Teil 2 - Kapitel 44

Sonntag 25. Oktober 2015 9.00 Uhr Kapverden

 

Am frühen Morgen hatte Lars die Pjotr I vor dem Hafen entdeckt. Er informierte niemanden über das, was er da gesehen hatte. War denn das auch so wichtig? fragte er sich. Nein irgendwie war es ihm - und er dachte auch den anderen - egal. Wer so hinter ihnen her schlich sollte doch einfach auch für sie alle unentdeckt bleiben. Wenn sie ihn sehen sollten, würde Wolkow zu ihnen kommen.

 

Heute wollten sie alle einen Ausflug machen. Greg hatte einen alten klapprigen Bus mit einem mutigen Fahrer gefunden. Selbst die Hunde sollten mitkommen. Carl hatte sich gefreut, seine beiden Freunde von der Blauzahn wieder zu sehen und sie hatten bei aller Wiedersehensfreude die Blauzahn ordentlich durcheinander gebracht. Nun aber standen die Amazonen und die Nordstrandpiraten am Pier und wartete auf den Bus. Die Picknickkörbe waren mit allem, was man bei einem solchen Ausflug mitnehmen wollte, gefüllt. Man scherzte noch etwas müde miteinander, denn trotz des herrlichen Wetters wollte noch keine ausgelassene Stimmung aufkommen. Etwas abseits stand Sascha Wolkow, die nun auch zur Mannschaft der Ageli gehörte und doch noch nicht ihren Platz unter all den Freunden und Freundinnen gefunden hatte.

 

Dann kam der Bus. Ein blaues Monstrum, oben sah man die Reste eines Faltdachs, das irgendjemand nach hinten gerollt hatte. Luigi meinte dazu, dass das wohl das größte Cabrio der Insel sein müsse. Zwanzig Frauen, sechzehn Männer und drei Hunde bestiegen den Bus. Der Fahrer sprach Spanisch, Portugiesisch und sehr viel mit seinen Händen. Ein Mann in den mittleren Jahren, braungebrannt, offensichtlich in sehr guter körperlichen Verfassung, wenn man davon absah, dass er eine Augenklappe wie ein Pirat trug. Als die Damen zuerst in den Bus einstiegen, lächelte er nicht nur sehr freundlich, sondern ihm war eine gewisse Lüsternheit anzusehen. Die Hunde wurden einfach missachtet, aber die Piraten wurden sehr genau taxiert, als sie in den Bus einstiegen. Die Reise nach Pico da Antónia im Landesinneren sollte mit diesem Gefährt etwas mehr als eine Stunde dauern, so meinte es auf jeden Fall der Fahrer. Greg hatte sich auf einer Karte diese Strecke genau angesehen und war da allerdings anderer Meinung. Er hatte für die Anreise fast zwei Stunden eingeplant. Bis auf Jan, der sich zu seiner Schwester gesetzt hatte, blieben die Damen und Herren getrennt.

 

Greg hatte zwei großen Seesäcke gepackt und immer wieder tauchte die Frage auf, was er denn außer etwas zu essen oder zu trinken noch eingepackt hatte. Er winkte zur Antwort nur ab und meinte, sie sollten sich überraschen lassen. Mit der Fahrzeit sollte er fast recht behalten. Nach zwei Stunden und einiges mehr an Zeit erreichten sie ihr Ziel. Weit außerhalb jeglicher Ortschaft parkte der Bus und alle stiegen aus. Die Temperaturen waren auf etwas mehr als achtundzwanzig Grad angestiegen, das offene Dach hatte nicht unbedingt zu einer Kühlung verholfen. Die grandiose Landschaft, der subtropisch anmutende Wald, die schroffen Bergmassive machten alle noch sprachloser. Greg und Juris bepacken sich mit den Seesäcken und die anderen nahmen ihre Rücksäcke oder auch Picknickkörbe auf.

 

Zielsicher führte Greg alle zu einem schmalen Weg, der durch Bäume, Büsche und kleinere Felsen gesäumt war. Weit unterhalb eines Felsens, der die Form von ein paar Orgelpfeifen hatte, machten sie nach einer Stunde Halt. Die körperliche Anstrengung, die Hitze und bei einigen noch die Verletzungen machten sich bemerkbar. Alle trugen inzwischen Sonnenhüte oder Mützen und einige der Herren hatten die Oberkörper trotz der Warnungen der Ärzte freigelegt. Die mütterliche Fürsorge von Birgit Hanssen sorgte aber dafür, dass alle mit Sonnencreme gut eingecremt wurden. Sascha legte dabei gerne Hand an, wenn es darum ging, einen der ganz trotzigen Männer einzucremen.

 

Alle suchten den größtmöglichen Schatten, nur Greg und Juris nicht. Sie packten den Seesack aus. Hervor kamen ein paar Stangen, die die beiden zusammenstecken und eine fast durchsichtige Stoffbahn, die sie über das Gestell, das sie in der Lichtung aufgebaut hatten, bedeckten. Dann suchten die beide ein paar große Steine und schichteten unter diesem Baldachin einen kleinen Hügel damit auf. Auf diesem Hügel stellte Greg ein kleines Holzkreuz auf. Dann zog er sich bis auf seine Leinenhose aus, selbst die Schuhe legte er ab. Danach zog er seine braune Kutte über. Mit Staunen, vielleicht auch mit etwas Entsetzen, beobachteten alle gespannt, was da vor sich ging. "Mangels Kirchenglocke möchte ich euch alle zu mir bitten. Ich will eine kleine Dankesmesse lesen. Dankesmesse deshalb, weil wir allen Widrigkeiten zum Trotz mit Gottes Hilfe hier auf dieser Insel nun wieder zusammen sind. Wir mussten so vielen Gefahren trotzen, haben auch sehr viel Schönes erlebt und dieses Glück, das wir haben und hatten ist uns doch sicher ein Gebet wert. Kommt bitte alle zu unserem kleinen Altar." Und alle standen auf, nahmen ihre Hüte und Mützen ab und ohne eine Wort zu sagen, stellten sie sich vor Greg. Mit einem kurzen Gebet, das er in Französisch, Englisch und dann noch Deutsch sprach, begann die Messe. Dann verteilte er an jeden ein Blatt Papier mit Noten und einem Liedertext. Jeder bekam es in seiner Muttersprache. Greg begann erst alleine auf Latein dieses Lied anzustimmen, als alle die Melodie verinnerlicht hatten, begannen erst die Frauen in ihrer jeweiligen Landessprache mitzusingen, dann stimmten auch die Herren ein. Und sie sangen alle, ohne Ausnahme. Als sie den Text wiederholten und jeder ihn kannte, legte erst Sophia und Melanie ihre Notenblätter vor sich auf den Boden und nahmen den Nachbarn an die Hand. Sie sagten das so lange, bis alle sich die Hände gereicht hatten. Selbst Otto und Mathias, die sich sehr überzeugt den von den kirchlichen Riten abgewendet hatten, ließen sich ihre Einstellung nicht anmerken. Alle hielten sich fest, manch einer legte seinen Kopf auf die Schulter seines Nebenmanns oder seiner Nebenfrau, als Greg seine Predigt in allen Sprachen vortrug. Als er dann seinen Segen sprach und dabei seine Hände ausbreitete, spürten alle intuitiv, dass dies für sie ein prägender, nie zu vergessender Moment war. "Meine Freunde, ich muss mich heute von etwas verabschieden, das mich sehr viele Jahre begleitet hat und das mir sehr wichtig war. Ab Mitternacht bin ich kein Mönch mehr, ganz offiziell bin ich nun ein...ja was bin ich dann? Einfach Greg. Ich bedanke mich bei euch allen, dass ich bei euch sein darf."

 

Marta Hanssen ging vor zu ihm, nahm ihn in den Arm und küsste ihn auf seine Wangen. Dann drehte sie sich um und ging auf Lars zu und wiederholte das, dann auf Erik dann auf Birgit. Dann verstanden auch alle anderen, was sie zeigen wollte. Jeder sollte jeden umarmen und seine Freundschaft auf diese Art zeigen. So einige Umarmungen dauerten etwas länger, aber das war nur für die wichtig, die in den Genuss eines längeren Körperkontaktes kamen. Die wussten dann auch, was damit ausgedrückt wurde.

 

Als Greg Sascha in den Arm nahm, flüsterte er ihr ins Ohr. "Du bist nun auch in unserer Mitte angekommen. Willkommen Sascha!"

 

Sie standen alle eng beieinander, bis Lars mit seiner lauten Stimme alle aufforderte, nun doch endlich ein Schlückchen Flüssigkeit zu sich zu nehmen und auch das Essen nicht zu vergessen. Unter dem Kirchenzelt war leider nicht genügend Platz für alle und so mussten sie in den Schatten der Bäume zurück. Steffen, Carlo, Luigi und Jose packten die Stellage und trugen sie aus der Lichtung  zu den Bäumen und vergrößerten damit den Schattenplatz. Decken wurden ausgebreitet und alle saßen nun auf dem Boden, bunt gemischt nebeneinander. Gerrit, der sich neben Pat und Sophia gesetzt hatte, tippte ihm auf einmal auf die Schulter. "Dort unten im Schatten, da wo der Weg aufhört, sitzt da nicht jemand im Schatten?" Pet schaute hin. "Ja du hast recht, da sitzt einer und schaut zu uns rüber. Irgendwie kommt mir das Gesicht bekannt vor. Ich sehen es aber noch nicht ganz. Ich gehe mal rüber."

 

Pet erhob sich und alle sahen nun, dass er auf den Weg zuging, den sie gekommen waren, dann entdeckten auch die anderen dass da jemand saß. Der Hut, den die Person auf hatte, verdeckte sein Gesicht etwas. Dann hörte man einen kurzen Ausruf von Sascha, die sich aber sofort mit einer Hand den Mund zuhielt.

 

Alle sahen, dass Pet mit jemand redete und ihm dann die Hand reichte und den Mann aus der sitzenden Position aufhalf. Es war Semjon Wolkow. Simon war ihnen bis hierher gefolgt. Als er den Platz, wo alle saßen, erreichte, nickte er in die Runde, ohne etwas zu sagen, umrundete die Sitzenden und ging auf Greg zu. Der erhob sich, als Simon vor ihm stand. Erst reichten sie sich die Hände und dann umarmten sie sich. Verblüfft sahen alle, was da vor sich ging. Dann sah auch der Letzte in der illustren Runde, dass Simon weinte. "Danke Greg, ich habe selten so tief empfundene Freundschaft gesehen, wie die zwischen euch. Es hat mir gut getan, euch zu sehen. Ich will nur kurz noch meine Schwester begrüßen, dann gehe ich wieder. Ich will euch nicht stören." Das war nicht der Wolkow, der selbstbewusste und starke Typ, so wie sie ihn alle bisher kennengelernt hatten. Sascha ging auf ihn zu, sie reichte ihm ihre Hände, die er nur kurz festhielt. Dann drehte er sich um und wollte gehen. Kurz verständigten sich alle mit Blickkontakten und Otto stand auf. "Bleib da, wir haben genügen zum Trinken und Essen. Setz dich zu uns." Fast schüchtern setzte sich Simon an den Rand der Gruppe in der Nähe von Greg. 

 

Langsam entspannte sich die Situation und als die ersten anfingen, etwas lauter zu lachen, folgten alle anderen und es wurde entspannter. Das Wetter tat sein übriges, jeder Schluck Alkohol wurde mit immer müder werdenden Augenlidern bezahlt und mit teilweise sehr unangenehmen Schweißausbrüchen. Die drei Hunde wurden immer lästiger, da einige der Nordstrandpiraten oder der Amazonen anfingen, von den reich gedeckten Papptellern Leckereien zu reichen, was die drei missverstanden und anfingen, zwischen den am Boden Sitzenden hin und her zu laufen. 

 

Pet schnappte sich die drei, machte sie an ihren Leinen fest und marschierte ein Stück Richtung des Orgelpfeifenfelsen. Es reichte schon, dass er sich ein paar hundert Meter von den anderen entfernte, dass er die Hunde von den Leinen wieder befreien konnte, ohne dass sie wieder umdrehten. Kaum waren sie zwanzig Minuten gelaufen, als sie auf eine frei Ebene kamen und die Felsformation in ihrer vollen Größe vor sich sahen. Pet nahm das so wahr, den Hunden war es egal, sie freuten sich einfach, dass sie ihrem Bewegungsdrang nachgeben konnten und jagten sich gegenseitig. Während die drei bellend herumrannten, stand Pet wie versteinert da und bewunderte den Ausblick, bis er ein Hand auf seiner Schulter spürte. Hinter ihm hatte sich Sascha herangeschlichen. "Schön hier und so friedlich. Fast  so romantisch wie ein Märchen mit einem guten Ende. Wie heißt es bei den Gebrüdern Grimm am Ende eines Märchen, wo der Prinz die Prinzessin aus der Not errettet und heiratet: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute glücklich und zufrieden. So stelle ich mir eine Landschaft vor, wo der Prinz die Prinzessin glücklich machen kann." Nach solchen Phrasen war Pet im Augenblick gar nicht zu Mute und er konnte mit der vermeintlichen Andeutung von Sascha nichts anfangen. Wollte sie ihm eventuell gewisse romantische Empfindungen wecken? Er wollte sie nicht verärgern, aber in dieser Situation auch nicht bleiben, also rief er die Hunde zu sich, streichelte sie alle ein wenig und entließ sie wieder in die Freiheit. Sascha stand immer noch hinter ihm, allerdings hatte sie ihre Hand zurückgezogen.

 

Hinter sich hörten sie Stimmen. Als Pet und Sascha sich umdrehten, sahen sie Otto, Betty, Melanie und Sophia auf sie zukommen. Etwas erstaunt blickte Melanie und Sophia sie an.

 

"Wir haben dich vermisst. Die Hunde weg, du weg und dann noch Sascha. Du kennst dich hier nicht aus, nicht dass ihr euch verlauft und dann rumirren müsst und eventuell noch verdurstet oder so was anderes Ungeschicktes"  rief ihnen Sophia aus einiger Entfernung zu. Deutlich war ihr Unwillen zu spüren, dass sie die zwei mit den Hunden hier sehen musste. Melanie war da etwas diplomatischer und reichte den beiden jeweils ein Flasche Wasser. "Ihr hattet nichts zu trinken dabei. Das ist bei den Temperaturen etwas leichtsinnig ohne genügend Trinkvorräte loszumarschieren." Dankend nahmen die beiden die Getränke entgegen.

 

Ganz war es Pet nicht klar, was sich da gerade abspielte. Er schaute Otto an, der setzte sein Pokerface auf und blickte ihn nichtsagend, sogar etwas gelangweilt an. Aber auch er musste offensichtlich noch an diesem Tag einen nicht passenden Allgemeinplatz loswerden. "Ja mein Freund, wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Das sagt schon die Bibel." - "Hat die Kirche nun auch schon Glückskekse mit Sprüchen anstatt Oblaten beim Abendmahl zu verteilen?" Pet musste kontern. Ihm war nach Streit zu Mute und Otto hatte ihm da gerade eine Vorlage hingelegt, die er nun spielen wollte. "Wer Wohltaten erweist, dem wird's Gott vergelten, der alles lenkt und wenn er fällt, wird er eine Stütze finden." Dabei schaute er Melanie und Sophia bewusst sehr schmachtend und liebevoll an. Seine Worte und sein Blick wirkten aber eher zynisch und so verpuffte die von ihm angedachte Wirkung und verstärkte die peinlich werdende Situation.

 

Melanie schaute die beiden an, nickte und packte Sophia und Sascha an den Handgelenken und zog sie weg. "Mädels, wir sollten gehen, die beiden müssen zuerst ihren moralisierenden Verdauungsvorgang beenden, bevor sie wieder mit anderen Menschen zusammen sein können."

 

Sie rief die Hunde zu sich, die sich bereitwillig von ihr abführen ließen und dann waren die zwei alleine unter dem länger werdenden Schatten der Orgelpfeifenfelsen.

 

Fortsetzung folgt

 

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