Teil 2 - Kapitel 42

17. Oktober 2015 12.00 Uhr Golf von Guinea

 

Ungünstiger Wind und eine Meeresströmung behinderte die beschleunigte Reise der Blauzahn. Vor einer Stunde hatten sie den Äquator überquert und befanden sich auf Nord-West Kurs. Sie waren noch etwa dreihundert Kilometer von der Küste Ghanas entfernt und würden um 12.30 Uhr auf Kurs West gehen. Nach der Karte für Meeresströmungen und den Wetterkarten hatten sie dann günstige Segelverhältnisse. John stand am Steuerrad, das Radar hatte Steffen im Auge und Jose bediente die Segel. Bis auf Alberto waren alle soweit wieder fit, dass sie ihren Dienst auf oder auch unter Deck aufnehmen konnten.

 

Bei einer Tasse Kaffee saßen Lars, Erik und Pet beieinander und sprachen über die Ageli. Havarie mit einem U-Boot, das war schon eine merkwürdige Sache und wenn der Kapitän des U-Bootes noch den Befehl dazu gab, sich auch noch aus dem Staub zu machen, dann war das mehr als nur unfein, meinte Erik. Ihm war anzumerken, dass er seiner Wut über diesen Vorfall kaum Herr werden konnte. Bis Lars eine Frage in den Raum stellte, die sogar Otto und Marc, die gerade in der Kombüse waren, aufhorchen ließen. "Was treibt uns eigentlich dazu an, so schnell wie möglich die Ageli zu erreichen? Wir machen unser Ding und die Mannschaft der Ageli braucht, wie mir scheint, eigentlich nicht unsere Hilfe. Also was ist es? Weil es Frauen sind, weil wir Sehnsucht nach den Damen haben? Der eine oder andere mag ja ein etwas tieferes Verhältnis zu einer der Mannschaftsmitglieder auf der Ageli haben, aber ist es nur das?" Stille breitete sich aus. Jeder dachte darüber nach, was sie eigentlich dazu antrieb, hier mit zu wenig Wasservorräte und mit sehr viel Elan und Risiken auf die Ageli zuzusegeln. Erik räusperte sich heftig in der Hoffnung, dass jemand darauf eine kluge und klare Antwort geben könnte.

 

Marc, der bis auf seine Bewunderung für die Kochkünste von Maria bisher wenig Anknüpfungspunkte für die Ageli und ihre Mannschaft entwickelt hatte, versuchte eine  Antwort zu geben, die ihrer schnellen Fahrt einen Grund geben sollte. "Ich glaube ganz einfach, dass es die Freundschaft zu der Mannschaft ist. So wie wir uns zusammengefunden haben und uns alle untereinander schätzen und auch tiefe freundschaftliche Gefühle für einander entwickelt haben, so ist das doch auch bei der Ageli. Die Damen sind uns alle ans Herz gewachsen. Dem einen oder anderen ist eines der Mannschaftsmitglieder der Amazonencrew noch etwas näher als nur Freund. Betty zum Beispiel. Sei mal ehrlich, Otto. Ein wenig Vater Tochter Gefühlswelt ist doch zwischen euch beiden. Oder Lars und Birgit Hansen; ein wenig Verliebtheit, aber auch eine Portion an gegenseitiger Bewunderung ist da schon da. Ihr seid beide starke Persönlichkeiten mit verwundbaren Stellen, die ihr glaubt, dass nur ihr die bei euch gegenseitig erkennen könnt. Oder du Erik. Ich weiß zwar nicht, auf wen du jeweils eines deiner Augen geworfen hast, aber auch du hast Respekt vor dem, was diese Mannschaft bereit ist zu leisten. Das gefällt dir und eines ist sicher, deine vergrabene Liebe für die Schwester von Jan hast du doch schon längst wieder hervorgeholt und diese erneut erwachte Sehnsucht gefällt dir. Sie tut dir gut, auch wenn du sie immer wieder verstecken willst. Sie hat dir eine neues Ziel zum Leben gegeben. Oder du Pet. Melanie und auch Sophia sind zwei Personen mit Ehrgeiz, Kampfgeist und sehr viel Bildung gepaart mit einem starken Hang zur Romantik. Das passt doch gut. Und wir dürfen eines nicht vergessen, wir haben die Damen erst mit unseren Aktionen auf die Idee gebracht, so eine Reise zu unternehmen. Seien wir ehrlich, wir wollen auch ein bisschen Verantwortung für die Ageli übernehmen, das schmeichelt doch unserem Macho Ego."

 

Alle schauten mit Verwunderung zu Marc. Keiner hatte ihn so eingeschätzt, dass er eine Beobachtungsgabe besaß und ein Feingefühl, das so manchen von ihnen mit seinen geheimen Sehnsüchten entlarvte. Er hatte recht, an erster Stelle stand für die Nordstrandpiraten die Freundschaft, die sich da entwickelt hatte, aber sie waren alle Männer und so ein wenig Macho sein zu dürfen war auch etwas, das einfach gut tat und bei den Ageliamazonen durften sie das sein, ohne dass man ihnen das übel nahm.

 

Lars und Pet gönnten sich seit langen wieder eine gute Zigarre. Otto, Marc und Steffen hatten die Vorräte und den Treibstoff kontrolliert und nun mussten sie eine Plan erstellen, wie viel Wasser und wie viel Treibstoff sie pro Tag nutzen durften. Marc hatte für seine Küche noch für die Gasbrenner genügend Gas fürs Kochen, auf die Elektroplatten und den Backofen musste er verzichten. Das Windrad am Bug lieferte gerade so viel Strohm, dass die Bordelektronik damit betrieben werden konnte, mehr aber nicht. Warm duschen war ab sofort nicht mehr möglich und die Klärpumpe wurde abgestellt, was bedeutete, dass die Abwässer ungefiltert und unbehandelt ins Meer abgelassen wurden. Lars wollte einfach eine Sicherheitsmenge von rund tausend Liter Diesel für alle Notfälle behalten. Da sie genügend Säfte und Mineralwasser in ihren Vorratsräumen hatten, musste mit Trinkwasser und anderen alkoholfreie Getränken nicht gespart werden. Erik und Lars hatten sich alle Wetterdaten besorgt, die sie bekommen konnten, um damit einen Kurs zu berechnen, der zu einhundert Prozent mit den Segeln gefahren werden konnte.

 

Seit fast einer Stunde beobachtete Steffen auf dem Radarschirm regen Schiffsverkehr in ihrer Nähe, sehen konnte er aber kein Schiff. "Ich nehme an, es sind Öltransporte, die da von der Afrikanischen Küste aus gehen. Dazwischen kann man immer wieder kleinere Schiffe erkennen, die sich sehr schnell bewegen. Was das aber genau ist, kann ich nicht beurteilen." Steffen sagte das eher zu sich selbst, denn es bestand kein Anlass, jemanden über das, was da nicht sichtbar vor und hinter ihnen geschah, zu kommentieren.

 

Um 16.00 Uhr war dann Wachtwechsel, Juris übernahm das Steuer, Pet ging ans Radar und Carlo bediente die Segel. Der Himmel über ihnen war bis auf ein paar kleine weiße Wolken blau und klar. "Juris, Carlo, auf Backbord müsste jetzt gleich ein Schiff auftauchen. Es ist fast sechshundert Meter von uns entfernt, gleicher Kurs wie wir. Er läuft auf Parallelkurs - wo der so schnell herkommt, weiß ich nicht. Der war auf einmal auf dem Radarschirm. Ist gleich schnell wie wir." Pet hatte nur kurz berichtet, was er da entdeckt hatte. Carlo suchte mit dem Fernglas den Horizont backbords ab, konnte aber nichts entdecken. "Bist du dir sicher, dass da ein Schiff ist? Wie groß sollte das denn sein?" Carlo war etwas verunsichert und wollte deshalb mehr von Pet wissen. "Na ich würde sagen, etwas mehr als einhundert Meter Länge hat das Schiff schon. Es kommt näher auf etwa vierhundert Meter." - "Ich sehe da etwas, grau weiß. Das ist kein Frachter oder so etwas." Carlo schaute weiter durch sein Glas während er sprach. "Ein U-Boot ist das, Freunde. Ich kann aber weder ein Nationalitätenkennzeichen erkennen noch eine Nummer oder so was."

 

Pet schaute kurz in die Richtung, wo das U-Boot jetzt sein sollte, konnte aber mit bloßem Auge nichts erkennen. "Bleibt auf Abstand von vierhundert Metern. Ich funke die mal an." Pet nahm sich das Funkheadset und versuchte auf allen bekannten Kanälen das U-Boot zu erreichen, bekam aber keine Antwort. Dann sahen sie auf der Blauzahn, dass das U-Boot Lichtzeichen gab. Lars war inzwischen auf Deck und versuchte zu entziffern, was das fremde U-Boot ihnen mitteilen wollte. "Nicht anfunken, bitte. Befinden uns auf Übungsfahrt. Wir kommen an Bord - bitte halten sie Kurs." Mit einer großen Handlampe gab Lars Antwort. - Wir lassen nur unbewaffnete Mitglieder ihrer Mannschaft an Bord - Bitte teilen sie uns ihre Nationalität mit. Die Antwort kam prompt und schnell. "Französisch und wir kommen unbewaffnet" übersetzte Lars an die Brückenmannschaft die Lichtzeichen. 

 

Knapp zwanzig Minuten später sahen sie eine Schlauchboot auf sie zufahren. In dem Schlauchboot waren fünf Personen zu sehen. Drei trugen Uniformen und zwei sahen eher aus wie Zivilisten in Freizeitkleidung.

 

Sie fuhren etwa drei bis vier Minuten in einem Abstand von zehn Metern parallel zur Blauzahn, bevor sie sich vorsichtig und langsam näherten. Einer der Uniformierten warf Erik eine Seil zu und der zog dann ganz vorsichtig das Boot an die Blauzahn heran. Gekonnt schwangen sich die Leute auf's Schiff.

 

Erik führte sie zuerst auf die Brücke, wo sie sich vorstellten. Danach wurden sie unter Deck in die Messe geführt, wo Lars mit Otto und Mathias warteten.

 

Etwas umständlich stellten sich die einzelnen Besucher selbst vor. Der Sprecher war Bootsmann Murin, die Matrosen waren Marat und Gorbin und die beiden vermeintlichen Zivilisten waren Bertrand und Sollia. Sie gaben an, wissenschaftlichen Mitarbeiter zu sein, die einige Versuche an Bord des U-Bootes machten. 

 

"Und was hat das alles mit uns zu tun?" fragte Lars sehr gereizt. Murin schaute ihn vielwissend an, er schien sich absichtlich sehr viel Zeit für die Antwort zu lassen. Otto, der die Szenerie mit einer gewissen Distanz beobachtete, fragte sich, ob Murin sie alle mit seiner Langsamkeit provozieren wollte. Dann schaute Murin auf, als ob er gerade eine Vision hätte und begann sehr leise zu sprechen. "Sie wissen sehr wahrscheinlich nicht, dass sie seit Wochen von einer großen Jacht verfolgt werden. Sie hält in der Regel einen Abstand von rund zwölf Kilometern. Wahrscheinlich etwas außerhalb der Reichweite ihres Radars. Wie wir das bemerkt haben, werden sie sich fragen. Ganz einfach, wir verfolgen seit der Südspitze Südamerikas ein U-Boot unbekannter Nationalität und seit fünfzehn Tagen wissen wir, dass dieses U-Boot eine Jacht verfolgt und diese Jacht verfolgt die Blauzahn. Nun da wir die Blauzahn und ihre Mission kennen, dachten wir, es wäre gut, wenn sie das wissen. Wir wollten aber ihre Verfolger nicht darüber Informieren, dass sie nun davon Kenntnis erhalten. Woher wir die Blauzahn kennen, fragen Sie sich? Aus der Presse und ihrem Blog. Es gibt einige Leute, die sich für ihre Geschichte interessieren. Auch der Kapitän unseres Schiffes. Ganz offiziell haben wir sie natürlich über nichts informiert, wir sind hier, weil wir vermeintlich einen Notruf aufgefangen haben. Und nun meine Herren gehen wir wieder, um unsere Mission weiter zu verfolgen. Gute Reise und Danke für Ihre Gastfreundschaft." Murin nickte zum Abschied jedem zu und wollte gehen. "Und darf ich fragen, was die beiden Wissenschaftlich damit zu tun haben? Warum sind sie hier bei uns? Doch nicht, weil sie und die beiden Matrosen uns etwas intensiver untersuchen wollen?" Lars stellte sich an die Ausgangstür der Messe. Er wollte damit verhindern, dass die Besucher sich einfach wieder davon machen konnten. Murin begann zu lächeln. "Kapitän wir haben ihnen eine Botschaft zukommen lassen. Reicht das nicht? Und die beiden Herren waren nur neugierig und wollten die Blauzahn sehen. Sie sind inzwischen für viele ihrer Blog-Leser der Nordstrandpiraten einfach sehr interessant geworden. Und die Herren Bertrand und Sollia gehören mit zu ihrer Fangemeinde. Und nein, wir haben keinen offiziellen Auftrag, mit Ihnen in Kontakt zu treten. Unser Auftrag lautete anders. Wir werden weiterhin diese Sache beobachten, die Blauzahn steht dabei aber nicht im Mittelpunkt." Ganz zufrieden waren die Nordstrandpiraten nicht mit der Aussage, aber man sah dem Bootsmann an, dass er nicht bereit war, weitere Erklärungen abzugeben.

 

Lars wollte das Gespräch aber nicht so beenden. "Wissen sie etwas von der Kollision der Ageli. Sie soll im Atlantik von einem U-Boot gerammt worden sein?" Murin drehte sich zu seinen Begleitern um. Man sah, dass Betrand leicht nickte und der Bootsmann wendete sich Lars zu und berichtete kurz, was er wusste. "Ja, wir haben davon gehört. Zu welcher Nationalität das U-Boot gehörte, kann ich nicht sagen, weil ich es nicht weiß. Ich weiß nur, welche Nationen nicht daran beteilig waren. Wir Franzosen und die Engländer waren es nicht, aber alle anderen Nationen, die sich im Atlantik herumtreiben, könnten daran beteiligt gewesen sein. Wir wissen, dass die USA immer wieder unbekannte Schiffe heraussucht, um ihre Anschleichtaktik zu üben. Die Russen machen das manchmal auch, aber die sind nicht so geschickt, unerkannt zu verschwinden."

 

Dann begaben sich die fünf Herren wieder zu ihrem Schlauchboot, schwangen sich dort hinein und fuhren zu dem U-Boot zurück.

 

Ratlos blieben die Nordstrandpiraten zurück. Etwas aufgeregt kam Marc an Deck. "Die haben hier was vergessen." In der Hand hielt er ein paar zusammengefaltete Papierblätter, die reichte er Otto. Der entfaltete sie. Sie waren mit einer gut lesbaren Handschrift vollgeschrieben worden. Er reichte sie Marc zurück. "Marc, das ist alles auf Französisch, also in deiner Muttersprache. Könntest du uns das vorlesen und übersetzen?"

 

Marc überflog die Zeilen. "Gehen wir in die Messe. Ich muss mich setzen."

 

           

 

Fortsetzung folgt