Teil 2 - Kapitel 37

25. September 2015 10.00 Uhr Südatlantik

Juris war mit Pet und Steffen auf der Brücke. Die Wetterlage war etwas unsicher, denn vor ihnen schien sich ein Unwetter zusammenzubrauen. Das Barometer zeigte es auch, aber auf den Wetterinformationen war davon nichts zu sehen oder zu hören. Juris gab um 10.30 Uhr eine Unwetterwarnung an alle Mannschaftsmitglieder. Die Hunde wurden unter Deck gebracht, alle Luken geschlossen, lose Teile in den Kabinen, der Messe und der Kombüse festgemacht. Steffen wurde durch Greg ersetzt, da er sich um die Motoren kümmern sollte. Carlo und Luigi machten an Deck nochmals einen Rundgang und prüften, ob die beiden Beiboote gut gesichert waren. Alles wartete auf das Unwetter, das sie am Himmel sahen, das aber nicht kommen wollte. Auf der Brücke wurden die Schiebtüren und Fenster geschlossen, Schwimmwesten wurden nochmals überprüft. In einigen Kilometern Entfernung auf Nord-Ost sah man immer wieder Blitze und der Himmel verfärbte sich von einem schmutzigen Graublau auf ein Orange mit großen grauen Flecken. Um 10.50 Uhr holte Juris die Segel ein, Carlo und Luigi überprüften das Einholen des Tuches. Der Mast wurde eingefahren, um damit den Luftwiderstand zu verringern. Mit Ferngläsern suchten Pet und auch Greg den Horizont ab, ob sie etwas Ungewöhnliches sehen konnten. Außer dem vermeintlichen Unwetter, dass immer im gleichen Abstand vor ihnen her flog, sahen sie nichts. Um 11.10 Uhr hörten alle, auch unter Deck, ein lautes Rumpeln, als ob Felsen eine Berg hinunter rollen würden.

Keine fünf Minuten später rief Greg Pet zu, dass er voraus eine ungewöhnliche Beobachtung machen würde. "Pet, das sieht aus, als ob wir da vorne eine Regenwand oder eine Wasserwand hätten. Schau mal genau über den Bug." Kaum hatte Pet sein Glas auf das genannte Ziel gerichtet, sah er genau was, was Greg meinte. "Das ist ein Welle. Achtung an alle, eine riesige Welle kommt auf uns zu. Alles festhalten." brüllte er in die Bordkommunikation. Die Besatzung auf der Brücke konnte sich gerade noch mit den Karabinerhaken sichern, als die Welle auf die Blauzahn traf. Fünf bis sechs Meter hoch, -tiefblau und mit einer großen Schaumkrone - überrollte sie das Boot vom Heck zum Bug. Gefolgt wurde die Welle von zwei weiteren, allerdings kleineren Wellen. Dank der Motoren konnte sich die Blauzahn halten. Am Boot wurden keine Schäden festgestellt, allerdings waren Lars, Steffen, Carlo und Mathias verletzt, Lars und Mathias hatten sich einige Prellungen bei Stürzen zugezogen und Steffen hatte sich die linke Hand verbrannt, weil er sich auf einem heißen Rohr der Wasserkühlung kurz abgestützt hatte. Carlo war am Bein verletzt, weil er versucht hatte, Tristan festzuhalten, der durch den unteren Gang von vorne nach hinten gerutscht war. Dabei war ihm der Vierbeiner so ungeschickt zwischen die Beine gekommen, dass Tristan ihn mit seinen Zähnen verletzte. Später stellte Gerrit auch fest, dass Tristan sich bei der Kollision mit Carlos Beinen die Lippen an seinen eigenen Zähnen so aufgerissen hatte, dass er diese behandeln musste.

 

Alle waren mehr als nur überrascht oder bestürzt über diese Monsterwelle. Das Rumpeln, das sie gehört hatten, muss ein unterirdisches Erdbeben gewesen sein. Nachdem sich alle vom ersten Schock erholt hatten und Gerrit die Verletzungen - soweit es notwendig war - versorgt hatte, war es an der Zeit, die Stimmung etwas aufzulockern. Marc rief durch die Bordsprechanlage, dass es heute aus gegebenem Anlass nichts Warmes zu essen geben würde, allerdings könnte er alternativ einen Kaffee oder Tee mit Plätzchen als Entschädigung anbieten. "Plätzchen, was versteht dieser Normanne unter Plätzchen?" fragte Gerrit über die Sprechanlage. "Komm in die Kombüse, mein holländischer Korsar und schau es dir an, was ich da zu bieten habe!" Und Gerrit kam in die Kombüse. Marc hatte aus einer guten Kaffeesorte einen Kaffee - verfeinert mit Kardamom und etwas Zimt - aufgebrüht, der jedem Kaffeeliebhaber das Wasser im Mund zusammen laufen lassen würde. In einer anderen Kanne hatte er einen Tee zubereitet, der es einem bei der Entscheidung, ob Kaffee oder Tee, sehr schwer machen würde, was man wohl zuerst probieren wollte. Und dann kredenzte er eine Sammlung an feinstem Gebäck. Von Schokokeksen über einfache Vanillekipfel bis zu Mandelgebäck mit unterschiedlichsten Zutaten konnte er alles anbieten. Dazu hatte er noch einige Schokofrüchte gemacht. Ananasstücke und Orangen mit einer feinen Schokoschicht überzogen. "Meine ersten Versuche als Konditor." Als dann noch Gerrit, der die ersten Stücke exklusiv versuchte und laut ausrief, dass das alles ungeheuer lecker sei, kamen auch die anderen Mannschaftsmitglieder, um seine Konditorenkünste zu begutachten und zu kosten. In der guten Stimmung, die sich im Boot langsam breit machte, begannen die Piraten, sich untereinander Spitznamen zu geben. Marc behielt seinen, der aber um einen Zusatz erweitert wurde. Ab sofort war er der Zwergennormanne, Gerrit musste seinen kurz aufgegriffenen holländischen Korsaren ablegen und war ab sofort der Bioklempner. Steffen wurde zum Dieselbarmixer und John zum Schweiger. Dann begann der Ideenrausch zu stoppen und man verlegte weitere Namensfindungen auf den kommenden Tag.

 

Um 14.00 Uhr wurde die See unruhiger. Gerade wollte Lars, der um diese Zeit die Brücke zusammen mit Carlo, Luigi und Steffen übernommen hatte, wieder die Segel setzen, als ein Gewitter mit sehr kräftigen Böen über die Blauzahn hinweg fegte. Steffen sah im Radar, dass sie einigen Schiffen sehr nahe kamen. Dann war das Radar wie blind. Der Regen und die Blitze machten es immer wieder unmöglich, die Schiffsbewegungen genau zu beobachten. Immer wieder flimmerte der Bildschirm und Steffen musste sich mit geschätzten Daten begnügen. Er informierte Lars darüber und warnte ihn vor einem Schiff, das in etwas mehr als drei Kilometern ihren Kurs kreuzen würde. Zu sehen war nichts. Carlo und Luigi beobachteten das Meer mit ihren Ferngläsern, sahen aber wegen des sehr dicht fallenden Regens wenig. Sie konnten bis maximal zweihundert Meter vor dem Bug der Blauzahn etwas sehen. Dann sah Steffen ganz kurz auf dem Radar, dass das ihren Kurs kreuzende Schiff ihnen schon sehr nahe war. Sie würden sich mit einem Abstand von nicht mehr als dreihundert Metern begegnen. Dann hörten sie ein sehr lautes Nebelhorn backbords aufjaulen. Danach sahen sie das Schiff. Ein graurotes Ungetüm tauchte aus der Regenwand auf. Der Riese, sehr wahrscheinlich ein Tankschiff, würde backbords nicht weiter als zweihundert Meter entfernt von ihnen passieren. Lars erhöhte die Geschwindigkeit und drehte den Kurs Richtung Steuerbord. Der Abstand reichte nicht aus, um den Auswirkungen der Burgwelle des Schiffes ganz zu entgehen. Kurz wurde die Blauzahn etwas durchgeschüttelt. Juris kam auf die Brücke und fragte Steffen, warum er den Tanker nicht schon früher gesehen und gemeldet hätte. Steffen erklärte ihm das Problem mit dem Radar. Juris wollte das aber nicht glauben, denn selbst bei so einem Regenguss sollte das Radar doch bessere Daten liefern. Juris und Steffen schauten nach dem Gerät und entdeckten, dass es leicht schräg hing. Also hatte die Monsterwelle doch einen Schaden auf der Blauzahn angerichtet. Bei dem Regen und dem Wellengang war es zu schwierig das verbogene Gestänge des Radars zu reparieren, also mussten nochmals zwei Piraten auf die Brücke, um mit den Ferngläsern den Seeverkehr um sie herum zu beobachten.

 

Zwei Stunden später ließ der Regen nach und der Wellengang wurde flacher. Steffen und Juris schauten sich den Schaden an der Halterung der Radaranlage an. Eines der Haltebleche war verbogen und die Anlage hing etwas schräg auf dem kleinen Radarmast. Schnell konnten die beiden die Reparatur vornehmen und das Radar funktionierte in kürzester Zeit wieder einwandfrei.

 

Die Nacht brach früh herein und durch die starke Bewölkung, die sich wieder über der Route der Blauzahn gebildet hatte, war es bereits um 19.00 Uhr sehr dunkel über dem Meer. Entfernte Lichter zeigten der Brückenmannschaft, wo sich andere Schiffe befanden. Das Radar bestätigte die Schiffsbewegungen rund um sie herum. Nachdem Otto die Wetterdaten alle geprüft hatte, war klar, dass ihnen eine ruhige Nacht bevorstand. Nichts deutete auf ein Unwetter mit Regen oder starken Winden hin. Die Segel wurden gesetzt und die Blauzahn fuhr durch das grauschwarze Meer weiter.

 

27. September 2015 7.00 Uhr im südlichen Atlantik

 

Juris hatte das Steuer am frühen Morgen übernommen. Steffen, Carlo, Luigi und Pet waren mit ihm auf der Brücke. Das Radar funktionierte wieder, seit Stunden war weder auf dem Schirm noch mit den Augen ein Schiff oder gar Land zu entdecken. Nur das Meer, die Wolken und der Wind umgab sie. Steffen wirkte an diesem Morgen sehr in sich gekehrt, war wortkarg und verharrte seit einer Stunde still auf einem Fleck neben Juris. Er starrte aufs Meer hinaus. Suchte er da draußen etwas? War er so in Tagträume versunken? Keiner seiner Piratenfreunde wollte ihn in dieser Situation stören, alle ließen ihm einfach seine Ruhe. Erst nach einer weiteren halben Stunde schüttelte er sich, als ob er seine Träume wegschütteln wollte und drehte sich zu Juris um. "Ich war schon in der Wüste, in einer Sandwüste, das hier ist was ganz anderes. Diese Unendlichkeit des Meeres. Man sagt ja, dass Wasser Leben ist. Aber ist das nicht hier und jetzt für uns das genaue Gegenteil. Birgt dieses Wasser, diese Weite nicht ungeheure Gefahren für uns. In der Sandwüste hatte ich oft das Gefühl der hilflosen Einsamkeit, hier aber kommt manchmal die Angst mit dazu. Die Angst vor dem Tod. Warum das so ist, kann ich dir nicht sagen, aber ich habe gerade große Angst vor dem Tod. Ich komme mir so klein und hilflos vor. Diese Weite kann ich schwer ertragen. Vielleicht liegt es auch daran, dass mir die Sonne fehlt." Juris schaute Steffen lange und schweigend an. "Ja du hast recht, mir geht es manchmal nicht anders. Ich fühle mich trotz der vielen Freunde auf der Blauzahn einsam. Diese Weite erschreckt mich genauso. Wir sind nun mal Primaten, die auf zwei Beinen gehen können, Bäume, Felsen und eine gefüllte Futterschüssel lieben. Genetisch sind wir für das nicht geschaffen. Wir überwinden mit so einer Reise unser mentales Erbgut. Unser Kopf meldet uns, dass das nicht unser Element ist. Angst macht sich breit, wir sollten doch besser das gefährliche Element verlassen. Wir tun es nicht. Schau dir die beiden Hunde an. Unsere felligen Kumpels zeigen keine Angst. Oder wir können das nicht sehen. Sie verlassen sich auf uns, ihre zweibeinigen Freunde. Wir haben gerade die Leitung übernommen, ein anderes Mal übernehmen sie es wieder. Wenn wir in einem Hafen liegen und ruhig schlafen wollen, passen die zwei auf. Jeder von uns hier auf der Blauzahn, ob Mensch oder Hund hat eine besondere Fähigkeit, was allen dient und uns diese Reise machen lässt. Wir können nur diese weite Einsamkeit überwinden, weil wir hier zusammen sind. Ich teile deine Angst, also sollte sie nur noch halb so schlimm sein. Lars und Erik, die beiden Meeresbezwinger können mit diesem Element professionell umgehen, also können wir unseren Anteil an Angst ablegen. Das funktioniert aber nur, wenn wir unseren Anteil an Können mit einbringen. Du und die Motoren, ich mit meiner...ich weiß es eigentlich nicht so genau was?!" Jetzt begann Steffen zu lächeln. "Du hast recht, ich und die Motoren und du kannst nichts. Ich hole uns mal Kaffee!"

 

Unter Deck machten Otto und Pet ihren Rundgang. Der Vorratsraum an Bug wurde untersucht, der Kühl  - und der Tiefkühlraum, außerdem der Maschinenraum. Alles war sicher. Kein Leck wurde festgestellt, nur auf den Toiletten roch es etwas streng. Offensichtlich funktionierten die Abflüsse nicht richtig. Jose und Alberto versuchten sich als Klempner, konnten aber das Problem nicht beseitigen. Die Toiletten und auch die Abflüsse der Duschen und der Waschbecken waren offensichtlich verstopft. Mit allen Mitteln, - mechanischen und auch chemischen - wurde versucht, die Abflüsse frei zu bekommen. Nichts ging mehr. Als Toiletten mussten nun Eimer herhalten. Gerrits erster Versuch, sich des Inhaltes eines Eimers gegen den Wind zu entledigen, endeten zu seinem Glück ohne größere Geruchsbeschädigung.

 

Erst als Steffen zusammen mit Juris und Alberto - also die gesamte Klempnerkompetenz - sich des Problems annahmen, konnte das Problem am späten Nachmittag gelöst werden. Die Monsterwelle hatten offensichtlich ein Ventil für das Schmutzwasser, das dieses aus dem Boot herausleiten sollte, beschädigt und es war Meerwasser hereingelaufen und hatte damit einen Gegendruck erzeugt. Deshalb konnte nichts mehr ablaufen.

 

Die Reinigungsarbeiten dauerten allerdings noch bis spät in den Abend hinein, um alle geruchsintensiven Ballaststoffe zu beseitigen. Danach waren die Duschen für Stunden belegt.

 

Marc und Greg, die Wäsche waschen wollten, mussten sich vertrösten lassen, da man ab Mitternacht wieder mit stärkeren Winden rechnete und das Boot zu unruhig war, um damit die Waschmaschinen in Betrieb zu nehmen. 

 

Diese lange Reise schlug langsam allen aufs Gemüt. Zwischen den Brüdern Jose und Alberto kam es ein paar Mal zu Streitigkeiten und auch Greg und Juris kamen sich immer wieder in die Haare. Was offensichtlich allen fehlte war Sonne und ein sichtbaren Ende der Weite des Meeres.

 

Marc und Otto besprachen an diesem Abend, wie sie dieser aufkommenden Missstimmung mit einem guten Essen begegnen könnten. Sie planten für den nächsten Abend ein Abendessen, das sie trotz des immer heftiger werdenden Wellengangs kochen konnten. Beide schauten auf die Versorgungsliste, was im Kühlraum lagerte und fanden tatsächlich etwas, was sie machen konnten. Otto öffnete seinen "Weinkeller" und suchte ein paar Flaschen, die der Stimmungsaufhellung dienlich sein sollten.

 

Kurz vor Mitternacht stand die Menüfolge fest und die beiden konnten zu Bett gehen. Ihre Schicht hatten sie schon hinter sich und sie waren erst wieder am nächsten Abend nach dem Essen für die Brücke vorgesehen. 

 

In dieser Nacht vom 27. auf 28 September 2015 waren John, Mathias, Jose und Alberto für die Brücke eingeteilt.  Zum ersten Mal seit einigen dunklen Nächten konnte man wieder die Sterne sehen. Auf dem Radar waren nun auch wieder Objekte zu entdecken, allerdings weiter nördlich als die Blauzahn. Sie waren also nicht alleine auf dem Meer. Mathias meinte immer wieder Bewegungen auf dem Meer zu sehen und man schaltete daraufhin die Scheinwerfer an. Auch Jose meinte im Licht der Scheinwerfer Bewegungen zu entdecken, konnte aber nicht sagen, was er da sah. Große graue Schatten meinte er einmal, aber nichts war genau zu erkennen. Selbst das Radar zeigte immer wieder kurze kleine Punkte vor der Blauzahn, die sofort wieder verschwanden. Selbst als John den Kurs änderte blieben diese merkwürdigen Erscheinungen etwa einhundert Meter vor dem Bug der Blauzahn erhalten.     

 

Fortsetzung folgt

 

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