Teil 2 - Kapitel 38

 

7. Oktober 2015 10.30 St. Helena in der Bucht von Jamestown

 

Die Überfahrt zu dieser Insel war bis auf die Begegnungen mit einigen Delfinen und einem anschwellenden Dauerstreit zwischen den Brüdern Alberto und Jose sehr unspektakulär. Alberto hatte ein paar Mal versucht, über Funk die Ageli zu erreichen, war aber daran gescheitert, dass diese offensichtlich zu weit entfernt war. Alberto wurde immer verzweifelter - was seinen Bruder dazu brachte, ihn etwas zu ärgern. Jose war klar, dass Alberto sich nach Beatrice sehnte und er einfach nur wissen wollte, wie es ihr geht und wie sich fühlt. Alberto wollte ihre Stimme hören. Als Jose ihn einmal einen verliebten Gockel nannte, packte der körperlich kräftigere Alberto seinen Bruder und hob ihn vom Boden hoch. Erik, der das beobachtete, versuchte die beiden zu trennen, was ihm auch gelang. Leider kamen die  Streithähne dadurch etwas zu Schaden. Jose hatte nach der Trennung ein blaues Auge und Alberto eine geschwollene Wange. Die Stimmung an Bord wurde durch den Streit der beiden nicht besser. Alle spürten, dass ihnen etwas fehlte, nur was, das wollte keiner aussprechen.

 

Nachdem das Frühstück beendet und Kombüse und Messe sauber waren, zogen sich alle in ihre Kajüten zurück. Jeder hatte dort etwas zu tun, zumindest gaben die meisten es vor. Bis auf John und Lars setzten alle um die Mittagszeit auf die Insel über. Selbst die Hunde durften mit, mussten aber an der Leine geführt werden. Marc, Otto und Juris hatten für alle Lunchpakete gemacht und in einem kleinen Shop kauften sie sich noch ein paar Getränke. Bier, Limonade und Mineralwasser musste eingeführt werden und die Preise dafür waren entsprechend. Einzeln oder in Gruppen durchstreiften sie zuerst die Inselhauptstadt Jamestown und trafen sich dann gegen Spätnachmittag im Castle Garden, einem Park am ehemaligen Regierungssitz. Das milde Klima ermöglichte es, sich in leichter Kleidung zu bewegen. Da sich zu der Uhrzeit niemand im Park aufhielt, setzen sie sich auf die wenig vorhandenen Parkbänke oder auf den Rasen und jeder packte sein Überraschungslunchpaket aus. Otto hatte zur Freude aller noch zwei Flaschen spanischen Rotweins mitgebracht. Er überreichte sie den Brüdern Alberto und Jose mit der Aufforderung, nun endlich wieder Frieden zu schließen. "Rotwein ist auf jeden Fall gesünder als eine Friedenspfeife." meinte er. Nur hatten sie nun ein Problem, denn keiner hatte einen Korkenzieher dabei. Nervös durchsuchte jeder seine Taschen oder die Rücksäcke, aber die Suche blieb bei allen ohne Erfolg. Da kam ein älterer Herr auf die Gruppe zu, ihm folgten zwei jüngere Damen mit Körben. Otto, der sich noch nicht gesetzt hatte, wurde von dem Herrn angesprochen. Er stellte sich vor, bat aber, ihn einfach nur James zu nennen. Die Damen wurden als Myriam the First und Myriam the Second vorgestellt. Dann erzählte der ältere Herr, was ihnen wie ein Anachronismus vorkam, denn um ihn herum waren die Herren weder älter noch wesentlich jünger als James. Dass er im Fernglas die Blauzahn erkannt  und deren Reise schon lange im Internet verfolgt habe. Er begrüßte sie alle herzlich im Namen der Stadt Jamestown und wollte sie zu einem Picknick einladen, sah aber, dass sie schon eine gewisse Grundversorgung dabei hatten. Während James noch einige Worte an die Gruppe richtete, breiteten die beiden Myriams ein paar Decken auf dem Rasen aus und darauf wurden dann einige Leckereien gerichtet. James überreichte Otto einen Korkenzieher, die Damen packten Weingläser aus und Otto goss jedem einen Schluck Wein ein.

 

Bis auf die beiden Hunde, die dem Treiben mit triefenden Lefzen zuschauen mussten, waren alle glücklich über diese Begrüßung des St. Helena Insulaners samt den beiden Damen. Eine der beiden Myriams verschwand kurz, kam mit zwei Wasserschüsseln zurück und einer Hand voll Hundekuchen. Damit wurden auch Tristan und Trevor zufrieden gestellt, kurzfristig auf jeden Fall.

 

Freimütig erzählte James von seiner Arbeit als Mitarbeiter des Gouverneurs und seinem Hobby als Gärtner. Die beiden jungen Damen waren seine Enkelkinder. Die eine stammte von seinem ersten Sohn, die andere war die Tochter seiner Tochter und beide wurden zufällig am gleichen Tag geboren. Dass sich seine Kinder beide für den Vornahmen Myriam entschieden hatten, erfuhren sie erst nachdem der Namen bereits amtlich vermerkt war. Nun nach über neunzehn Jahren hatten sich Eltern und Kinder an das alles gewöhnt und die beiden jungen Damen seien heute zufällig bei ihm zu Besuch. Und die beiden hatten schon eifrige Gesprächsverehrer gefunden. Erik, Juris und Jan hatten sie in Beschlag genommen. Und am späteren Nachmittag hatten auch Jose und Alberto wieder Frieden miteinander geschlossen. Die Piraten erhielten zum Schluss noch eine Einladung für die komplette Mannschaft bei James in der ehemaligen Residenz des Gouverneurs zum Dinner. Dann löste sich die Gesellschaft auf. Erik, Juris und Jan wurden von den beiden Myriams zu einer kleinen Parkführung mit den Hunden eingeladen. Pet, Otto, Greg und Gerrit begleiteten James in die ehemaliger Residenz, wo ihre Neugierde auf geschichtliches Wissen gestillt werden sollte. Und der Rest der Mannschaft wollte ganz einfach noch ein wenig die Stadt  kennenlernen.

 

Erst um 20.00 Uhr waren alle zurück an Bord. Wieder kehrte die gewohnte entspannte und friedliche Stimmung ein. Ein einfaches Abendessen mit ein paar Bierchen beendeten den Tag. Das angenehme Klima bei der Insel verführte die Pfeifen und Zigarrenraucher auf die Brücke. Dort trafen sich Erik, Lars, John, Jan und Pet. Bei einem Glas Whisky wurde eine gemütliche Runde eingeläutet. Erik hatte einen Pfeifentabak auf der Insel erstanden und bot einige Krumen allen Pfeifenrauchern in der Runde an.

 

Unter Deck hatten sich Otto, Marc, Greg, Juris und Gerrit zu einer Pokerrunde eingefunden. Für Stimmungsaufhellung sollte ein guter spanischer Roter beitragen. Der Rest der Mannschaft zog sich in ihre Kajüten zurück.

 

Trevor und Tristan lagen in ihrer Lounge auf dem Freideck hinter der Messe und ließen sich von jedem kraulen, der gerade an ihnen vorbeiging.

 

Die milden Abend- oder passender Nachttemperaturen von etwas über fünfzehn Grad Celsius genossen die Seeleute. Hatten sie doch in den letzten Monaten recht heftige Wetterkapriolen ertragen müssen, es waren immerhin noch siebzehnhundert Kilometer bis zur Küste Afrikas und so kam noch keine Tropenstimmung auf.

 

8.Oktober 2015 6.30 Uhr Jamestown

 

Pet war mit John und den beiden Hunden sehr früh mit dem Beiboot an Land gefahren. Um diese Uhrzeit war es in den kleinen Stadt noch sehr ruhig und so konnten die Vier einen ruhigen Spaziergang unternehmen. Als sie um 8.00 Uhr dann wieder auf der Blauzahn waren war gerade mal der Kaffee und Tee zubereitet. Marc war noch etwas müde und deshalb auch sehr langsam was die Vorbereitungen zum Frühstück betraf. Auch Otto, der dem müden Marc helfend zur Seite stehen wollte, war noch etwas gebremst in seinen Handlungen. Das störte allerdings niemanden, da fast alle anderen noch schliefen oder sich gerade zum Aufstehen die Augen rieben. Pet und John hatten frisches Brot mitgebracht und so war das Frühstück um 8.30 Uhr fertig und Pet spielte ein seichtes Musikstück über die Bordsprechanlage ein, was gerade im Radio gesendet wurde.  

 

Die Stimmung war bestens, denn zum Reden war kaum einer gelaunt und so wurde dann auch mit viel Appetit und Ruhe das Frühstück eingenommen.

 

Jan war der Erste der das Schweigegelübte brach. "Wer hat von euch Lust, mit mir zusammen zur Villa Napoleons zu wandern. Soll ein wunderschönes Stückchen Erde sein, wo er einst in seinen letzten Jahren Hof gehalten hat." Keiner aus der Mannschaft wollte zurückbleiben und so landeten die Nordstrandpiraten um 10.20 Uhr auf der Insel. Gekleidet wie eine Wandergruppe, die im Allgäu irgendwelche Almen erobern wollen. Gerrit hatte am Vortage eine Karte der Insel erstanden und wurde als Guide eingesetzt. Die fast neun Kilometer bis zu Napoleons letzter Adresse an der Longwood Ave oder besser an der Longwood Hangings würden sie wohl gegen 13.00 Uhr erreichen. Der Weg ging fast ständig leicht Berg auf und die wenigen Fahrzeuge, die diese Straße befuhren, störten nicht.

 

Oben angekommen staunten die Nordstrandpiraten nicht wenig. Sie hatten ein Schloss oder besser gesagt wenigstens eine Villa erwartet, aber das, was sie hier sahen, war ein besseres Einfamilienhaus, allerdings ohne Garage. In der heutigen Zeit wäre das für einen abgesetzten Despoten sicher ein passabler Wohnort gewesen, wenn ihm sämtliche modernen Telekommunikationsmittel zur Verfügung gestanden hätten. Pet stellte sich vor, wie sich der abgesetzte Kaiser wohl gefühlt haben musste. Vom einst mächtigsten Mann der damals bekannten Welt hier zu enden. Ohne dauerhafte Verbindung zur Außenwelt. Wenn im neunzehnten Jahrhundert hier auf der Insel ein Mal oder auch zwei Mal im Jahr ein Schiff mit Briefen ankam, dann war das sicher sehr komfortabel. Lebend begraben auf einer Insel im südlichen Atlantik. Als Besucher mag einem das alles sehr romantisch vorkommen, aber hier wirklich leben zu müssen, war etwas anderes. Ein unruhiger Geist wie Napoleon, dessen Machthunger einst unstillbar war, musste das nicht wie ein Verbannungsort gewirkt haben, sondern wie schlimmste Kerkerhaft. Wie würde man hier seine Zeit verbringen können? Nicht einmal zweiundfünfzig Jahre alt wurde der Mann. War das das Durchschnittsalter eines Menschen von damals? Pet stellte diese Frage in die Runde der Piraten. Greg konnte ihm konkrete Auskünfte geben. Die allgemeine Lebenserwartung betrug zur Zeit Napoleons etwa sechsunddreißig Jahre für Männer und für Frauen etwa achtunddreißig Jahre. Wobei man dabei beachten musste, dass Männer meist in mittleren Jahren wegen kriegerischen Einwirkungen starben und Frauen sehr häufig durch das sogenannte Kindbettfieber. Selten starben Menschen im Alter an altersbedingten Krankheiten. Napoleon hatte fast alle seine Weggefährten überlebt. Europa hatte während der Napoleonischen Kriege fast zwanzig Prozent seiner männlichen Bevölkerung verloren. Hätte sich die Lebenserwartung nicht wesentlich verbessert, dann hätten wir eine weit geringere Bevölkerungsdichte in Europa.

 

Wir kamen uns alle auf einmal wie Fossilien vor. Lebenserwartung von unter vierzig Jahren und Napoleon war schon sehr alt als er starb. Und wir waren alle weit über sechzig und keiner dachte ans Sterben, sondern an die Abenteuer, die noch vor uns standen. Aber immerhin, Napoleon hat nicht lange gebraucht, um sich Europa untertan zu machen und noch weniger Zeit das alles wieder zu verlieren. Und das alles zu Fuß oder zu Pferd, manchmal mit Schiffen. Napoleon hat in seinem Leben etwa fünfundzwanzigtausend Kilometer hinter sich gebracht. Was für eine gigantische Leistung und mit was wurde seine Machtgier bezahlt?

 

Aber schnell waren diese Gedanken wieder verschwunden als die Nordstrandpiraten einmal um das Wohnhaus und die dazugehörigen Nebengebäude umrundet hatten. Es war einfach schön an diesem Flecken Erde.

 

Etwas abseits fanden sie eine Wiese und dort ließen sie sich nieder, um Picknick zu machen. Als sie gerade fertig waren mit dem Auspacken ihrer belegten Brote und den Getränken ging eine kleine Reisegruppe von Franzosen an ihnen vorbei. Empört über die frevelhafte Handlung auf diesem geweihten Boden wurden sie aus den Reihen der Franzosen lautstark kritisiert. Fast peinlich berührt übersetzte Marc allen die zugerufenen Worte. "Die waren der Meinung, dass es sich nicht schickt, hier zu picknicken. Einer rief uns zu, dass Napoleon immerhin der Einiger Europas war und der Mann, der das Bürgertum gefördert habe. Und ob man nun neben fressenden Proleten seiner gedenken müsse. Nun meine Freunde, manche haben es nun mal noch nicht verstanden, dass man auch mit dem verklärenden Abstand der Jahrhunderte aus einem Despoten einen Nationalhelden machen kann." Marc erntete mit seinem letzten Satz Zustimmung. "Welches der Europäischen Länder hat sich nicht schuldig gemacht? Ich finde keines. Weder in der Vergangenheit oder gar in der Neuzeit. Jedes Land hat eine perverse und scheußliche Vergangenheit. Dabei kommt es gar nicht darauf an, wie lange diese Zeit gedauert hat oder wie viele Menschen dabei zu Schaden gekommen sind. Es ist für mich immer eine Frage gewesen, wie die nachfolgenden Generationen damit umgehen. Ob man daraus lernt oder man diese Vergangenheit nur heroisiert. Aber egal wie man es betrachtet, die Menschheit als Gesamtes scheint sehr lernunwillig zu sein. Wir wissen alle, dass Unterdrückung keine brauchbare Methode zur Führung eines Landes ist. Dass Despotismus immer in eine blutigen Veränderung mündet. Jede Revolution hat einen logischen Grund. Immer wieder Kreaturen an der Spitze von Nationen, die meinen, dass sie es schaffen, langfristig eine Nation, Völker, Menschen mit menschenverachtenden Methoden führen zu können. Sie sind alle zum Scheitern verurteilt, aber den Preis des Scheitern zahlen meist andere, die Unschuldigen, die Ehrlichen und leider auch die Feigen, weil sie sich nicht wehren." Greg war aufgestanden und hatte sich etwas in Rage geredet. Dann setzte er sich wieder und sprach weiter. "Entschuldigt bitte, ich wollte euch nicht belehren, aber es ist mir ein persönliches Anliegen gegen dieses Verklären von Despoten vorzugehen."

 

Die Fragen standen im Raum. War St. Helena für den Tyrannen die beste Alternative, die er für seine Bestrafung zu erwarten hatte? Oder war das eine politische Entscheidung, ihn hierher zu bringen? Warum wurde er nicht zum Tode verurteilt? War es die Angst der anderen fürstlichen Dynastien, dass man sie auch für das, was sie taten, so bestrafen könnte? Was unterscheidet einen Tyrannen, der seiner Machtgier Millionen von Menschen geopfert hatte von einem Raubmörder? Die Fragen hätte Juris nicht stellen sollen.        

 

Fortsetzung folgt

 

   

 

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