Teil 2 - Kapitel 41

Auf der Blauzahn Kurs Nord Ost 13. Oktober 2015 10.50 Uhr

Lars,  der das Kommando auf der Brücke hatte, suchte sich günstige Winde für den Kurs zu den Azoren und die Blauzahn segelte etwas näher an den afrikanischen Kontinent heran, um angenehme Temperaturen für die Mannschaft und guten Wind für die Segel zu bekommen. Der Schiffsverkehr war nicht besonders ausgeprägt und so konnten sich alle entspannt ihren Gedanken hingeben. Das Wetter war sehr angenehm. Bei mäßigem Wind und Sonnenschein legten sich einige der Nordstrandpiraten aufs Deck. Pet, der zusammen mit Lars und Greg Dienst auf der Brücke hatte, konnte sich nur wundern, wer da alles auf dem Deck lag. Otto, der eigentlich ein Sonnenbrandverweigerer war, hatte es sich auf dem Kabinendach unterhalb des großen Baums bequem gemacht und seinen Oberkörper vollkommen entblößt. Erik lag nackt auf dem Vordeck und Alberto hatte sich einen Platz neben der Hundeloge ergattert, allerdings nur mit eine Art Lendenschurz bekleidet. Darauf angesprochen meinte er gelassen. "Afrika, das sagt doch alles. Echt bequem so ein Stofffetzen. Ich beneide die Buschmänner, mit so wenig Stoff auf dem Leib kann man auch glücklich sein. Man muss nicht immer so überkorrekt wie Lars rumlaufen."

Lars war immer bis auf wenige Ausnahmen korrekt gekleidet. Am heutigen Tage trug er eine leichte Leinenhose, ein blütenweißes Hemd und auf dem Kopf seine Kapitänsmütze. Lars war allzeit und in jeder Situation wie ein Gentleman gekleidet. Was er aber auch konnte, war eine mit Freisinn untermalte zottige Rede zu schwingen."Erik. würdest du bitte darauf achten, dass dein schlaffer Belegnagel bei der nächsten Wende nicht mit dem Baum in Konflikt kommt. Wäre doch schade, wenn wir die Damen von der Ageli treffen und dein Großmast müsste von jemand anderem ersetzt werden." Erik packte darauf hin ein Kissen, das neben ihm lag und presste es sich über den Unterleib. "Ay Ay Käpt'n, der Großbaum ist gesichert, der Belegnagel ist fest."

 

Steffen kam von unten auf die Brücke. "Wir fahren auf eine Gewitterfront zu. Es soll bis Windstärke fünf geben, die See soll laut Wetterkarte allerdings ruhig bleiben - Wellen mit maximal einem Meter. Der Regen soll sehr ergiebig sein, aber genaueres war nicht zu ermitteln. In etwa einer Stunde haben wir die Wolkenbank erreicht. Unten sichern wir alles. Wer will kann in die Messe kommen, Marc hat kalten Braten mit Gemüsesalat fertig. Es ist wohl besser, wir essen, bevor das Unwetter kommt." Die Worte "kalter Braten" mussten die beiden Hunde in ihrem Wortschatz fest verankert haben, denn beide sprangen schnell auf und verhedderten sich in ihren Halteleinen. Dabei fesselten sie Alberto fest auf sein Liege und befreiten ihn von seinem Lendenschurz. Die Hundeleinen schnitten ihm dabei so heftig ins Fleisch, dass er laut aufschrie. Mit einer sehr kräftigen Zugbewegung befreite Pet Alberto aus der misslichen Lage. Die Leinen hatte einige sehr unangenehme Verletzungen an der Hüfte und an Albertos bestem Stück hinterlassen.

 

Begleitet von den Hunden, die schuldbewusst die Köpfe hängen ließen und Pet erreichte der jammernde Alberto das Krankenrevier. Gerrit hatte das Geschrei gehört und war sofort zur Stelle, um den am Körper und Seele verletzten Alberto zu verarzten. Die Hunde wurden indes unter Deck gebracht, da sie unten bei dem aufkommenden Unwetter besser aufgehoben waren. Marc brachte den beiden natürlich etwas Leckeres nach unten und stellte sie damit ruhig.

 

John brachte ein paar mit dem kalten Braten belegten Brote auf die Brücke und übernahm die Brückenschicht für Pet. Carlo und Luigi waren indes schon unter Deck am arbeiten. Es war zwar kein Sturm zu erwarten, aber alles sollte auf eine Schlechtwetterfront vorbereitet sein. Alle Luken wurden dicht gemacht, loses Material wurde festgemacht. Marc bereitete seine Kombüse ebenfalls auf einen etwas stärkeren Wellengang vor und alle Geschirrteile und das Besteck wurden in festen Kästen verschlossen.

 

Pet hatte sich nach den Vorbereitungen auf die Schlechtwetterfront mit Mathias zusammen an seinen Computer gesetzt, um die weiteren Wettervorhersagen abzurufen. Inzwischen hörte man schon aus einiger Entfernung den Donner und ab und zu sahen Lars, John und Greg die Blitze aus großen grauen Wolken aufs Meer herunterfahren. Alle wurden aufgefordert sich auf das Unwetter vorzubereiten. Alle die bisher dem Müßiggang gefrönt hatten gingen nach unten und zogen sich entsprechend den neuen Herausforderungen an. Die Hunde wurden in Pet´s Kabine eingesperrt, die Schwimmwesten lagen bereit und die letzte Luke in der Kombüse wurde geschlossen. Als die beiden mit der Auswertung der Wetterdaten fertig waren, mussten sie feststellen, dass sich das Wetterszenario doch gegenüber der ersten Vorhersage wesentlich geändert hatte. Eine kleine Sturmfront lag vor ihnen. Windstärke sechs bis sieben wurde angezeigt. Kein Regen, dafür aber ein Temperaturabsinken von sechsundzwanzig Grad auf knappe zwanzig Grad. Die Gewitterfront war von Ost nach West geschoben worden und die Blauzahn würde direkt in den Sturm hineinfahren. Wie konnte sich das Wetter so unverhofft und schnell ändern, ohne dass sie das auf ihren Wetterdaten feststellen konnten?

 

Lars schaute sich die Daten an, schüttelte den Kopf und Jan musste zusammen mit Juris einen neuen Kurs berechnen, der sie um den Sturm herumführen sollte. Sofort wurde klar, dass sie nur mit einer Kursänderung nach Süd-Ost, also näher an den afrikanischen Kontinent dem Sturm entgehen konnten. Die Ausläufer dieser Wetterfront betrugen fast einhundert Kilometer, aber die Blauzahn konnte dieser Front entkommen. Der Wind stand für die Blauzahn ungünstig, doch mit voller Motorkraft konnten sie es schaffen. Die Segel wurden eingefahren, die Motoren gestartet und die Blauzahn pflügte in Richtung afrikanischer Küste. In der Ferne sah die Brückenbesatzung, dass in etwa zwanzig oder auch mehr Kilometern Entfernung nordwärts sich das Unwetter austobte. Langsam bekamen sie auch die Ausläufer des Sturms zu spüren. Die Wellen wurden höher. Nicht gefährlich, aber doch spürbar höher. Etwas Regen fiel nieder, er war sehr kalt und die Tropfen waren so groß, dass sie weh taten, wenn sie auf nackte Haut trafen. Auf dem Radar war keine Schiffsbewegung in ihrer Nähe zu beobachten.

 

Die Brücke wurde dicht gemacht und die Piraten stellten sich auf eine unruhige Fahrt ein. Und die Fahrt wurde unruhig. Um 14.50 Uhr war klar, dass sie trotz Kursänderung und beschleunigter Fahrt nicht ganz dem Unwetter entkommen konnten. Um zu vermeiden, dass die Wellen immer gegen die volle Breitseite der Blauzahn anliefen, musste der Kurs Richtung Nord-Ost geändert werden. Der Bug der Blauzahn durchpflügte die schnell aufeinander folgenden Wellen. Der Wind kam aus Nord und die Wellen aus Nord-Ost und die Blauzahn kränkte immer wieder stark nach Westen. Immer wieder wurde sie nach Steuerbord gedrückt und die Wellen überspülten das untere Deck. Die Fahrt wurde immer ruppiger und alle hatten sich einen sicheren Platz gesucht, um nicht hin und her geschleudert zu werden. Die Maschinen wurden warm und ein Teil der Maschinenraumluft wurde in den unteren Gang entlassen. Die Klappen für Lüftungsschächte nach draußen hatten sich verklemmt und niemand konnte das im Moment reparieren. Unter Deck begann es übel nach Öl, Motorenabluft und heißem Metall zu stinken. Juris öffnete beim Niedergang einen der Lüftungsschächte nach außen, der am besten vor Wassereinbruch geschützt war. Das half etwas, die Luftzirkulation zu verbessern. Mathias und Pet machten unter sehr erschwerten Bedingungen ihre Kontrollrunden, um eventuellen Wassereinbruch oder sonstige Problem rechtzeitig zu erkennen. Mathias stürzte bei seiner Kontrolle des vorderen Vorratsraumes und landete sehr schmerzhaft auf seiner linken Schulter. Als Pet ihm aufhelfen wollte, bekam er bei einem weiteren Wellensprung der Blauzahn das Übergewicht und stürzte über Mathias in den Vorratsraum. Dort lande er auf seiner linken Hand und knallte dann mit dem Rücken auf den Türrahmen. Beide waren nicht mehr in der Lage sich aufzurichten oder sich gar festzuhalten. Sie rutschten hilflos bei jeder Schiffsbewegung hin und her. Durch die starken Geräusche, die der Sturm und das Schiff machten, konnten sie die Kameraden nicht sofort hören und so dauerte es fast fünf Minuten bis Hilfe kam. Otto war mit Carlo einer der ersten, der eintraf. Als Otto seinem Freund aufhelfen wollte, kränkte die Blauzahn sehr stark nach Backbord und sofort wieder nach Steuerbord, sodass auch er die Kontrolle über seinen Körper verlor. Mit den Knien schlug er gegen die innere Bordwand und rutschte dann auf die andere Seite und knallte mit dem Hinterkopf gegen den Türrahmen. Steffen und Gerrit kamen mit Sicherungsleinen an und alle wurden zuerst so abgesichert, dass keiner mehr hilflos hin und her rutschte und sich dabei weiter verletzten konnte. Pet und Otto bluteten. Nicht stark, aber das Blut tropfte schon auf den Boden. Jose kam mit dem Erstehilfekasten vorsichtig auf die Gruppe zugekrochen. Zuerst wurde Mathias in seine Kajüte gebracht, mehr geschoben und gezerrt wie getragen. Er war benommen und drohte ohnmächtig zu werden. Dann wurde Otto geborgen und in seine Kajüte gebracht und dann kam Pet dran.

 

Mathias hatte sich den linken Arm ausgekugelt und eine Platzwunde am Kopf von dem Sturz davon getragen. Otto hatte sich eine tiefe Schnittwunde an der Schläfe und eine Platzwunde am Hinterkopf zugezogen. Pet hatte sich drei Finger der linken Hand ausgekugelt und der Handballen war aufgerissen und blutete sehr stark. So gut es ging versorgte Gerrit jeden einzelnen. Die blutigen Wunden mussten nicht genäht werden und wurden fachgerecht von Gerrit zusammengeklebt. Greg outete sich als Spezialist für ausgekugelt Gliedmaßen und machte sich erst daran Mathias Arm einzurenken. Dann war Pet dran. Da Greg seine Hand gut festhalten musste, drückte er auf die offene Wunde, was den Schmerz erhöhte. Es dauerte fast zehn Minuten bis es Greg gelungen war, die Finger wieder einzurenken. Als Pet kurz laut aufschrie, musste Greg sich fast gegen Trevor zur Wehr setzten, der seinen schreienden Herren verteidigen wollte. Aber Greg hatte eine sehr schnelle Reaktion gezeigt und Trevor ein wenig in den Schwitzkasten genommen und der beruhigte sich sofort wieder. Tristan lag vollkommen benommen in seiner Ecke unter Pets Koje und wollte nichts von der Welt wissen. Pets vulgäre Verbalausbrüche war trotz der Sturmgeräusche fast durchs Schiff zu hören. Gerrit war froh, dass keiner eine Gehirnerschütterung hatte. Was ihm Sorgen machte war, dass Otto fast stocksteif in seiner Koje lag und sich nicht richtig bewegen konnte. Er untersuchte ihn soweit das möglich war. Seine Vermutung war, dass Otto einen Hexenschuss hatte. Da Spritzen unter den Umständen fast nicht möglich war, versuchte Greg es zuerst mit etwas Arnika Öl, mit dem er ihn am Rücken massierte. Leider half das gar nichts und Otto begann zudem noch zu hyperventilieren. Lars versuchte nun das Schiff so zu steuern, dass es wenigstens für eine halbe Minute relativ ruhig im Wasser lag. Nach dem dritten Versuch gelang es ihm und Gerrit konnte Otto zwei schmerzstillende und entspannende Spitzen setzen. Dann bekam Mathias noch eine Spritze. Danach wurde die Blauzahn wieder unruhig und Pet musste ohne die Unterstützung von Drogen die Schmerzen aushalten.

 

Erst um 19.30 Uhr kamen sie in wesentlich ruhigeres Gewässer. Pet hatte bis dahin in regelmäßigen Abständen seinen Zustand verdammt und alle seine Kameraden mit bösen Flüchen verwünscht. Gerrit beendete sein Gezeter mit einer Ampulle Schmerzmittel und dann noch etwas Beruhigendem. Dann war Ruhe im Schiff.  

 

14. Oktober 2.30 Uhr auf der Blauzahn 300 Kilometer vor der Küste von Angola

 

Erik hatte die Brücke zusammen mit John und Luigi übernommen. Seit fast zwei Stunden fuhren sie wieder unter Segel. Die Treibstofftanks waren nur noch zu fünfzig Prozent gefüllt und Lars meinte, dass sie zur Sicherheit irgendwo die Tanks wieder befüllen sollten. Begeistert war keiner von dieser Idee, wo sollten sie hier an der Küste von Westafrika vor Anker gehen und ihre Tanks füllen lassen? Lars wollte nach Gabun. Er kannte den Hafen von Port-Gentil, dort hatte er schon ein paar Mal mit einem Tankschiff Erdöl übernommen und er kannte dort einen der Hafenmanager sehr gut. Sobald es möglich war, wollte er diesen Manager anfunken. Gabun lag zwar fast dreihundert Kilometer von ihrem eigentlichen Kurs entfernt, aber auch die anderen Piraten waren der Meinung, dass sie bei der unsicheren Wetterlage besser daran täten, mit vollen Tanks ihre Reise zu den Azoren fortzusetzen. Zudem musste Marc noch feststellen, dass ihr Trinkwasservorrat noch knapp für acht Tage ausreichen würde.

 

Um 8.00 Uhr am Morgen funkte Lars seinem Freund Luis Gerkon im Hafen Port-Gentil, dass sie am 17. Oktober dort sein würden, um Diesel und Trinkwasser zu bunkern. Luis war nicht da, aber ein anderer Mitarbeiter der Hafenbehörde funkte zurück, dass sie einen Liegeplatz für die Blauzahn gebucht hätten und sie herzlich willkommen sein würden. Dann versuchten sie, die Ageli zu erreichen, da sie sich eventuell verspäten würden. Nach den Berechnungen von Jan und Lars würden sie die Azoren damit nicht vor dem 29. Oktober erreichen. Weder per Funk noch per Mail erreichten sie die Ageli. Offensichtlich waren die in einem Bereich unterwegs, der sehr schwer zu erreichen war.

 

Um 12.00 Uhr mittags erhielten sie den Funkspruch eines Kreuzfahrtschiffes, dass die Ageli im Atlantik havariert sei und sie Kurs auf die Kapverden nehmen würde. Auf die Fragen von Lars bekam er nur bruchstückhafte Antworten. Einer der beiden Masten sei gebrochen und ein Teil der Mannschaft sei verletzt, nach Auskunft der Kreuzfahrers wisse man allerdings nicht, wie schwer die Verletzungen seien. Man vermute jedoch nicht so schwer, da die Ageli ohne fremde Hilfe ihre Reise fortsetzen würde. Bevor die Funkverbindung ganz abbrach, berichtete der Funker des Kreuzfahrers noch, dass nach Aussagen der Kapitänin der Ageli sie mit einem U-Boot kollidiert seien, das sich aber unerkannt davon gemacht habe. Sie hätten alle Informationen an die US Marine und die britische Marine weitergeleitet, aber bisher hätte sich noch niemand um Antwort bemüht. Man wisse nur, dass sich in der Nähe der Ageli ein britischer Versorger aufhalten würde und sie hätten Funksprüche aufgefangen, in denen andere Schiffe ihre Hilfe immer wieder angeboten hätten. Also ganz schutzlos sei die Ageli nicht. Dann brach die Verbindung ab.

 

Lars, Jan und Juris berieten gemeinsam, wie sie weiter verfahren sollten. Juris errechnete einen Kurs, durchwühlte alle Wetterkartenseiten im Internet, rechnete auch Windrichtungen und Strömungen aus und kam zu dem Schluss, dass sie mit etwas Glück die Kapverden - ohne Diesel und Wasser erneut zu bunkern - in acht Tagen erreichen konnten, also am 22. Oktober. Die Mannschaft stimmte ab und das Ergebnis war klar. Alle stimmten dafür, die Kapverden direkt anzulaufen. Der Kurs wurde umgehend geändert, alle Segel gesetzt und die Blauzahn rauschte in Richtung Kapverden ab.

 

Für Gerrit war das eine besondere Herausforderung, denn keiner wollte sich von ihm Bettruhe verordnen lassen. Alle Blessierten verlangten von ihm, sie sofort diensttauglich zu machen. Und Gerrit hatte da Einiges zu bieten, was den Jungs helfen würde.    

 

Fortsetzung folgt

 

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