Teil 2 - Kapitel 39

9. Oktober 7.00 Uhr auf der Blauzahn in Bucht von Jamestown

 

Die halbe Nacht hatten die Nordstrandpiraten sich über den Adel Europas gestritten. Über Führungsqualitäten einzelner Adelshäuser, die Abschaffung der Adelsherrschaft und zum nachmitternächtlichen Abschluss noch über die Demokratie und deren immer sichtbarer werdenden Schwächen. Es war sehr interessant, wie sich die Meinungen in dieser Frage der politischen Führung unterschieden. Fast alle waren sich darüber einig, dass der Adel noch zu repräsentativen Zwecken dienen konnte und sie auch zu einer nationalen Identifikation nützlich waren, aber das, was danach kam, war nicht unbedingt auf Dauer besser.

 

Und alle waren erstaunt, als Juris seine politische Meinung über alle politischen Führungsmethoden, die ihnen bekannt waren, äußerte. Er war der festen Überzeugung, dass der Adel durch die Parteien ersetzt wurde. Dass diese sich aber immer selbstherrlicher in Szene setzten und durch bewusstes Steuern der Medien die öffentliche Meinung sehr zu Gunsten einer Parteilinie beeinflussen würden. Die Nähe aller Parteien, egal in welchem Land, mit der Führungsriege der Wirtschaft, führe immer mehr zu einer drei- oder auch vierteiligen Gesellschaftsschichten-Landschaft. Man sehe es eindeutig an den G7 Staaten. Die Wirtschaft wäre dort sehr stark, aber was in den Gesellschaft geschehe, sei  erschreckend. Kaum war man aus der Zeit des Industrieproletariats heraus, so würde es wieder entstehen. Eine Gesellschaft ließe sich nun einmal leichter führen, wenn man eine breite Masse an Proletariern hätte, die mit viel Brot und Spielen und Hoffnung zufrieden gestellt würde. Samt einer immer schmaler werdenden Mittelschicht, die man als Aufstiegszielgruppe präsentieren könne. Den Menschen würde diese Schicht vorgeführt wie dem Esel die Möhre. Dann gäbe es natürlich noch die sogenannte Oberschicht. Der neue Adel, in sich eine fast geschlossene Kaste, die Kraft ihrer Finanzmacht und ihren  Allmachtsgedanken die Politik mehr als über die Wahlen hinaus beeinflussen würde. Lobbyismus wäre ein Steuerungsinstrument, das bisher noch gar nicht in ihrer ganzen Konsequenz wahrgenommen würde. Mit Statistiken und Weihrauchreden würde die breite Masse an Wahlbürgern gesteuert. Da würden bei den Statistiken, die bei den Bürgern Sorgen und Hoffnungen hervorrufen sollten, die Parameter so eingestellt, dass zum Schluss die Zahlen präsentiert werden könnten, die man als Führungsinstrument brauche. Warum würde zum Beispiel der Internationale Terrorismus nicht konsequenter bekämpft? Wirtschaft und Politik bräuchten ganz einfach Katastrophen, um sich besser präsentieren zu können. Was wäre denn, wenn sich die Wirtschaft dank der unermüdlichen Tatkraft der sogenannten Normalos entwickeln würde. Die Menschen hätten Zeit, sich umzuschauen und sie würden merken, dass die, die sie führen, nicht unbedingt viel klüger wären als sie selbst. Brauche man da noch die Masse an Politikern, wie sie heute in jedem Staatswesen ihr Unwesen trieben? Gehe Staat nicht schlanker und ehrlicher? Wer schlage denn heute die zu wählenden Politiker vor? Doch die Partei, egal welche. Man hätte also in der Demokratie nur die Wahl zwischen Parteien und deren Vertretern und die erzählten heute, was sie morgen nicht realisieren wollten. Nein, wir hätten keine wirkliche Demokratie. Die Wahlbeteiligung sinke doch immer mehr und die Behauptung, dass es am Desinteresse der Wähler liegen würde, sei doch nicht richtig. Wenn sich Kandidaten aufstellen lassen würden, alles treue Parteisoldaten, die keiner wolle und wenn man keinen finde, dem man seine Stimme geben könnte, welche Möglichkeit hätte man denn dann? Wenn man die Wahlgesetze ändern würde, dann könnten die Gesellschaft wieder demokratischer werden. Bei einer Wahlbeteiligung unter fünfundfünfzig Prozent  müssten die Wahlen ungültig sein. Aufgestellte Kandidaten unter einem gewissen Prozentsatz müssten aus der Liste gestrichen werden, dürfen also nicht mehr aufgestellt werden und die Parteien müssten neue Kandidaten aufstellen. Das könnte man so weit treiben, bis die Kandidaten aufgestellt wären, die man wählen könnte. Finanziert würde das sowieso über die Staatskasse, Einsparungspotential biete die Politik selbst. Diese horrenden Gehälter in manchen politischen Positionen und bei den Ruhestandsregelungen böten genügend Einsparungspotential, um die wahre Demokratie wieder aufleben zu lassen. Unabhängig davon wäre da noch die Steuergerechtigkeit, die es in keinem noch so demokratischen Land gäbe.

 

Juris hatte sich mit seiner langen und ausführlichen Rede so in Rage geredet, dass er ganz blass wurde. Als Lars ihm einen Whisky reichte, trank er hastig eine Schluck und redete weiter. Nichts konnte ihn bremsen.

 

Seine Rede Teil 2: Juris war in ein totalitären System hineingeboren worden, erlebte in seiner Kindheit und Jugend das kommunistische System. Dann kam der Zerfall der Sowjetunion und seine Heimat wurde wieder ein selbständiger Staat. Klar, die Demokratie hätte im ganzen Baltikum viel Gutes bewirkt. Aber nun wirkten sich die Konflikte im arabischen Raum und die wiedererstarkte russische Föderation erneut auf die politische Landschaft in Europa aus. Europa wäre satt oder man gaukelte es den Menschen vor. Neue Parteien würden entstehen, die jahrzehntelange Streicheleien der etablierten Parteien zeigten keine Wirkung mehr. Die Wähler wollten ernst genommen werden und wurden immer mehr wie dumme Kinder behandelt. Das Konzept, der Versuch, die Vision eines einigen Europa komme ins Wanken, weil keine Regierung mehr auf die Menschen achte und ihre Bürger ernst nehme. Europa würde sterben, aber nicht, weil die Menschen krank seien, sondern weil die Politik immer noch in mittelalterlichen Strukturen denke.

 

Urplötzlich stand Juris auf, sagte gute Nacht und ging ins Bett. Am nächsten Morgen war er der Erste, der wach war. Er weckte Marc und gemeinsam machten sie Frühstück. Nach dem Frühstück machte Juris das kleine Beiboot fertig und fragte dann, wer ihn zu einem längeren Landgang begleiten wolle. Pet, Greg und John begleiteten ihn mit den Hunden. Die Insel war ein ruhiger und  beschaulicher Ort auf der Weltkugel. Schön - nicht unbedingt aufregend oder gar ein must-see-and-have Ort, aber genau das machte den Charme der Insel aus. Wäre nicht Napoleon mal hier gewesen, dann würde man die Insel in keinem Lehrbuch finden.

 

Bei ihrem Spaziergang wurden sie von niemandem besonders beachtet. Ein Uniformierter, offensichtlich ein Polizeibeamter, sprach sie einmal an, ob er ihnen behilflich sein könne, aber sonst wurden die schweigsamen Wanderer in Ruhe gelassen. Sie stiegen auf der Steilküste herum und bewunderten die teilweise karge Landschaft. Juris lief, kletterte und spazierte wie ein Getriebener. Offensichtlich musste er die Energie loswerden, die er in sich eingeschlossen hatte. An einem Platz von dem man die Bucht von Jamestown gut überblicken konnte, setzten sich die Wanderer, konnten sich etwas entspannen und genossen den Ausblick. Tristan legte sich neben Pet und schleckte sich die Pfoten. Er hatte sich auf dem harten Gestein eine Pfote etwas wund gelaufen. Nachdem bei allen Ruhe eingekehrt war, spürten sie, dass Juris etwas sagen wollte. Er holte ein paar Mal tief Luft und setzte an zum Reden. "Ich hoffe nicht, dass ich euch gestern Abend zu sehr mit meiner Meinungsäußerung gelangweilt habe?" Greg unterbrach ihn kurz. "Nein, das ist doch das Tolle bei uns Nordstrandpiraten, du darfst reden. Du musst da keine Rücksicht nehmen. Solange du niemanden beleidigst oder unflätigen dumme Reden führst, ist das kein Problem. Zudem muss ich dir sagen, das was du da geäußert hast, hat mich schon nachdenklich gemacht. Ich habe gestern noch lange mit Otto diskutiert, der allerdings eine ziemlich andere Meinung vertritt als du, aber das macht die Piraten ja aus, dass wir nicht alle gleich ticken müssen." Die anderen nickten nur und forderten dabei Juris auf, weiterzureden. "Ja stimmt schon, in unserer Gemeinschaft hat man verdammt viel Freiheit. Gestern war ich durch den Besuch bei der Villa Napoleons zum Nachdenken inspirierst worden. Dass das dann mal raus musste, versteht ihr wahrscheinlich. Napoleon, von den Franzosen verehrt und alle anderen Völker Europas verdrängen doch hier die Geschichte. Eine Karriere, die aus der französischen Revolution heraus entstanden ist. Die Revolution, die den Menschen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bringen sollte, wurde dann von ihm missbraucht. Wie viele Despoten vor ihm hatte er es verstanden, ein entstandenes Machtvakuum für sich auszunutzen. Was ich immer noch nicht begreife, warum gab es nur Verbannung als Strafe für ihn? Er hat doch schon für damalige Verhältnisse so viel Leid über die Völker Europas gebracht. Er war weder ein gewähltes Staatsoberhaupt noch war er in einer dynastischen Reihenfolge als Kaiser vorgesehen. Kaum elf Jahre nach der Hinrichtung Ludwigs des XVI und der Abschaffung der Herrschaft des Adels hatte Frankreich wieder einen Kaiser. Und hier auf der Insel endete er. Irgendwie will das nicht in meinen Kopf. Ist Macht wirklich so sexy und es wert, so viel Blut fließen zu lassen? Und wenn ich mich in der politischen Landschaft umschaue, was hat sich geändert? Gibt es einen Kontinent, einen Staat, wo die Macht Einzelner nur der Allgemeinheit zugute kommt? Nichts hat sich geändert. Selbst in der inzwischen so hoch gelobten Deutschen Republik, hier hat sich eine machthungrige Partei ganz oben angesiedelt, die sich christlich nennt, doch was ist daran christlich?. Nichts, Reiche werden reicher und der Mittelstand nimmt ab, die sogenannte Unterschicht hat zwangsweise einen Zulauf, der alle eigentlich erschrecken müsste. Die Schere zwischen arm und reich geht inzwischen sehr weit auseinander. Aber die Deutschen haben sich immer gerne von oben herab einlullen lassen. Das bisschen Revolutionserfahrung, die sie haben, taugt nicht gerade zu einer interessanten Lehrstunde. Wenn es gehen würde, würdet ihr noch mehr Föderalismus einbauen. Jeder Landkreis wird zum Fürstentum. Die Deutschen brauchen Persönlichkeiten zum Hinschauen und wenn's geht zum Anfassen. Dieses Land mit seiner ungeheuren Wirtschaftsmacht muss aber mehr machen. Europäischer sein ist das eine, aber bitte nicht versuchen, mal wieder zu dominieren. Die Griechenlandkrise und auch die Bankenkrise waren ein Beispiele, wie man es nicht macht. Und hinter all den gütigen Ministerpräsidenten und Kanzlern braut sich das Gewitter der Rechten zusammen, nur weil man selbstkritische Betrachtungen als Erkältungskrankheit demokratischer Politiker ansieht und dem Volk nicht zuhört. Wisst ihr, warum ich das so deutlich sehe? Ich lebe hier auf der Blauzahn in einem Paradies. Die Freiheit des Denkens kann ich mir gönnen, weil ich keine Angst mehr habe, keine Angst vor dem sozialen Absturz, keine Angst nicht gehört zu werden. Weil ich keine Angst davor haben muss, missverstanden zu werden und in irgendeine Schublade gesteckt zu werden. Ich bin frei, was für ein Glück habe ich." Alle konnten sehen wie er die letzten Sätze in den Himmel gesprochen hat, fast wie ein Dankesgebet.

 

Auch wenn seine Ausführungen erst noch einer kritischen Betrachtung unterzogen werden sollten, so wollte keiner spontan widersprechen. Denn er hatte ja recht mit seinen letzten Sätzen, sie lebten im Paradies des freien Denkens. Es gab niemanden, der sie daran hindern konnte, das auszusprechen, was sie dachten.

 

Es war spät geworden und sie mussten zurück auf die Blauzahn, das Dinner mit James und den beiden Myriams sollte um 19.00 Uhr beginnen.

 

 

 

 

 

Aus dem Tagebuch des Pet

 

Das Dinner war überwältigend. James war mit seinen beiden Enkelkindern erschienen. Eingeladen waren auch ein paar Honoratioren der Insel-Geschäftswelt. Bewusst hatte James niemanden aus der politischen Riege eingeladen, da er nicht wollte, dass wir uns langweilen. Mit der Stimmung, mit der wir dort zum Dinner erschienen waren, hatte er genau das Richtige getan. Die Worte von Juris pochten uns allen noch in den Ohren. Die sechzehn Mann von der Blauzahn und noch zwanzig weitere Gäste füllten einen der größten Räume im alten Regierungssitz der Insel. James hatte noch vier männliche Geschäftsleute geladen und der Rest der Gäste waren Damen mittleren Alters, bis auf die beiden Myriam, von denen erfuhren wir irgendwann zur fortgeschrittenen Stunde ihr wahres Alter. Beide waren vierundzwanzig Jahre alt, James hatte das immer etwas bereinigt, da er nicht wollte, dass herauskam, dass sein Sohn neunzehn Jahre alt war, als er Vater wurde und seine Tochter war erst sechzehn Jahre alt, als sie Mutter wurde. Egal wie das geschehen konnte, man konnte James nur zu seinen Enkeltöchtern gratulieren. Sie waren sehr höflich und intelligent, belesen und ein wenig abenteuerlustig. Beide wollten von Lars erfahren, ob sie auf der Blauzahn anheuern könnten.

 

Otto und ich saßen an diesem Abend nahe beieinander, als Tischdamen saßen uns zwei Frauen um die Vierzig gegenüber. Beide sprachen außer ihrer Muttersprache Englisch auch Spanisch, Französisch und etwas Deutsch. Für Engländer schon etwas besonderes, dass sie eine Fremdsprache beherrschten, aber diese Damen hatten den Durchschnitt der britischen Sprachbegabung weit überschritten. Zudem mussten Otto und ich uns eingestehen, dass die Damen gut aussahen. Beide waren Gäste auf der Insel, da ihre Gatten, Briten im diplomatischen Diensten, sich auf einer gefährlichen Mission im westafrikanischen Bereich aufhielten. Ihre Männer hatten sie zu einem Inseltrip bewogen. Da sie nun schon mehr als drei Wochen auf der Insel weilten, war ihnen laut eigener Aussage sehr langweilig und sie waren unserem Gastgeber dankbar für diese Abwechslung ihres zu ruhigen Inselaufenthaltes. Sie waren sehr neugierig, von uns zu erfahren, warum wir diese beschwerliche Reise machen würden. Otto war inzwischen so routiniert in der Beantwortung dieser Frage, dass er, ohne Punkt- und Kommaregeln zu beachten, einfach drauflos redete.

 

Immer wieder wurde er allerdings von lautem Gerede unterbrochen. Ausgerechnet Juris hatte man einen frankophilen Inselbewohner als sein Gegenüber gesetzt. Und dieser Mann war auch noch glühender Anhänger des Gedenkens an Napoleon. Otto und ich waren etwas besorgt über die Lautstärke der Unterhaltung. Greg beruhigte uns aber. Er meinte, Juris hätte sich sehr gut im Griff und der Napolionist sei zudem sehr schwerhörig, was dann auch die Lautstärke erklärte.

 

Als Otto aufhörte zu sprechen, begannen die Damen sehr unbeschwert von sich und ihrem Leben zu erzählen. Die Upper-Class Ladies redeten drauflos, als ob wir seit Jahrzehnten zu ihren vertrautesten Freunden gehören würden. Londons oberen Fünfhundert hätten wahrscheinlich die übelsten Killer losgeschickt, um die Damen zum Schweigen zu bringen.

 

Ich werde besser nochmals eine Nacht darüber schlafen müssen, bevor ich das in meinem Tagebuch verewige, was mein Ohr da empfangen hat, oder ich werd es einfach versuchen zu vergessen. Ich glaube aber eher, dass mir das nicht gelingt. 

 

 

 

Aus dem Tagebuch des Otto Kraz

 

Wie wunderbar es doch ist, auf einem Schiff um die Welt zu segeln und über dieses Leben nachzudenken. Wenn ich auch bei so manchen wilden blauäugigen, politischen Ausführungen, wie gestern bei Juris, meinen Kopf schütteln muss. Das Gute aber ist, dass hier auf dem Schiff auch politische Reden gehalten werden dürfen, die kritisch betrachtet sich doch sehr schnell als viel zu eindimensional herausstellen würden. Wenn unser Juris Kanzler wäre, dann würde er sich ganz schön umsehen, wie hochkompliziert und komplett verwickelt und verschnürt diese Welt eigentlich ist und wie sehr seine Sicht die Dinge vereinfacht. Eine Politikerkaste für alle Probleme verantwortlich zu machen kommt zwar immer gut an, trifft aber leider überhaupt nicht des Pudels Kern. Aber es tut wahrscheinlich gut, aus der Ferne alles so vereinfacht zu sehen. Und auf der Blauzahn kann ich locker damit leben. Wie froh bin ich doch im Moment selbst, bei der jetzigen Weltlage keine politischen Entscheidungen treffen zu müssen. Da segle ich lieber zusammen mit 15 alten Männern um die Welt und höre mir entspannt die eindimensionalen Welterklärungen meines Freundes Juris an.

 

 

 

Fortsetzung folgt

 

 

 

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