Teil 2 - Kapitel 40

11. Oktober 2015 19.00 Uhr auf der Blauzahn

 

Alle hatten sich von dem Gelage auf der Insel und von der anstrengenden Gesprächen mit den Gästen von James gut erholt. Bis auf Marc und Juris, die seit fast 24 Stunden eine Dauerdiskussion über Napoleons Rolle in der Entwicklung Europas zu seiner jetzigen vermeintlichen Einheit führten, waren alle anderen darauf aus, sich einfach nur zu entspannen oder auf neueuropäisch zu relaxen. In Tagebücher wurden geschrieben: Geschlafen, Kochrezepte erdacht, Fernsehen geschaut, Spiele gespielt und Ausflüge auf die Insel gemacht.

 

Kurz vor dem Abendessen meldete sich die Ageli über E-Mail bei der Blauzahn. Sie hatte vor ein paar Stunden den Panamakanal verlassen und war nun auf dem Weg nach Grenada. Von dort aus wollten sie zu den Azoren segeln. Betty Black machte den Vorschlag, dass man sich doch auf den Azoren treffen sollte. Sie beschrieb den Hafen Ponta Delgada in blühenden Farben und mit einer Begeisterung, dass sich die Mannschaft schnell darüber einig wurde, dass das wohl ihr nächstes Ziel sei und nicht wie geplant die Kanarischen Inseln. Lars antwortete im Namen aller, dass sie voraussichtlich am 20. Oktober die Azoren erreichen würden. Betty antwortete etwas später, dass sie die Azoren voraussichtlich am 22. Oktober erreichen würden.

 

Die Begeisterung, die Mannschaft der Ageli wieder zu sehen, war groß. So groß sogar, dass Otto in seinem Weinkeller nach ein paar guten Feierweinen schaute. Alle warteten auf ihn, aber er kam nicht. Pet und Mar beschlossen ihm in die Tiefen des schwimmenden Weinkellers zu folgen. Sie fanden ihn blass und vollkommen sprachlos an der Türe zum Vorratsraum. "Nur noch ein Karton mit sechs Flaschen Chardonnay ist da. Alles andere ist weg. Getrunken? Geraubt? Einfach weg. Ich dachte wir haben noch etwas mehr als einhundertfünfzig Flaschen. Gut hundert Rotwein und um die fünfzig Weißen. Den Champagner habe ich noch gar nicht dazugerechnet. Was ist da passiert?" Kurz machte Otto eine Pause, um tief Luft zu holen. "Auch wenn wir hier einen heimlichen Säufer hätten, das könnte keiner so schnell schaffen. Sollte ich mich so geirrt haben?" Marc drückte Otto kräftig zur Seite, um sich selbst ein Bild von der Katastrophe zu machen. Was er fand waren die Kartons mit den Lebensmitteldosen, die Kartoffelsäcke, Reistüten, Hundefutter und sogar die Bierflaschen und Dosen, aber nur einen Karton mit sechs Flaschen Chardonnay. "Das kann nicht sein?" jammerte Marc vor sich hin. Pet war ebenfalls irritiert. "Wer hat als letzten hier eigentlich aufgeräumt?" Die Frage von Pet war berechtigt, denn es sah aufgeräumt und ordentlich in diesem Vorratsraum aus, was sehr selten vorkam. "Juris und Mathias, die waren vor ein paar Tagen hier unten, um die Einkaufsliste für die Auffrischung der Vorräte zu machen." Marc hatte das aus seiner Erstarrung heraus gesagt. Pet machte die Tür zur anderen Vorratskammer auf, wo eher Hardware, wie Toilettenpapier, Ersatzbettwäsche, Reinigungsmittel, Werkzeug und auch etwas Holz lagerte. Und tatsächlich standen dort die Kartons mit dem Wein. Fest verzurrt und gut sortiert, wie er schnell feststellen konnte. Pet zog seinen Freund zu sich und schob ihn schweigend in die Kammer. "Alles wird gut, flüssiges Manna fiel nicht vom Himmel oder ins Wasser, sondern lagert in der falschen Kammer." Pets erlösende Worte halfen den beiden anderen wieder in die schöne Realität zurückzufinden.

 

Otto suchte ein paar gute Flaschen heraus und die drei gingen dann in die Messe zu den anderen. Sie merkten gleich, dass die anderen wussten, warum sie so lange gebraucht hatten, aber sie hatten keine Lust, sich hier zum Gespött der andern machen zu lassen. Otto öffnete ein paar Flaschen und man schenkte sich ein. Marc, Otto und Greg servierten das Abendessen und die Stimmung stieg mit jedem Happen Essen und mit jedem Schluck Wein. Alle freuten sich, dass sie bald wieder Freunde sehen würden und man pries die Ageli und die ganze Mannschaft auf ihr auf das Höchste. Otto und Pet vermutete eher, dass sich die Freude auch auf einen gewissen Hormonstau bei einigen hervorgerufen haben könnte, beschlossen aber, das besser für sich zu behalten.

 

Aus den Tagebuch des Pet

 

St. Helena ist sicher eine historisch bedeutungsvolle Insel, aber irgendwie langweilt mich der Aufenthalt vor und auf der Insel. Alles gesehen, alles was möglich war gelaufen und die Kontakte, die wir hier knüpfen durften, waren sicher mehr als nur interessant, aber ich bin froh, wenn wir wieder lossegeln. Wenn ich in so einer Stimmung bin, frage ich mich manchmal, ob ich schon süchtig nach Meer, Segeln, Wind und Wellen bin? Halte ich es wirklich nicht mehr lange an einem Ort aus? Oder liegt es einfach nur an der Insel? Otto geht es ähnlich, obwohl er eigentlich ein wesentlich ruhigerer Mensch ist wie ich, hat er mir beim Abendessen gesagt, dass es Zeit wird, dass wir weitersegeln. Als ich ihn gefragt habe warum, hat er nur mit den Schultern gezuckt.

 

Wir haben einiges erlebt auf der Insel und wenn ich rekapituliere, was wir erlebt haben, dann war der bisher bleibende Eindruck dask Essen mit James. Und da waren die Gespräche mit den London Ladys, die mir nicht aus dem Kopf gehen wollten. Ich hatte schon viele Menschen in meinem Leben kennen gelernt, reiche, arme, dumme und gebildete, hässliche und schöne in der Hülle einer Frau oder eines Mannes. Die beiden Ladies aber waren irgendwie was Besonderes. Extrem selbstbewusst, mit einem leichten Hang zur Arroganz, hochgebildet, sicher auch sehr apart und nach meinem Geschmack waren sie sehr gut aussehend. Das mag Geschmacksache sein, andere Meinungen dazu habe ich nicht eingeholt. Beide stammten aus der Mittelschicht und waren durch die Heirat mit ihren Männern in die Britische Upper Class aufgestiegen. Beide waren vor ihrer Hochzeit in irgendeinem der Ministerien in London als Assistentinnen beschäftigt. Um nicht in einem der Büros zu versauern, hatten sie sich auf den Weg gemacht, sich Männer mit einer gewissen finanziellen Potenz zu suchen und waren da auch im Außenministerium fündig geworden. Die eine Lady meinte auch irgendwann an diesem Abend, dass es bei ihr keine Liebesheirat mit ihrem Mann gewesen sei. Sie war einfach süchtig nach gutem Leben und das konnte ihr ich jetziger Gatte bieten. Er sei reich, gutaussehend, langweilig und selten zu Hause, also für sie die besten Voraussetzungen, das Leben zu genießen. Die andere kommentierte ihr Ehe ähnlich, wobei sie meinte, dass ihr Gatte manchmal wie ein Tier sei. Ich ersparte mir die Frage, was sie damit meinte, da ich es mir denken konnte. Ich wollte nicht alles wissen. Sie erzählten beide von ihrem Alltag, wie sie ihn gestalteten. Für mich hörte sich das alles wie Dauerurlaub an, allerdings nicht auf dem Niveau einer Pauschalreise. Was aber dann doch noch zur Sprache kam, war das Thema soziales Engagement. Beide hatten einen kleinen Nebenjob. Die eine kümmerte sich mit ihrem eigenen Geld und durch Spendensammeln um obdachlose Jugendliche. Sie hatte etwas außerhalb von London ein altes Haus angemietet und dort Schlafplätze sowie eine kleine Küche für junge Menschen eingerichtet. Es durften dort nur Kinder bis sechzehn Jahren essen und übernachten. Die Leiterin dieses Hauses hatte die Aufgabe, ihr besonders gefährdete Jugendliche zu melden und dann kümmerte sich die Lady intensiv um diese Kinder. Auf dem Lande hatte sie einige Gärtnereien, und Obstplantagen ausgemacht, die junge Menschen bei sich aufnahmen und ihnen ein Heim anboten. Dort konnten sie zur Schule gehen, mussten aber jeden Tag mindestens drei Stunden dafür arbeiten. Ich finde, dass das ein faires Angebot für jungen Menschen ist. Die andere kümmerte sich um Vergewaltigungsopfer. Als ich sie darauf ansprach, wie denn die jungen Frauen zu ihr kommen würden, schüttelte sie heftig den Kopf. Sie meinte, dass es auch sehr viele jungen Männer gäbe, die Opfer von Vergewaltigungen seien. Und es seien bei Frauen auch nicht immer Männer die Täter und so auch bei jungen Männern. Es gäbe einige Frauen, die hier auch als Täter auftauchen würden. Ihre Adresse würde in Krankenhäusern und bei Sozialarbeitern hinterlegt sein. Sie hat ein kleines Netzwerk an Ärzten und Psychologen aufgebaut, die sich dann intensiv um die Opfer bemühen würden. Sie wähle aus, wer hier in den besonderen Genuss der Betreuung käme, denn sie finanziere das Ganze fast ausschließlich aus eigenen Mitteln. Ihr Mann habe eine kleine Maschinenfabrik geerbt und eine Teil des Gewinnes des Unternehmen fließen in ihre Hilfsaktionen.

 

Auf meine Frage nach welchen Kriterien sie die Auswahl dennk treffen würde, wer von ihr die Hilfe bekommen sollte, bekam ich zuerst keine Antwort. Es dauerte sehr lange, bis sie mich aufklärte. Ihr Bauch würde das entscheiden. Sie wollte die Hilfesuchenden kennenlernen, mit ihnen sprechen und sich dann entscheiden. Oft sind es kleine Zeichen, die die gedemütigten aussandten, die sie dazu brachte, Ihnen zu helfen. Natürlich wussten am Anfang die Opfer nicht, dass sie ihnen helfen könnte oder wollte. Sie führte das Gespräch unter dem Deckmäntelchen, ihnen einfach ein wenig beizustehen. Sie fand das grausam, mit jemand zu sprechen, ihm Hoffnung auf Hilfe zu machen, um ihm dann zu sagen, dass ihr Bauch sich anders entschieden habe.

 

Ich muss mir selbst eingestehen, dass ich am Anfang, als ich das hörte, mehr als nur irritiert war. Ich wollte aufgeklärt werden, warum diese beiden Ladys, dem Luxusleben nicht abgeneigt, sich für so komplizierte sozialen Probleme einsetzten und sich dabei noch persönlich mit einbrachten.

 

Beide wurden ernst, verlangten nach einem Gin. Ich durfte oder musste ebenfalls ein Glas mittrinken. Dann begannen sie loszuplaudern.

 

Es sei sehr vielschichtig, ihre Motivation. Das zu tun was sie taten. Es begann damit, dass man in ihrer Situation, als Ehefrau eines gut betuchten Londoners, immer etwas gesellschaftlich Wichtiges leisten sollte. Entweder man organisierte irgendwelche sinnlosen Soirées, bei der sich die Damen der Gesellschaft zu hitzigen belanglosen Gesprächen trafen. Oder man begann irgendetwas Kulturelles wie Museumsbesuche für Blinde und Gehörlose zu organisieren, musikbegabten Halbwaisen Klavierunterricht oder Geigenunterricht zu geben. Kochkurse für Erdnussgeschädigte wurden veranstaltet oder auch Spendengalas. Die Upper-Class versucht damit ihr schlechten Gewissen, sofern vorhanden, zu beruhigen. Beide mussten sich eingestehen, das mit dem sozialen Gewissen sei doch sehr versteckt in dieser Gesellschaft und diene meist nur der Beruhigung und der Sucht nach Anerkennung. Nein, das wirklich soziale Engagement komme meist aus der Mittelschicht oder gar von den Unterprivilegierten. Das war nicht das, was sie wollten.

 

Dann begann eine Pause. Das Schweigen der beiden war in diesem Moment schon belastend für Otto und mich. Wir waren beide neugierig geworden und nun schien unsere Neugierde nicht befriedigt werden zu können. Meine ersten auffordernden Blicke wurden ignoriert. Erst als ich ihnen beiden und natürlich auch Otto und mir nochmals einen Gin eingoss, wurden Joana und Tilda lockerer.

 

Joana war offensichtlich die mutigere von beiden und übernahm nun alleine das Reden. "Wir lieben unsere Männer nicht, wir mögen und respektieren sie sehr sogar aber ich glaube nicht, dass wir hier von Liebe sprechen können. Wir merkten bald, dass wir etwas tun mussten, um Emotionen zu empfinden. Und diese Verpflichtungen des sozialen Engagements waren uns zu oberflächlich. Das ging nicht tief genug. Am Anfang dachten wir, dass uns eine Affäre retten würde. Weit gefehlt, so ein bisschen Sonderangebotssex war mal ganz lustig, aber das reichte nicht. Gefährliche Bootsfahrten, Rafting und solche Sachen waren auch nichts. Wir waren wirklich auf der Suche, was unsere Herzen, unser Inneres bewegen könnte. Wir hätten einfach das Leben in vollen Zügen genießen können. Finanziell war es möglich, aber irgendwann war die Luft dafür raus. Ich kann nicht sagen, wie wir auf diese Sachen gekommen sind, ich behaupte sogar, dass uns diese Sache gesucht und gefunden hat. Wenn wir uns mit diesen jungen Menschen beschäftigen oder uns um diese Opfer von sexueller Gewalt kümmern, dann sind wir jemand anderes. Wir weinen mit ihnen, wir beten mit ihnen, wir sind schlaflos mit ihnen und das so lange, bis wir wieder in eine andere Rolle schlüpfen. Und das Verrückte ist, wir sind immer seltener Lady Joana oder Lady Tilda, sondern immer öfters und länger Joana und Tilda. Dass wir hier sind, liegt an unseren Männern. Sie wollten dass wir sie auf dieser Dienstreise begleiten, wo sie uns dann doch nicht gebrauchen konnten. Nach Hause ging nicht, denn ihr Vorgesetzter würde sie beobachten, also wurden wir hier geparkt. Ein intaktes Familienleben ist immer noch eine Sprosse in der Karriereleiter. Also machen wir hier gute Miene zum blöden Spiel." Joana schaute erst Otto und dann mich an. Irgendwie wollte sie aus unseren Augen erfahren, ob wir nun zufrieden mit den Erklärungen waren. Das waren wir oder auch nicht, denn das alles erst mal zu verarbeiten würde ganz sicher noch einige Zeit dauern.

 

Sie merkte dass da noch einige Fragen offen waren, die wir gerne beantwortet haben würden - allerdings nicht wagten zu fragen.

 

Also setzte Joana nochmals an. "Eines kommt noch dazu. Wir lernen unheimlich viel. Das Spiel der Zwischenmenschlichkeit, unser mittelalterliches Kastendenken, das es ja gar nicht mehr gibt. Wie spannenden Politik wirklich ist, Krimis bauchen keine Phantasie, die werden uns jeden Tag vorgespielt. Hungern ist keine Problem von Übergewicht sondern grausam. Das Pendeln zwischen Bentlay und Fahrrad oder Pritsche und Himmelbett hat mich gefangen und Tilda auch. Und wir kommen da nicht mehr raus. Eine Zeitlang haben wir gedacht unsere Männer zu verlassen und uns ausgemalt, wie es wäre, mit einem einfachen Partner und ein paar Kindern ein Normalo zu sein. Geht nicht uns fehlt dazu der Mut."

 

Dann war das Gespräch beendet. Was beide noch von uns verlangten war, dass wir sie über unsere Reise weiter informieren sollten und dass sie sich wenigstens per E-Mail bei uns melden dürften. Das war alles.

 

Das war wohl eine andere Motivation der Sinnsuche.

 

Blauzahn

 

Am 13. Oktober um 8.30 Uhr verließ die Blauzahn die Insel St. Helena und ging auf Kurs Azoren.  

 

Fortsetzung folgt 

 

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