelassen und es tröpfelte nur noch, aber die vermeintliche Kälte spürten alle. Jose, Carlo und Juris marschierten zu dem Gebäude. Es war offensichtlich eine alte verlassene Lagerhalle, das Dach war noch in Ordnung und in einer Ecke fanden sie einen großen Stapel Holz neben einem gemauerten Kamin. Die Halle hatte knapp einhundertfünfzig Quadratmeter, eine hölzerne Schiebetüre und zwei noch intakte große Glasfenster. An den Wänden standen einige Holzkisten und Bänke und zwei sehr lange Tische.

 

Juris ging zurück zum Bus und verkündete die befreienden Worte. " Zieht euch bitte alle an. Wir ziehen um in die Lagerhalle. Dort können wir ein Feuer machen und die Nacht dort verbringen. Hier im Bus ist es einfach zu kalt und zu eng. Nehmt bitte unser Gepäck mit, wir haben ja noch einiges zum Essen und Trinken und versuchen es uns dort etwas gemütlich zu machen."

 

Der Busfahrer beschloss, in seinem Fahrzeug zu bleiben, da er Angst vor Dieben hatte. Alle anderen strebten zu dem einsamen Gebäude entgegen. Jose und Carlo hatten schon etwas Holz in dem offenen Kamin gelegt und versuchten gerade ein Feuer anzuzünden, als die anderen in die Halle eintraten. Erik stellte seinen Rucksack ab und ging nochmals zum Bus zurück. Er brachte den Sack mit dem Partyzelt und einen weiteren Tasche mit, als er zurückkam. Dann verschwand er wieder und brachte nochmals ein paar Decken mit, die er in der Kofferablage des Busses entdeckt hatte. "Es wird ungemütlich heute Nacht und wir sollten uns vor der Kälter schützen."

 

Maria, Dara, Cahyran und Betty froren sichtlich, denn jeder hörte sie mit ihren Zähne klappern. Lars und Erik schoben ein paar der Kisten in die Nähe des Kamins, der schon etwas Wärme ausstrahlte, legten eine Decke darauf und die vier setzten sich, um die ersten Strahlen der Glut aufzufangen. Die anderen schoben die Tische Kisten und Bänke in die Nähe des Kamins und packten die Reste an Essbarem und an Getränken aus. Das Feuer im Kamin war bald die einzige Lichtquelle. Und dann begann das Unwetter erneut seine Kraft zu zeigen. Das Trommeln der großen Regentropfen hörte man vom Blechdach und der Wind der immer wieder aufkam trieb die Regentropfen gegen die Fenster. Ein altes Seil wurde in der Nähe des Kamins aufgespannt und diente als Wäscheleine.

 

Lars packte das Partyzelt aus und es wurde aufgebaut. Es bot zwar nur ein wenig Schutz vor der Kälte, aber alleine schon das Gefühl, unter der Plane zu sein, vermittelte eine Ahnung von Sicherheit und Wärme. 

 

Es reichte tatsächlich, was sie an Essbarem hatten, um sie alle satt zu machen. Wasser war durch den Regen, den Jan und Gerrit über eine Plane einfingen, zu Genüge vorhanden. Dann zauberte Erik, John und Jose wärmende Flüssigkeiten aus ihren Rucksäcken. John hatte zwei Flaschen Whisky, Erik eine Flasche Aquavit und Jose zwei Flaschen hochprozentigem Rum dabei. Julia durchsuchte ihren Rucksack und steuerte noch eine Flasche Rotwein zur Eröffnung der Bar bei. Birgit fand in ihrem Gepäck eine angebrochene Flasche besten Cognacs und zu guter Letzt kramte Pet aus seinem Rucksack noch zwei Flaschen Riesling hervor. "Was für Zufälle, da kramt man in seinem Rucksack und findet ganz zufällig was Leckeres zu trinken. Ich wäre gespannt, was sich in den anderen Rucksäcken noch so finden lässt." Maria war offensichtlich bestens gelaunt, als sie laut diese Frage an alle stellt. "An Schlaf ist im Moment wenig zu denken. Jeder von uns hat eine Tasche oder einen Rucksack dabei. Also machen wir ein Ratespiel daraus. Jeder von uns stellt einmal  seinen Rucksack hier in die Mitte und wer errät, was da drin ist, bekommt einen guten Schluck aus einer der Flaschen." Alle waren damit einverstanden, denn irgendwie musste man die Zeit ja sinnvoll oder unsinnig, egal wie, vorbeiziehen lassen.

 

Maria, die den Vorschlag gemacht hatte, stellte ihre große Tasche in die Mitte. "Wenn jemand es errät, muss man natürlich auch den Gegenstand herausholen und zeigen. Dann ist der Nächste dran. Und wenn man nach sechzig Sekunden nichts erraten hat, bekommt der Inhaber der Tasche oder des Rucksacks einen Schluck. Seid ihr alle damit einverstanden?" Alle waren damit einverstanden.

 

 

Fortsetzung folgt

 

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