Teil 2 - Kapitel 43

18. Oktober 2015 auf dem Atlantik

 

Aus dem Tagebuch des Lars

 

Nachdem Marc in der Kombüse uns allen erst den Text, der auf den zusammengefalteten Zetteln zu sehen war, vorgelesen hatte, machte er sich daran, alles auf Englisch zu übersetzen. Sein Englisch war nicht so gut, dass er ohne Probleme den Text übersetzen konnte. Das gelang ihm erst mit Hilfe eines Übersetzungsprogramms.

 

Liebe Nordstrandpiraten,

wir, die Mannschaft des französischen U-Bootes, das Sie nicht kennen und eigentlich auch nie gesehen haben, möchten Ihnen mit diesen paar Zeilen unsere Bewunderung für Ihre Abenteuerlust und ihre Tatkraft aussprechen. Wir verfolgen Ihre Reise auf Ihrem Internetblog und sind auf jede der wöchentlichen Veröffentlichungen immer sehr gespannt. Nicht nur weil uns Ihre Abenteuer spannend erscheinen, sondern weil wir die Entwicklungen, Wandlungen und Veränderungen der Mannschaft mit Aufmerksamkeit verfolgen dürfen. Wir spüren, dass Freiheit in jeder ehrlichen Nuance bei ihnen einen sehr hohen Stellenwert hat.

Nun beende ich meine Schmeicheleien und möchte Sie über einige Vorkommnisse informieren, die für Sie interessant sein könnten.

 

Wir haben das uns immer noch unbekannte U-Boot seit der Umrundung der Südamerikanischen Landspitze verfolgt. Es folgte sehr zielstrebig einer großen Jacht. Diese konnten wir auf Satellitenbildern identifizieren. Der Name der Jacht lautet Pjotr I und gehört dem sehr reichen russischem Staatsbürger Wolkow. Sie war zuerst auf der Reise zum Panamakanal und kurz vor Panama drehte sie Richtung Süden und fuhr offensichtlich mit voller Kraft an die Südspitze des amerikanischen Kontinents. Dort lag sie nur ein paar Stunden vor Anker. Wir orteten das unbekannte U-Boot etwas außerhalb der chilenischen Hoheitsgewässer wie es die Südspitze umrundete und dann auf die Pjotr wartete, bis die wieder die Anker lichtete und die Blauzahn weiter verfolgte. Ihren Kurs über den Atlantik bis nach St. Helena, wo unser großer Kaiser gelebt hat, musste Sie verzögern, da Sie wegen Treibstoffknappheit Ihr Tempo verringern mussten. Ihr Aufenthalt ermöglichte es offensichtlich Sie wieder einzuholen. Das U-Boot verfolgte die Jacht weiter. Wir missachten einen Befehl unserer Admiralität mit dieser Information und hoffen auf ihre Diskretion. Wir wünschen ihnen eine weiterhin gute Reise.

 

Gezeichnet

 

Kapitän Murin

 

Ich finde diese Vorgehensweise sehr merkwürdig. Erst stellt sich dieser Murin als Bootsmann vor, begleitet wird er von zwei Zivilisten und zwei weiteres Matrosen. Dann dieser handgeschriebene Zettel mit Informationen, die zwar nicht unbedingt als geheim einzustufen sind, aber trotzdem bei uns auf der Blauzahn ein merkwürdiges Gefühl hinterlässt. Wollten die uns mit dem persönlichen Besuch testen oder gar ausspionieren? Das kann ich mir nicht vorstellen, denn sie haben ihre Tarnung aufgegeben und wenn sie mehr über uns erfahren wollten, gibt es sicher andere Mittel, das zu tun. Und was will Wolkow von uns? Pet und Otto meinten einmal, dass Wolkow vielleicht nur unsere Freundschaft will. Dafür aber über die Weltmeere hinter uns herfahren? Für wen oder was sind wir so interessant geworden, dass uns alle möglichen öffentlichen oder weniger öffentlichen Organisationen beobachten? Oder ist einer von uns eine Person, die beobachtet werden muss? Und hat der Unfall mit der Ageli mit uns etwas zu tun?

 

Juris meinte, dass es keine Zufälle gibt und kein Kapitän seine Karriere in Gefahr bringt, um uns eine nette Nachricht zukommen zu lassen.

 

Oder sind wir Ratten in einer Versuchsanordnung, die man regelmäßig aus dem Käfig lässt, um zu sehen, welche Entwicklung sie gerade durchmachen?

 

 

 

19. Oktober 2015 20.00 Uhr auf der Blauzahn 

 

Marc hatte an diesem Abend wieder ein vollständiges Menü für die Piraten bereitet. Eine Zwiebelsuppe mit einem leichten Champagnerschaum als Vorspeise, Hauptgericht gegrillten Lachs dazu Rosmarinkartoffeln und Gemüse, als Nachtisch eine Creme Brulee. Ein kräftiger Riesling rundete das Essen ab.

 

Jan, Juris und Jose waren seit vier Stunden auf der Brücke, aber Marc hatte für die drei noch genügend in seiner Küche, dass auch sie später in einer gemütlichen Runde das Essen genießen konnten.

 

Um 19.00 Uhr war es Steffen gelungen die Ageli per Mail zu erreichen. Sie waren noch achtundvierzig Stunden von der Kapverden entfernt. Die Ankunft könnte sich allerdings etwas verzögern, da sie gerade auf eine Schlechtwetterfront zufuhren und der sie, auf Grund der Schäden am Schiff, in Richtung Süden ausweichen wollten. Ein paar Bilder von den Schäden auf der Ageli hatten die Amazonen auch geschickt. Unter Deck hatte das Schiff ein Leck, das aber gut abgedichtet worden war. Der hintere Mast war weg und durch einen kleiner Notmasten ersetzt worden. Und die Reling auf einer Seite war beschädigt. Es sah so aus, als ob der stürzende Mast die Reling beschädigt hatte. Dann kamen noch ein paar Bilder von bandagierten Beinen, Armen und von einem Kopf, der verbunden war. Aber alle zeigten auf den Bildern trotz dieser Havarie vergnügte Gesichter.

 

Die Nordstrandpiraten ließen gute Wünsche übermittel, die aber offensichtlich nicht mehr ankamen, da die Verbindung mittendrin abbrach.

 

Sie waren immer noch sehr weit von der Küste Afrikas entfernt und mussten ständig kreuzen, da der Wind aus Nord-Ost kam und da sie derzeit den Kurs nach Nord-West einschlagen mussten, waren sie ständig auf der Suche nach Wind, der sie den Kapverden näher bringen sollte. Den fanden sie dann am 20.Oktober fast vierhundert Kilometer von der Küste entfernt im Atlantik. Der Wind kam aus Süd-West, schwach, aber sie erreichten doch fast neun Knoten damit.

 

Die Piraten wuschen sich inzwischen an Deck mit Meerwasser, um wenigstens eine wenig Körperhygiene vorzutäuschen. Zähne und Co wurden noch mit dem Nutzwasser aus dem Süßwassertank geputzt. Die Schmutzwäsche stapelte sich in den Kajüten und es duftete etwas salzig und streng unter Deck. Trevor und Tristan waren jetzt öfters auf Deck und hielten ihre sehr empfindlichen Nasen in den Wind.

 

Jetzt wurde aus den Neuzeitimmergeduschtpiraten übel aussehende Männer mit, sofern vorhanden, verfilzenden Haaren, langen Bärten und salzigem Körpergeruch. Marc machte am 21.Oktober nochmals eine Inventur des Süßwassers und des Gasvorrats für die Küche. Sie hatten noch etwas mehr als einhundert Liter Wasser und noch für einen Kochvorgang Gas für den Herd. Der Dieselvorrat reichte für etwas mehr als zweihundert Kilometer Fahrt mit Motorkraft, wenn sie den Generator für die Stromversorgung maximal noch für zwei Stunden am Tage einschalten würden.

 

Nach den Berechnungen von Lars und Otto würden sie es schaffen, bis zum 23.Oktober die Kapverden zu erreichen. Der Wind war für sie und sie konnten weiter ihre Reise ohne die Motorkraft fortsetzten.

 

Am 23. Oktober morgens um 4.00 Uhr fuhren sie in den Hafen von Praia auf den Kapverden ein. An einem der Piers sahen sie die Ageli liegen. Nachdem Lars die Blauzahn beim Hafenmeister angemeldet hatte, wurden ihnen der Liegeplatz hinter der Ageli zugewiesen. Ohne großes Hallo machten sie hinter der Ageli fest. Bereits um 5.00 Uhr waren ihre Süßwassertanks und die Kraftstofftanks gefüllt. Sofort wollten alle unter die Duschen und sich für die Damen der Ageli herausputzen. Bis kurz nach 7.00 Uhr dauerte der Vorgang und dann hielt man Ausschau, ob sich jemand auf der Ageli zeigen würde. Pet, Marc und Steffen befüllten schon die Waschmaschinen, den fast keiner der Nordstrandpiraten hatte noch einen Kleiderfetzen saubere Wäsche.

 

Als sich um 7.30 Uhr nichts auf der Ageli tat, schritt eine Abordnung von Nordstrandpiraten hinüber zur Ageli. Außer einem unbekannten Matrosen, der an Deck Wache halten sollte, befand sich keine der Amazonen an Bord. Dieser Wachposten, so bezeichnete sich der Mann auf Furchtbarenglisch, informierte die Besucher, dass die Damen alle in ein Hotel gezogen seien. Bis Luigi, der mit bei der Abordnung war, verstand, welches Hotel der Mann meinte, dauerte es noch einige Minuten.  Die Damen waren allesamt ins Hotel Perola in der Nähe des Hafens gezogen. Es befand sich genau auf der anderen Seite des Hafens, wo die Blauzahn festgemacht hatte.

 

Also wurde eine Abordnung bestehend aus Lars, Erik, dem immer noch kranken Alberto und Jan losgeschickt, um die Ankunft der Piraten bei den Damen zu verkünden.

 

Während die Abordnung zum Hotel ging schauten sich Greg, Juris, Carlo und Luigi vom Pier aus die Schäden auf der Ageli an. Die beschädigte Seite war vom Pier aus zu sehen und irgendwie sah die Ageli nicht mehr so stolz und schön aus wie sie Australien verlassen hatte. Der Rumpf war nicht stark beschädigt, das Leck war weit oberhalb der Wasserlinie und man sah, dass es zwar notdürftig aber gut abgedeckt war. Schlimmer war es mit dem Schanzkleid, das war auf fast drei Meter Länge eingerissen und teilweise vollkommen weg. Der Mast lag auf der anderen Seite, soweit man das sehen konnte. Kaum hatten die Herren den Schaden begutachtet, kamen schon zwei große Van angefahren. Die parkten direkt am Pier bei der Ageli, mehrere Männer in Overalls stiegen aus, begrüßten den Wachposten auf der Ageli, luden Werkzeug und Material aus und gingen über die Gangway aufs Schiff.

 

Kaum waren die Monteure auf dem Schiff, kam schon ein Taxi mit Betty und Sophia angefahren. Freundlich aber doch etwas hektisch begrüßten die Damen die Nordstrandpiraten und gingen an Bord ihres Schiffes. Als Juris den Damen folgen wollte, wurde er von dem Wachmann aufgehalten. Erst als Sophia einschritt, durfte er und seine Freunde auch das Schiff betreten.

 

Trotz der offensichtlichen Schäden am Schiff, sah es unter Deck ordentlich aus. Aufgeräumt, ohne negativen Düfte und sehr sauber.

 

Juris gesellte sich zu Betty die mit einem der Monteure ein etwas lautstarkes Gespräch führte. Es ging bei der Unterhaltung um den Zeitplan der Reparaturarbeiten. Nach Aussagen des werkzeugschwingenden Meisters sollte die Reparatur in erst zehn Tagen beendet sein. Betty verlangte, dass das Schiff in fünf Tagen wieder hochseetauglich sein sollte. Nach einer längeren Diskussion einigte man sich auf sieben Tage Reparaturzeit. Damit waren dann offensichtlich alle zufrieden. Betty besprach sich kurz mit Sophia, die dann das Schiff verlassen konnte. Sophia informierte die Nordstrandpiraten darüber, dass immer eine der Besatzungsmitglieder der Ageli an Bord sein sollte, wenn die Monteure sich dort befanden. Sophia sollte Betty dann um 14.00 Uhr ablösen. Juris lud sie auf eine Tasse Kaffee auf die Blauzahn ein. 

 

Und dort wurde sie mit Fragen bombardiert. Alle wollten wissen, was denn passiert sei. Eine Havarie mit einem U-Boot und dann diese Schäden? Das passte nicht ganz in die Katstrophengedanken der Nordstrandmänner. Sie hatten sich in ihren Phantasien große Löcher in der Bordwand, eingedrückte Aufbauten und ein Schiff mit gekappten Masten vorgestellt. Zudem sahen auf den Bildern, trotz der lächelnden Gesichter, die man da abgebildet sah, die Verletzungen der Damen übel aus.

 

Alle an Bord der Blauzahn versammelten sich um Sophia, sie wurde mit einer Tasse Kaffee und ein paar leckeren Keksen bedient und dann musste sie erzählen. Sie schaute sich in der Runde um. Man sah ihr an, dass sie nicht mehr ihre bekannte Tatkraft und Energie besaß, sie war blass und hatte dunkle Ringe unter den Augen. "Pet setzt du dich bitte neben mich, ich brauche ein wenig...." Sie stockte, weil sie offensichtlich nicht wusste was sie sagen wollte. Ohne dass sie ihren Wunsch weiter präzisieren musste, setzte sich Pet neben sie und sie lehnte sich mit ihrer Schulter an die seine. Jetzt hatte sie Kraft und begann zu erzählen: "Wir waren etwas mehr als fünfhundert Kilometer weit von der Küste Antigua entfernt, als wir bemerkten, dass hinter uns ein kleines Schiff in einer Entfernung von knapp sechs Kilometern fuhr. Mal war es auf dem Radar zu sehen, mal war es weg. Mit dem Fernglas konnten wir es nicht entdecken. Wir machten uns keine Gedanken darüber, da es nie näher als sechs Kilometer kam. In der Nacht der Kollision hörten wir gegen Mitternacht immer wieder starke nicht zu definierende Geräusche an Backbord. Es klang wie eine Pumpe und eine Seilwinde, die versuchte ein Kabel einzuholen. Auf dem Radar war nichts zu sehen und auch die Scheinwerfer konnten auf der Wasseroberfläche nichts entdecken. Das ging ein Stunde oder sogar etwas länger so. Dann hörten wir ein Rauschen und das Meer begann zu sprudeln und im Scheinwerferlicht tauchte keine dreißig Meter neben uns ein U-Boot auf. Im selben Moment hörten wir alle wieder dieses sirrende Geräusch eines Kabels. Dann knallte etwas gegen unsere Bordwand, ein schwerer Gegenstand an einem Stahlseil hatte sich kurz verhakt, sprang dann an das Schanzkleid und mit gewaltiger Wucht gegen unseren Masten. Offensichtlich war die Ageli zwischen einen Gegenstand, den das U-Boot über eine Seilwinde zu sich ziehen wollte  und dem U-Boot geraten. Durch die Wucht des Aufpralls, die gewaltige Welle, die das U-Boot beim Auftauchen auslöste, wurden wir hin und her geschleudert. Das U-Boot verschwand sofort wieder im Dunkeln und tauchte ein paar Minuten später wieder ab. Wasser haben wir nur durch das Hin- und Herschaukeln aufgenommen. Schwerer hatten wir es mit dem gekappten Masten. Wir mussten uns von den Segeln trennen und konnten nur noch den Masten bergen. Wir waren nicht sicher, ob er noch stabile genug sein würde und haben nur einen kleinen Ersatzmasten gesetzt. Die Verletzten konnten wir alle mit Bordmitteln versorgen. Wir konnten erst zwei Stunden später einen Funkspruch absetzen, da alle Antennen mit über Bord gegangen waren und wir uns Ersatzantennen machen mussten. Ja das war es." Sie war kurz außer Atem gekommen, man merkte ihr immer noch an, dass der Schock über die Havarie, die schon einige Tage zurücklag, immer noch in ihr arbeitete.

 

Im Hotel erfuhren Lars, Erik, Alberto und Jan die gleiche Geschichte, allerdings mit einigen Variationen. Melanie, Julia und Birgit lobten Sophia für ihre besonnen Art. Sie behielt bei allem Chaos den Überblick und dirigierte die Mannschaft so lange, bis alle Verletzten versorgt waren und die Ageli problemlos ihre Reise weiter fortsetzten konnte. Danach sei sie heulend zusammengebrochen und man musste sie in ihre Kajüte tragen. Als man sie auszog, um ihr frische Kleidung anzulegen, entdeckte die Schiffsärztin Sylvia, dass ihr gesamter Oberkörper Hämatome aufwiesen. Auf ihrem linken Oberschenkel hatte sie noch eine blutende Platzwunde. Sie hatte die Schmerzen solange weggedrückt, bis alles sicher war.  Milly, Matra und Maria hatten dann während der weiteren Reise alle mit Bordmitteln möglichen Reparaturen vorgenommen. Und nun lag die weidwunde Ageli im Hafen.

 

Dann war es an Lars, den Amazonen die Abenteuer der Blauzahn und ihrer Mannschaft zu erzählen.

 

Otto schaute kurz vor Mittag nach Betty. Die in seinem Kopf adoptierte Tochter saß auf der Brücke und beobachtete skeptisch die Männer, die die Ageli reparieren sollten. Schweigend schlang sie kurz ihre Arme um ihn und führte ihn an der Hand zu einem Platz neben sich. Was Otto sah, erschreckte ihn etwas. Aus dem jungen, immer lächelnden Mädchen oder besser jungen Dame, war ein Frau mit einem harten Gesichtsausdruck geworden.

 

Was hatte sie so verwandelt? 

 

Fortsetzung folgt